Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 11 (10.2.1931)
- Date
- 1931-02-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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־.Seite0ל ״ ״Drei Tage in Jüdisch-Rußland“ (Frankfurt a. M., 1882) von den Juden in Westrußland. ,.Diese russisfli-jodisrlie Bevölkerung wrdianl unsere Aufmerks.'mikf.it um so mehr, als wir in ihnen das sorialo und nationale W esen eine» der ältesten und edelsten Kulturvölker in konsequenter Entwicklung bis auf unsere Tage anschauen dürfen." * Im Frühjahr 1869 folgte Rülf einer Einladung nach Kowno zur Beratung eines Projekts, betreffend die Uebersiedlung der Juden aus den verarmten Grcnzbezirken nach dem Innern Rußlands. ln seiner damals in Anwesenheit des Gouverneurs und höchsten Beamten von Kowno in der Kownocr Synagoge gehaltenen Predigt, einem Meisterstück der Rhetorik, kennzeichnet Rülf die Stellung der Juden unter den Völkern. In der Broschüre ״Meine Reise nach Kowno“ (Memel 1869), heute eine bibliographische Seltenheit, ist diese Predigt abgedruckt. Kowno machte den Eindruck einer rein jüdischen Stadt, und unter dieser Stimmung schrieb Dr, Rülf: ״. . . Ich glaube mich nach Erez-Israal, in die liebe, uralte Heimat der Väter versetzt. Was soll ich es leugnen? Mein Herz hängt an meinem Volke, hängt an dem Lande, darin die Väter gelebt, geliebt und gelitten, darin dio Propheten, ihr welterleuehtendea und welitröstendes Wort gesprochen, dahin ich mein Angesicht rieht«, wenn ich bete usw,; ich habe keinen Tag so voller auflösender, nachhaltiger Trauer als dom neunten des Ab, und hätte keinen Tag so. voll ungemischter, innigwahrer Freude, als den Tag, ״da für Zion der Erlöser käme“. Warum soll ich das nicht dürfen? Bin ich oder ist djisse meine Urheimat schlechter als die des Engländers usw.? Kein Feind und Gegner meines Volkes und Glaubens darf darin Makel und Tadel finden und daraus folgern wollen, daß ich nun kein guter Bürger in meiner gegenwärtigen Heimat sein könne und dem Staate nicht alle ltiru״• Kräfte und Fähigkeiten widmen dürfe." Rülf, der freisinnige Denker, schrieb diese Worte 1869, lange bevor die antisemitische Aera begann, zu einer Zeit, wo seine Kollegen, die deutschen Rabbiner, das Gedenken an Zion aus dem Gebetbuche und aus dem jüdischen Leben ausmerzten. Wir ersehen daraus, daß die palästinensische Idee auch ohne äußeren Stoß sich jederzeit im Herzen der besten Juden regte. Dr. Rülf war der erste neuzeitliche deutsche Rabbiner, jahrzehntelang sogar der einzige, der den Palästina-Gedanken in Deutschiand und in ganz Westeuropa propagierte. Seift 1883 verfaßtes Werk ״Artichath bath Ami“ (Heilung Israels, ein ernstes Wort an Glaubens- und Nichtglaubensgenossen) stellt ihn, nächst Dr. Pinsker, in vorderste Reihe der Begründer des modernen Zionismus. Und später, als die Bewegung zu einer großen Organisation heranwuchs, stand der Alte mit dem Schnee der Jahre auf dem Haupte, dem jugendlich warm pulsierenden Herzen im Busen, in sich vollendet und gefestigt. Seine Mahnung zur Einigkeit am Schluß des zweiten Zionistenkongresses (1898) bildete einen packenden Höhepunkt der begeisterten Stimmung. * Jehuda Leib (Leon) Gordons (geboren am 7. Dezember 1830, 21. Kislew 5591, zu Wilna) Lebenslinie ging in entgegengesetzter Richtung als die des Dr. Rüif, von Osten nach dem Westen. Gordon wurde der Führer auf dem Pfade des Fortschritts und der Aufklärung, aber eine heiße Liebe für sein Volk bleibt immer der Grunazug seines poetischen Sdiaffens. Sein lebhaftes Empfinden für die Errungenschaften der neuen Zeit spricht sich in Liedern aus, die ein tiefer Schmerz geweiht hat. Aber auch die alte Klage um Zion findet einen