Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 31 (24.4.1931)
- Date
- 1931-04-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- James Simon 4× ep/1011066
- Bertha Badt 1× ep/1028166
- Ismar Elbogen 1× ep/1002949
- Jakob Wassermann 1× ep/1005248
- Joel Engel 1× ep/1009563
- Max Bewer 1× ep/1023162
- Moses Hess 1× ep/1025124
- Ostrava 1× ep/1002363
- Paul Nathan 1× ep/1023795
- Stefan Zweig 1× ep/1025800
- Theodor Lessing 1× ep/1026206
- Thomas Mann 1× ep/1025357
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Nr. 31. 34. IV. 1931 JUEDISCHE RUNDSCHAU Suite 105 Zum XVII. Zioni$tenkongre$ Kongreß -Programm der Allgemeinen Zicndiien In DenbfMrad I. 1) Unser p o 1i t1 s c h e s ZI e 1 ist die volle Verwirklichung des Baseler Programms: die Schaffung einer öffentlich recht- ]ich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Das Jüdische Nationalheim soll getragen werden von einem in Erez-fsrael in nationaler und politischer Freiheit lebenden, mit allen Merkmalen eines normalen Volkslebens ausgestatteten Jischuw, dessen Vergrößerung durch neue Alljah den Hauptinhaft der zionistischen Arbeit bildet. Wir bekämpfen jeden offenen und versteckten Revisionlsmus, weil er zu politischen Enttäuschungen führen muß, well seine Methoden unsere Bewegung durch Abgleiten in reaktionäre nationalistische Strömungen diskreditieren und weil sie den Zusammenhang der zionistischen Idee mit allen großen Freiheitstendenzen gefährden. 2) Die entscheidende Bedingung für den Umfang und das Tempo unseres Werkes in Palästina ist heute und in Zukunft die eigene Leistung des jüdischen Volkes. Nur die Befestigung und Ausdehnung unserer Wirtschaftliehen Positionen im Lande kann dauernde politische Garantien für die Existenz und die Ausgestaltung eines starken Jüdischen Nationalheims schaffen. 3) Die zionistische Politik muß zielbewußt und unablässig auf einen Ausgleich mit der arabischen Bevölk eru ng hinarbeiten. Wir fordern eine solche Politik von der Mandatsregierung und von der Leitung der Jewish Agency. II. Wir billigen die Politik Weizmanns, deren Ziel die Wiederherstellung eines Vertrauensverhältnisses zu England und der Ausgleich mit der arabischen Bevölkerung Palästinas ist. Diese politische Haltung, für die wir seit Jahren eingetreten sind, hat, nach der Erschütterung unserer Position durch das Weißbuch, zu dem Erfolge des MacDonald-Briefes geführt. Wir verlangen von der künftigen Leitung die Fortführung dieser Politik und werden für Ihre Durchsetzung in der Bewegung kämpfen. Wir fordern vom Kongreß die Einsetzung einer Exekutive, die — in klarer Abstimmung von einer Mehrheit des Kongresses gewählt — durch ihre Zusammensetzung und durch ihren Rückhalt in der Bewegung die Durchführung der von uns vertretenen Politik gewährleistet. IV. Mit diesem Kongreß muß in der zionistischen Bewegung eine Periode der Zusammenfassung aller Kräfte beginnen, die eine Erneuerung der zionistischen Arbeit und eine große Expansion unserer Organisation ermöglicht. Das Gelingen dieses Werkes bedarf eines starken Allgemeinen Zionismus, der aufs neue seine entscheidende Aufgabe beim Aufbau von Erez-Israel erkennen muß. Nur eine tragflhige Mitte kann die Arbeit der Flügelpartelen und der gesamten Organisation für das Palistinawerk und die Gewinnung der Judenheit fruchtbar machen. V. Eine besondere Aufgabe der Allgemeinen Zionisten Ist es, neben der Förderung der kollektiven Aufbauarbeit die Privatinitiative anzuregen und ihr die heute in Erez- Israel vorhandenen Möglichkeiten zu erschließen. Bflro des XVIL Zionistenkoagresses Mitteilung Nr. 2. 