Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 86 (31.10.1930)
- Date
- 1930-10-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Aufruf dew Exekutive /c<;■ & - v * Einzelnummer O^tS Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erschein( jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5.75 Goldmark. Au»l»nd«ebonnement» werden ta der Wihrun* der eUuelnel» Linde, berechnet. Anreieenprei«: 8 geep. Nonp«reÜJe«de 030 O-U SteUen»wnch• 04$ G-M. Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m-b.H., BerlinWlS. Meinekestr. 10 Telephon: J1 Bismarck 7165 -70. Po.ocbeck.Konten: Berlin 0392, B«eel V 9355. Bei™! «8032, Brüssel 394 33, Bndepe« 59693. Dimlg 1973, Hie* 140470, Pr« 594 M Rice 4155. 8tne»batf 16430. Wuwb» 190 708, Wien 156030. Bank.Konten: Dermarldt*. and Nadorulbutk, Deport•»-K■«•• Berlin, Kurfüratendemm 52: Baaee de Eet, Cerneuti (RnmSnle»)־■ An*»» relewtoe Ca. in Haifa, ter11MÜ*1a, T«! Aviv. Nummer 86 | Berlin, 31. X. 1930 Radaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ט׳ מר חשון תרצ״א | xxxv. ' י ' '... . .. . « # Per Zionismus erstrebt IQr das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Englands Palästina - Politik Reden Baldwins und MacDonalds im Unterhaus Im englischen Unterhaus begann am 28. Oktober nachmittags die Generaldebatte über die Thronrede, ln der Thronrede selbst wurde auf die Palästinafrage nicht Bezug genommen. Der Führer der Opposition, Baldwin, sagte in seiner Rede u. a. Über Palästina folgendes: Ich möchte vom Primeminister sobald als möglich hören, ob der Wortlaut des Weißbuches über Palästina eine endgültige Aenderung der seit 1917 von mehreren aufeinander folgenden Regierungen verfolgten Politik bedeute. Mach Anschauung der Opposition, die das Dokument sorgfältig studiert hat, glauben wir, daß es in der Tat eine äußerst ernste Kursänderung beinhaltet. Die wahre Gefahr dieser Sache ist dem Unterhaus klar: Wenn es wirklich so ist, wie ich sagte, dann bedeutet dies, daß England sein gegebenes Wort widerruft. (Beifall.) Prime •Minister MacDonald sagte in seiner großen Antwortrede über Palästina folgendes: Der Führer der Opposition hat gefragt, ob der Wortlaut des Weißbuches über Palästina ein Abweichen von Englands Politik gegenüber dem Palästinamand a t bedeutet oder nicht. Ich kann darauf nur mit Nein antworten. Wen!) Mr«8aldwin sagte, daß das Wort Englands nicht gebrachen werden darf, dann muß ich ihn daran erinnern, daß die Erbschaft der gegenwärtigen Regierung nicht in einem Wort besteht, sondern fti mehreren gegebenen Worten, und diese Worte waren nicht immer miteinander im. E|;0 |la irjf.: Was. ,daher jgetap' w»r#@n mwi, itt: 'י Im Geist e 1 halten an seinem Wortlaut die Differenzen zwischen den widersprechenden Teilen gewisser Deklarationen auszugleichen. Ich muß wiederholen, daß nichts das Kolonialamt in größeres Erstaunen versetzt hat als die außerordentliche Bedeutung und die außerordentlichen Absichten, welche dem Kolonialamt und der Regierung anläßlich der Veröffentlichung des Weißbuches zugescarieben wurden. Im Oberhaus äußerte sich am selben Tage Lord Reading zur Palästinapolitik der Regierung. Er sagte: Zu der letzten Erklärung der ׳Regierung über ihre Palistlnapölitik muß darauf hingewiesen werden, daß es sich hier nicht nur um eine Angelegenheit zwischen Juden und Arabern handelt, sondern daß die Ehre Großbritanniens auf dem Spiele steht. Es ist die Pflicht der Regierung, Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen und die Position, soweit sie kann, wieder herzustellen, damit man nicht länger darüber Klage führen könne, daß die britische Regierung zusammen mit den alliierten Nationen während des Krieges Ihr Wort egeben hat, eine bestimmte Sachlage