Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 7 (27.1.1931)
- Date
- 1931-01-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 0£$ Goldm&tk Zur Verschiebung des Kongresses JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint fedenDiensug u.Freiiag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5.75 Goldmark. sverdo» in dar Witmmg der etnreWji Lander KeTeduaet. Ai^igenprek►; 8 pmp. Noapsrefllezeile 0*5ö G-M. SeaUangcsrcidaa 0^S G.*M. Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m. b. H״ Berlin W15, Meinekestr .10. Telephon: J l Bismarck 716570־. Aar ftigajiAcW uß; Dicnstuß aodFreitag ס ■ c b m i 114 gs 4Uhr Postscheck - Konten : Berlin 17392, Basal V 9355, Belgrad 68032, Brusaal 39433. Budapest 596 93, D«uu1ig 1973. Haag 140 470, Prag 59410, Ris» 4155, Stras&hurg 1643*0, Warschau 190708, Wien 156030. Bank - Konten : Darromidtar- und Naticmalhank, Pepoaiten - Kasse© Berlin, Kurfürsteodstma 52; Banca de E*t, Osroaud (RitmÄniesn); AngJo Pslestine Co. in Haala, Jerusalem, Tel-Aviv. Nummer 7 | Berlin, 27. L 1931 RedaktionsschluS Sonntag und Mittwoch nachmittag. ט׳ שבט חרצ״א | xxxvi. j&hrg. Der Zionismus e«g*£gb*_*0^_«*»s Jüdischa Volk die Schäftung einer Öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm.” Das neue Jerusalem Die Londoner ״Time s“ bringt diese Woche in einer ihrer täglichen Bildbeilagen Bilder aus dem ״neuen“ Jerusalem. Geschäftshäuser, Neubauten, vor allem das imposante internationale 1 nxus-Hotel, das den Namen des Königs David führt. Schon vor einiger Zeit haben wir aus der ״Times“ einen Artikel?inert, der beschrieb, wie in der ״Heiligen Stadt“ neue Straßen, neue Viertel, neue Prachtbauten entstehen, ln der Tat, wer in den letzten zwei Jahren Palästina besucht hat, muß gestehen: Die auffallendste Veränderung, der überraschendste Fortschritt ist in Jerusalems Entwicklung zu verzeichnen. Vielleicht ist die Ueberraschung über diese Modernisierung der Stadt um $o größer, weil man gewöhnt war, sie trotz aller äußeren An* hängsei als ein mehr oder weniger unveränderliches Petrcfakt zu betrachten. Auch in zionistischen Kreisen begegnete man vor nicht langer Zeit dieser Ansicht: die zionistische Hauptstadt, sei nicht das Jahrtausende alte Jerusalem, sondern das moderne, komfortable und regsame Tef-Awiw; Jerusalem sei nur ein Museum. Heute ist das alles anders. Wasserleitung, Straßen- Verbesserung, Elektrztiiät, moderne Verkehrsmittel haben den Charakter Jerusalems in wenigen Jahren umgewandelt. Ueber diese Veränderungen gab der Korrespondent der ״Frankfurter Zeitung“ kürzlich eine zutreffende und anschauliehe Darstellung, der wir folgendes entnehmen: ״Seit Oktober sind die Straßen Jerusalems elektrisch beleuchtet. Man mag über die Schönheit der gewählten Beleuchtungskörper, in den Hauptstraßen der Stadt prismatische Laternen mit schwarzen eiserner», quadratisch eingeteilten Gittern ringsum, die mehr an eine deutsche mittelalterliche Stadt als an den Orient gemahnen, recht kritischer Meinung sein, die Tatsache bleibt aber bestehen, daß Jerusalem endlich durchwegs elektrisch beleuchtet ist Nur der, der Jerusalem vor auch mir fünf Jahren gekannt hat, kann ermessen, welche außerordentlichen Fortschritte diese uralte, hoch oben auf unwirtliehen Felsen türmende Heilige Stadt in dieser verhältnismäßig so kurzen Zeit gemacht hat Vor fünf Jahren waren selbst die Hauptstraßen Jerusalems im Winter ein Matschmeer und im Sommer eine Staubwolke. Nun sind alle Straßen im Innern der Stadt und aJIe großen ins Land hinäusführenden Arterien a sph ajtier't, .und d<tr von •v.ie r und * wa« zi g A,pi0, b u s 11 ri e n vermittelte Großstadtverkehr und die vielen Automobile rollen: schnell und glatt über Wege, die noch vor wenigen Jahren selbst für Karren «n Feld für Hindernisrennen böten. Vor fünf Jahren war cs schwer, Ln Jerusalem eine Wo 11 n u n g mit Badezimmer und elektrischem Licht zu finden, heute würde keine Familie auch des kleinen Bürger- Standes daran denken, anders in Jerusalem zu leben als mit Badezimmer, fließendem Wasser der städtischen Wasserwerke und elektrischem Licht. Das Aussehen der Jaffastraße vom Jaffator bis zu der Ben Jehudastraße , der untere Teil der KönigGeorg Avenue und vor allem die völlig neuen Stadtteile an der Mamillah- und an der BalinhofStraße haben sich auch nun im Laufe des letzten Jahres so geändert, daß sie schwer wiederzuerkennen sind. Vor allem die Bahnhofstraße mit ihren zwei großen Hotelbauten, die zum erstenmal in Palästina Hotels darstellen, die auch dem verwöhnten Reise- Publikum genügen können, und so sicherlich, ungeachtet der recht hohen Preise, zur Hebung des Touristenverkehrs beitragen werden, mit dem Riesengebäude der Young Men Christian Association und ihrem neuen Handelsvierte[ wird in kurzer Zeit den Schwerpunkt des Jerusalemer Verkehrs in diesen neuen Stadtteil verlegen, wo vor drei Jahren nicht einmal eine Straße die künftige Entwicklung angedeutet hat. Für den Touristen schwerer erkennbar, aber für den Einwohner um so wichtiger ist die außerordentliche Hebung der Gesch äft sku Itu r in den letzten fünf Jahren. Damals gab es in Jerusalem kaum ein Geschäft, das in seiner Aufmachung und in seinen Waren nicht die Atmosphäre entlegener Provinz an sich trug. Heute besitzt Jerusalem eine ganze Reihe von Geschäften, die in ihren Auslagen, aber vor allem in der Qualität und der Auswahl der geführten Waren durchaus städtischen europäischen Ansprüchen genügen. Dabei ist die Internationalität Jerusalems ein Vorteil: man kann dort ebenso gut englische wie deutsche, französische wie italienische Erzeugnisse erkalten und ist dort nicht, wie meist in europäischen Ländern, auf einen Geschmack und auf ein einziges Ursprungsgebiet der Waren festgelegt. Was Jerusalem freilich noch fehlt, ist ein modernes Theater und entsprechende Konzertsäle. Jerusalem verfügt nur über zwei geschlossene und zwei nur während des langen Sommers Benutzbare offene Kinotheater, wenn auch der Geschmack und die Aufmachung dieser Theater in der letzten Zelt erhebliche Fortschritte gemacht haben. Der Erbawer cm» würdigen Heimes für Theaterttfüf Konzciiau Rührungen in Jerusalem aber könnte sieh ungeachtet all^r ,Fortschritte der letzten Jahre uni die Heilige Stadt doch noch,sehr verdient machen.“ , Aegypten und die Palästina-Orange Die Folgen des Zollkrieges Wir haben bereits mitgeteilt, welche schwere S.chädigung dem palästinensischen Orangenhandel dadurch zugefügt wurde, daß Aegypten den Zoll auf Palästina-Orangen auf das Doppelte erhöht hat. Die Ausfuhr von Palästina-Orangen nach Aegypten ist in diesem Jahre fast vollständig unmöglich gewesen, weil sich die Früchte in Aegypten zu teuer stellen würden, um Absatz zu finden. Die Sache ist von größter Wichtigkeit aus dem Grunde, weil nach Aegypten stets diejenigen Früchte geschickt wurden, die kleine Fehler haben, wodurch sie zwar in der Qualität nicht geringer zu werten sind, aber für einen lange dauernden Schiffstransport ungeeignet werden. Für diesen Teil der Ernte war das nahe Aegypten seit vielen Jahren der natürliche Markt Das Beispiel zeigt die auch aus anderen Ländern bekannte Tatsache, ein wie zweischneidiges Sch wert jede Zoll- Politik ist; für das in manchen zionistischen Kreisen übliche dilettantische Gerede über ״Schutzzölle“ für Palästina sollten daraus gewisse Lehren gezogen werden. Denn wenn ein