1. Wiederaufnahme der technischen Kongreßvorbereitungen. Das Büro des XVII. Zionisten- Kongresses hat seine Arbeit unter der Leitung von Dr. Franz Kahn wieder aufgenommen. Es amtiert vorläufig in Mährisch- Ostrau. Die Adresse lautet: Mor.-Ostrava, Tschechoslowakische Republik, Hviezdosiavova 29; Telegramm-Adresse: Zionibüro MorOstrava; Mosse-Code; Telephon: 3663; Bank-Konto: Böhmische Unionbank, Filiale Mor.-Ostrava; Schweizerischer Bankverein, Basel, Filiale Claraplatz. — 2. Publikationen des Kongresses. (Siehe Veröffentlichung an anderer Stelle dieses Blattes.) —3. Gastkarten. Sämtliche Sitzungen des Kongresses finden im großen Saal der Schweizerischen Mustermesse, Basel, statt. Im vorhinein werden nur Permanenzkarlen abgegeben. Die Preise der Permanenzkarten sind wie folgt festgesetzt: Kategorie f: Schw. Frs. 80,—; Kategorie II; Schw. Frs. 50,—; Kategorie HI: Schw. Frs. 25,—. Stehplätze werden nur als Tageskarten an jedem Kongreßtage in der ״Mustermesse“ abgegeben. Bestellungen auf Permanenzkarten sind so bald als möglich, spätestens aber bis zum 20. Mai 1931, an die Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W15, Meinekestraße 10 (Postscheckkonto Berlin Nr. 8091, Bankkonto: Darm- Städter und Nationalbank, Depositen-Kasse DE, Berlin W, Kurfürstendamm 52) zu richten. Es können nur solche Bestellungen berücksichtigt werden, für die die Zahlung im voraus erfolgt. Stadtkämmerer Bruno Asch aus Frankfurt a. M. ist zum Stadtkämmerer von Berlin gewählt worden. Wenn man die verwickelten Verhältnisse der Berliner kommunalen Finanzwirtschaft berücksichtigt, so wird klar, welches große Vertrauen in die persönliche Tüchtigkeit dieses Mannes, der sich schon in Frankfurt als Leiter der städtischen Finanzen ungewöhnlich bewährt hat, zum Ausdruck kommt. Die Wertschätzung dieser Fähigkeiten muß um so größer gewesen sein, als die Zugehörigkeif von Asch zum Judentum sicher keine Erleichterung des Beschlusses der Berliner Stadtverwaltung gewesen ist Bruno Asch ist Mitglied des Initiativ-Komitees der jewish Agency m Deutschland und wurde auf Vorschlag des sozialistischen Flügels dieses Komitees als einer der sieben Mitglieder aus Deutschland in den Council der Jewish Agency entsandt. Wir beglückwünschen Herrn Asch zu diesem bemerkenswerten Erfolg. Encycfopaedia Judalca. Im Verlag ״Eschkol“, Berlin, erschien soeben der siebente Band der unter der Chefredaktion von Dr. Jakob Kiatzkin und Professor Ismar Elbogen nerausgegebenen ״Encycfopaedia Judalca“, der die Artikel von uabirol Bis Moses Hess enthält von den großangelegten Mojjpgraphien dieses Bandes sind insbesondere zu nennen: Gabiroi, yemewde, Geonim, Gersonides, Gesetze, Gott, Grab, Qriechi• sehe und Römische Schrffteteller, Hagada, Haiacha, Handel, nana werk, Handschriften, Hebräische Sprache. Wie die früheren Bande ift auch dieser Band mit zahlreichen Illustrationen, dar- 1״«er auch farWgen, sowie Noten «Mpstattet. Generalversammlung des Hilfsvereins Der Hilfsverein der Deutschen Juden gestaltete seine diesjährige Generalversammlung, die am 19. April unter dem Vorsitz von Dr. James Simon stattfand, zu einer Festver- Sammlung anläßlich des 30jährigen Bestehens des Vereins aus. Die Versammlung war von vielen Mitgliedern des