Widerhall in seinen Gesängen. ״Mit Galle und Tränen“ schrieb er seine Gedichte; voll von großem Realismus und schmerzerfüllt griff , er an die wunden Stellen des Volkskörpers und g’HBelfe .sd16hÜngST08'־dre FrrtlngSii, den Aberglauben der Scheinheiligen und die statte Haftung der bildungsfeindlidien Orthodoxie, An Tendenzen gebunden, behalten dennoch seine Schöpfungen ih Poesie und Prosa ihren bleibenden Wert als Denkwürdigkeiten einer entschwundenen Zeit des Strebens nach Licht und Freiheit. Die hebräische Sprache und die Haskalah waren die Mittel, den inneren Aufschwung des jüdischen Volkes zu bewerkstelligen, und Oordon hat dazu in vorderster Reihe beigetragen, die spezifisch jüdische Selbsterkenntnis, das Selbstbewußtsein und die nationale wie religiöse Selbstvervollkommnung zu heben und zu fördern. Der gegenwärtige Zionismus wäre nicht tnöglieh geworden, wenn die hebräische Haskalah mit Gordon an führender Stelle nicht vorher die hebräischen Schriftsteller für die national-jüdische Bewegung aufnahmefähig gemacht hätten. F.s ist längst allerseits eine anerkannte Tatsache, daß diese hehräisdjön Schriftsteller die ersten eifrigen Zionsfreunde waren, welche bis Theodor Herzl die alleinigen Träger des nationalen Gedankens waren. Und sogar später, an jenem 26. August 1903 (Vl. ZiotiiStenköngreß) ließen sich gerade dieselben hebräischen ZicujsTreunde von den Reden der ״Offiziellen“ nicht beeinflussen und stimmten offen gegen Uganda. Sie bildeten zwar die Minderheit des Kongresses, aber so entschieden und überzeugend, daß sie das moralische Uebergcwicht davontrugen und den Zionsgedanken rein erhielten. Schon um 1870 ist Gordon im ״Haschachar“ für die Kolonisation Palästinas warm eingetreten und auch später immer wieder darauf zurückgekommen, erst recht in den Jahren 1885 his 1888,. während er.den ״Hameliz“ redigierte. Allerdings von Anbeginn sowohl bis zuletzt ließ Gordon seine wahre Atifklärung nicht verkommen. In seinen zahlreichen Leitartikeln, wie beispielsweise in dem benannten: ״E s r a (der Reorganisator des Judentums“) und Esro“ (Hilfe), plädiert Goraon für die geistige und politische Erlösung; zuvörderst die Veredelung,die geistige Erhebung unseres Volkes zu bewirken, bevor wir Palästina-Arbeit aufnehmen. Es sind in diesem Standpunkt die Spuren des geistigen Zionismus zu erblicken, welche später A c h a d H a a m begründete. * Aeußerst interessant und würdevoll ist, was Dr. Rülf Anfang 1902, im zehnten Todesjahre J. L. Gordons, in der ״iüdischen Rundschau“ gegen ein .abfälliges Urteil über die Reden Nordaus und Zangwills auf dem fünften Zionistenkongreß geschrieben hat, wobei Rülf zur Bestätigung seiner Gedankengänge Gordon anführt: ,,Ich weiß nicht, ob der Verfasser jenes Artikels die hebräischen Dichter der Neuzeit gelesen hat. Das sind meist Leute, die in Bibel und Talhnud, wie im gesamten jüdischen Schrifttum bewandert sind. Da ist beispielsweise der besten und edelsten Einer, ein wirklicher Dichterheros, der ״Löwe Judas", Jehuda Leon Gordon, der hat ein hebräisches Gedicht ,,Zwischen den Zähnen des Löwen“ ge״ schrieben, ein Epos, welches die Eroberung Jerusalems durch Titus und die Vernichtung des jüdischen Volkes schildert und wia die ••:l<l־f(.־n. Jüngling׳־, welche den Triumphzug des Wüterichs geschmückt iKiiteny'zulotzl.im :Zirkus unter dem Jauchzen der ״edlen" Römer und Itöiaerirmctl von Löwen zerfleischt wurden. v 1. ־x1 diesem Gedicht nun geht der Dichter mit den Männern von dem Schiiten Sebammais und!Iillels gar scharf ins Gericht. Gleichzeitig mit li.