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Jüdische Rundschau · 1930-11-24 · Heft 93 (24.11.1930) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 93 (24.11.1930)
Date
1930-11-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Das Echo der Unterhaus ״ Debatte JÜDISCHE Einzelnummer 0,35 Goldmark RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. 5־ f1slandsahoo0err»**Bt• werden in dm Wlhrong d«r einr«lnen Linder berechnet. Anreieenpreie: H tmp. Nm3pM־ertl*zeil© 0.50 G-M. SteÖ«ngeeuch« 0.25 G.-M. Nummer 93 | Berlin, 24. XI. 1930 Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.mib.f־L, BerlinW15, Meinekestr.10 Telephon: J1 Bismarck 7165—70. Ametg*a>scUa& Di «o tat und Fr i 1 * n.chmittsf• 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Pe«tseh«ck Koatpn: Berlin!7392, B««el V 9355» Belgrad 68032. Brüssel 394 33, B11 dspmt 596 93, Demi«!973, Heeg 140 470, Pree 594 10 Riga 4155, Strtftskurt 164 30, Werschau 190708, Wien 156 030 Bank .Konten: Dartnatidter und Nationalbank, Depositen Kesse Berlin. Kurfürsten dämm 52; Benca de Est. Gernauti (Rurokien): An&lo Peleetine Co. ia Haifa. Terusalem» lei Aviv; ■ ה, כסלו תיצ״א | xxxv. Jahrg. Per Zlonigfflus erstrebt fflr das jOdlsche Volk «He Schaffung einer Öffentlich ■ rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Jüdische Wähler und Wählerinnen! Am 30, November d. J. haben jeder in Berlin wohnende Jude und jede Jüdin zu entscheiden, nach welchen Grundsätzen in den nächsten Jahren die Jüdische Gemeinde in Berlin sowie der Preußische Landesverband Jüdischer Gemeinden verwaltet werden sollen. Bevor Ihr wählt, lest noch einmal das Programm der Jüdischen Volkspartei! Die Jüdische Volkspartei ist begründet auf der Ueberzeugung von der Einheit des Judentums in aller Welt. Sic lehnt daher ■alle Bestrebungen ab, die das Judentum in landeskirchenähnliche, von den Staatsgrenzen beschränkte einzelne Gemeinschaften zerreißen wollen. Sie verlangt, daß über den Greis der rein religiösen Tätigkeit hinaus und im Zusammenhang mit dem Gesamtjudenium allen Interessen der jüdischen Gemeinschaft im jüdischen Sinne gedient werde. Neben der Pflege der überlieferten Schätze der Vergangenheit verlangt die Jüdische Volkspartci von der Gemeinde und vom Landesverband umfassende Mitarbeit an den Zukunftsaufgaben des jüdischen Volkes.!m einzelnen erhebt die Jüdische Volkspartei folgende Forderungen, die sie während der letzten drei Jahre ihrer entscheidenden Einflußnahme in der Berliner Jüdisehen Gemeinde durchzuführen sich bemüht hat: ........ 1. Sammlung aller jüdischen Kräfte zur Einheit. Gleiches Recht für alle Richtungen im Judentum, die der Erhaltung des Judentums dienen. Gleichberechtigung aller Gemeindemitglieder, ohne Rücksicht auf Herkunft und Geschlecht. Wirksame politische Vertretung nach außen, Schaffung eines umfassenden sozialen Hilfswerkes, restlose Demokratisierung der jüdischen Körperschaften. 2. ln kultureller Beziehung: Erziehung eines von jüdischem Geiste und jüdischem Bewußtsein durchdrungenen Geschlechts. Der Jugend muß das Judentum lebendig und lieb gemacht werden. Die jüdische Schule ist zu fördern; neue jüdische Schulen aller Art sind ins Leben zu rufen. Das Hebräische ist als Sprache unserer Vergangenheit, und als lebende Sprache zu pflegen. Hierzu brauchen wir einen hochstehenden Lehrersland, dessen Unabhängigkeit und wirtschaftliche Gleichstellung mit den mm Staat angestellten Lehrern gesichert werden müssen. 