herbeizuführen und aß sie dann, nachdem die Schwierigkeiten und Gefahren der Kriegszeit vorüber sind, eine andereAn&Icht annimmt und von dem gegebenen Versprechen sich zurückzieht. Ich kann gar nicht begreifen, daß dies wirklich die Absicht der Regierung sein soll. Jeder wird zustimmen, daß die Regierung zu beiden Teilen der Bevölkerung gerecht sein muß und daß die bürgerlichen und religiösen Freiheiten der Araher ebenso wie die jedes anderen Teils der Bevölkerung gewahrt werden müssen. Trotzdem wenn die Regierung einmal ausgesprochen hat, daß sie sich zur Errichtung eines Jüdischen Nauonaiheims verpflichtet, dann dürfte Ihr nicht erlaubt sein, in einer späteren Zeit eine Handlungsweise an den Tag zu legen, Welche bei vielen der Beteiligten (ton Eindruck hervorruft, daß die Regierung ein falsches Spiel mit ihnen tr ei b t. — In seiner Erwiderung namens der Regierung sagte Lord Parmoor, die Regierung habe jede Anstrengung gemacht, um ihre Verpflichtungen und ihr nationales Ehrenwort sowohl gegenüber den Juden als auch gegenüber den Arabern einzulösen. ♦ "L’loyt "'George In 3er päiaff» über die *tlironrede auch auf die Palästinaprobleme zu sprechen und verlangte die bal - d|ge Aofttz5ung.eine» Uptejhajfsdeöatte Über drtae Fragen, die mit sehr schwerwiegenden Konsequenzen für England verbunden seien, einerseits durch Zusagen an die Araber, die eine finanzielle Belastung bedeuten, 1 andererseits durch die tiefgehende Erregung in den versehledenen Ländern wegen der Regierungserklärung, die in ein Gebiet internationalen Interesses eingegriffen habe. Zum zweiten November ln einem Moment schwerer Enttäuschung für das jüdische Volk jährt sich zum dreizehnten Male derTag der Baifour-Deklaration. Die bange Frage, die heute die Besten unter den Juden der ganzen Welt mit Sorge erfüllt, lautet: Ist der Akt staatsmännischen Weitblicks und mitverstehender Großherzigkeit, in welchem wir eine historische Stellungnahme nicht nur der englischen Regierung von 1917 und nicht nur der übrigen Großmächte, sondern der gesamten christlichen Welt erblickten, durch einen Federstrich der heutigen englischen Regierung zunichte gemacht worden? Will man, wie jetzt in manchen Zeitungen, jiidischen und nichtjüdischen, geschrieben wird, die Balfour- Deklaration, dieses feierliche Versprechen Englands, zu einem ״Fetzen Papier“ machen 1׳׳ Ist es möglich, daß das englische Volk vergessen hat, daß es 1914 mit der Parole, Verträge dürften nicht zu ״Fetzen Papier“ werden, in den Krieg geführt wurde? Die Erregung, die die jüdische Welt ergriffen hat, ist begreiflich. Denn es geht hier nicht nur um jüdische Interessen, es geht um das Prinzip von Treu und Glauben, es geht um allgemeine Ideen von größter geschichtlicher Tragweite. Die Balfour-Deklaration war eine Frucht jahrelanger zionistischer Bemühungen. Sie hat den Zionismus nicht geschaffen, sondern sie ist von ihm geschaffen worden. Die zionistische Idee, einmal in ihrer unerschütterlichen Notwendigkeit ins Bewußtsein der Welt und vor allem des jüdischen Volkes selbst getreten, kann nicht wieder verschwinden. Sie beruht auf einer elementaren Notwendigkeit des jüdischen Volkes, sie ist auch, wie gerade in der letzten Geschichtsperiode von Jahr zu Jahr deutlicher wird, für die Welt die einzige Form einer fruchtbaren und |*Medijg1»leit Attsetauigersetzung mit der. jmtetlrige, ־Äe ”1«® Zfönfstwüs entstehen li'(PÄ,'Wstehen in verstärktem Maße weiter. Wohl sind wjr nicht blind für die Schwierigkeiten, die die zionistische Lösunjj mit sich bringt, sowohl innerhalb als auch außerhalb Palästinas. Die durch sie aufgerollten Probleme beschiftigen. uns unaufhörlich, und wir wollen unsere Kräfte dafür ein setzen, sie zu bewältigen. Gewiß wissen auch