Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 3 (13.1.1931)
- Date
- 1931-01-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3, 13. I. 1031 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sehe 10 3. Bundestag des Zeire Misrachi M. bli 29. Dezember 1930 in Leipzig Zum dritten Male versammelten sich in Leipzig, dem Ort seiner Gründung, Delegierte und zahlreiche Angehörige des deutschen Zeire Misrachi und der ihm angeschlossenen Jüngerenorganisation Brith Hanoar. Der Bundestag zählte etwa 300 Teilnehmer. Die Beratungen wurden am 25. Dezember 1930, vormittags, vom Bundesvorsbzenden, R.-A. Erich Michaelis, Hamburg, eröffnet. Der Präsident gedachte der im vergangenen Jahre verstorbenen Chawera Idarclsenthal, Mannheim, zu deren! Andenken sieh die Versammelten von ihren Plätzen erhoben. Dr. J. L e i b o wi t z , Köln, stellte in seinem Referat: ״O e ־ setzestreues Judentum und soziale Verpfiicht u n g“ auf Grund bestimmter Thesen nächstliegende praktische Aufgaben des Bundes dar. Da gesetzestreues Judentum für uns keine Konfession in landläufigem Sinn bedeutet, sondern eine Reaii.ät, darf das Judentum nicht eingekapsdt werden im Bewußtsein vor dem alltäglichen Sein; es darf für uns kein Ausweichen geben, wenn jüdische Dinge mit Dingen der übrigen Welt zusammenstoßen. Unser Thema wird oft erörtert; aber wir verwahren uns gegen die dabei übliche Apologetik, gegen den Hinweis darauf, welche sozialen Gesichtspunkte in der Thora enthalten sind. Die Thora ist kein Mittel für irgend etwas, also auch nicht ein Mittel zur Herbeiführung eines bestimmten sozialen Zustandes. Vielmehr ist die Thora ein absoluter Wert. Sie stellt uns viele Aufgaben, und eine von diesen ist die Auseinandersetzung mit dem sozialen Zustand, Wir müssen den jüdischen Klal als das Gefäß ge• stalien, das die Thora fassen kann. De Hauptaufgabe ist also die Neugestaltung der autonomen jüdischen Gesellschaft, deren soziale Form wir uns schaffen müssen. Der jüdische Beitrag zur Entwicklung und Ausgestaltung der menschlichen Gesell• Schaft führt nur über die Ausgestaltung der jüdischen Gesell• Schaft. Solange wir letztere nicht als selbständiges, auf eigener Grundlage basierendes Wesen wieder hergestellt haben, bleiben jüdisch-soziale Pflichten eine gegenstandslose Frage. Die Auseinandersetzung über die aus der Thora abgeleiteten sozialen Pflichten der Juden führt notwendigerweise über den Zionismus. In der Nachmlttagssitzung referierte Dipl.-Agr. Rudolf Herz, Gehringshof, der Leiter des dortigen jüdischen Lehrguts, über ״Ke gesetzestreue Hachschara- und Chaluziuth-Arbeit in Deutschland“. Dank jahrelanger, zielbewußter Arbeit haben wir heute in Deutschland einen homogenen Kreis gesetzestreuer Chaluzim ausbilden können, die auch in Palästina als geschlosscne Gruppe in unserem Geist beispielgebend wirksam sind. Seit ungefähr zwei Jahren rekrutiert sich der Nachwuchs vorwiegend aus dem Zeire Misrachi. Das Bewußtsein eigenen Werts und seiner kulturellen Sendung muß dem jungen gesetzestreuen Arbeitspionier durch planmäßige Erziehung eingepflanzt werden, so wie es im Brith Hanoar und im Zeire Misrachi geschieht, ln und außerhalb Deutschlands, insbesonderc in Erez-Jisrael, liegen noch starke Möglichkeiten für gesetzestreue Chaluziuth. Hier liegt die wesentliche Aufgabe des Zeire Misrachi, eine Aufgabe, an deren Bewältigung er seine Existenzberechtigung erweisen muß. Am Abend fand eine große öffentliche Kund geb u n g statt, zu