-ihhi Jochamm heu Sakkai in Jerusalem eingeschlossen, batten sie »ich während det letzten Stadien der Belagerung in dem Obergemach Ben Gorians eingefunden und die sogenannten 18 Dbarim m jüdischen Gesetzesbestimmungen erhoben. ״Gesoroth“ nennt sie der Talmud; das. Wort bedeutet nicht nur den Zeitverhältnissen entsprechender Verordnungen, sondern auch Verhängnisse und in der Tat ־ sind ,diese 18 Verordnungen verhängnisvoll für da» Judentum geworden. ״Ja", so sagt der Dichter, ״hättet Ihr dafür tüchtige Kriegsminner großgezogen — bei der Kraft Eurer Söhne, beseelt von JUEDISCHE RUNDSCHAU ואיילי■** 1 1י_, .׳״י...וי,.■■״ ו ..י .י.. ... ״״11. .. Eifer und Rache; — bei ihrer Liebe zum Vaterland, stärker als der Tod, — hätten sie nur Waffen und Krtegsgeschick betessen, so wären sie vielleicht gegen ihre Feinde Sieger geblieben und dein Sturz wäre alsdann nicht so groß geworden". Das Gedicht ist schon bald '40 Jahre alt; vom modernen Zionismus hat der Dichter noch nichts gewußt: allein der zionistische Gedanke ist es trotzdem, welcher ihn zu allen seinen Schöpfungen beseelt und erweckt hat. Man muß solche Männer wie Nordau und Zangwill nicht bourteilen nach dem was sie gesagt haben, sondern nach dem, was sie sind. Und hat man erst einmal Charakter und Gesinnung solcher Männer erfaßt, dann wird man auch ihre Aussprüche verstehen und zu würdigen wissen. Und diese ihre Gesinnung ist uns so innig vertraut, so lieb and wert, daß wir ihnen gern ein Wort verzeihen, selbst wenn wir mit demselben nicht ganz einverstanden sein sollten." Dieser letzte Absatz eines Rülf ist auch heute noch zu beherzigen; Meinungen und Aeußerungen anderer verständnisvoll und konziliant aufzufassen, gleichwohl ob sie innerhalb oder außerhalb des eigenen Gesichtskreises liegen, * Als im Jahre 1882 die höchst bedeutungsvolle Broschüre Pinskers ״Autoemanzipation“ veröffentlicht wurde, womit die neue zionistische Bewegung einen klassischen Förderer erhielt, hatte Gordon mit einem Gedicht ״ עדר אדניGottes Herde", voll Schwermut und Pessimismus erwidert Dem ״Mahnruf an seine Stammesgenossen״ des Autors der ״Autoemanzipation“ stellt hier der Dichter seinen hoffnungslosen Ausblick aufs Judentum entgegen, als Gottes Herde, uneinig und der Erneuerung unfähig. ״Bilden wir denn eine Nation oder eine religiöse Gemeinschaft?,,. Wir sind weder eins noch das andere. Wir sind — Gottes Herde, eine Herde heiliger Schafe, die für den Opferaltar Vorher bestimmt sind. Unsere Hirten scheren uns unbarmherzig, Wölfe dagegen schnappen nach uns überall...“ Dieses Gedicht, mit einer Widmung versehen, hatte der Dichter nebst Begleitschreiben an Dr, Pinsker übersandt. Die Antwort desselben ist im Band HI des Kulturhistorischen Saminclbuches ״Pcrcshitoc“ (Petersburg 1911) russisch aus dem Nachlaß des Dichters veröffentlicht, welche ich in extenso hier wiedergebe: Odessa, 13. November 1882. Geehrter Herr! Ihr Namo ist mir nicht *eit gestern erst bekannt. Ihre Brief» an meinen seligen Vater sind bei mir in gleicher Reihe mit den Briefen Luzzato*, Geigers, Fürst und anderen Koryphäen der;jüdischen Literatur aufbewahrt. Ist es da zu verwundern, daß Ihr Brief mich doppelt erfreute. Daß Ihr poetischer Genius gefühlvoll auf meine Prosa widerhallte, ist nicht mein Verdienst, sondern das traurige Verdienst jener verzweifelten Lage, aus welcher da schon zwei Jahrtausende unser Volk machtlos ist, sich lierauszuhelfon. Nichtsdestoweniger allerdings ist mir überaus schmeichelhaft, wenn mein Name mit Ihrem wunderschönen Gedichte verknüpft sein wird. Ich verhehle jedoch nicht, daß ich mit sehr schwerer Empfindung mich von Ihrem herrlichen Gedicht trennen mußte. Nicht einen Hoffnung*־ strahl! Ist es denn wirklich so? Stellt denn tatsächlich das ganze Volk einen lebenden Leichnam vor? Sind denn keine Männer da? Ist es denn der