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Jüdische Rundschau · 1931-03-17 · Heft 21 (17.3.1931) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVI (1931)
Issue
Heft 21 (17.3.1931)
Date
1931-03-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 6£S Qofdmark Jüdische Schnlfragcn in der Gemeinde JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jedenDians tag u-Freüag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldtnark, vierteljährlich 5,75 Goldtnark. AoAlanflfvaKmPßmi'atÄ werdm io dar Wahrung der rüjnz*in«D Linder hereduiet. fSjxpsxgtmprid*’ 8 gewp. Noapareillezeil« 0,50 G-Kt Stellengesuche 0,25 G--M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische RundschauG. m. b. H., Berlin W15, MeiBck.estr.10, Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. AfweigraiNriiluß.. Dioontac und Fr«it^g tjechmitfdg* 4 Uhr PosDrlirck - Konten \\,,rhn 17592, WVqW, B.-Icrad *8012, IWm-I W11, tt1uUve»t 590 9 ־K I Wir 1975, l-w 140 470, *Viß $9410. Itiga 4155״ Sm^sburg IM W, W..r~~U־,u 190 70&. Wt«o 156010. Hank - K ü n י! ז u : f mid 0<גזי>!1*»קי - Kaum* Berlin, Knrlur׳ t1-n<!amns SH; Ibm«׳.-! 40 #,־ t, ('U-rosmi (Rtitoümun); AhrU Co. Mi 1.1 -Aviv. Nummer 21 | Berlin, 17. HL 1921 Rodaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ״ה אדר חרצ״א | xxxvi. jahrg. Der Zionismus erstreb! für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.** Schmarja Levins Abschied Das Wiedersehen mit Schmarja Levin nach längerer Pause 11cdeutete für deu ganzen deutschen Zionismus und darüber hinaus für weite Kreise des deutschen Judentums ein erfrischendes und ermutigendes Erlebnis. i!1 Schmarja Levin kommt etwas von der Urkraft des jüdischen Volkes zu uns, etwas von dem Geiste des neuen Palästina, ein Geist der Zu versicht, und des tiefen Glaubens, der von allen politischen und mechanischen Aktualitäten des Tages unabhängig ist, weil er in messianisehen Ewigkeiten wurzelt. Schmarja Levin ist kreuz und quer durch Deutschland gereist, hat in mehreren Städten Vorträge gehalten und war schließlich unmittelbar vor seiner Abreise am vergangenen Sonnabend Ehrengast bei einem vom deutschen Zweig der Jewish Agency veranstalteten lirnpfangsabend. Das äußere Bild dieses Empfangsahcrids war ein Beweis für die Beliebtheit Schmarja Levins in Berlin. Der große Saal des Logenhauses und die angrenzenden Räume waren überfüllt und dem Gaste wurden viele Beweise der Svtnpathie dargebracht. Von der Exekutive der Ageurv waren die Herren Dr. Hext er und Dr. B e r u h a r d K a h 11 anwesend. Der Vorsitzende der Veranstaltung, Kurt Blumenfeld, eröffnete* den Abend mit einer längeren Ansprache, in der er ein Bild von der Persönlichkeit des Gastes gab und darlegfe, welchen Einfluß Levin als Führer und Lehrer auf die jüngere zionistische Generation in Deutschland gehabt hat. Die Bekanntschaft mit: diesem Manne wurde für die damalige lugend ein elementares revolutionäres Erlebnis. Zum erstell Male sahen sie in ihm anschaulich verkörpert, was bis dahin im besten!■'alle theoretisch begriffen wurde: Die Bedeutung des Zionismus als der Brücke aus der Vergangenheit in die Zukirtiff. Schmarja Leviu, lebhaft ״deklamiert, hielt eine launige und geistvolle ■ Rede, oftmals durch Heiterkeit und Beifall unterbrochen, und wie stets ■war auch diesmal der Kontakt /wischen ihm und dem Publikum sofort liergcstcUt Er kennt das jüdische Volk in allen Ländern und in allen seinen Schichfen, er weiß aus unübersehbaren Erfahrungen zu sprechen, imd er wurzelt ganz, und gar, wie er selbst von sich sagt, in der Welt des altjüdischen Schrifttums, in der Welt der Bibel, aus der er Gleichnisse und Zitate wie aus einem uner- 'dwipflitl1r.il Born hervorzaubert; alter zudem ist er heute der palästinensische Jude, der sich ganz als Bürger Erez- Israels fühlt. Nor dort ist der .Jude in einer Atmosphäre guter Gesinnung־. Was