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Jüdische Rundschau · 1930-12-05 · Heft 96 (5.12.1930) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 96 (5.12.1930)
Date
1930-12-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zionismus und englisches Parieiwesen Einzelnummer OJts Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erschaust!«den CHanatag u. Freitag, Bezugspreis hei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 GoldmarL A״*l«nd»*bonn*m«ut• mtndan in dm Wihnm* dar «nmlnen Länder heradsBat. An?«ir*nnt«i, fa *mp Nanp*rm1l«i*il» 0.50 G..M. StotlerirMuch• 0,25 C.-M Nummer 96 Berlin, 5. XII. 1930 Redaktion Verlag und Anzeigen Verwaltung: füdische Rundschau G.tn.b.H^ Berlin W15, Meinekestr.IO Telephon: J l Bismarck 7165 -70. Annieanariiln!׳ Di•n* t«ן ■li Fraita( Bachsltt•(• 4 Ubr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Poatrebrcfe K 1 ס ס B: Berlin '173 92,Batet V 9355, %®l*rad 68032, Brtori 39433. Bedas•« 596•». Damit 1973, Haa470 140 ״, Pm* 594 10 Ri** 41551 Straaabarf!A4 30, Warschau 190 708, Wino 156030 Baak •Kantiai Danns,äd1«r u»d Nadooatbajsk, Dwpoaiteo Kassa Berits, Kartürstaudrmin 52; Bane« da Eat, Caraami (Rmulaias); Anelo PalaaUae Co, in Haifa, laruaalatn, Ta! Aviv כ״ו כסקו תרצ״א | XXXV. Jahrg, Per Zionismus erstreb« IDr da» jüdische Volk dl« Schaffung «Inet Öffentlich - rechtlich gesicherten Heinistitte Iw Palästina. ״Baseler Programm.•* Eine Botschaft Einsteins ״Die Antwort auf das Weißbuch muß verdoppelte Arbeit sein ‘ Prof. Einstein ist am 30. November nach Amerika abgereist, wo er in Pasadena (Südkalifornien) 11־ Wilson- Observatorium Forschungen anstellen wird. Während des viertägigen Aufenthaltes im Hafen von New York wird Einstein das Schiff nicht verlassen, da er außerstande ist, den Massen von Einladungen, die ihm zugekommen sind, Folge zu leisten und daher ausnahmslos alle ablehnen mußte. Doch hat sich Einstein bereit erklärt, eine Deputation der amerikanischen Zionisten und der Jewish Agency an Bord der ״Beigenland“ zu empfangen. Unmittelbar vor seiner Abreise aus Berlin empfing Prof. Einstein unseren Vertreter und betonte, wie tiefen Anteil• er an den das jüdische Palästinawerk betreffenden Vorgängen nimmt und wie eng er sich mit der Sache des Jüdischen Nationalheims verbunden fühlt. Uebcr seine Stellungnähme zu den letzten politischen Ereignissen befragt, gab Prof. Einstein folgende Erklärung ab: Ich kann nicht verhehlen, daß auch Ich durch die Stellungnähme der britischen Regierung und Bürokratie enttäuscht worden bin. Aber diese Enttäuschung wurde mehr als aufgewogen durch den Eindruck, den die Zuversicht und Solidarität der Juden auf mich gemacht haben. Die Reaktion der Juden der ganzen Welt beweist, daß sie in un 13811 eher Treue mit der Idee des Palästina-Aufbaus verbunden sind. Gerade in der heutigen Krise, die alle Völker ergriffen hat, ist die Judenfrage wieder in ihrer ganzen Schärfe spürbar. Wir Juden sind überall Zurücksetzungen und Anfeindungen ausgesetzt, und die Ueberstelgerung des Nationalismus und Rassenhochmute äußert sich in den meisten europäischen Ländern in einem aggressiven Antisemitismus. In solcher Zeit haben wir Juden eine Festigung unseres Selbstbewußtseins und eine Stärkung der Solidarität besonders nötig. Beides aber bewirkt nichts so sehr wie die Teilnahme an dem geineinsamen Werk des Aufbaus des Jüdischen Nationalheims in Palästina. Der Wert dieses Werkes wird nur vergrößert durch die unvermeidlichen Hlndernisse und Rückschläge. Denn ln der Bewältigung dieser Schwlerigkelten kann sich der jüdische Idealismus und die besten schöpferischen Eigenschaften des jüdischen Volkes entfalten und bewähren. Palästina