Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 12 (13.2.1931)
- Date
- 1931-02-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Harakiri als Methode der Wahl Einzelnummer 0,25 Goldmark DDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag uTreitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. AM»Ut3dB«boxmezocaua ia dm WShrung der Xjbdar beredsmc*. A6 gresp. Noap*r«ü1e*eile 030 GM> Stellangeeuche 0,25 G^M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische RundschauG.m.b.LL,BerlinW15, Meiaekestr.10. Telephon: J 1 Bismarck 716570־. Postscheck - Konten : Berlin 17392, Bmd V 9355. Bekrad 68032. Bnkael 39433, Badapent 59693, D*n*i# 1973, Hug MO470. Fra* 59410, RJ** 4155. BtxsBkhurg 16430, Warschau 190708, Wies 15603a Back -׳Kontent DvrmatSdbar - und Na ticmalbank, Depewren -Kaeu» Berlin, Kurfänitimdamm 525 Bane* de Est, Cemaufi (RnminJen); Angjo Peleetine Qo> in Haifa, feraaalem. Tel *Aviv. Nummer 12 | Berlin, 13. II. 1931 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ״ו שנט תר־צ״א | xxxvi. jahrg. P*r 218»*1"*],0ס •**trabt fOr da« |Odlscha Volk dla Schaffung einer Öffentlich. rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.»* Die neue briüsdie Paläsflna-PolifiK Erklärung MacDonalds Durch eine Mittwoch, den 11. d. M., im Unterhaus auf eine Anfrage Chamberiains erteilte Antwort, wonach das Weißbuch von Oktober 1930 weiter für die Palästinapolitik der Regierung maßgebend bleibe und der vom Kabinett beschlossene Brief an Dr. Weizmann nicht dem Parlament vorgelegt werden soll, sind Mißverständnisse über die Tragweite dieses Dokumentes entstanden. Donnerstag nachmittag gab daher tm Unterhaus MacDonald auf eine neue Anfrage folgende Aufklärung: ״Der Brief an Dr. Welzmann ist in den Punkten, die er behandelt, als authentische Interpretation des Weißbuches aufzufassen. An dem amtlichen Char a k t e r des Dokumentes soll kein Zweifel bestehen; der Brief wird dem Völkerbund zur Kenntnis gebracht und ln die Instruktionen an den High Commlssjoner elnverlelbt werden.“ Durch weitere Anfragen, wieso die Regierung behaupten könne, dies sei kefn Abgehen vom Weißbuch, herausgefordert, sagte MacDonald: Die authentische Interpretation entspricht den ursprünglichen Absichten der Regierung und daher liegt keine Aenderung der Politik vor. * Eine ״authentische Interpretation“ ist zwar keine formelle Annullierung eines gesetzgeberischen Aktes, aber seine materielle Erweiterung. Für alle praktischen Zwecke werden die interpretierten Teile des ursprünglichen Dokumentes durch die Interpretation ersetzt Die Bedeutung des Dokuments Die JTA. verbreitet folgende (inspirierte?) Mitteilung: In Londoner zionistischen Kreisen Ist man der Ansicht, daß das Ftegierungsstatement über Palästina, das vermutlich in den ngeteten ־Tcgm ז ertlffentlieht werdet» wird» 16 •«־;Äw Äti»* sicht von grö Befer BedeütunXrst all die Bai- [o ur-D e Kl ära t101i. Während dfeBalfour-DeMaration die MögHchkeif eine# fai«*en Interpretation offen gelassen habe, mit deren Hflfe sich England seinen Verpflichtungen gegenüber dem Jüdischen Nationalhein! entziehen konnte, steife das neue Statement nicht nur die Lage, wie sie bis zur Veröffentlichung des Passfieldschen Weißbuches bestand, wieder her, sondern ebe auch eine klarere und bestimmtere Definition des jü- Ischen Status in Palästina und von der Verpflichtung der Regierung zu aktiver Mithilfe bei d er E r r I c h t u n g des Jüdischen National heims, einem Werke, das von der Möglichkeit des Bodenkaufs, der Ansiedlung und Ein- Wanderung, zu deren Förderung die Regierung sich nunmehr bereit erklärt habe, abhängt. Dennoch wire die Annahme, daß das Statement alle zionistischen Forderungen in vollem Ausmaß erfüllt, unrichtig. Es war die Absicht der zionistischen Unterhändler, zu einem modus vivendi in Palästina und zu einer Möglichkeit der Kooperation zwischen Arabern und Juden zu gelangen. Die zionistischen Führer hoffen, daß sich nach.der