3. Der Kampf gegen die Feinde des Judentums ist in würdiger Form zu führen. Nur jüdische Leistung, nicht Beteuerung erzwingt Achtung. •'/. Das deutsche Judentum hat an dem Aufbau der Jüdischen Heimstätte in Ercz Israel ideell und materiell milzuarbeiten. Wähler! Jeder, dem die Ziele dieses Programmes am Herzen liegen, der ein starkes, lebendiges, in der Vergangenheit wurzelndes, die Zukunft bejahendes, stolzes Judentum will, gibt am Wahltage seine Stimme der Liste 2 der Jüdischen Volkspariei. ......... Vor 4er Entscheidung Die Berliner, jüdischen Wahlen am 30. November sind die Entscheidungsschlacht zweier Richtungen im Judentum der Gegenwart. Die Berliner Wahlen sind maßgebend für die Haltung der Judenheit in Gesamtdeutschland. Es handelt sich hierbei, wie wir schon mehrmals dargetan haben, um den Kampf zweier Prinzipien, um den Gegensatz Assimilationsjudentum und Nationaljudentum. Aus diesen Gründen ist der wesentliche Inhalt des Berliner jüdischen Wahlkampfes die Auseinandersetzung zwisehen Jüdischer Volkspartei und den Eiberalen. Wir haben im Wahlkampfe darum mit gutem Bedacht uns davon ferngehalten, zu den einzelnen im Wahlkampfe auftretenden Richtungen besonders nachdrucksvoll Stellung zu nehmen, und haben uns darauf beschränkt, unsere Hauptaufmerksamkeit den Liberalen und den ihnen geistesverwandten, sie im Assimilationsbestreben übertrumpfenden Naumann-Leuten der ״Deutsehen Liste“ zuzuwenden. Es ist bedauerlich, daß der Wahlkampf eine Schärfe angenommen hat, die wir nicht gewünscht haben. Die Verantwortung dafür, daß der Wahlkampf von heftigen Worten und unangenehmen Vorkommnissen begleitet war, fällt ganz zu Lasten der Liberalen. Ein neuer Beweis — abgesehen von der Verwendung eines christlichen Saalschutzes in liberalen Wählerver- Sammlungen und Redeexzessen wie ״Galizianer hinaus“, ״Sieg über die Grenadierstraße“ — ist folgender Vorfall: Ein überparteilicher Ausschuß des Landesverbandes (Cenfral-Vereln, Liberale und Zionisten) hatte den Vorschlag gemacht, im Wahlkampf die allgemeine Presse nicht zu benützen. Dieser Vorschlag scheiterte jedoch am Widerstande der Gemeinde-Liberalen (und auch der Mittelpartei), während wir uns sogar bereit erklärt hatten, auf Plakatierung unserer Versammlungen zu verzichten. Drei andere Vorkommnisse: Die Liberalen versuchten, das in Berlin in jiddischer Sprache erscheinende Organ ״Das neue Wort“ durch Inaussichtstellung klingender Argumente dahin zu beeinflussen, daß dieses Organ den Jüdisch-demokratischen Block (Liste Felgenbäum) gegen die Volkspartei ausspiele, obwohl dieser Block, gleich der Volkspartei, für die von den Liberalen so sehr bekämpfte jüdische Schule eintritt. Ferner bemühen sich die Liberalen, Dr. Singalowski vom ״Ort“, dessen Kandidatur für ungültig erklärt wurde, dennoch zum Spitzenkandidaten dieses demokratischen Blocks zu machen. Schließlich sei erwähnt, daß eine von Moritz A. Loeb verfaßte Broschüre, welche die Jüdische Volkspartei in heftiger Weise angreift, sich einer merkwürdigen Förderung durch die Liberalen erfreut, obwohl Moritz A. Loeb in der letzten Repräsentantenversammlung