Teil der palästinensischen Produktion — etwa bestimmte Gemüse- Sorten — durch Schutzzölle gegen die ägyptische Einfuhr geschützt wird, antwortet eben Aegypten durch Zölle auf Palästina-Orangen. Es wäre zu wünschen, daß die palästinenrische Regierung bald zu einem Handelsvertrag mit Aegypten kommt, bei welchem die Interessen aller Kategorien Palästinensischer Produktion sorgfältig gegeneinander abgewogon werden. In der letzten Nummer von ״Near East and India“ nimmt eine Zuschrift von S. Tolkowsky (Tel-Awiw) auf die durch die ägyptischen Zölle geschaffene Situation bezug und betont, der einzige Ausweg in der überaus schwierigen Situation liege in einer industr-ieilen Verwertung der nunmehr für den Export nicht in Betracht kommenden und daher in Riesenmengen in Palästina verfügbaren etwas beschädigten Früchte. Die Menge dieser Kategorie von Früchten erhöht sich rapid von Jahr zu Jahr entsprechend der Vergrößerung der fruchttragenden Pflanzungen. In Palästina sei nur eine einrige kleine Fabrik zur Erzeugung von Marmeladen, Fruchtgeiees, kandierten Früchten usw. Es ist aber noch Platz für mehrere derartiger Fabriken, denn in wenigen Jahren wird man mit mindestens 20 000 Tonnen unexportierbarer Früchte rechneu müssen. Da der Inlandspreis dieser Früchte infolge der ägyptischen Zölle fast auf Null gesunken sei, biete sich hier eine ausgezeichnete Gelegenheit für die britische Industrie, die Verwertung dieses Produkts in Betracht zu ziehen, — Es darf vielleicht hinzugefügt werden, daß diese Tatsache auch für Interessenten in anderen Ländern wichtig sein könnte. Eine industrielle Verwertung der früher von ן Aegypten aufgenommenen Orangen wäre ein dauernder volks- | wirtschaftlicher Gewinn auch dann, 4enn es später gelingt, den 1 ägyptischen Markt wieder zu öffnen. VSlkerbtmdsrat und Mandatskommission In der am 22. Januar vormittags abgehaltenen Sitzung des Völkerbundsrates wurde nach kurzer Debatte auf Vorschlag des Rapporteurs, des Außenministers Marinkovic, der Bericht der Mandatskommission vom Völkerbundsrat zur Kenntnis genommen. (Ueber den Inhalt des Berichtes, soweit er uns interessiert, brachte die ״J. R.“ am 20. d. M. ausführliche Angaben.) In dem soeben erschienenen Protokoll der 19. Tagung der Mandatskommission (Nr. C643 M 262, 1930. VI) werden auch zwei Petitionen bezüglich Palästinas erwähnt, die von dem Mitglied des Syro-Palästinensischen Komitees Ihsam ei Dschabri am 11. Juli 1930 bzw. am 12. August 1930 eingebracht worden sind. Die Kommission ist auf diese Petitionen nicht eingegangen, da die in ihnen enthaltenen Forderungen gegen die Bestimmungen des Mandats verstoßen. Dem Protokoll dar Kommissionstagung ist u. a. das dritte Verzeichnis der kurz nach Beendigung der Palästina gewidmeten außerordentlichen Sitzung eingelaufenen Proteste von jüdischer Seite angefügt (Zwei derartige Listen waren bereits im vorhergehenden Protokoll enthalten.) Die Sturmkatastrophe in Palästina Jerusalem, 23. Januar. (J.T. A.). Die Sturmkata- Strophe, von der Palästina in den letzten Tagen heimgesucht wurde, hat im ganzen Lande schwere Schäden verursacht. Etwa 15 bis 20 «jo der Orangenernte sind vernichtet, in Haifa wurden einzelne am Meefesufer gelegene Eisenbahndämme vollkommen unterspült und die Geleise zerstört. Der neu errichtete Wellenbrecher im Hafen von Haifa wurde stark beschädigt. Ein Angestellter des Haifaer Hospitals fand durch Berührung einer vom Sturm zerrissenen Hochspannung«- leitung den Tod. Im Hafen von Jaffa sind 30 Ausladeboote gesunk'en. Die Springflut überschwemmte die Kais und drang in zahlreiche Gebäude ein. Auch die Allenby-Straßein T el-Awiw war übersch wem mt_, die elektrische Beleuchtung