Veröffentlichung des Statements eine Verständigung mit den Arabern leichter erreichen lassen werde. Im Hinblick auf die Notwendigkeit dieser Verständigung haben , sie keinen Widerspruch dagegen erhoben, daß das Problem einer gesetzgebenden Körperschaft, wie sie im Weißbuch vorgesehen ist, offen bleibt. Sie glauben, daß damit eine Basis für ein» Annäherung zwischen Juden und Arabern gegeben ist. * Die Londoner Presse befaßt sich ausführlich mit der durch die neue Regierungs-Erklärung geschaffenen Lage. ,,Daily Herald“, das Organ der Arbeiterpartei, veröffentlicht unter der Ueberschrift ״Die zionistische Verwirrung gelöst“, einen Artikel, in dem erklärt wird, das neue Statement über Palästina beseitige nicht nur Mißverständnisse, sondern gibt auch Informationen über den neuen Landentwickt u n g s p 1 a n für Palästina, der im ursprünglichen Entwurf des Weißbuches für Palästina enthalten, aber in die endgültige Fassung dieses Dokumentes nicht aufgenommen worden war. Die konservative ״Morniag Post“ erklärt, PassfieldsWeißbuch sei nunmehr in den Papierkorb gewandert. Die antizionistische ״Daily Mall“ stellt fest, daß die Regierung von ihrem ursprünglichen Standpunkt in der Palästinafrage abgegangen ist. Daß aber Kolonialminister Passfield zurückzutreten beabsichtige, weil er mit dem neuen Palästinakurs nicht einverstanden sei, könne nur als phantastlsches Gerücht bezeftjhiiet' werden. Die Veröffentlichung des neuen Regierungs-Statements Über Palästina wird nunmehr für Sonnabend, den 14. oder Montag, den 16. Februar erwartet. Die Assefath Niwcharim Jerusalem, 10. Februar. (J. T. A.) Am Montag, den 9. Februar, nachmittags, wurde im großen Lesesaal des Strauß- Gesundheitszentrums zu Jerusalem die Jüdische National- Versammlung (Assefath Haniwcharim) eröffnet. Sämtliche Mitglieder, mit Ausnahme von Miß Hennetta Szoid, Ussischkin und Jabotinsky, die sich augenblicklich im Auslande aufhalten, waren anwesend. Den Vorsitz führte der Präsident der HistadrutJj, Ben Gurion. Zu Mitgliedern des Präsidiums wurden außer Ben Gurion die Herren Elieser Kaplan (Arbeiterpartei), Josef Mejuchas (Sepharde), Dr. B. Mossinsohn (Allgemeiner Zionist); Rabbi Gstrowsky (Misrachi) und Rabbi Cohen (Yemenst) gewählt. Die Revisionisten lehnten die ihnen angebotene Beteiligung am Präsidium ab und erklärten, ihre Beteiligung an den Arbeiten der Nationalversammlung Luid an dem neu zu wählenden Waad Leumi werde davon abhängig sein, welche Haltung die Nationalversammlung zur Frage der Verhandlungen der Jewish Agency mit der englischen Regierung, zum Projekt des Legislative Council für Palästina und zu dem von Sir John Hope Simpson vorgeschlagenen Landentwicklungsplan, dessen Ziel der Aufbau eines arabischen, nicht aber eines jüdischen Nationalheims in Palästina sei, einnehmen werde. Der Eröffnungssitzung der Jüdischen Nationalversammlung wohnten sämtliche Mitglieder der Palästina-Exekutive der Jewish Agency, sowie die jüdischen Beamten der Palästina-Regierung bei. Der Präsident des abtretenden Waad Leumi, Pinchas Ruthenberg, war nicht erschienen, hatte jedoch ein Begrüßungsschreiben geschickt, in dem er erklärt, Desorganisation und das Fehlen einer Führung seien die gefährlichsten Feinde in der gegenwärtig höchst kritischen Periode. Die Rettung liege in den Händen des Jischuw selbst. In dem von Col. Kisch Unterzeichneten Begrüßungsschreiben der Jewish Agency wird auf die Bande hingewiesen, die die Weltjudenheit mit dem Jischuw verknüpfe. In dem Begrüßungsschreiben von Chief Rabbi K u k und Rabbi M e i r wird die Nationalversammlung zur Einigkeit ermahnt Auf eine Anfrage, ob die Palästina-Regierung bei der Eröffnungssitzung vertreten sei, erklärte Ben Gurion, das Präsidium sei hierüber nicht unterrichtet und daran nicht interessiert Rabbi Uziel sprach Worte des Gedenkens für die Opfer der Unruhen im August 1929, sowie für Achad Haan!,- Louis Marshali, Lord Meienett und Lina und Nathan Straus. Dr. Arlosoroff referierte