Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 95 (2.12.1930)
- Date
- 1930-12-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2653156-2653244--22003-2680167- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Mniwori ggf dm Weißbuch Einzelnummer Q£5 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. AmiaadMboms«mcott werden in der Währung der etngetnea Linder berechnet Ameieeapreis H geap. Nonpareiflezeile 0.50 (X-M Stellengesuche 0.25 G.״M. Nummer 95 JL Berlin, 2. XU. 1930 Redaktion Vertag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.Hn BerliaWlS, Meinekeatr.10 Telephon: Jl Biamarck 7165-70. AnmigenschluÄ: Dl «■•tag and Freitag aaehmittag• 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag tmd Mittwoch nachmittag. Pasticheck Konten: Berlin 17392. B»»l V 9355, Belgred 68032. BtüsmI 394 33, Badhpm 59693. D«ntig »973, Hm* 140 470, Prag »4 10 Rigi 4155, Saaeiburg 16430. Windum 190708, Wien 156030. Bank - Kontent Dsrmetiüter and ׳ Natienalbenk, Depoaiaan Keaee Berta*. Karh'iratendantm 52; Banca de Eat, Cemaati (Rtnainieai); Angln PajMtise Ce, in Heile, feruaatem, Tel ־Aviv ב כסלו תרצ״א ו" I XXXV. Jahrg. י Per zlowl<>mu<> •«*»Irabt tOr «las |Udl«ch• Volk d>e Schaffung einer Bffentllch - rechtlichgesicherten Heimstitte In Palästina. ״Baseler Programm. Das Wahlergebnis Unsere Stimmen um 527. vermehrt -־ Zusammenbruch der Mittelparteien - Mißerfolg der neuen Listen — Wieder liberale Mehrheit Das Ergebnis Von Kurt Blumenfeld. Die Wahl zur Jüdischen Gemeinde war ein zionistisehes Ereignis, und das Ergebnis dieses Wahlkampfes entspricht meinen Erwartungen. Der Arbeit der Jüdischen Volkspartei ist es gehingen, die Juden Berlins an der Gemeinde zu interessieren. Die beste Wahlpropaganda leistete das jetzt von allen Juden gelesene in unserer Aera neu belebte Gemeindehlatt Unsere Freunde in der Gemeindearbeit sind sich stets darüber klar gewesen, daß wir zunächst einmal aus völlig Indifferenten — antizionistisch interessierte Gemeindemitglieder machen werden und daß es unsere Aufgabe ist, dieses neue Entwicklungsstadium herbeizuführen, um es dann zu überwinden. Die Liberalen haben mit dem Aufwand ungeheurer Mittel in einem hemmungslos geführten Wahlkampf eine Fülle von früheren Nichtwählem an die Urne gebracht. Wir haben als Ergebnis unserer Arbeit 9000 neue Mensehen unserer Sache verbunden. Es gijig um die zionistische Sache. Diese Wahl war eine Entscheidung für oder gegen den Zionismus. Gab es in unseren Reihen manche, denen eine so klare und eine worum es geht Meine smt Jahren vorgetragene Behauptung, daß der alte Gegensatz zwischen Orthodoxie und Liberalismus abgelöst worden ist durch Zionismus und Antizionismus, die auch in zionistischen Kreisen vielfach bestritten wurde, hat durch diese Wahl eine neue Bestätigung gefunden. Die Mehrheit der Juden ist noch nicht zionistisch, aber wer das Ergebnis dieser Wahl richtig bewertet, der muß sehen, daß der Zionistnus in unaufhaltsamem Vordringen begriffen ist Unsere Sache wäre nicht weniger wahr, wenn die Zahl der Anhänger geringer wäre, aber es beweist die Richtigkeit unserer Diagnose von der Gesamtsituation der Judenheit, daß sich heute eine sehr große Zahl von Juden unter zionistische Führung gestellt hat; bei jeder kommenden Wahl werden wir neue