unterbrochen. Auf dem Tiberias-See kenferteeinvonfünfChaluzimbesetztesBoot. Zwei Insassen sind ertrunken, die übrigen konnten schwimmend das Ufer erreichen. Die Beisetzung Mohammed Alis Jerusalem, 24. Januar. (J. T. A.) Die Beisetzung des Führers der indischen Mohammedaner, Maulana Mohammed A li, in der Omar-Moschee zu Jerusalem fand am Freitag, dem 23. Januar, statt. Der Leichnam Mohammed Alis ruht in einem Sarkophag, der die Form einer Moschee hat. Anläßlich der Feierlichkeiten, an denen Tausende von Mohamtnedäncm aus ganz Palästina und den Nachbarländern teilnahmen, kam es zu Verbrüderungsszenen zwischen palästinensischen und indischen Moslems. Auf Anordnung des Großmufti waren die arabischen Arbeiter und Angestellten Jerusaletns dienstfrei. Zahlreiche Deputationen aus verschiedenen mohammedanischen Ländern nahmen an der Bestattungsfeier teil. Dank den umfangreichen Sicherungsmaßnahmen der englischen Behörden ist es im allgemeinen nicht zu Ruhestörungen gekommen, - Das deutsche Judentum und der Nationalsozialismus Vorfrag Dr. Krojanker in Berlin Am 13. Januar veranstaltete die F r a u e n - A r b e i t.s - Gemeinschaft für Palästina im Meistersaat einen Vortrag von Dr. Gustav Krojanker über das Thema: ״Das dritte Reich unter jüdischem Blickpunkt“. Um es vorwegzunehmen: was diesem Vortrag seinen hohen Wert verleiht und die Zuhörer vom ersten bis zum letzten Wort gebamrt hielt, das war die erschöpfende Analyse der wirtschaftlichen und politischen Erscheinungen, das Äufzeigen der Entwicklungstendenzen und ihrer Zusammenhänge sowie ihre Zurückführung aut' die letzte Wurzel. Hier wurde der Nationalsozialismus von der Straße weg unter die Lupe der wissenschaftlichen. Forschung gezogen, Bewegung und Partei scharf geschieden und gerade uns Zionisten, die wir bei einem großen Teil unserer Anhänger — der Arbeiter- Schaft — das Zusammenwirken nationaler und sozialer Strömungen nicht nur als existent, sondern als wünschenswert betrachten, die Verpflichtung auferlegt, die Ideologie des Natlonalsozialismus nicht nur unter dem Blickpunkt der liberalen deutschen Presse zu betrachten. ■ Dr. Krojanker unternimmt es darzustellen, was in den Massen vor sich gegangen ist, die am 14. September, dem schwarzen Tag der deutschen Politik, ihre Unzufriedenheit kundgegeben haben. Er zeigt uns, daß das Deutschland der letzten zehn Jahre ein anderes Gesicht trug, als es die liberale deutsche Presse widerspiegeite. Das Versacken der deutschen Revolution, verursacht durch das Sich-gegenseitig-Aufheben der nationalen und sozialen Kräfte, hatte den wirtschaftlichen Sieg des Kapitalismus hwbeigeführt, der sich in den darauffolgenden Jahren hypertrophisch zu entwickeln und auszubreiten begann und — national gesehen — die wirtschaftliche und politische Auslieferung Deutschlands an die Siegermächte zur Folge hatte. Die nationale Empörung darob wurde zwar gedämpft, als durch die Stresemannsche Politik der Verflechtung Deutschlands in die Weltwirtschaft eine gewisse wirtschaftliche Scheinblüte entstand, aber sie bestand dennoch weiter, auch wenn sie künstlich niedergehälten wurde, einerseits von der ■ bürgerlichen Presse, andererseits von den sozialistischen Führern. Denn sogar die vom Sozialismus beeinflußten Massen, die theoretisch und verstandesmäßig dem Internationalismus anhingen, empfinden instinktiv national und riad auch bereit, sich national mi betätige*', wem», ihnen׳ Nationalismus dne Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage in , Aussicht stellt. Dr. Krojanker stützt diese Auffassung, durch die Statistik der letzten Reichstagswahlen und dreist unter Zugrundelegung der prozentualen Berechnung nach, daß die