der etwa 1000 Personen erschienen waren. Nach Begrüßungsansprachen von Vertretern der jüdischen Re'jgionsgemeinde, der Z. V. f. D., des Misrachi, der B. J. A., der Agudas Jisroel, des Esra, der Hebräischen Sprachschule und des Lehrerkollcgiums der Höheren jüdischen Schule, sprachen als Vertreter der Weltorganisation des Zeire Misrachi, Chawer Mosche Skuratowski, Jerusalem, und Eisner, Berlin, für das Smtralbüro des deutschen Misrachi. Besondere Beachtung fand die Ansprache der Zionistischen Exekutive, des Herrn Lazarus Barth, London, der an die Versammelten einen ein- . drucksvollen Mahnruf zur Einigkeit im jüdischen Lager riehtete, wenn nicht die Sache des jüdischen Volkes verloren sein solle. Allen Begrüßungsrednern dankte der Bundesvorsitzer.de in einer kurzen Ansprache. — Das nun folgende Referat von Chawer Dr. Oskar Wolfsberg, Berlin, stellte einen Höhepunkt der Tagung dar. Zu einer Zeit, in der die Tat der ideoiogie Platz machen soll, sprach der Redner zur Ideologie der Tat. Das Programm des Zeire Misrachi, Tora wa-awoda, scheint eine Antithese zu bilden. Nun bilden gerade polare Be• griffe eine höhere Einheit, wie auch die Begriffspaare, Individuuni — Gemeinschaft, Land —Weit und Zeit—Ewigkeit. Das Begriffspaar Volk — Menschheit rührt an die Problematik des Zionismus. Denn vielfach wird unseren zionistischen Be- Strebungen entgegengehalten, daß die Menschheit höher zu werten sei als das Volk. Der Begriff Menschheit stellt letzthin eine Forderung dar, aber auch Volk ist ein legitimer Begriff. Wer glaubt, das ganze allein sei wirksam, der übersieht, daß Zusammenleben in engerem Verband eine Vorbedingung ist, ohne die eine glücklich organisierte Menschheit undenkbar. — Es ist für das jüdische Volk ein Glück, seine Lehre nur sich auferlegt zu «hen. So haben wir die Aufgabe, auch noch für unser Leben m der Zukunft wirksam zu sein. Das Leben im Religiösen haben wir zu vereinigen mit dem Leben des Alitags. Thora vva awoda, das heißt SchaffenmitKraftund Denken mit böchsterGeistesschärfe. Unser Wirken soll vom Gesetz durchdrungen sein. Viel wird die ״Religion der•• Arbeit“ gepredigt, das Bestreben, aus der Arbeit allein religiöse Kräfte zu gewinnen. Aber das Reich der letzten Ueberzeugungen wird nicht allein auf sozialen Fundamenten erbaut. Durch Thora und Awoda sollen die Spannungen zwischen Wort und Tat zu segensreicher, schönterischer Einheit verbunden werden. Heroismus und Schlichtheit in Lehre und Tat -- eine Antithese, die in •unseren Chaluzim Wirklichkeit geworden ist, wird gewiß von späteren Geschlechtern als Heldentum gewertet werden. Am folgenden Tage sprach der Bundespräsident R.-A. Erich M i c 11a e 11 s , Hamburg, über ״Politische Probleme des Zeire Misrachi“. Die Gesetzesverbundenheit des Zeire Misrachisten verlangt von ihm ein Leben in der Gemeinschaft und eine Abkehr vom allzu ausgeprägten Individualismus. Die naturnotwendige Folge jeder individualistischen Theorie ist ein kapitalistischcs Problem. Awoda azmith ist unsere Forderung für Lrez-Jsrael, unsere Chaluzim werden als Arbeiter hinübergehen, sie werden Proletarier werden. Wir haben in Erez-lsrael einen proletarischen Kampf zu führen. In unserer Arbeit sind wir schwer durch die Zustände im Brith Olamith behindert. Seit Danzig hat keine Weida olamith stattgefunden. Ke Leistungen der polnischen Landsmannschaft sind sehr gering. Tn England und Amerika wird für unsere Idee wenig getan. Gegen die Exekutive haben wir