Vereins besucht, auch Vertreter einzelner Provinzstädte waren anwesend. Ueber die Tätigkeit des Hilfsvereins auf den verschiedensten Oebieten haben wir in der ״Jüdischen Rundschau“ Nr. 20 vom 13. März d. J. berichtet. In der Generalversammlung erstattete der Generalsekretär Dr. Wischnitzer den Tätigkeitsbericht, der ein Bi kl der vielseitigen Wirksamkeit des Vereins gab. Es folgten ein Referat von Dr. Bernhard Kahn über die Geschichte des Hilfsvereins, sowie Ansprachen der Herren Max War bürg und Justizrat Blau, Frankfurt a. M. Dr. Kahn legte dar, wie die Verschlechterung der Lage des russischen Judentums zu Ende des 19. Jahrhunderts den Anstoß zur Gründung des Hiifs- Vereins gab. An der Gründung im Jahre 1901 waren vor allem Dr. James Simon, Paul Nathan, Justizrat Timmendorfer und Rabbiner Horowitz beteiligt. Dr. Kahn schilderte sodann die Tätigkeit des Hilfsvereins im Gefolge der russischen Pogrome, seine Bemühungen um Hebung der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Juden im Osten, sein Schuiwerk für die orientalischen Juden (auch in Palästina) und insbesondere sein gewaltiges Hilfswerk während des Krieges. Max Warhur g kündigte an, daß anläßlich des 80. Geburtstages von Dr. James Simon eine Stiftung für Schulzwecke ins Leben gerufen werden soll, für die bereits 1-10000 M. gezeichnet sind. Warburg betonte in seiner Rede, daß für die deutsehen Juden kein Dilemma bestehen könne, ob er deutsche oder jüdische Not lindern soll. Der deutsche Jude muß beides leisten, und es besteht kein Gegensatz zwischen jüdischer und deutscher Tätigkeit. Die Hilfsarbeit der Juden ist notwendig auf internationaler Zusammenarbeit gegründet, es ist aber eine klägliche Verleumdung, dieses Liebeswerk mit internationalen politischen Machenschaften in Verbindung zu bringen, wie es die Antisemiten oft tun. Bei dieser Gelegenheit fügte Warburg hinzu, daß auch das Eintreten für den Aufbau einer Jüdischen Heimstätte in Palästina keinen Widerspruch zu den patriotischen Pflichten des deutschen Juden bilde. Heute, wo das Judentum in der Welt überall so bekämpft wird, braucht es dringender als je eine gesicherte Heimstätte, wie sie Palästina bilden kann. (Es ist auffallend und befremdend, daß in dem offiziellen Bericht des Hiifs- Vereins gerade dieser charakteristische Satz über Palästina, der von der Versammlung stark beachtet wurde, nicht enthalten ist.) Schließlich sprach noch Justizrat Blau namens des Frankfurter Hilfskomitees und namens der Ica. beides Orgatiisationen, die mit dem Hilfsverein seit seiner Begründung zusammengearbeitet haben. Audi Dr. Blau schließt mit einer herzlichen Huldigung für Dr. James Simon. Die neae rumänische Regierung and die Jaden Bukarest, 21. April. (J. T. A.) Der neue rumänische Ministerpräsident Prof. Jorga hat bei einem Empfang der ausländischen Pressevertreter sich auch über das Verhältnis der neuen Regierung zu der jüdischen Bevölkerung des Landes geäußert. Jorga sagte: ״Die Juden sind Menschen genau so wie wir. Wir werden uns ihnen gegenüber menschlieh benehmen, wenn sie sich uns gegenüber menschlich benehmen werden. Gerade im heutigen Ministerrat haben wir Maßnahmen getroffen zur Unterdrückung jedweder anarchischen Manifestation gegen irgendeine Bevölkerungsschicht. Alle jene, die solche Bewegungen inszenieren, werden auf die strengste Weise bestraft werden. Es ist auch unstatthaft, daß gewisse Leute sich als Vertreter der gesamten Nation aufspielen und dabei nur Verhetzung predigen.