wir, daß dies noch nicht restlos gelungen ist, und daß ein weiter Weg noch vor uns ist, aber ebenso sicher wissen wir, daß es keinen anderen Weg gibt, und daß das jüdische Volk an der Zions-Idee festhalten wird. In dem Prozeß der Ueberführung dieser Idee in die Wirklichkeit war die Balfour-Deklaration eine Etappe. Sie bedeutete den ersten Versuch der offiziellen Welt, sich mit dem zionistischen Aspekt der Judenfrage zu beschäftigen. Das jüdische Volk, durch die Leiden des Krieges und der Pogrome beispiellos mitgenommen und zermürbt, hat die Balfour-Deklaration mit Jubel aufgenommen. Uralte Erlösungsträume wurden mit ihr verknüpft. Es ist verständlich, daß gerade in einer solchen Untergangsstimmung die Seele danach dürstete, in der Welt des Grauens eine Stimme des Edelmutes und der Rettung zu vernehmen. In solcher Stimmung treibt ein Volk nicht philologische Analyse, beschäftigt sich nicht mit der Frage, ob das gegebene Versprechen eindeutig oder mehrdeutig, ob es exakt oder dehnbar ist. Diese dithyrambische Reaktion des Volkes hat auch den Ton für die jüdische Haltung der auf die Balfour-Deklaration folgenden Jahre angegeben. Es war ein gewaltiges Aktivum, das Englands Weltstellung damals buchen konnte. Je stärker das Gefühl der Dankbarkeit und Liebe zum England Balfours war, desto schmerzlicher und beleidigter ist jetzt der Zorn über den Versuch, da$ gegebene Wort seines wesentlichen Inhalts zu berauben. Der Kampf um den Sinn der Balfour-Deklaration hat mit aller Macht eingesetzt. Es wird noch Gelegenheit sein, in eingehender politischer Analyse die englische Palästinapolitik von 1917—1930 zurückzuverfolgen und die heute gegebene Lage zu betrachten, ln diesen Zeilen, die dem Gedenken an die Balfour-Deklaration gewidmet sind, müssen wir uns diese Erörterung versagen. Aber gerade wir, die schon vor vielen Jahren an dieser Stelle vor Uebertreibungen gewarnt haben, gerade wir, die stets den Unterschied zwischen der wahren Geulah und nüchtern zu betrachtenden politischen Dokumenten betont haben, wollen gerade heute die Bedeutung der Balfour-Deklaration, dieser unvergänglichen politischen Tat, hervorheben. Die Balfour-Deklaration ist und bleibt die politische Anerkennung der historischen Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Palästina und des Rechtes auf die volle Verwirklichung des Basler Programms. Sie hat gewaltige Kräfte im jüdischen Volk wachgerufen. Die von ihr ausgehende Politik hat Massen von Juden nach Palästina strömen lassen, die Epoche der Balfour-Deklaration hat uns jüdische Dörfer und Städte, einen starken selbstbewußten MacDonalds Antwort an Smuls Die Antwort MacDonalds an General Stnuts stellt die erste offizielle Aeußerung seit Veröffentlichung der Regierungserklärung Über Palästina dar. Wir haben bereits in der vorigen Nummer der ״J.R.“ eine Wiedergabe des Protest-Telegramms von Smuts sowie einen Auszug aus MacDonalds Antwort veröffentlicht. Heute sind wir Tn der Lage, die Antwortdepesche vollinhaltlich zu publizieren. MacDonalds Depesche lautet: ״Ich bin sicher, daß die Ansichten, denen Sie in Ihrem Telegramm vom 22. Oktober Ausdruck gegeben haben, aui einem unvollständigen telegraphischen Bericht über den Inhalt der britischen Regierungserklärung und über den bedeutsamen Bericht von Sir John Hope Simpson beruhen. Wenn Sie den Text dieser beiden Dokumente gelesen haben werden, so werden Sie, wie ich glaube, zugeben, daß angesichts der neuerlich zu unserer Kenntnis gelangten Tatsachen die Regierungserklärung bei objektiver Beurteilung nicht als ein Äbweichen von der Balfour-Deklaration bezeichnet werden kann. Die Balfour-Deklaration sah ausdrücklich vor, daß nichts etan werden sollte, was die bürgerlichen und religiösen