S. P. D. prozentual die größte Anzahl der Mandate verloren hat, und zwar hauptsächlich an der! Nationalsozialismus, Als das wichtigste soziale Charakteristikum unserer Zeit erscheint dem Vortragenden, daß die Mauer zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden, die bisher von einer tragfähigen Mittelschicht, gebildet war, erschüttert worden ist. Mit Kriegsende setzte dne Verelendung großer Massen ein. die Inflation beschleunigte diesen Prozeß der Verarmung gerade jener bürgerlichen Mittelschicht, die am Kapitalismus interessiert war, deren Dezimierung für den Fortbestand des gegenwärtigen Systems verhängnisvoller sei als die anwach־ sende Arbeitslosigkeit. Denn gerade aus dieser Schicht der halbbürgerlichen, gegen das Abgleiten ins Proletariat vergebens ankämpfenden Elemente stammen die Wählermassen, die am 14. September dem N.S. ihre Stimme gaben. Hitler, der glänzende Agitator und Propagandist, hatte, obzwar er, nicht vom Sozialen ausging, sondern selbst erfüllt war von militanter nationaler Leidenschaft, mit gutem politischen Instinkt erkannt, daß alle nationalen und völkischen Bestrebungen wirkungslos verpuffen mußten, wenn es ihnen nicht gelang, die breite Masse dieser wirtschaftlich Unzufriedenen in ihre Reihen zu ziehen. So interessant und wichtig die sehr ausführlichen Gedankengänge betreffend die Charakteristik von Hitlers Per-' sönlichkeit und Programm, des Aufbaus des natianalsozialistischen Parteiapparates und der prognostischen Auswirkung auf die innere und äußere Politik Deutschlands auch sind, so kann nicht näher darauf angegangen werden. Wir müssen im engeren Rahmen des Themas bleiben. Die natioaalsozialistisc.be Bewegung ist ihrem innersten Wesen nach antikapitalistisch und pronational. Hieraus ergibt sich seine Stellung: zum Judentum. Weil die Juden im 19. Jahrhundert einen noch nie dagewesenen Aufschwung erlebten, die kapitalistisehen Tendenzen als erste entscheidend förderten, in den ihnen' von je als Hauptberufszweige zugewiesenen Gebieten des Handels, Verkehrs und des Geldwesens bahnbrechend wirkten und — was die Hauptsache ist — darin eine nach außen sichtbare Rolle spielten, erscheint der Jude als Prototyp des Kapitalismus. Dies findet auch keine Modifizierung durch die Tatsache, daß Juden in dem dem Kapitalismus feindlichen Marxismus hervorragend tätig waren. Int Gegenteil: Kapitalsmus und Marxismus werden nicht als feindliche Pole .auseinandergehalten, sondern vielfach identifiziert, und in beide״ erscheint der Jude als Exponent eines verhauten Systems. Diese von Hitler nun taktisch in äußerst geschickter Weise ausgemünzte Auffassung vom Juden als wesentlichen Vertreter des Kapitalismus entspricht aber keineswegs der Wirklichkeit. Bis auf einige Dutzend im Vordergrund stehender Männer, vorwiegend des Finanzkapitals, gehört die große Masse der deutschen Juden heute in jene verarmte Mittelschicht zwischen Großkapital und Masse, die immer mehr der Vernichtung auheimfäilt und deren Verschwinden gerade als für unsere Zeit charakteristisch dargestellt wurde. Der nicht-jüdische Teii dieser Schicht bildet, wie bereits gezeigt, die Kerntruppen des Nationalsozialismus. Neben der wirtschaftlichen Form des Kapitalismus bekämpft der N.S. auch dessen politische Form, die pariamentarische Demokratie und auch hier erscheint ihm der Jude an sichtbarer Stelle. Der bürgerliche Liberalismus hatte in seiner ursprünglich revolutionären Phase, als er noch die Losung der Freiheit und Gleichheit auf seine Fahne geschrieben hatte, die Juden in Scharen in seine Reihen gezogen. Seine Wandlung in eine aller Humanitätsideen baren Interessenvertretung des Besitzes und die Auflösung der Deut-