ist der Unterschied zwischen ־Palästina u0d Galuth? fragt Leviu. Hier 1h Deutschland, oder in ׳einem anderen Land leben wir unter Millionen von Menschen, die potöfltidje Feinde sind. Wenn ich auf der Straße gehe, so tühlr־ jeh lauter feindselige oder doch kalte Blicke auf mir uiiicii, und begegne ich einem Menschen mit freundlichem Blick, so weiß ich, ■er ist ein-Bekannter. Ganz anders in Tel- Vwicv: Hier in einer Stadt von 4IJ00Ü oder •15 OCX) Menschen, die ich nicht persönlich kenne, begegne ich nur freundlichen Blicken, ich kann mich kaum retten vor dieser Atmospäre des Wohlwollens der Unbekannten. Schaut mich aber einer unfreundlich an, dann muß es ein Bekannter sein. Hier gibt es Feinde nur unter Bekannten, im .Galuth Feinde unter den Unbekannten. Begeistert schildert Levin den neuen Geist des hebräischen Palästina, den Zusammenhang zwischen Land, Volk und Sprache. Der junge Mensch iu Palästina knüpft in seinem Bewußtsein unmittelbar an die Zeit N'ebukadnezars und der Makkabäer an, was dazwischen liegt, die fad 2000 Jahre Galuth, existiert für ihn nicht, und wenn er später die Geschichte dieser Zeit lernt, dann ist es für ihn die Vorgeschichte eines neuen Anfangs. Die Hoffnung?- losigkeit ist von dem palästinensischen Judentum abgcfalleu. Bo wenig auch das Galuth die Liebe zu Zion, die hebräische Sprache, den jüdischen Geist trotz aller Versuche der Assimilation zerstören konnte, cs ist doch der geschichtliche Moment gekommen, wo wieder eine Vereinigung von Volk und Land not tut, um die Existenz des Judentums zu Gehern und eine Wiedergeburt ries Judentums herbeizufuhren. Lcvin schließt mit einem Appe.il zur Verbundenheit mit Palästina, zur Mitarbeit an diesem großen Werk des heutigen Judentums. * Dr. Levin äußerte sich zu einem Vertreter der ״Jüdischen Rundschau“ über die Eindrücke, die er während seines Aufenthaltes In Deutschland gewonnen hat. Audi für mich, sagte Dr. Levin, waren diese Tage eine Kette freuiliger und hoffnungsvoller Erlebnisse. Ich habe nach vielen Jahren meine alten Freunde wieder versammelt gesehen und i-h hatte das Gefühl, in einer Atmosphäre der Wärme und des Wohlwollens zu sein. Ich habe seit Jahren besonders enge Beziehungen zum deutschen Zionismus, viele führende ZiouBten liier kann ich als meine Schüler betrachten. Die alte Garde steht noch auf ihrem Posten, die Menschen, die eine wirkliche zionistische Erziehung durchgemacht haben und sich Lord Henry SneD Nach dem Ableben des Unterstaatssekretärs für Indien,! ׳ud Rüssel, wurde Henry Sn eil zum Unterstaats- -•ckretär für Indien ernannt und zugleich in den Peer- ■ t;md erhoben. Das neue Mitglied der Regierung ist in zio- ״wüschen Kreisen wohlbekannt als Mitglied der Untcrsuchungskommission über die August-Unruhen in Palästina. Bekannthch hat Snell einen Minoritätsbericht erstattet, der in Gelen Punkten erheblich von dem Mehrhritsbe rieht abweicht. An eil hat sich auch später bei vielen Gelegenheiten als Freund der zionistischen Sache deklariert und ist während der Unterhaus-Debatte am 17. November ־für die Sache des Jüdischen N'atioiialheims eingetreten. Erinnerlich ist auch noch, daß Snell sich für eine Verständigung von Arabern und luden eingesetzt und dem Brith Scltalom in Palästina eine Leihe von Vorschlägen für praktische Zusammenarbeit übermittelt hat, .Die Berufung Snells ins Ministerium für Indien ist daher durch keine äußeren Ereignisse verwirren und von ihrem Weg •abbringen lassen. Natürlich ist das deutsche Judentum nicht quantitativ mit den jüdischen Gemeinschaften in den Liiudern der Masscnsicdlung zu vergleichen, aber qualitativ uml ideologisch bedeutet noch heute der deutsche Zionismus dasselbe wie früher. Deutschland bleibt das Zentrum Europas 11ml es ist das Land, in welchem Ideen geboren werden, und ihre Formulierung finden. Audi für den Zionismus war Deulschlaml