“ ״Ohel“. Moshe Halevy, Gründer und Leiter des palästinensischen Theaters ״O h e I“, erzählte in Berlin in einem kleinen Kreise allerlei über Entstehung, Wesen und Ziele des ״Ohel“-Theaters, das sich zu einer europäisch-amerikanischen Tournee rüstet. Das ״Ohel“-Theater stellt einen neuen Typ des jüdischen Theaters dar. — In Palästina vor sechs Jahren durch Hal6vy, einem Schüler von Stanislawsky und Wachtangoff, ins Leben gerufen, macht es sich zur Aufgabe, eine typisch-palästinensische Theaterkultur zu schaffen. ״Palästinensisch“ — das will besagen, daß man sich die Anregungen nicht aus Rußland, sondern aus dem Orient holte, daß man Musik, Farbe, Aussprache, Interpretation gleichsam aus der Atmosphäre des Orients bezieht. Die biblischen Gestalten, die dargestellt werden, sollen nicht idealisiert oder stilisiert werden. Man versucht das Tierhaft-Eiementare, das Vielfarbige und Vieigestaltige der palästinensischen Urzeit zu versinnbildlichen, wobei es hier — im Gegensatz zu den großen russischen Theatern — in erster Linie auf das Ideeliche, Symbolhatte, erst sekundär auf Bühnenbild und auf die übrigen Theaterwirkungen ankommt. Dafür ist auch die Entstehungsgeschichte des Theaters bezeichnend: nachdem Halevy zu Beginn auf einer Reise durch das Land die talentvollsten Kräfte gesammelt hatte, wurde erst ein Jahr lang nur theoretisch gearbeitet. Es gab u. a. Unterricht in Musik (Joel Engel), Körpertechnik, und in einem Hebräisch, dessen Aussprache man von den Yemeniten, Sefardim und Arabern erlernte. Die Truppe zog in die Wüste, um von den Beduinen zu lernen. Allmählich erwarb inan sich ein Repertoire, auf dem u. a. sieben Einakter nach Erzählungen von Perez, ״Jeremias“ von Stefan Zweig und eine ״Esther“-Dramatisierung, ״Die Fischer“ (nach Heijermans ״Hoffnung auf Segen“) sowie ein Stück ״Jakob und Rahel“ stehen. Das Esther-Schauspiel wurde auf Grund eines Szenariums des Regisseurs von den Schauspielern improvisiert und erst nachträglich dichterisch überarbeitet. Das ״Ohel“-TI1eater genießt die besondere Vorliebe der jungen palästinensischen Arbeiterschaft. In den Werken wird das soziale Moment stärker betont als das Nationale. Die Spieler sind selber Arbeiter; sie haben das Theater-Haus eigenhändig gebaut und zunächst ohne Gage gearbeitet. Alice Jacob-Loewenson. Uraufführung im Jüdischen Kinderhort, Fehrbelüner Straße. Einen ganz besonders erfreulichen und bewundernswerten Theaterabend veranstalteten die ehemaligen Hortner des lüdischen Kinderhorte — heute allesamt schon längst Jugendliche, die mitten im Berufe stehen. ״Der Menschenweg“ hieß die mit sicherem dramatischen und menschlichen Instinkt zusam mengefügte Folge von Bildern aus dem Leben der Grubenarbeiter, die von einer Anzahl ehemaliger Hortner mit außergewöhnlichem Verständnis und viel natürlicher, von einer kunstverständigen Hand klug geleiteter Begabung dargestellt wurde. Paul Schräg hatte dies sympathische ״Spiel aus der Gegenwart in die Zukunft“ geschaffen. Die jungen Schauspieler und Schauspielerinnen erfüllten ihre Aufgabe durchweg mit Geschmack und Verständnis; besonders Harry Koltun als Sprecher der Prologe, Anny Auerbach als kluges und liebliches Grubenbcsitzerstöchterlein, Lilly Koltun als radikale Kommunistin und Ö; Herfeld als bekehrter Proletarier errangen den stürmischen aU der dukbtrea Zuhörer. B.B. Ein