ist ein unerschlossenes Land, und es wird durch jüdische Energie, Arbeit und Kapital, so verwandelt, daß es eine Pionierrolle Im ganzen Nahen Orient spielen kann. Dank dieser Aufbauarbeit nach modernen Methoden bietet Palästina Platz für Juden und Araber, die friedlich miteinander im gemeinsamen Land leben können, ich glaube, daß auch die Rückschläge des letzten Jahres dazu beitragen werden, das Bewußtsein zu verankern, daß wir ernst darauf bedacht sein müssen, in geduldiger Arbeit die Beziehungen zur Masse des arabischen Volkes zu verbessern und sie von den Vorteilen dieser Symbiose zu überzeugen. Ich sehe keinen Grund zum Pessimismus. Der Erfolg des Palästinawerks hängt vor allem von der Besonnenheit, der Entschlossenheit und den Anstrengungen der Juden selbst ab. Das Jüdische Nationalheim ist kein Luxus, sondern eine bittere Notwendigkeit für das Judentum. Darum kann die Antwort der Juden auf die gegenwärtigen Schwierigkeiten nur in verdoppelter Arbeit bestehen. 1B111111m11111B1u11H11HBm1i11mH1t1M1111H1m1n1m1nHU11111HU1111H11Hm1n11»1nH1111111H111Btu11HMMu111111t1twt111111111111111H1t11111>1111H11M1M111t1ntHM1m1H111u1H1mu1u11m1111111m111111HMn11111a1H11111nnHmu1ww11nunBW11wwwMH1wwi1n1w1MMMwm1 V®0 Georg JCarestL Der Jüdischen Volkspartei ist es am 30. November gelungen, die Mehrheit der Jüdisch interessierten Menschen in Berlin auf ihre Liste zu vereinigen. Von etwa 55000 Juden, die alle Synagogen, Betsäle und Betstätten am höchsten jüdischen Feiertage, am Jom Kippur, besuchen, hat die absolute Mehrheit, nämlich 28000, volksparteilich bzw. poalezionistisch gewählt. Und das nach einem Wahlkampf, in dem die Assimilation alle Unsitten des politischen Kampfes ins Groteske vergröbert hatte, in dem keine Einstellung und Verdächtigung zu niedrig war, um nicht als Mittel im jüdischen Kampf verwendet zu werden. Mit Geldmitteln, die größte politische Parteien nicht in der Lage sind, für einen einzelnen Wahlkreis auszugeben, ist eine Zionisten- und Ostjudenhetze (״Sieg über die Grenadierstraße“, ״Hinaus mit den Galizianem“) entfacht worden, die alles andere eher als geeignet war, den Respekt vor dem deutschen Judentum zu steigern. Zehntausend neue Menschen hat die Volkspartei in diesem Kampfe um ihre Fahne geschart. Das war die Antwort des wahrhaft jüdischen Berlins auf das liberale Trommelfeuer. Wenn auch durch das Zur-Urne-schleppen von völlig ahnungslosen alten Leuten, Austrittlem und sogar von Getauften der Prozentsatz unserer Sitze in der Repräsentantenversammlung diesmal nicht gesteigert werden konnte, so bedeutet die Wählerziffer einen weiteren Anstieg unseres Einflusses auf die Berliner Judenheit und daher ein weiterer erfolgverheißender Schritt auf dem Wege zur Durchsetzung unserer Forderungen. Die Liberalen haben in diesem Wahlkampf, in dem sie die Parole ״liberal oder volksparteilich“ ausgegeben haben, die in der Mitte stehenden Parteien zerschlagen. Der Kampf hat die Volkspartei wesentlich gestärkt, die eigentlichen Verluste haben unerwarterterweise die Mittelparteien zu tragen. Jeder weitere Wahlkampf muß mit Naturnotwendigkeit die Stellung der Volkspartei!,festigen, denn sie stützt sich auf die zum Judentum dringenden jungen Menschen, während der Liberalismus sich auch bei dieser Wahl wieder als die Partei derjenigen Gesellschaftsschichten gezeigt hat, die sozial und politisch, vor allen Dingen aber jüdisch-politisch, einer allmählich dahinschwindenden Epoche angehören. Die Volkspartei dankt heute den 26000 Wählern, die ihr durch den Stimmzettel ihr Vertrauen bekundet haben und ruft sie auf, den Kampf für ihre Ideale mit verstärkter Kraft weiterzufahren. Der neue Wahlkampf hat bereits