Fortschritte zu verzeichnen haben. Es hat sich gezeigt, daß gute Verwaltung — es ist kein Zweifel, daß unsere Freunde ausgezeichnete und auf vielen Gebieten der Verwaltung geradezu vorbildliehe Arbeit geleistet haben — allein nicht ausreicht, um die Mehrheit zu erringen. Es geht heute um die letzte grundsätzliche Entscheidung im Judentum: Sichabfinden mit den Verhältnissen, oder Erneuerung jüdischen Lebens durch eigene Tat. Zionistnus ist keine billige Ware, und die Eroberung der jüdischen Welt für die große Antwort auf die Judenfrage, die wir vor Jahrzehnten unter ungünstigsten äußeren Bedingungen unternommen haben, muß Zeit in Anspruch nehmen, wenn uns an einer wirklichen Umformung des jüdischen Lebens gelegen ist. Wir sind heute in der legitimen, den Verhältnissen in Wahrheit entsprechenden Situation einer großen, ihrer Verantwortung für die Zukunft bewußten Oppositionspartei. Unsere Aufgabe wird es sein, unsere Sache in Reinheit und mit der moralischen Kraft, die uns unsere Idee verleiht, zu vertreten. Wer vorzeitig zur Macht kommt, erliegt leicht der Gefahr des opportunistischen Kompromisses. Er muß sich unechte Bundesgenossen suchen, um in verhüllter Form Teile seiner Forderungen durchzusetzen. Die vergangene Periode war für uns eine Zeit wichtigster Schulung und Erprobung unserer verwaltenden Fähigkeiten. Die kommende wird eine Zeit bester zionistischer Auseinandersetzung sein können. Es wird noch Gelegenheit sein, den Wahlkampf in seinen einzelnen Phasen zu durchprüfen. Hier seien nur einige charakteristische Momente hervorgehoben. Wer geglaubt hat, daß eine ״Neutralisierung“ des C.-V. möglich sei, sollte jetzt endgültig seinen Irrtum einsehen. Zunächst nahm Justizrat Brodnitz in einem überaus peinlichen Artikel zur Wahl Stellung. Er kennzeichnete dort die dem Gesamtcharakter des C.-V. so gut entsprechende ״limitierte“ Religiosität der vom C.-V. unterstützten sogenannten religiösen Parteien und wandte sich gegen die von uns vertretenen Anschauungen eines unlimitierten jüdischen Lebens. Herr Justizrat Brodnitz, der den Wahlkampf in Klarheit und Reinheit führen wollte, drohte der zionistischen Bewegung mit ״Enthüllungen“ über die Lage des jüdischen Palästina. Dieser angeblich zurückhaltende Artikel war eine gute Illustration zu meinem auf der letzten Landesvorstandssitzung gehaltenen Referat über unsere Winterarbeit, in dem ich klarzumachen versuchte, daß der C.-V, der notwendige Gegenpol der zionistischen Bewegung sei. Er muß immer den Versuch machen, die vergangene Ent- Wicklungsperiode, die der Assimilation und der Entjudung günstig war, zu verewigen, und muß immer der Feind zentraler jüdischer Zukunftshoffnungen sein. In der Wahlnummer der ״C.-V.-Zeitung“ wurde das noch deutlicher, als er unsere Bestrebungen mit dem Wort ״Zurück ins Ghetto“ charakterisierte. Was uns Freiheit und Entwicklung höchsten Menschentums in jüdischer Sphäre zu sein scheint, ist für ihn Ghetto, während wir die Judenheit aus der Ghettohaftigkeit eines abgezirkelten, engen, verängstigten, nur auf das Wohlwollen der anderen angewiesenen Lebens zur neuen, auf innerer Sicherheit beruhenden Weltweite führen wollen. Die Liste der Positiv.Liberalen hat dieses Mal keinen lilil/6' aufbau einnimmi, muß wissen, daß es jahrelanger, unverdrossener