besonders bedeutungsvoll und ist e> geblieben. Für mich war besonders erfreulich die Tatsache, daß in allen Versammlungen, besonders in München, Breslau und l.eip/ig, eine große Zahl junger Menschen anwesend «ar. Audi nicht zionistische Juden kamen in Massen, selbst dort, wo die Veranstaltungen als interne zionistische Kundgebungen brabsirhtigt waren. Man merkt deutlich einen Durst nach Judentum. Die deutsehen Juden sind in ihrem Innersten erschüttert und sie suchen, ihre eigene Lage und ihr Wese« /n verstehen, sie stellen Fragen und wollen die Antwort hören, und in dieser Hinsicht l>cdeutet Palästina unendlich viel, dem! es gäbt Anschauung.?- unterrichtet über Judentum. Hundert theoretische Darlegungen körnten nicht so überzeugend wirken wie die Tatsache einer bestehenden lebenden jüdischen Gemeinschaft, tch habe auch in Deutschland viele Juden getroffen, die den Wunsch haben, nach Palästina aus* u wandern, und es wäre eine wichtige Aufgabe, diese Menschen zu organisieren lind ihnen zu helfen, mit ihrem Vermögen eine Existenz in Palästina zu grii!1den. Man hat angesehen, daß die Sicherheit, in der inan sieh glaubte, eine Täuschung ist, auch in materieller Beziehung. Dasselbe sehen wir heute in Amerika und anderen Ländern. Levin erinnert an einen Zwischenruf Bialiks auf dem XII. Zionisten- Kongreß. Als dort von den großen Kosten der Kolonisation die Rede war, sagte' Bialik: Und Ukraine ist billig? Dasselbe Gefühl haben heute die Juden in den meisten Ländern. Sie sehen, daß das Leben in der Diaspora, auch wenn es eine Zdtlang materiell gut zu gehen scheint, doch letzten Endes teuer zu stehen kommen kann, viel teurer als der Aufbau dieser neuen Existenz in Palästina. Wir sollen nicht so viel von Politik reden, sagt Dr. Levin. Die meisten politischen Diskussionen in Versämmhingen erscheinen mir als Kannegießerei. Politik ist eine Funktion der Realität, und Realitäten schafft nur das wirkliehe Leben. Wenn die Juden den Zionismus verständen ' haben ־werden, ׳ dann wird auch die Politik anders aussehen. 500 deutsche Juden, die nach Palästina übersiedeln und dort mit Fleiß und Unternehmungsgeist sic}! eine Existenz gründen, werden ein stärkeres politisches Ärgum״nt sein als alle politischen Reden zusammen genommen. Die En gländer würden Respekt haben, wenn sie deu Ernst des jüdischen Willens sehen, und auch auf die Araber würde eine solche Tat den stärksten Eindruck machen, sie werden gegen solche Taten, deren Wert für das Land offenkundig ist, nichts einwenden, aber sie wenden sich natürlicherweise gegen eine Propaganda des Wortes, das ihnen bedrohlich erscheint. Nach den kurzen Eindrücken dieser Reise möchte ich mit Bestimmtheit sagen, daß es in Deutschland noch ein gewaltiges Gebiet für zionistische Arbeit gibt. , Wir kamen dam! auf Sch m;1 r j a L e v i 11 s B 11 c 11 zu sprechen, dessen englische Ausgabe in Amerika und England einen geradezu sensationellen Erfolg gehabt hat. Sytnptomatisch für die Lage in Deutschland, sagt Levin, scheint es mir auch, daß einer der angesehensten Verleger, ein außerordentliches Interesse für die deutsche Ausgabe meiner Bücher gezeigt hat (Levins Autobiographie, iu der ״Jüd. Rundschau“ wiederholt besprochen, wird demnächst in deutscher Ueber- Setzung bei Ernst Rowohlt erscheinen.) Das Buch hat eine geradezu überraschende Wirkung auf Nicht juden gehabt. Viele Politiker und Abgeordnete in England, die es ge* lesen haben, gestanden, daß sie jetzt zum ersten Male die wahre Bedeutung des Zionismus begreifen. Charakteristisch ist die Rezension, die jüngst die große englische Wochenschrift ״Nation and Athenaeum“ über G h a n d i s Selbstbiographie veröffentlicht hat. Nach ausführlicher Besprechung dieses Buches sagt der Rezensent, das Buch habe eine ähnliche Wirkung wie die Autobiographie Schmarja Levins: England habe politische Auseinandersetzungen