begönnen! Majorität von 92W auf 1100 Stimmen gefallen Die mit Spannung erwartete Nachwahl in Whitechapel am 3. Dezember hat die Arbeiterpartei vor der schlimmsten Niederläge bewahrt Ihr Kandidat James Hall konnte das Mandat halten, die Partei hat aber einen starken Rückgang erlitten, da Hall nur 8544 Stimmen erhielt, während sein Vorgänger, der Labour- Abgeordnete Gosling, 13 700 Stimmen gehabt hat. Allgemein wird zugegeben, daß der Rückgang in erster Linie auf die Mißstimmung der jüdischen Wählerschaft wegen der Palästinapolitik der Arbeiterregierung zurückzuführen ist. Die 5000 Stimmen, die Hall verloren hat, waren sicherlich vor allem jüdische Stimmen. Zum großen Teil sind diese Stimmen dem liberalen Kandidaten Jänner zugute gekommen, der bekanntlich Jude und Zionist ist Er erhielt 7445 Stimmen, während bei der früheren Wahl der liberale Kandidat nur 4521 Stimmen gehabt hat. An letzter Stelle steht der Konservative, dessen Stimmzahl 7335 beträgt gegenüber 3417 bei der vorigen Wahl. ln den letzten Tagen vor der Wahl gestaltete sich der Wahlkampf besonders stürmisch. Verschiedene Parteiführer, darunter auch Lloyd George, hielten Wahlreden. Am Tage der Wahl stellte die ״Times“ fest, daß seit dem Krieg die Juden Whitechapels wenig Anteil an Wahlen genommen haben, daß jedoch diesmal der jüdische ,Kandidat Jänner gute Chancen hat, ebenso wie 1924 der jüdische Kandidat Nathan. ״Times meint jedoch, daß ein Teil der jüdischen Stimmen auch dem Konservativen zugute kommen werden, da er sich treu zur Balfour-Dekhration bekannt hat. Die Teilnahme der Poale Zion an der Seite der Labour Party im Wahlkampf hat in Palästina in den Reihen der Histadruth große Unzufriedenheit hervorgerufen. Die Arbeiterpresse bemüht sich, ihrer Anhlngerschaft zu erklären, daß jüdische Sozialisten für den Arbeiterparteiler eintreten müssen, zumal er sich unzweideutig für einen prozionistischen Kurs ausgesprochen hat. Vielleicht ist diese Unzufriedenheit in Palästina eine der Ursachen, warum die Führer der Histadruth, Kaznelson, Sprinzak und Ariosoroff, die als Redner einer Wahlversammlung zugunsten des Labour-Kandidaten angekündigt waren, im letzten Moment zu der Versammlung nicht erschienen sind. Die Klagemanerkonmlssloii fertig Genf, 2. Dezember. (J.T.A.) Die Mitglieder der Internationalen Klagemauerkommission haben in diesen Tagen in Paris eine Sitzung abgehalten, die drei Tage dauerte. Wie das Schweizer Mitglied der Kommission, Bundesoberrichter Barde, nach seiner Rückkehr aus Paris dem Genfer Verfreier der J. T. A. mitgeteilt hat, wurde der Bericht von den Mitgliedern der Kommission einstimmig angenommen und wird in etwa einer Woche der britischen Regierung übergeben werden. Wie wfr erfahren, wird der XVI!. Zfonlstenkongreß wahr schelnlkh in Karlsbad stattfinden und am 18. Februar eröffnet werden. Eine offizielle Bestätigung steht jedoch noch ata. Nach der Wahl Von Dr. Alfred Klee. Der Wahlkampf ist vorüber. Man hat vor dem Wahlkampf gewarnt mit Rücksicht auf den Emst der Zeit und die antisemitische Umgebung. Soweit man der Auffassung war, der Wahlkampf könnte gestört werden, war die Furcht übertrieben. Es haben Dutzende von Ver- Sammlungen, von denen einzelne von Tausenden von Menschen besucht waren, stattgefunden, kein Außenstehender hat gestört. Auch die Versammlung unter freiem Himmel ist durchaus unbehelligt verlaufen. Ob freilich das jüdisch und menschlich gleich unerhörte Anschlagsäulen-Plakat der Nationaldeutschen nicht Nach- Wirkungen haben wird, bleibe dahin gestellt. Man prangert nicht in der Oeffentlichkeit Juden, welcher Herkunft auch immer, an, ohne daß der Pfeil eines Tages auf den Schützen zurückschnellt. Trotzdem