über die politische und wirfschaftliche Lage der Juden in Palästina. Seine Ausführungen waren offenkundig von dem Eindruck beeinflußt, den der Intrz vorher bekannt gewordene voraussichtliche Inhalt der neuen eng» ischen Regierungserklärung über Palästina erweckt hat. Dr. Ar- Gsoroff verteidigte die Einleitung von Verhandlungen mit der englischen Regierung seitens der Jewish Agency und forderte die Schaffung eines modus vivendi mitden Arabern. Allerdings dürfe bei Verbandlungen mit den Arabern das Recht der Juden auf Palästina nicht zum Gegenstand einer Diskussion gemacht werden. Den Bericht des abtretenden Waad Leumi erstattete Ben Z w i, der in ruhiger und gemäßigter Form über die Schwierigkeiten sprach, denen der Waad Leumi seit den August- Unruhen gegenüberstand. Im großen ganzen verlief die Eröffnungssitzung still und ernst, nur hier und da belebt durch Zwischenrufe von Mitgliedern der linken Poale Zion. Politische Debatte Ungeachtet der Drohungen der Revisionisten, in deren Namen der Delegierte Weinstein die Erklärung abgegeben hatte, die Revisionisten würden die Assefath Niwcharim sprengen, falls diese die Verhandlungen zwischen Jewish Agency und englischer Regierung billigen sollte, stellte Ben Qurion zu Befinn der ersten Arbeitssitzung der Assefath Niwcharim die Forerung auf, daß die Juden in der gegenwärtigen, unbeschreiblieh schwierigen Situation nicht in Opposition verharren und die Regierung nicht boykottieren sollen. Er lenkte die Aufmerksamkeit der Revisionisten darauf hin, daß Jabotinsky im Jahre 1922 das Weißbuch durch seine Unterschrift zur Kenntnis genommen habe und daß er nach dem Pogrom von 1921 alle zionistischen Organisationen aufgefordert hat, dem damaligen High Commissioner, Sir Herbert Samuel, das Vertrauen auszusprechen. Ben Gurion erklärte, nicht bloß die Biidüng einer jüdischen Majorität in Palästina sei Ziel des Zionismus, sondern die Möglichkeit, jeden Juden, der die Niederlassiiug in Palästina wünscht, ins Land zu bringen. Binationalismus sei nicht Zionismus. Wenn aber der Judenstaat so aufgefaßt wird, daß die Juden die Araber beherrschen wollen, lehnen ihn die Vertreter der Arbeiterschaft ab. Namens der Revisionisten erklärte Dr. Wolf gan g v. Weisl , seine Partei bekämpfe die Arbeiterpartei, weil diese sich hinter Weizmann stelle, der weder jetzt, noch früher an den Judenstaat geglaubt hat, ausgenommen vielleicht in der Zeit von 1917—1919, als von der Brandeis-Gruppe ein gewifser Drude auf die Leitung der zionistischen Organisation ausgeübt wurde. Englands Ziel sei es, eine panislamitische Union zu schaffen, deren Mittelpunkt Jerusalem seht soll. Die iandentwlcklnngs ־ Kommission Wie die J. T. A. mitteilt, ha? die britische Regierung ihre Zustimmung zur Einsetzung einer Landentwlcklungs-Komtnission ln Palästina, die aus wem Engländer als Vorsitzendem, einem Juden und einem Araber bestehen soll, gegeben. Die Nominierung des jüdischen und arabischen Mitilieds der Kommission erfolgt durch die jüdische bzw. arabische natioaate Vertretung- Sisyphusarbeit Ein Vorfall, der sich vor einigen Wochen zutrug, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Situation der jüdischen Gesamtheit in der Zeit seit der Beendigung des Weltkrieges. Eine Abordnungdes American Jewish Committee erschien beim polnischen Botschafter .in Washington, um bei ihm für eine bessere Behandlung der polnischen Juden durch die polnische Regierung zu intervenieren. . Darauf wurden in Polen nach bekanntem ungarisch-jüdischen und türkisch-jüdischen Muster eigentümliche Proteste laut, die nicht nur von polnisch-jüdischen Assimilanten, sondern sogar von alten Zionisten ausgingen. In diesen Protesten hieß es, die ״ausländischen Juden“ sollten doch bedenken, daß Polen ein freiheitlicher Staat sei, in welchem alle Bürger Gleichberechtigung genießen und daß die polnischen Juden genug Mannhaftigkeit besitzen, um ihren Rechtsstandpunkt selbst m vertreten. Darauf kam aus׳ Amerika