mit Indien und mit den Juden, beide Völker sind für uns (Engländer) oft lästig, aber diese Bücher zwingen uns, mit den beiden Völkern zu sympathisieren. Das Buch, so schreibt die Kritik Amerikas, ist für Niehtjuden vielleicht noch interessanter als für Juden. Es gibt nicht die übliche Apologetik, sondern zeigt, was wirklich ist. Der Levln begibt sich jetzt nach London, wo der Pen- Club einen Abend für ihn arrangiert. Von da kehrt er nach Palästina zurück, und cs ist sein Wunsch, vor seiner Rückkehr den deutschen Zionisten auf diesem Wege einen herzlichen Gruß zu. übermitteln, den Dank für die schönen Tage irr Deutschland und den Wunsch auf baldiges Wiedersehen. für den Zionismus um so bedeutungsvoller, als dadurch ein Freund der zionistischen Sache, der auch aktiv einer Verständigung der beiden Völker dienen will, nicht nur in die Regierung kommt, sondern gerade in ein Amt, dessen Zusammenhänge mit der Palästinapolitik schon bei vielen Gelegenheiten fühlbar geworden sind. ״Times“ meldet aus Rom, daß der Vatikan neuerlich Elinwendungen gegen die geplante Reise des Erzbischof von Canterbury nach Palästina erhoben hat. Bekanntlich wurde die Reise des Erzbischofs vor zwei Jahren durch einen Protest des Vatikans verhindert, l's bleibt abzUwärten, ob auch diesmal England diesem der Rivalität der verschiedenen christlichen Bekenntnisse irr bezug auf Palästina entspringenden Protest nachgeben wird. Die Angelegenheit ist wahrscheinlich mit Rücksicht auf die zwischen England und dem Vatikan .wegen der Lage in Malta bestellende Spannung von mehr als lokalem palästinensischen Interesse. Die Saat geht auf Zun» Hamburger Attentat Man ist in Deutschland an täglich verkommende politische Attentate und Mordtaten gewöhnt.׳ An jedem Morgen״ liest man Berichte über nächtliche Zusammenstöße zwischen Rechtsradikalen und anderen Parteien. Ohne Voreingenommenheit kann man behaupten, daß in den meisten Fällen die National- Sozialisten die Angreifer sind und sich durch besondere Roheit auszeicfuiai. Ferner ist nnhezwcifelbar, daß die Roheit der Nationalsozialisten äußerst exzessive, Formen annimmf, wenn die Angegriffenen Juden sind. Das ist nicht verwunderlich, venu mau bedenkt, daß seif Jahren in der natioualsozialisti- '•ehen Presst: die niedrigsten I laßinstinkte gegen die Juden ununterbrochen mifgepeiisciit werden. Schließlich muß diese zügellose, leider v.m der Verwaltung und den Gerichtsbehörden nicht genügend oder nur mit unzureichender Energie gehemmte Propaganda sich in blutigen Taten .־mswirken. Es ist erstaunlich, daß wir bisher in Dtuiisdilam! -noch nicht Pogrome von Ausmaßen erlebt haben, wie sie im seinerzeitigen zaristischen Rußland üblich gewesen sind. Immer wieder mul! man es erleben, daß nicht mir untergeordnete Gerichte, sondern auch höhere 111sfa11z.cn nationalsozialistische Untaten mit einer besonderen Milde behandeln. Oft findet mau in Urteilsbegründungen deutscher Gerichte die Auffassung, dal! man nationalsozialistischen Angeklagten ihn: Gesinnung zugute halfen müsse. Die gleiche Laxheit in der Beurteilung vermißt man jedoch in Urteilen und Urteilsbegründungen gegen Angehörige anderer politischer Richtungen. Geradezu unfaßbar sind sehr off Urteile, welche bei Beleidigungen von Judentum, Judenheit, jüdischer Gemeinschaft klagefiihrenden jüdischen Stellen die Aktivlegitimation abspredren und mit einer unverständlichen Dialektik die Beleidiger und Hetzer straffrei ausgeheti lassen. In nationalsozialistischen Kreisen wurde durch eine derartige Praxis geradezu die Ueberzeugutrg großgezogen, daß man gegen Juden mit. einem viel geringeren Risiko sündigen könne als gegen andere Menschen. Die Folge sind fortwährende Ueberfälle auf Juden, Anrempdung jüdischer Passanten, Schändungen jüdischer Gotteshäuser, ungehempter Boykott gegen jüdische Geschäftsleute und fortwährende