unwiderrufliche Tod und nicht der schwerfällige Schlaf? Ist denn auch Ihre Stimme enterb«», dio Lethargie rum Erwachen zu bringen? O, dann ip der Tat. worauf sollen wir denn leben? Kämpfen, sich wie ein Fisch ums Eis schlagen, fürs Recht rechtlos zu sein, für ein Leben, welches schlimmer als der Tod ist? In Ihrem Trauergesang ist keine Trompete zur Auferstehung der Totem hörbar! Ich will die Hoffnung nicht verlieren, <feß auch dieses Instrument bei Ihnen sich einfindet. Nehmen $ie, gekrönter Poef, meinen Wunsch, entgegen, Jtepb ein. BUtz :1h«M>Krtbte׳ Kistafruiügein. J. L. Gordon gehört zu den ersten Dichtern und Schrift- Stellern seiner Zeit, deren Schöpfungen ein Schatz jüdischen Nationalgutes sind, die von der Vergangenheit in die Gegenwart hineinragen und jene Tausende mit wohltuender Freude erfüllen, welche bei der Lektüre der hebräischen Literatur Hochgenuß und Erbauung finden, die Niedrigkeiten und Verkehrtheit des Alltagslebens zu vergessen. In Erez-Israel besonders ist der 100jährige Geburtstag J, L. Gordons als nationaler Gedenktag gefeiert worden. Professor Heinrich L 0 e w e hatte vor 38 Jahren als ganz junger Mensch einen ״Jehuda Leib Gordon“ überschriebenen Nachruf gedichtet, aus dem ich zum Schluß zwei Strophen heute wiedergebe: ..Es kehret sicher wieder Das •Volk, für das er stritt. Und nimmt dann seine Lieder Dereinst zur Heimat mit. Wenn unser Land wir schauen, Dann schallet weit der Klang Auf Palästinas Auen Von Gordons Hochgesang.“ Die EIiiwandcrongs-ZcrliRkale Im Zusammenhang mit den Gerüchten, die in letzter Zeit über die Verteilung der Einwanderungs-Zertifikate verbreitet wurden, teilt die Exekutive der Jewish Agency in Palästina mit, daß alle ihr zugewiesenen Zertifikate bereife an die Palästina-Aemter in den verschiedenen Ländern versätiäl wurden, darunter 75 nach Rußland. ln Anbetracht der Arbeitslageim Lande hat die Leitung der Jewish Agency nach Beratung mit der Einwanderungskornmission beschlossen, ein gewisses Verfahren zur monatliehen Regulierung der Einwanderung je nach den Anforderungen und Aussichten des Arbeitsmarktes einzuführen. Für die bevorstehende Arbeitssaison in den Pflanzungen, die in einem Monat voll einsetzt und außer den bereits in den Ko• lonien vorhandenen Arbeitern weitere Arbeitskräfte beschäftigen ward, wurde beschlossen, zunächst, d. 11. für den Monat Februar, 291 Immigranten auf Rechnung der ins Ausland gesandten Zertifikate anzufordern. Diese Einwanderer werden auf die im Lande vorhandenen Arbeitergruppen (Kibbuzim) verteilt, die eigene Wirtschaften besitzen und dort nach Beendigung der Saisonarbeit In den Kolonien Unterhalt finden. Dieses Verfahren ermöglicht den Gruppen, ihre Freunde im Auslande, die auf die Einwanderung warten, ins Land zu bringen und so die Chaluzbewegung vor einer Schwächung zu bewahren. Die Amveisungen für die Einwanderung der betreffenden Immigranten sind vor zehn Tagen telegraphisch den Palästina-Aemtem übennittelt worden. Außerdem sind IS) Zertifikate für Verwandte übersandt worden, die diesmal nur in solchen Fällen bestätigt wurden, in denen der Petent volle Bürgschaft für den Unterhalt und die Beschäftigung des Verwandten In seinem eigenen Haushalt oder Betrieb übernehmen konnte, ohne daß der Verwandte genötigt ist, auf dem Arbeitsmarkt Beschäftigung zu suchen. (Ziko.) Die Einwandenngs-Statistik Die ״Ziko*׳ gibt für die letzten fahre fönende Einwanderungsstatistik: 1923; 8175, 1924: 13892, 1925 : 34 385, 1926: 13 855, 1927: 3034, 1928 : 2071. 