eine Antwort, die viel zu denken gibt. Die amerikanisch-jüdische Presse schrieb nämlich, daß die amerikanische Judenheit in Form von Unterstützungen durch den Joint allein im Laufe der letzten 13 Jahre nach Polen ungefähr die Summe von 60 Millionen Dollar, das ist etwa eine Viertel Milliarde deutsche Reichsmark, überwiesen habe. Hierzu kommen die Beträge, die andere Organisationen nach Polen geschickt haben und außerdem noch der ungeheure Strom von Dollars, der in Form von Verwandtenunterstützung ununterbrochen nach Polen geflössen ist. ״Hätten wir nicht“, schrieben die amerikanisch-jüdischen Zeitungen, ״so viel Geld in Polen hineingesteckt, so könnte man vielleicht noch unser Recht, beim Botschafter des polnischen Staates in Washington zu intervenieren, in Frage stellen. Wir haben aber so viel Millionen baren Geldes bezahlt, daß wir das Recht er* worben haben, uns um das Schicksal dieser Summen zu kümmern, denn wenn wir recht unterrichtet sind, werden die Juden in Polen als Städter und als Jude» außerordent* lieh hoch besteuert, Und wir gehen nicht fehl in der An־ nähme, daß nahezu die Hälfte aller jüdiseh-amerikumsejieji Gelder, die in den letzten Jahren nach Polen gefJoiseHsind, in Form verschiedener Steuern dem polnischen Staatsschätze zugute kamen und zum Aufbau der pp!־ nischen Armee, zur Herstellung von Tanks und Flugzeugen und anderem Kriegsmaterial Verwendung fanden. Es ist zwar für uns ein großer Trost, daß mit unserer Hilfe Polen ein Militärstaat geworden ist, immerhin halten wir uns aber für berechtigt, in bescheidener Form um das Schicksal unserer Brüder in Polen, der Empfänger unseres Geldes, zu kümmern.“ So ungefähr klangen die amerikanisch-jüdischen Stirnmen und man kann nicht umhin, dieser Betrachtungsweise eine gewisse Berechtigung zuzugestehen. Hierbei aber drängt sich urplötzlich eine Erkenntnis auf. In den verflossenen 13 Jahren hat die Weltjudenheit, — d. h. hauptsächlich derjenige Teil, der sich in finanziell günstigen Verhältnissen befand, also Juden in den Vereinigten Staaten, Kanada, in Südafrika, Südamerika und einzelne Schichten der in den westeuropäischen Ländern lebenden Juden, — in Form von allgemeinen Spenden für jüdische Zwecke, besonders aber in der Form der in so ungeheurem Ausmaße nur bei Juden feststellbaren jahrzehntelang dauernden Verwandtenunterstützungen die Summe von ungefähr 3Vs Milliarden deutsche Reichsmark für ihre Volksgenossen in Osteuropa, besonders in Polen, Litauen, Rumänien, Lettland und Sowjetrußland, sowie in Palästina ausgegeben. Diese Summe ist aus den Ueberweisungen der bekanntesten Immigrationsbanken und aus den Rechenschaftsberichten der großen jüdischen Volksorganisationen errechnet Sie entspricht ungefähr dem Betrage, den Deutschland in den letzten zwei Jahren für die Arbeitslosenunterstützung ausgegeben hat, ist also eine derartig respektable Summe, daß sich über sie nicht nur jüdische Gemeinde-Zeitungen, sondern auch große Finanz-Revuen unterhalten sollten. In diesen 13 Jahren hat das jüdische Volk eine Reihe von ״Ministerien“ geschaffen, die meinetwegen auch ״Volkskommissartete“ oder Zentralbehörden genannt werden können, da sie sich mit der Wahrnehmung von Arbeitsgebieten befassen, welche bei Völkern unter normalen Verhältnissen in den Wirkungsbereich von Regierungsdepartements fallen. So stellt der amerikanische ״Joint“ ein ״Wohlfahrts-Ministerium“ dar, der ״Emigdirect“ ein ״Migrations-Ministerium“, der ״Ort“ ein ״Arbeits-Ministerium“, der ״Ose“ ein ״Gesundheits-Ministerium“. Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris sowie das American Jewish Committee und das Londoner Joint Foreign Committee versehen in primitiver Form die Agenden eines Ministeriums für auswärtige jüdische . Angelegenheiten. Natürlich sind diese Organisationen nur Rudimente und notdürftiger Ersatz richtiger Zentralbehörden normal lebender Völker. Auch würden es sehr viele Juden, die wacker aa diesen Institutionen mitarbdten.