für Sehech Abrek einen erfolgreichen Kampf geführt. In Deutschland werden die Juden aus ihrer Evistenz verdrängt, und sö haben wir die traurige Aufgabe, innen die nackte Existenz zu sichern. Jüdische Stellenvermittlung niuute in großem Maßstab von den Gemeinden durchgeführt werden. Von der Vermittlung sollte auch der nicht ausgeschlossen sein, der am Schabbat arbeitet; zumindest bedarf diese Frage einer eingehenden Ueberiegung. Es ist bedauerlich, daß seitens der Rabbinen ihr verhältnismäßig wenig Aufmerksamkcit zugewandt wird. Auch ist die Schamlosigkeit zu brandmarken, mit der sich oft genug orthodoxe Arbeitgeber es von ihren Angestellten entgelten lassen, daß sie ihnen sabbatfreie Stellen gewahren. Unter starkem Beifall erklärte der Redner, cs sei eine Aufgabe des Zeire Misrachi in der Gala, den jüdi- 1 scnen Arbeitnehmern ein starkes Klassenbewußtsein durch eine starke Organisation zu geben. — In der anschließen־ den Debatte wurde besonders das Verhältnis des Zeire Misrachi zum Misrachi haklali besprochen. Hier kam klar ztfln Ausdruck, daß der Zeire Misrachi mit der Richtung der Farbstein und Fishmann im Gesamtmisrachi endgültig gebrachen hat. Das Plenum betonte in dieser Frage seine Ein- Helligkeit mit dem deutschen Misrachi. In der Debatte kamen ferner Kongreßpolitik und soziale Arbeit zur Erörterung. Am Schabbat begrüßte Herr Rabbiner Dr. Carlebach die Delegierten und Mitglieder des Bundes in feierlicher Anspräche während des Gottesdienstes. Am Nachmittag fand ein halachischer Vortrag unseres Chawers, Dr. Baruch Friedmann, Chemnitz, statt, daran anschließend ein von den zahlreichen Gästen mitbesuchter Qneg schabbath, Nach Schabbat- Ausgang sprach Herr Frankel, Leipzig, von KKL über die Bodenfrage. Im Anschluß an das Referat beschloß der Bundestag, sich für den Landau-Wald einzuzeichnen. Im weiteren Verlauf des Schabbat-Abends und des Sonntags fanden die interne Bund es fei er und interne Besprechungen statt. Grete Winter, Köln, referierte über ״Unsere Verpflichtung zum Gesetz und ihre Begründung“. Siegfried W e i fi b e r g , Hamburg, berichtete über den von ihm geleiteten Fonds des Zeire Misrachi, den Keren tora wa awoda. In der Berichtsperiode wurden der palästinensischen Arbeiterschaft des Zeire Misrachi beträchtliche Summen überwiesen. Nach D18 Kongreß - Scneheisammliing 1. Alle Ortsgruppen und SAekel -Vertrauensleute werden dringend darum gebeten, die noA in ihrem Besitz befindliAen SAekalim unverzüglich an uns abzuführen. 2. Wir fordern alle Gruppen und SA ekel *Vertrauens־ Ieute dringend dazu auf, die Sammlung fortzusetzen, trotzdem die jetzt noA gesammelten SAekel für die auf DeutsAland entfallenden Kongrefimandate naA den geltenden Bestimmun* gen leider niAt mehr ln BetraAt kommen. Dagegen dürfen naA dem BesAlusse der Haupt* wähl-Kommission noA alle diejenigen SAekelzahler an den Kongreßwahlen teilaehmen, deren SAekel unter gleiAzeitiger Ablieferung der für die Sammlung benutzten SAekelbloeks spätestens bis zum 24. Januar an uns abgeliefert werden. Die undesschsKeiNommisslon der zionistischen Vereinigung für Detiiaetiiann Berlin «18, rneineKestr 10 NstssMeR Mute: aariin m*. ■091 Bin»-Wirts: vsiRWinK wria, Berlin w 8, Frinrtiisetie *trtB• t 1(11111mm11n1f111111Rm1111ffi!111t1n111!H11n1n₪Rf11m11f11nn»ffl1N11f1uH1»1Hmn]11111n111»!111113ftu1nn1)1m1111t111111n11H dem Bericht über das Geleistete entwickelte er das neue Aktions- Programm, das siA aus dem vergrößerten Aufgabenkreis