Vertreter der Konservativen war. Der Eifer der Liberalen ist begreiflich. Ihnen bedeuten die Arbeit und der Einfluß in der Gemeinde den letzten Rest des von ihnen betätigten Judentums. Durch ihfe^Tlfpfw uni 4ifA »hre.JSityHdilpiif §in4:..si,e aus, dem Strom des jüdischen Volkslebens in der ganzen Welt hinausgerissen worden und haben keinen €usamm entlang mit -der lebendigen' Entwicfclung/der' jüdischen Gesamtheit. Da sie infolge der jüdischen Schicksalsgemeinschaft, die alle Juden umschließt, am öffentlichen politischen Leben keinen Anteil zu nehmen vermögen, so bleibt als Um und Auf ihrer politischen Betätigung die jüdische Gemeinde, ln ihr können sie ihren Ehrgeiz befriedigen, in ihr kurulische Stühle innehaben; sonst nirgends. Darum die Verbissenheit und der zähe Eifer im Kampfe um diese letzte ihnen noch zugängliche Position öffentlicher Betätigung. Für uns aber bedeutet die Arbeit in der Jüdischen Gemeinde nur einen wenn auch sehr wichtigen Teilabschnitt unseres gesarntjüdischen Wirkens. Die Arbeit in der Jüdischen Gemeinde ist eine unter vielen Aufgaben unseres jüdischen Gesamtwerkes. Zeit und Umstände bestimmen, welchem Teilgebiete sich in einem gegebenen Augenblick unsere Hauptaufmerksamkeit zuwendet. Es ist erfreulich, daß in diesem Wahlkampfe alle unsere Freunde, die sich sonst mehr innerzionistischen Aufgaben zu widmen pflegen, in geschlossener Front für die Durchsetzung unserer Grundsätze in der Jüdisehen Gemeinde in Berlin zusammenstehen. Unsere letzten Versammlungen und Zirkelabende bewiesen uns, daß wir, wie stets, auf unsere Freunde restlos zählen dürfen. Darum blicken wir dem 30. November mit ruhiger Siegeszuversicht entgegen. Die letzten Tage vor der Wahl und der Wahltag werden alle volksbewußten Juden urtd Jüdinnen Berlins als eine entschlossene, arbeitseifrige, siegesgewisse Kampfgarde sehen. Die Unterstützung, die wir in so reichem Maße von allen unseren Freunden in der Provinz finden, die Zustimmungen unserer Gesinnungsgenossen aus Wien, Warschau, Budapest, Prag, Bukarest, Kowno, Riga und den anderen Hauptstädten der Länder, in denen Juden in größerer Zahl wohnen, sind für uns ein Anspop, diesen Berliner Wahlkampf # in seiner großen Bedeutung zu würdigen und ihn mit a'ller Entschiedenheit zu führen. Eine Stärkung und Mehrung unseres Ein- Busses in der Berliner Jüdischen Gemeinde wird Trost und leuchtende Ermutigung für die volksbewußten Juden in ganz Europa sein. Wir sind überzeugt, daß alle unsere Freunde in diesem Wahlkampfe ihre Pflicht als Werber und Wähler erfüllen werden. s. n. Unsere nächsten Versammlungen Mittwoch, 26. Novembers Orpheum, Hasenheide; Zum Schultheiß, Chausseestr. 64; Cafö Gärtner, Bahnhof Beilevue. — Donnerstag, 27. November: Aula der Fürstin- Bismarck-Schule, Charlottenburg, Sybeistr. 