Beschimpfungen all dessen, was irgendwie mit Juden und Judentum zusammenhängt. Man darf die Augen vor der Tatsache ״nleljt verScliltfe'icn, daß in Deutschland die nationalsozialistische Ideologie sich In einem Maße durchgesetzt hat, wie man es vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Selbst Parteien und Behörden, die .nicht judenfeindlicli sind, sehen sich veranlaßt, der von den Nationalsozialisten in die weitesten Volkskreise verbreiteten antijüdisdren Radaustinunuiig Rechnung zu tragen. Ohne Ausnahmegesetze werden die Juden heute in der Verwaltungspraxis als Bürger zweiter Klasse behandelt. Man wagt nicht mehr, jüdische Bewerber als Beamte anzuslellen, mau wagt nicht mehr, jüdische Referenten in der Odfentlichkeit in amtlicher Eigenschaft auftrefen zu lassen, man zögert, verdienten jüdischen Gelehrten einen Lehrauftrag zu erteilen, mau hütet sich, in den Verdacht eines Judenschützers 711 geraten. Es ist soweit gekommen, dal! man Angst "hat, in jüdischen Dingen gerecht zu sein. Wo man aber noch den Mut hat, unbekümmert um die nationalsozialistische Haß- Propaganda Juden in amtlicher Eigenschaft als Vertreter von Behörden in der Oeffcntlichkcit zu verwenden, dort wird diese Tatsache auf nationalsozialistischer Seife b e - r ci t s als unerhörte Provok a t i orr e 111 pfunde n , und rechtsstehende Kreise, die nicht nationalsozialistisch sind, zollen diesen nationalsozialistischen Ansichten uneingeschränkt Beifall. Angesichts dieser Sachlage gewinnt das Attentat des nationalsozialistisch gesinnten Hamburger Polizeioberwachtmeistcrs Friedrich Pohl g c - gen den jüdischen Regierungsrat i m Hamburger Polizeipräsidium, Eassally, eine bcsondere Bedeutung. Eassally, einer der fähigsten Bcamten der Hamburger Polizei, war mehrmals in Prozessen gegen die Nationalsozialisten als Vertreter der Hamburger Pülizeiverwaltuiig aufgetreten. De nationalsozialistische und rechtsstehende Presse richteten aus diesem Anlasse gegen die Hamburger Polizeivervvalhmg und gegen Eassally die lieftigsten Angriffe, weil sie in dem amtlichen Auftreten Lassallys eine ״unerhörte Provokation“ des deutschen Volkseinpfimkns erblickten. Als nun Eassally, wiederum in seiner amtlichen Eigenschaft, den dis/iplinarhch wegen nationalsozialistischer Betätigung zur Verantwortung gezogenen Obenvachtmeistcr Pohl verhören sollte, empfand Pohl diese Tatsache als eine derartige schwere Beleidigung, dat! er Eassally mit seinem Dienstrevolver niederstreckte. Dieses Hamburger Attentat erregte außerordentliches Aufsehen, und es ist bezeichnend, daß in der gesamten fortschrittlichen Presse Deutschlands nach• diesem Attentat die יErkenntnis zum Ausdruck kam, nunmehr sei cs höchste Zeit, der Frage der uationalsnzialistischert Judeuhetze besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Nicht weniger charakteristisch ist aber auch die Haltung der Rechtspresse, die den Attentäter bedauert und ihn als Opfer der Bcamtciischnüffclci bezeichnet, ohne auch nur ein Wort des Bedauerns oder Mitleids für den schwer verletzten Regierung?- rat Eassally m finden. Die nationalsozialistische Partei versucht, wie stets ■in solchen Fällen, den Attentäter abzuschütteln und behauptet, Pohl sei nicht Mitglied der Nazi-Organisation gewesen. Das mag zu treffen. Aber darin liegt ja eben das besondere Charaktcristikum dieses!־'alles, daß die nationalsozialistische Agitation sich nicht nur auf die Partcianhänger auswirkt, sondern in ihren Bann auch Schichten und Kreise zwingt, welche nach!MllllllilllllllllullllllllllllllllMllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHIIIIIIIIIIIIIIIIlllllllllIJmiHIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIllMIIBIIIIIIIIIIIIinillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIllllllllllllllllllllllllllllHIIIIIIIIII

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