Arbeit bedarf, um sich durchzusetzen. Für sie müßte der neue Wahlkampf in diesen Wochen beginnen. Die liberale Partei hat im Wahlkampf viele unwahre Behauptungen aufgestellt. Bedauerlich ist, in welchem Grade auch ihre Behauptung über die angebliche Verwendung von Steuergeldern für Erez-Ismel eine Un- Wahrheit war. Diese Wahl wird Zionisten, die eine ähnliche Auffassung vertreten, wie ich sie hier dargelegt habe, in ihrem Ergebnis befriedigen. Sie ist ein wichtiges Ereignis in der großen zionistischen Arbeit dieses Jahres. Die Wahlreiultaie Die Berliner jüdischen Wahlen vom 30. November brachten von ungefähr 130 000 Wahlberechtigten (etwa 5000 Wahlberechtigte, die ihre Wahllegitimationen wegen Wohnungs- Wechsels und aus anderen Gründen nicht bekommen hatten, bleiben außer Betracht) 77 398 Wähler an die Urne, das bedeutet eine Wahlbeteiligung von 59,54 "0. Ein derartig starkes Interesse an jüdischen Wahlen ist zum ersten Male seit dem Bestehen der Berliner Jüdischen Gemeinde festzustellen. Von der Gesamtzahl der abgegebenen gültigen Stimmen (461 Stimmen wurden ungültig erklärt) erhielten: die Liberalen 41 704, die Volksparte! 25 526, die Mittelpartei 1776, die Konservativen 1390, die Poale Ziou 1911, die Deutsche Liate 1344, Klal Jisroel 113, die Ueberpartei 2333, die P 0 - sitiv-Liberalen 721, der Demokratische Block 119 Stimmen. Demgemäß erhalten: die Liberalen 24 Mandate, die Volkspartei 14 Mandate, die Mittelpartel 1 Mandat, die Poale Zion 1 Mandat, ־ die Ueberpartei 1 Mandat. Zum Vergleich seien die Wahlergebnisse vom 16. M a i 1926 angeführt. Damals erhielten: die Liberalen 23 252, die Volkspartei 16370, die Mittelpartei 5 539, die Konservativen 2901, dfo.P'Oale Zion 2145, von insgesamt 80207 abgegebenen Stimmen. Verglichen mit der Wahl vom 80. November hat sich die Anzahl der abgegebenen Stimmen bei der ungefähr gleichen Anzahl van Stimmberechtigten um 544 *k «höht. Der Wahlquotient bei der Wahl am 30. November betrug 1887. Von den abgegebenen Stimmen erhielten die Liberalen 54 «0, die Volkapartei' fast 33 ״/״, die Poale Zion 2,47,0/0., Im Mai 1928 erhielten die Liberalen 48,81 0/0, die Volksparteiler 32,25 'י;י und die Poale Zion 4,27 0/#. Gegenüber den bei der Wahl im Jahre 1926 erhaltenen Stimmen haben die Liberalen diesmal eine Steigerung ihrer Stimmenzahl von TO 0/0 und die Volkspartei eine Steigerung von-52 0/0 zu verzeichnen. Mittelpartei, Konservative und Poale Zion, von den alten Par• teien, haben eine absolute und prozentuale Einbuße gegenüber den Wahlen von 1926 erlitten. , , Die Liberalen haben gegenüber den listenverbundenen Volksparteilern und Poale Zion eine Mehrheit von 14 267 Stirnmen, worauf, entsprechend dem Wahlquotienten von 1887, 7 Mandate entfallen sollten. Das geltende de Honte- System aber begünstigt die großen Parteien zuungunsten der abgesplitterten Stimmen und so bekamen die Liberalen anstatt der ihnen gebtorenden sieben Mandate neun. Zugleich mit den Wahlen zur Repräsentanten Versammlung fanden auch die Wahlen zum Preußischen Landesverbände jüdischer Gemeinden in Berlin statt. Während für die Gemeinde 41 Repräsentanten zu wählen waren, betrug die Zahl der Mandate für den Lande•« verband 63. Demgemäß erhalten die Liberalen 87 oder 38 Mandate, die Volkspartei 21 oder 22 und die anderen Parteien (Mittelpartei, Ueberpartei und Poale Zion) die reit• liehen 4 oder 5 Mandate. sta-rbe Richtungen in der jüdischen Gemeinschaft gibt?