1929: 5109, 1930: ca. 5000 (Ziffer noch nicht endgültig, da die Zahl der Einwanderer, die im Jahre 1930 als Touristen ins Land kamen und hier die Erlaubnis zum dauernden Aufenthalt erhielten, noch nicht definitiv bekannt ist). Nr; U. 10. n. 1PJI DleEinbürgerungs-DebatteimReichsrat Ein Pyrrhussieg der Vernanti Wir haben in der vorigen Nummer über die Frage der Einbürgerung von Juden in Deutschland kurz berichtet und mitgeteilt, daß in der Sitzung des Reichsrates vom 5. d. M. von vorliegenden 363 Fällen ein großer Teil, 120 Fälle, trotz des Einspruches Thüringens und anderer Länder günstig erledigt wurde. Diese erfreuliche Regelung ist allerdings durch eine außerordentliche Nachgiebigkeit der preußisehen Regierung in den Ausschüssen des Reichsrats zustande gekommen. Preußen hat den erschwerenden Forderungen von Thüringen und der anderen Länder nachgegeben und einer Verlängerung der Karenzzeit von zehn auf zwanzig Jahre zugestimmt. Da jeder vorliegende Fall gründlich geprüft wird, kommt es tatsächlich kaum auf die Dauer der Seßhaftigkeit in Deutschland an. Die erhöhte Wartezeit ist bloß ein Hemmschuh für Personen, denen man aus Gründen ihrer Religion oder ihrer Volkszugehörigkeit die Einbürgerung verweigern will. Ausnahmen werden auch nach der neuen Regelung zulässig sein. Diese werden sich aber, was man ohne weiteres annehmen kann, nicht auf Juden beziehen. Nachstehend der Bericht unseres EM-Berichterstatters über die Reichsrats-Sitzung. Am 5. Februar entschied der Reichsrat unter Vorsitz des Staatssekretärs Z w e i g e r t über 120 Einbürgemmgsanträge. Der generaliter erhobene Einspruch der thüringischen Regierung, der sich vor allem gegen die preußische Praxis richtete und von dem thüringischen Vertreter mit der unmißverständlich antisemitischen Argumentation, ״Die Masseneinbürgerung fremdstämraiger, insbesondere östlicher Elemente bedeute, eine Gefahr für das Reich“, begründet wurde, erfuhr in allen Fällen eine Ablehnung. Der thüringische Vertreter, Dr. Münze!, dem seine Mission als jedenfalls noch bis vor kurzem aktiv tätigem Führer der demokratischen Partei doch von Rechte wegen schwer gefallen sein müßte, ließ dabei unerörtert, daß es sich gegenwärtig noch nicht einmal Um eine MässeneinbÜrgerung,. sondern insgesamt um wenig mehr als 300 Fälle handelt. Da die Einbürgerungskandidaten zudem meist über 25 Jahre in Deutschland ansässig sind (73 von 12p) und nur in 18 Fällen weniger als 15 Jahre, ihre Zuverlässigkeit daher einwandfrei festgestellt wepdep kann, so können beim besten Willen sachliehe Bedenken schwer gefunden werden. Die auf Wunsch de« thüringischen Vertreters erfolgende Verlesung der Namen durth den Berichterstatter der Ausschüsse ergab denn auch bezeichnenderweise, daß sich darunter der Tennismeister Daniel Prepn und der Librettist Rudolf Schanzer befinden. Als der Berichterstatter bei der Verlesung der Namen zunächst die Vornamen fortließ, verlangte Fricks Bevollmächtigter ausdrücklich ihre Erwähnung. Er war sichtlich enttäuscht, als selbst so ungeheuerliehe Vornamen wie Moses, David, Isaak usw. die Mehrheit des Reichsrates nicht bewegen konnten, ihre Träger ohne weiteres für ״Schädlinge“.zu halten, und war sogar, bereit, einen Christliehen bulgarischen Arzt, der sich im Kriege ausgezeichnet hatte, mit zu opfern, falls das Plenum bereit gewesen wäre, an den ״Fremdstämmigen“ genügend Anstoß zu nehmen. Das war für ihn sicherlich ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit! Ministerialdirektor Brecht, der den preußischen Standpunkt begründete, demaskierte denn auch das thüringische Vorgehen, indem er darauf hi 11 wies, daß die Grundlage des thüringlSch'en''׳.finip,fürij'es -die Güntbereche-Rassentewesei Diese verhindere; 1-öifsecjüent vertreten, die EinMiederang• wertvoller Elemente. Das Plenum brach I« große Heiterkeit aus, als Brecht festeteilte, daß vier Fünftel der deutschen