echte von vorhandenen nichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina beeinträchtigen könnte. Seit der Annahme des Palästina-Mandates hat die Entwicklung der Ereignisse, insbesondere manche von dem bei der Errichtung des Jüdischen Nationalheims angewandten Arbeitsmethoden, zu einer Gefährdung der Lage der nichtjüdischen Gemeinschaften in einem Maße tendiert, welches uns in der Beleuchtung des Hopc-Simpson-Reports schwere Bedenken verursacht hat und uns von der Notwendigkeit überzeugte, spezielle Maßnahmen zu ergreifen, pm die Erfüllung der in dem Mandat enthaltenen doppelten Verpflichtung sicherzustellen. Die britische Regierung hat die von der Permanenten Mandatskommission und dem Völkerbundsrat bestätigte Ansicht bekräftigt, daß die in dem Mandat niedergelegten Verpflichtungen gegenüber den beiden Bevölkerungsgruppen von gleichem Gewicht sind. Sie werden sich auch erinnern, daß die Permanente Mandatskommission der Ansicht Ausdruck gegeben hat, daß, wenn die Mandatarmacht der sozialen und wirtschaftlichen Anpassung der arabischen Bevölkerung an die durch die jüdische Immigration geschaffenen neuen fiedln* gungen mehr Aufmerksamkeit zugewandt hätte, sie im Interesse beider Bevölkerungsgruppen gehandelt hätte. Unsere gegenwärtige Politik ist in Ueberelnstimmung mit dieser Anregung. Unsere Politik sieht den Plan einer mehr methodisehen landwirtschaftlichen Ent Wicklung vor, die, wie Hope Simpson nachweist, die einzige Methode darstellt, bei deren Anwendung eine Ausdehnung der jüdische nlandwirtschaftllchenSledlung möglieh werden wird, die in Ueberelnstimmung steht mit aen im Artikel 6 des Mandates niedergeiegten Bedingungen, nach welchen die Rechte und die Lage anderer Bevölkerungsgruppen nicht beeinträchtigt werden sollen. Die britische Regierung hat es in der Regierungserklärung klargestellt, daß Maßnahmen für landwirtschaftliche Entwicklung in Aussicht genommen sind, an deren Wohltaten sowohl Juden wie Araber einen Anteil haben können. Weder hinsichtlich der Bodenpolitik noch hinsichtlich der Einwanderung beabsichtigt die britische Regierung, das Jüdische Nationale Heim Im gegenwärtigen Stadium seiner Entwicklung erstarren zu lassen. Die Regierungserklärung zielt auf keine Einstellung oder auch nur Suspendierung der Kolonisation auf den weiten, bereits im jüdischen Besitz be- Endlichen und noch unentwickelten Ländereien. Hinsichtlich der nicht! ändwirfscha Glichen Immigration war es ständige Politik verschiedener Regierungen, daß jüdische Einwanderung die ökonomische Aufnähmefähigkeit des Landes für neue Ankömmlinge nicht überschreiten soll. Die neue Erklärung bestätigt dieses Prinzip erneut ln Worten, die anerkennen, daß es Infolge verschiedener Ursachen in der Vergangenheit unvollkommen angewandt wörden Üt. Die britische Regierung hat anerkannt, daß die von ihr dargelegte Politik notwendigerweise die Hoffnungen der radikaleren Elemente beider Gemeinschaften enttäuschen muß. Die Regierung vertraut aber darauf, daß bei vollerer Würdigung der Tatsachen und bei einem genaueren Studium der auf diesen Tatsachen basierten Politik, sich immer mehr Unvoreingenommene finden werden, die davon überzeugt sind, daß in Ihren Hauptlinien diese Politik nicht allein mit den Mandatsverpflichtungen übereinstimmt, sondern auch den Interessen beider Gruppen der palästinensischen Bevölkerung dient, deren Wohlfahrt der britischen Regierung ernstlich am Herzen liegt. (Siehe auch 2. Seite.) Vom Initiativkomitee der Jewish Agency Der Vorsitzende des Initiativkomitees für die Erweiterung der Jewish Agency ln Deutschland, Direktor Oscar Wassermann, hat die Mitglieder des Komitees zu einer Tagung, die am 18. November in Berlin stattfindet, efageladen. t