Judenlied Za Jakob Wassermanns »Etzel Andergatt״ (S. Fischer, Berlin.) ״Es waren sechs oder sieben Strophen, die in drastischer Verkürzung das Schicksal seines Volkes schilderten. Jahrtausendldd zu einer Jahrmarktsballade verarbeitet. . . . Ahasver als Bänkelsänger . . Es ist gar kein besonders liedhaftes Lied, das Einer hier fünf Andern, Hungernden, Obdachlosen vorsingt. ״Dichterisch hochstehend“ würde es der Literaturkritiker ganz gewiß nicht nennen. Aber es steht in einem der sonderbarsten und zugleich großartigsten Bücher dieser Zeit; und es stammt von einem Manne, der — mag er unseren Reihen fern stehen — seit seinem Bekenntnis ״als Deutscher und als Jude“ in Werk und Schicksal selbst zum Symbol wurde für jene ihm wohlbekannte ״tiefreichende Erschütterung des Selbstbewußtseins, an der die Juden leiden wie an einem Erbübel“. ״Etzel Andergast“ heißt das Buch. Es erinnert beim ersten Blicke an einen Eindruck aus unserer Zeit, der sich gerade unseren Künstlern — Thomas Mann nicht minder als Wassermann — tiet eingegraben zu haben scheint: das Bild eines menschlichen Körpers, den man den Röntgenstrahlen aussetzte und der nun mitten im Leben schon zum Skelett geworden ist — Knochen, Muskeln, Bänder — Leben und Tod vereint. Merkwürdig bloßgelegt erscheint hier ein riesenhafter Organismus. Der Leser wird in seltsam altneuer Form immer wieder als Mitrater, fast als Mitschöpfer vom Autor angerufen, um seine Meinung befragt, über die Entwicklung belehrt Denn hier schreibt Einer, der allmählich herausgefunden hat, daß cs ״nichts Langweiligeres gibt als Spannun g“. Freilich . . . scheint das Buch selbst hier noch nicht ganz so klug zu sein wie sein Autor. Sonst brächte man es kaum fertig, den starken Band in einer Nacht in sich hineinzuschlucken wie cs manchem mit diesem Buche gegangen sein soll. Aber es ist allerdings eine andere Art der Spannung, die an die Stelle der krassen Tatsachen-Sensation früherer Bücher getreten ist. Seelengeflecht entwickelt sich und verwickelt sich aufs neue — wie unter dem Bück der magischen Lampe. Das Buch ist selbst kein Anfang, sondern Fortsetzung jenes merkwürdigen früheren Buches ״Der Fall Maurizius“ — das vor einigen Jahren an dieser Stelle gewürdigt wurde —. Und es hat keinen eigentlichen Schluß; denn es ist sicher nichts als Vorgeschichte zu dem Roman des Mannes Andergast, dessen erste Geburtswehen wir hier miterleben. Dazwischen liegt eine Reihe von schicksalbikfenden Begegntmgen wie sie den Menschen formen und zerreißen. Begegnungen, die sich symbolhaft im Leben eines Menschen und seines Mitmenschen wiederholen und ergänzen. Der junge Arzt Joseph Kerkhoven trifft, seiner eigentümlichen Kraft noch unbewußt, auf den seltsamen todgeweihten Forschungsreisenden, Weltmann und Politiker Johann Irlen; an ihm und mit ihm zuerst entdeckt er seine eigene seelenheilende Fähig- Reit, die ihn nachmals zum großen Manne — zum ״Meister“ macht. Zugleich aber will es sein Schicksal, daß er in der Nichte des Freundes, der blumenhaffen Marie, die ihm bestimmte Gefährtin findet, die er aus der Ehe mit dem Philosophen Ernst Bergmann heraus für sich erobern muß. Nun aber trifft nach diesem Präludium im Kern der Geschichte Etzel Andergast, hier nicht mehr nur der Sohn des Staatsanwalts Andergast und Befreier des zu Unrecht verurteilten Zuchthäuslers Maurizius, sondern der Vertreter heutiger Jugend in aller ihrer Unerbittlichkeit, Not und