י Liberale und Zionisten. Es ist erfreulich, daß dj«, ״Deuteflte Liste״ (Naumann-Verband) kein Mandat zu erlangen vermocht#• Auffallend ist der starke Rückgang der Konserve* tiven. Die Neubildungen (.,Positiv-Liberale“, ״Klal Jisroel“, ״Demokratischer Block“) haben keine Resonanz in der Wähler• schaft gefunden. Auch die Ueberpartei ist in ihrer Stirn• menzahl selbst hinter pessimistischen Erwartungen zurück• geblieben. Die Mittclpartei hat einen sehr starken Stirnmenverlust zu verzeichnen und konnte nicht einmal den Wahl• quotienten erreichen. Ihr Mandat verdankt sie dem Umstande, daß die Restzahl der Liberalen für das 25. Mandat nur 1668, und die Restzahl der Volkspartei für das 15. Mandat 1703 beträgt. Die Volkspartei bleibt um eine geringe Anzahl von Stimmen hinter der von der Mittelpartei erreichten Zahl von 1776 zurück. Von der Jüdischen Volkspartei sind in die Berliner Gemeinde gewählt: Dr. Alfred Klee, Georg Kareski, Prof. Loewe, Hans Goslar, Marke• Hornstein, Lina Wagner-Tauber, Dr. Siegfried Moses, Prof. Dr. Hermann Pick, Dr. Hermann L e 1 e w e r, Alfred Berger, Arthur Rau, Dr. Oskar Wolfsberg, Moses Goldmann, Philipp Grünbaum und (da Georg Kareski Vorstandsmitglied ist und dieses Amt niederlegen müßte, um den Site in der Repräsentantenveraaramlung zu behalten) Moses W a 1 dma nn. Von der Poale Zion ist■ nur Dr. Oscar Cohn gewählt. Von der Mittelpartei ist gewählt Kommerzienrat Gerson Simon, und, da dieser aus Gesundheitsgründen das Mandat nicht bekleiden dürfte, Dr. Alfred Wiener, der Syndikus des Central• Vereins. Von der Ueberpartei ist Dr. Ismar Freund gewählt. Da Dr. Ismsr Freund als Vorstandsmitglied der Gemeinde auf das Mandat verzichten dürfte und auch gemäß bestehenden Abmachumgen die nächst genannten Kandidaten Dr. Josef Hirsch und Stadtrat Allons Rieß das Mandat nicht annehmen dürften, wird Vertreter der Ueberpartei in der Repräsentantenver- Sammlung Redakteur Leo Kreindler. Von den Liber a len sind u. a. gewählt: Kleemann, Heinrich Stern, Bertha Falckenberg, Wilhelm Marcus, Moritz Rosenthal, Wilhelm Graetz, Dr. Martin Lesser, Dr. Josef Guttmann, Karl •Facha, Dr. London, Bruno Woyda, Martin Sobotker, Kurt Fleischer, Walter Michaelis, Alfred Jaulus, Ehrenreich, Dr. Hans Sachs, Max Eisenkrämer, Louis Wolff, Benno Salinger, Hedwig Wittkowski, Eitel Rockmacher, Dr. Joachim Seeligsohn, Dr. Max Meyer. Da Kleemann sein Mandat im Gemeindevorstand behalten dürfte, wird noch Dr Kurt Lewin in die Repräsentanten- Versammlung einziehen. Von volksparteilicher Seite sind in die Landes• Versammlung des Landesverbandes gewählt: Dr. Klee, Georg Kareski, Dr. Hermann Badt, Kurt Blumenfeld, Dr. Emil Lewy, Dr. Soloweitschik, Dr. Werner Süberstein, Dr. Elfriede Bergel-Gronemann, Dr. Köllens eher, Dr. Sandler, Gustav Be• nario, Isidor Engländer, Dr. Kanowitz, Dr. Nahum Goldmann, Dr. Else Rabin-Heß, Dr. Georg Landauer, Dr. Abraham Loeb, Alfred Berger, Dr. Hermann Stahl, Pincha» Hauser, Dr. Abraham Steinert und, da von den Genannten mindestens drei In den Rat des Landesverbandes gewählt werden dürften, noch Dr. Uya Altschul, leider Bach und Dr, Alired Landsberg