darf man die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, daß die antisemitische Welle so hoch geht, daß sie das gesamte in Deutschland lebende Judentum schwer bedroht. Daraus ergibt sich die eiserne Konsequenz, von der mich kein Wahlausfall, welcher Art auch immer, abzubringen vermag: Die Einheitsgemeinde muß um jeden Preis erhalten werden, die Schicksalsgemeinschaft aller jüdischen Menschen zwingt, auch da, wo es bei unsem Gegnern ungern geschieht, zum festen Zusammenschluß. Das bedeutet, daß die ernsteste Aufmerksamkeit auch morgen der Wirtschaftliehen Situation der Juden zugewendet werden muß. Unser Mittelstand versinkt. Unsere Massen verelenden. Der Kampfruf ״Nur Religionsgemeinde“ kann und wird vor der Praxis des Lebens nicht standhalten. Die Macht der Tatsachen wird einfach dazu zwingen, daß auch die Liberalen unseren Gedankengingen folgen und, was auch tarnet im Wahl- 3rafcfll&' NÖf#endigk€if «üliää,•' hfeht" tüislltf stehen können. Vieles in diesem Wahlkampf war sehr bedenklich. Es wird später darüber noch zu reden sein. Mit Genugtuung stelle ich fest, daß unsere Freunde durchgängig auch im Wahlkampfe ein Verantwortungsgefühl gegenr über der Gesamtheit gezeigt haben, das dem Ernst der gesamtjüdisehen Situation entspricht. Tief bedauerlich, daß das nicht auf allen Seiten so war. Die absolute Schwächung der Mittelparteien entspricht nicht der tatsächlichen Schichtung der Berliner Judenheit. Soweit es sich um Konservative handelt, so sind ihre Interessen, was niemand bestreiten wird, bei der Volkspartei gut aufgehoben. Wir werden den Grundsatz ״Gleiches Recht für alle“ wie bisher mit aller Entschiedenheit verfechten. Die erst kurz vor der Wahl organisatorisch aufgebaute ״Ueberpartei“ wird aus dem Ergebnis der Wahlen ersehen, daß zwar viele Berliner Juden Sympathien für ihre Tendenzen haben, daß aber ohne organisatorischen Aufbau bei Massenwahlen größere Erfolge nicht erzielt werden können. Dasselbe gilt für die ״Positiv-liberale Liste“, die in den jugendlichen intellektuellen liberalen Kreisen zweifellos starken Anklang findet. Auch hier fehlte der organisatorische Aufbau. Vielleicht darf aber als besonders charakteristisch hervorgehoben werden, daß sich hier die Namen der Söhne führender Ultra-Liberaler finden, die also markant vom Wege der älteren Generation sich abheben. Weg und Zukunft der ״Mittdparteien“ lassen sich schwer bestimmen. Eine allgemeine Würdigung des Wahlergebnisses für die Volkspartei ist bereits in der ״Jüdischen Rundschau“ erfolgt. Unser Weg ist klar. Suprema lex salus publica! Das heißt: Einheitsgemeinde, Erhaltung der jüdischen Menschen als Träger jüdischer Weltanschauung, Vertiefung jüdischen Bewußtseins und Verantwortungsgeffihl und gewissenhafte Mitarbeit an allen Aufgaben, die der Erhaltung und Behauptung der jüdischen Gemeinschaft dienen. So wird sich unsere Arbeit in ihren Grundlinien in keiner Weise von der bisher geleisteten unterscheiden. Das verlangt nicht nur unsere Weltanschauung, sondern auch der Ernst der Lage. Dabei wird natürlich die wirtschaftliche Situation in der Gemeinde bei allen Maßnahmen, genau so wie es auch bisher gewesen ist, sorgfältigste Berücksichtigung zu finden haben. Wir haben sparsam und vorsichtig in der ver. gangenen Periode gewirtschaftet und wir werden darauf achten, daß dieses Prinzip in der neuen Periode auch sorgfältig festgehalten wird. Daraus folgt natürlich nicht schematische Abdrosselung aller lebenswichtigen Ausgaben, sondern eine gewissenhafte Differenzierung zwischen dem, was gerade unter den heutigen Verhält- Bissen nottut und was ab zwar an sich wichtig, aber

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