Ratlosigkeit mit dem unterdes berühmt gewordenen Seelenarzt Kerkhoven zusammen. Leicht zu sehen, wer etwa Wassermann für seinen Kerkhoven Modell gestanden hat; wie in früheren Büchern verschmäht es dieser reiche Künstler nicht, gehmen, was Tag und Stunde ihm zutragen. In ihm findet der überall umgetriebene Etzel, der radikale Jugend, Feme-Bünde, Siedlungen und politische Apostel in eigenem Mitfühlen und Mitleben kennenlernte, seinen ״Meister“. Und jetzt ist dem Schüler bestimmt, dem schwärmerisch verehrten Meister die Frau, die als eine beglückende Notwendigkeit an seiner Seite lebt, mit dem Rechte der Jugend für sich zu gewinnen. Verzweiflung des Beraubten und des freiwillig-unfreiwilligen Räubers loht grell auf. Da findet der Jüngling Etzel Zuflucht bei der vordem im Groll verlassenen Mutter. — Für wie lange? lautet die Frage, mit der uns Wassermann entläßt. Auf dem vielverschlungenen Wege, den der Menschensucher Etzel von seinem Führer Jacob Wassermann geleitet wird, trifft er, der seit seiner Warschauer-Waremme-Zeit viel über Juden nachdachte, auf den Judenhaß unserer Tage, der ״haßt, nur um zu hassen“, und — nachdenklich und blutenäher geschildert — aut die innere Feindschaft der Juden gegen sich selbst, den ״jüdischen Selbsthaß“ wie Theodor Lessing das selbsterlebte Gefühl kürzlich nannte. Vergehlieber, erniedrigender Kampf um die Rechte, die man durch Opfer des Bluts und Geistes errungen zu haben meint; Aussichtslosigkeit einer demütigenden Situation von weitgeschichtlichem Ausmaße, —- und dennoch unzerreißbare Zusammengehörigkeit mit einem tausendjährigen Volke und seinem Schicksal; alles das braut und wühlt in dem merkwürdigen Lied, das der junge Max Bewer, dessen Bruder sich nach antisemitischer Kränkung erschossen hat, in einer Nacht der Hoffnungslosigkeit den Schicksalsgenossen singt: Ich komm von Anbeginn der Welt und geh’ ans End’ der .. Zelten Blut, Tränen, Leid und Narben, Angst, Zittern, Schnorren, Darben, Flucht, Zähneklappern, Wandern Vom Euphrat bis nach Flandern, So beginnt es — aber der Schluß lautet; Getrost, getrost, zweitausend Jahr: ein Sandkorn in der Ewigkeit, Ich hab’ ja noch soviel Geduld, Geduld für einen Berg von Zeit. Steh' auf, Sohn Zions, und sei stolz, Die Quäler sind aus schlechtem! Holz. Nein, es ist kein schönes Gedicht. Aber es ist mehr: ein jüdisches Bekenntnis.*. . . Wassermann hat dem ersten Teile seines Buches die Worte eines Stammesgenossen und Schicksalsgenossen zum Motto gegeben: Denk ich an Deutschland in der Nacht. . . Mit gleicher Wahrheit hätte er sagen können: Denk ich an Juda in der Nacht . . . Bertha Badt-Strauß. Durch die Wirtschaftskrise in Palästina ist auch der hebräische Verlagsbuchhandei stark betroffen worden. Um den Absatz der Bücher zu erleichtern, haben sich die Verlagsbuchhandlungen Amanuth, Dwir und Stybel zu einer Vertriebsgemeinschaft zusammengeschlossen, die den Namen ״Bazar“ führt. In Polen wird im Anschluß an die Tarbuth-konferenz am 26. April eine große Aktion für das hebräische Buch durchgeführt werden, woran sich auch Bialik, Twersky und Bernstein aus Palästina beteiligen werden. Dr. Bruno Well, der Verfasser des bekannten Dreyfusbuches, hat es unternommen, Glück und Elend des G e n e r a 1 s Boulanger dem deutschen Leserpublikum nahe zu bringen. (Verlag Dr. Walther Rothschild, Beriin-Grunewald.) Das öeranächst erscheinende Buch kann auf das größte Interesse rechnen.