2—3; Aula der 28. Schule, Leistikowstraße (Reichskanzlerplatz). — Sonnabend, 29. November; Stadthalle, Klosterstraße. EngUscheRegierung und Jewish Agency Die Verhandlungen begonnen. Leber den Beginn der Verhandlungen, die auf Einladung der englischen Regierung zwischen einem Kabinett-Komitee und Vertretern der Jewish Agency stattfinden, wird folgendes mitgeteilt: Die erste Beratung hat am Montag, dem 17. November, nachmittags, im Gebäude des Kolonialamtes stattgefunden. Den Vorsitz führte Außenminister Arthur Henderson, die anderen Vertreter der Regierung in der Konferenz waren Kolonienminister Lord Passt leid, Kriegsminister Tom Shaw, Marineminister Alexander. Für die Jewish Agency waren Dr. Weizmann, d’Avigdor Goldsmid, Professor Brodetsky und Harry Sacher erschienen. Die Beratungen fanden unter Ausschluß der Detferttlichkeit statt und beschränkten sich am ersten Tage mit Rücksicht auf die bevorstehende Eröffnung der Palästina-Debatte im Unterhaus auf die Regelung geschäftsordnungsmäßiger und technischer Vorfragen. Dienstag, den 18. November, morgens, wurde die Konferenz fortgesetzt. In der Vormittags- und Nachmittagssitzung brachte Dr. Welzmann ausführlich die Beschwerden und Forderungen der Jewish Agency in bezug auf gegenwärtige Politik und Maßnahmen der englischen Regierung in Palästina vor. Nach Schluß der Konferenz fand eine Sitzung der Exekutive statt. Daß solche Verhandlungen ״unter Ausschluß der Oeffentlichkeit“ sfattfinden, ist eine Selbstverständlichkeit, die kaum besonders betont zu werden bedarf. Es werden jedoch über die Sitzungen auch keine Berichte oder Comrauniques ausgegeben, da man wohl zunächst die Res u I - täte abwartet; auch könnten derartige Mitteilungen, solange die Verhandlungen im Gange sind, von der Jewish Agency nur auf Grund einer Vereinbarung mit der Regierung erfolgen. Angesichts des vertraulichen Charakters der Besprechungen sind also alle Mitteilungen, die auf diesem oder jenem Wege an die Oeffentlichkeit gelangen, mit Vorsicht aufzunehmen. Unter diesem ausdrücklichen Vorbehalt geben wir nachstehend eine Darstellung wieder, die von der JTA verbreitet wird und für deren Inhalt und Stilisierung wir ihr die Verantwortung überlassen müssen. Es heißt darin: Wie die JTA erfährt, ist das Zustandekommen der Konferenz zwischen Regierung und Jewish Agency auf die persönliehe Intervention des Ministerpräsidenten Ramsay MacDonald zurückzuführen. Hätte MacDonald nicht eine persönliche Einladung an Weizmann gerichtet, in der er ihn ersuchte, ״das Weißbuch für einen Augenblick beiseite zu lassen und die Situation an sich zu betrachten“, so hätte sich die Jewish Agency niemals zu Verhandlungen vor Zurückziehtutg des Weißbuches bereit erklärt. Auf Grund eines Be- Schlusses der Politischen Kommission der Jewish Agency hat Weizmann in der Konferenz zunächst keine positiven Forderungen ausgesprochen, sondern einen a 11 g e m einenUeberblick über die im Weißbuch zum Ausdruck gebrachten Unerechtigkeiten gegeben. Diese allgemeinen Darlegungen sollten er Regierung eine Vorstellung der positiven Forderungen vermitteln, die gegebenenfalls von jüdischer Seite gestellt werden würden. Der Bericht über die 2!/astündige Rede Weizmänns ist den Konferenzteilnehmern als vertrauliches Dokument zu- ־- - - .—!־״יי.-§ als Jüdisches Nationalheim, nicht aber als Judenstaat versprochen worden, entbehre jeder Grundlage. Es seien noch Staatsmänner am Leben, die bezeugen könnten, daß die britische Regierung im Jahre 1917 nichts anderes als den Judenstaat im Sinne gehabt habe. Wenn er, Weizmann, dieser Tatsache bis Jetzt nicht Erwähnung getan habe, so bedeute das nicht, daß sie bei den Juden in Vergessenheit geraten sei. Bezüglich der Einwande-

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