unserer Bewegung ergibt. Den Tätigkeitsbericht der Zentrale erstattete Chawer Richard Lasowski. Hamburg. Die Mitgliederzahl des Bundes hat siA seit dem letzten Bundestage um das Dreifache vermehrt, die Zahl der Gruppen hat sich verdoppelt, die Verbindung zu ausländischen Gruppen wurde angeknüpft und unterhalten. Ke Chaluziuth hat im Laufe der letzten Berichtsperiode einen starken Aufschwung genommen, es fanden vier Sommerlager statt, die insgesamt von zirka 900 Chawerim besucht waren. Es ist noch zu erwähnen, daß Chawer Mosche Skuratowski, Jerusalem, uns ein eingellendes Referat über den Hapoel Hamisrachi gehalten und ständig unsere Debatten durch seine, wertvollen, aus der Praxis kommenden Ergänzungen und Anregungen belebt hat. Sitz der neugewählten Zentrale ist Köln. Mitglieder sind Chawera Grete Winter und Chawer Dr. J. Leibowitz mit dem Rechte der Kooptation. Der Bundestag wurde nach einer Ansprache des bisherigen Präsidenten Michaelis und des neugewählfen Mitglieds der Zentrale Dr.* Leibowitz mit dem Singen der Hatikwa und Techesakna am 29. Dezember 1930 um 19 Uhr geschlossen. Aus den angenommenen Beschlüssen sind hervorzuheben mehrere Resolutionen, die sich gegen die Zustände im Weltverbande Zeire Misrachi wenden und Einberufung einer Weltkonferenz fordern, ferner selbständige Aktionen für den Keren Thora Weawodah befürworten, schließlich eine Förderung der hebräischen Arbeit und der A'.ijah ihren Mitgliedern zur Pflicht machen. Die Ortsgruppen des Zeire Misrachi werden aufgefordert, möglidist an ihren Orten einen nationaljüdischen Jugendring zu propagieren. Ke Konferenz gab ferner der neugewählten Zentrale eine Reihe von Direktiven bezüg'ich Ausarbeitung eines Erziehungsprogrammes, Ausbau der Bundesblätter, Rundschreiben usw. Moritz Michaelis Die ״Hablina“, die soeben ein erfolgreiches Gastspiel in London absolviert hat, kehrt noch im Laufe dieses Monats nach Palästina zurück. Sie schifft sich am 20. Januar auf dem Dampfer ״Mariette Paclia“ ab Marseille ein, nachdem es dem Palestine und Orient-Lloyd gelungen ist, ausnahmsweise eine Landung dieses Dampfers in Jaffa zu erreichen. Informationen und Buchungen für diese besonders günstige Verbitr'ung nur durch den Palestine & Orient-Lloyd, Berlin N, Friedrichstr. 121. Ein Streit um die ״Habima“. Aus Konstanz wird der ״Frankfurter Zeitung“ gemeldet: ״Der DeutsAnationalen Volkspartei in Konstanz hat ein für zwei Abende angekündigtes Gastspiel des Moskauer ״Habima“-Theaters nicht gepaßt. Deshalb: ״einmütiger Protest“. Argumente: der Selbsterhaltungstrieb zwinge zur Abwehr des Bolschewisntus auch auf kulturellem Gebiet; ״fremder Ideenkreis, fremde Sprache“, ״Notlage der heimischen Schauspieler“. Direktor Mayer vom Stadttheater setzte sich zur Wehr und klärte die Entrüsteten auf; Der künstlerisAe Wert der ״Habima“ stehe außer Frage. Der Notlage heimischer Kräfte begegne man bei Beratung des Theater-Etats, das Konstanter Theater Gastiere auch im Ausland, im Konzertleben höre man ohne rötest ausländische Solisten, es handle sich bei dem einmütigen Protest um eine Aktion gegen die Rasse, große Kunst sei übernational. Endlich: man werde ihn durch die Drohung, den Theaterzuschuß abzulehnen, nicht gefügig machen. Inzwischen hat das Gastspiel stattgefunden. Nicht ohne Störongen natürlich, wie es heutzutage Brauch ist, wenn die Politik sich einmengt. Jedenfalls haben die Konstanzer Deutschnationaleti ihr Herz offenbart; große Kunst ist verwerflich, wenn sie von russischen Juden geboten wird.