Bevölkerung inr Sinne Günthers ״fremdstämittig“ seien, darunter auch große Teile der oberbayerischen Bauern und Männer wie die Humboldts, Graf Reventlow usw. Im übrigen erklärte Brecht, daß Preußen für die Zukunft ebenso wie die übrigen Länder eine strengere Handhabung der Einbürgerung wünsche, um jn der tnflationszeit nach Deutschland gekommene unlautere Elemente auszuschließen. Es habe daher durch Uebereinkotnmen mit den anderen Ländern die Einbürgerungsfrist von 10 auf 20 Jahre ausgedehnt. Jedoch wolle Preußen die Fälle, die vor diesem Be- Schluß Vorlagen, noch nach den alten Richtlinien behandelt wissen. Den Einspruch Thüringens lehne Preußen ab, da ihm jede individuelle Begründung fehle. Die Einbürgerung könne nach dem. Staafeangehörigkeitsgesetz nur abgelehnt werden, wenn die betreffende Person das Wohl des Reiches zu gefährden vermag. Nur von diesem, nicht vom Zweckmäßigkeitsgesichtspunkt aus sei die Prüfung. vorzunehmen. Der Standpunkt der Mehrheit der Ausschüsse ging mit dem preußischen nicht in altert Punkten konform. Die. Abstimmungen ini Plenum jedoch brachten Preußen auch in den Fällen den Sieg, in denen die Ausschüsse den Einspruch Thüringens für begründet erklären. Die jüdische Oeffentjichkeit wird der Eitibürgerungspraxis «jer Länder ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden haben. Nach Lage der Eflnge werden ja doch die Mehrzahl der in Frage kommenden Anwärter Ostjuden :sein, die seit Jahrzehnten im Vertrauen auf Deutschland hier seßhaft sind und nicht unter der Aendcrung der politischen Konstellationen in den Ländern leiden dürfen. Sokoiow-Bankett. Am Mittwoch, dem 4. Februar, fand In London unter dem Vorsitz von Dr. Weizmann ein von der Zionistischen Exekutive und der English Zionist Federation veranstaltetes Bankett zu Ehren von Nahum Sokolow anläßlich seines 70. Geburtstages statt. Es nahmen ungefähr 200 Personen teil. Die Veranstaltung gestaltete sich zu einer großartigen Huidigung für den zionistischen Führer. Dr. Weizmann hielt eine warme Ansprache, in der er die Verdienste Sokolows für die zionistische Sache würdigte. Nach •Dr. Weizmann sprachen ferner Öberrabbiner Dr. Hertz, Sir John Russell, Chaim Nachinan Bialik, Leon Simon, Prof. Brodetsky, Dr. Eder, Harry Sacher und Wickham Steed (der ehemalige Außenpolitiker der ״Times“). Zum Schluß antwortete Sokolow in launigen und herzlichen Worten für die ihm dargebrachte Ehrung. Bau eines Theaters ln Jerusalem. Vor einigen Tagen hat die ״JJälestüie Land Development Co.“ im Grundbuchamt zu Jerusalem das Grundstück, auf dem der bekannte ,,Cinemä Zion“ steht, auf den Namen der Käufer übertragen. Es handelt sich um ein Objekt von ca._£ 11 000 außer den Investierungen für den Bau selbst. Das Grundstück ist etwa 2000 Quadratellen groß: der Boden gehört zu dem Gebiet, das die ״Palestine Land Development Co.“ vor etwa zehn Jahren vom Griechischen Patriarchen im Ausmaße von etwa 100 000 Quadratellen erworben hat. In diesem Kinotheater fanden bisher außer den laufenden Filmvorführungen alle Schauspiel- und Opernaüffüfirungen in Jerusalem statt; ebenso diente der Raum als Konzert- und Vortragssaal. Auf die Mängel des Raumes ist bei vielen Gelegenheiten hingewiesen worden. Nunmehr beginnen die Besitzer des Theaters mit Hiife einer ihnen zu diesem Zweck von einem sephardischen Juden gewährten Anleihe mit der Errichtung eines Erweiterungsbaues, durch den ein wirklich moderner und weiter Theater- und Konzerteaal) wie er in Jerusalem bisher nicht bestand, geschaffen werden soll. Durch den Neubau dürfte die Entwicklung des der ״Palestine Land Development Cq,“ gehörigen Bezirks an der Jaffa- und Ben-Jehuda-Straße einen weiteren Anstoß bekommen.