“ Rabbi Joseph Susmanowitsch wurde zum Rabbiner von Slobodka und Oberhaupt der weltberühmten Jeschiwah von Slobodka gewählt. Briefe an die Redaktion Ein notwendige• Wort Berlln-Halensee, 11. Januar 1931. Sehr geehrte Redaktion, Am 10. d. M. veranstaltete die Poale Zion einen kontradiktorischen Abend mit den Revisionisten. Ein derartiger Versuch ist, besonders in der Zeit vor Kongreß-Wahlen, im Interesse der sachlichen Klärung nur aut das Lebhafteste zu begrüßen. Trotz des aufrichtigen Willens zur sachlichen Ausspräche, der zweifellos bei den Führern der beiden Parteien bestand, kam dieser Versuch leider zum Scheitern, weil die Versammlung am Schluß ein Bild jener ״politischen“ Veran- Haltungen bot, deren Ausklang man im Polizeibericht zu lesen bekommt Unabhängig von dem, was die einzelnen Redner ausfiihrtcii, unabhängig von jeder prinzipiellen oder sonstigen Stellung zu den beiden Parteien und jeder eigenen Stellung zu prinzipiellen oder tagespo'.itischcn Fragen muß aut die Gefahren für die zionistische Bewegung und ihre Zukunft hingewiesen werden, die in einer derartigen Verrohung^ der politischen Sitten liegen. Biese Gefahren sind um so größer, als der Lärm und noch Aergeres von jungen Menschen ausging. Gerade auf denjenigen, der den Judenstaat will,, mußten die Vorträge am Sonnabendabend besonders deprimierend wirken. Die Stärke eines Staates wie jedes politischen Gebildes liegt in der politischen Qualität seiner Bürger. Es ist keine Vorbereitung auf irgendeine politische Leistung hin, wenn man eine Jugend dazu erzieht, oder auch nur dahin kommen läßt, daß sie Meinungen anderer nicht anzuhören und mit ihnen sich nicht auseinanderzusetzen vermag. Es ist kein Zeichen nationalen Bewußtseins und nationaler Verantwortung, wenn man die Hatikwah dazu mißbraucht, um den politischen Gegner, der nebenbei auch Zionist ist, niederzuschreien. Wie sollen Menschen den Aufgaben und Vfcrantwortmigen gewachsen sein, die die zionistische und palästinensische Zukunft an uns alle stellen wird, wenn sie in ihrer Jugend in dem Glauben mindestens gelassen werden, der Radau sei nationale Politik! Wir gehen schweren außenpolitischen Situationen entgegen, unsere ganze derzeitige Lage ist hart und schwer. Solche Situationen kann ein Volk nur uberstehen, wenn es innerlich politisch reif und innerlich politisch stark ist Man muß an das Wort von Max Weber erinnern, daß nur ein politisch reifes Volk zu einer starken Außenpolitik imstande ist Es ist gut, auch manchmal an das wamendste Beispiel unserer eigenen Geschichte, an das Jahr 70, zu denken, aus dem man lernen kann, wohin losgelassener unreifer Fanatismus auch außenpolitisch führt Bisher haben die besten menschlichen und jüdischen lnstinkte den Juden zum Zionismus geführt Wir durften uns als die Avantgarde des Volkes aut seinem Wege zur Freiheit und in die Zukunft betrachten. Soll das jetzt anders werden?! soll die Bewegung zur Stätte eines Gassengeschreis werden?! Mit Sorgen und Grauen denkt man daran, wie das Gesicht der Bewegung in einigen Jahrzehnten aussehen wird, wenn unser Nachwuchs seine zionistische Entwicklung damit beginnt, die Bekundung der Unreife für eine löbliche nationale Tat und für das Zeichen zionistischer Ksziplin zu halten. Mit Zionsgruß Dr. Aron Gur witsch-Berlin. V Ein kurzer Bericht über die Versammlung erscheint an anderer Stelle. — Red. * Radikale and Revisionisten Herr Leopold Gold (Hindenburg) sendet 181s eine Berichtigung zu dem uns von der Gruppe der Radikalen in Beut he n zugegangenen und am 6. d. M. in der ״J. R." abgedruckten Bericht, ln der Zuschrift von Herrn Gold heißt es: 1״. In dem Bericht vom b. 1. a. c. wird behauptet, Herr Dr. Weißmann hätte in der Diskussion dem Standpunkt von Herrn Dr. Nahum Goldmann im ״Großen und Ganzen“ recht gegeben, was keineswegs der Tatsache entspricht 2. Des Ferneren wird den revisionistischen Vertretern unterschoben, das Niveau der Debatte heruntergebracht zu haben. Dies trifft in keiner Weise zu, denn im Gegensatz zum Schlußwort von Herrn Dr. Goldtnann habe ich In der Diskussion Herrn Dr. Goldmann in äußerst korrekter Weise seine bisherige unkonsequente politische Haltung zum Vorwurf gemacht. Dagegen aber hat es sich Herr Dr. Goldmann nicht nehmen lassen können, uns Revisionisten in seinem Schlußwort lächerlich zu machen und vor allem an’äß'ich eines geringfügigen, absolut harmlos gemeinten Zwischenrutes unseres Freundes Redlich, diesen wie auch die übrigen anwesenden Revisionisten mit dem Ausdruck ״dumme B e n g e 1s “ zu beschimpfen. Kese An- §. ... , . , . ־־'*■'־ ■־־ _ Ortsgruppen Leipzig. Am 18. Dezember 1930 fand eine öffentliche Versammlung• der Zionistischen Vereinigung Leipzig statt, in der Herr Dr. Soloweitschik sprach. Dieser Abend war hauptsächlich der Schekelpropaganda unter den Leipziger Juden gewidmet. Dr. Soloweitschik ging im ersten Teil seiner Ausführungen auf die Bedeutung des Schekels ein, der als finanzielles Rückgrat für die Zionistische Weltorganisation einerseits dient und andererseits alle Zionisten zahlenmäßig zu* sammenfassen soll. Im 2. Teil kam der Redner auf die politische Situation zu sprechen, in der er ausschließlich vom radikal-zionistischen Standpunkt aus die Lage beleuchtete und die Forderung nach dem ״Großzionismus“ erneut erhob. Nur in der Erziehung zu diesem größeren Zionismus sei die Propaganda in geeigneter Weise durchz«führen und der Nachwuchs an die große zionistische Idee heranzubringen. In der Kskussion trat Herr Dr. Loebensfein in gedrängter Form diesen Ausführungen entgegen und legte insbesondere die Entwicklung der deutschen Zionisten dar, die aus anderen Gebieten herkommen, sich in entschiedener und für sie verbindlicher Form zum Zionismus durchringen und ihn für ihr Leben durchzuführen versuchen, Beuthen. Salo Gutt mann, der in diesen Tagen fünfzig Jahre alt wird, gehört zu den Begründern der Zionistischen Ortsgruppe Beuthen und ist seit einer Reihe von Jahren Vor- Standsmitglied des Zionistischen Gruppenverbandes Oberschlesien. Den Traditionen seiner Familie getreu, steht er in unserer Gemeinde im Vordergründe aller jüdischen Arbeiten. Er ist der 2. Vorsitzende der Repräsentanten-Versammlung und Führer der Fraktion der Jüdischen Volkspart ei. Er ist 1. Vorsteher der Chewra Kadischa. In der städtischen Verwaltung ist er as Stadtverordtieter tälig und wahrscheinlich der einzige Zionist, der ausgesprochen in dieser Eigenschaft in eine preußische Stadtvertretung entsandt worden ist. So vereinigen sich viele Wirkungskreise in dem Tun dieses Mannes, welcher auch in seinem Berufe ein Vorbild emsigen Schaffens und in seiner Familie ein Muster hingebender Fürsorge ist. Möge ihm an der Seite seiner verehrten Gattin, einer Tochter von Dr. Eschelbacher, eine lange Reihe von Jahren des Glückes und einer befriedigenden Tätigkeit im Dienst der jüdischen Gemeinschaft beschießen sein. 'I