Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 84 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das neue Weißbuch Einzelnummer 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmarlt, vierteljährlich 5.75 Goldmark. *uislandsabonnamania ward« io dar Wlhrtmf׳ der cdazelnes Linder berechnet. \n*eipenpreis: ** ttmsp. NonpereilJerelle 0,50 CUM. SteOeageaudie 0,25 G.-M. Nummer 84 | Berlin, 24. X. 1930 Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., BerlinW15, Meinekestr. 10 Telephon: Jl Bismarck 7165-70. AnzcigducUaS: D i n t g and F r «i 1 g a.chmltug• 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. P.iuthitk Konten: Berlin 17392, Bteel V 9355. Belgrad 68032, Brüaeel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 594 10 Riga 4155, StrawWg 164 30, Wandaau 190708, Wien 150030 Bank-Konten: Darmmidier und Nitionalkenk, Depositen Keaae Berlin, Kurlümendenun 52: Banca de H«, Cemaati (Ruminien): Anglo Palästina C«. in Haifa, Jerusalem, lei Aviv ב, טר חשון תרצ״א | xxxv. Jahrg. Per Zionismus erstrebt für da« Jüdische Vom die Schaffung einer Öffentlich»rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm«“ Nach der Regierungserklärung Weizmanns Aufruf In ernster Stande! Die Erklärung der Britischen Regierung über die zukünftige Palästina-Politik hat mich veranlaßt, der Mandats-Regierung mitzuteilen, daß ick von meinem Amt als Prä! ident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency zurücktreie. Wenn ich diesen Schritt getan habe, nachdem es mir über ein Jahrzehnt vergönnt war, die politischen Geschicke der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency zu leiten, so ist darin bereits meine Beurteilung der Regierungs-Erklärung zum Ausdruck gebracht: mein entschiedener Protest gegen eine einseitige und ungerechte Kritik unseres Werkes und meine Zurückweisung einer Politik, die mit dem feierlichen Versprechen der englischen Nation und dem Inhalt des Mandats im Widerspruch steht. Es wird keine Zeit versäumt werden, um den berufenen Organen der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency Gelegenheit zu bieten, im Nassen des jüdischen Volkes Antwort auf dieses Dokument zu geben, die sie in Ernst und Würde zu geben wissen werden. ln dieser Stunde, da ich von der Leitung der Bewegung zurücktrete, fühle ich mich gedrängt, ein Wort zu richten an das jüdische Volk, an die Ungezählten, die in unwandelbarer Treue zu Zion stehen: Gewiß, eine Zeit ernster Prüfung sieht uns bevor, eine Zeit des Kampfes mit neuen Widerständen und Schwierigkeiten. Aber sie treffen ein Volk, das widrige Geschicke kennt, das bereit und fähig ist, sie zu besiegen, und das gelernt hat, sich auf sich selbst zu verlassen. Der Aufbau des Jüdischen Nationalheims — ist er denn etwas anderes als eine neue Phase jenes unvergleichlichen, Jahrtausende allen Kampfes, den das jüdische Volk mit Opfern ohne Zahl, für seine Zukunft, seine Unvergünglichkeit geführt hat? Und wenn wir auf unser Werk in Palästina blicken, ist es nicht unser Stolz, daß wir es waren, die aus e i ge ne r Kraft eine Landvrirtschaft, aus eipßnem Fleiß eine Industrie schufen und aus eigenem Geist eine Universität? An diese schöpferische Kraft des Volkes, an sein Vertrauen zu sich selbst und zu seiner großen geschichtlichen Bestimmung appelliere ich in diesem Augenblick als einer, der am tiefster Seele an sie glaubt. Ich wende mich zuerst an den Jischuw: Steht fest in erprobter Willensstärke und führet den Bau fortl Unbeirrt und zukunflssicher geht unser Werk weiterl Den Freunden Zions in allen Ländern aber rufe ich zu: Schließt Euch zusammenl Legt Zeugnis ab für Eure Treue zum jüdisch-nationalen Heim — in Wort und Tat, durch verstärkte Anstrengung, durch vervielfachte Leistung! Laßt um der Welt zeigen, was uns Erez-lsrael bedeutet und daß wir unerschütterlich zu ihm stehen in Liebe und Hingebung. London, 2i. Oktober 1930, Unsere Antwort Mit einer selbstverständlichen, aber trotzdem Imponlerenden Einmütigkeit haben nach den bisher vorliegen* den Nachrichten die gesamte zionistische und palästinafreundliche Welt und, weit darüber hinaus, große Kreise des jüdischen Volkes ihre Entrüstung über die britische Regierungserklärung zur Palästinapolitik manifestiert. In den Demissionskundgebungen der Führer der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation, sowie in allen Entschließungen der in den einzelnen Ländern sofort versammelten Gremien der Zionistischen Organisation kommt neben der Empörung über den Inhalt der britischen Re* gierungserklärung die unbeugsame Entschlossenheit der Judenheit zum Ausdruck, mit aller Entschiedenheit den Kampf gegen die gegenwärtige Haltung der britischen Regierung aufzunehmen und mit verdoppelter Energie das Werk des Palästinaaufbaus fortzusetzen. Zionismus und Palästinaaufbau unter allen Bedingungen und um jeden Preis! Das ist die Parole des jüdischen Volkes, das ist die Antwort der zionistischen, der gesamten jüdischen und nichtjüdischen palästinafreundlichen Welt. Trotz aller Empörung und leidenschaftlichen Erregung wird die neue Situation mit Ruhe und Nüchternheit be* trachtet Noch sind die Durchführungsbestimmungen der von der britischen Regierung bekanntgegebenen neuen Grundsätze ihrer Palästinapolitik nicht getroffen. Noch hat die Palästinadebatte des englischen Unterhauses nicht stattgefunden, ln dem großen Ringen zwischen britischer Regierungspolitik und dem jüdischen Volke ist vor der öffentlichen Meinung der Welt das jüdische Volk der An* kläger und die britische Regierung der Angeklagte. Das Recht steht, dem Buchstaben und dem Geiste nach, zweifellos auf unserer Seite. Es handelt sich in diesem historischen Rechtsstreit allerdings nicht nur um einen Rechts* fall, sondern auch um Fragen der Macht Es ist nicht richtig, mögen auch kaltherzige Bürokraten des Colonial Office und trockene Dogmatiker im englischen Regierungslager dieser Ansicht sein, daß das jüdische Volk, obwohl es weder über Armeen noch Flotten verfügt, machtlos und der Willkür der britischen Regierung bedingungslos ausgeiiefert ist Unser Recht, unser entschlössener Wille und die Sympathie der geistigen Führer der Welt sind Waffen, mit denen wir in diesem Prozeß gegen die englische Regierung kämpfen werden, und wir sind überzeugt, daß wir in unserem Kampf auf die Unterstützung nicht nur der konservativen Führer, sondern auch anderer Parteien, der englischen Nation und der edlen Repräsentanlen der Menschheit zählen können. * Kurt Blumenfeld, Dr. Bernhard Kahn und Direktor Oscar Wassermann haben nachstehende Erklärungen zur gegenwärtigen Lage der Presse zur Veröffentlichung übergeben: Kart Blumenfeld Vorsitzender der Z. V. f. D.: Was bedeutet die englische Regierungserklärung für die zionistische Bewegung? Sicherlich einen politischen Rückschlag. Die politische Konjunktur ist unter der gegenwärtigen englischen Regierung dem Zionismus ungünstig. Seit Bestehen des Palästinamandats war die englische Verwaltungsbürokratie gegen ein Jewish National Home als ein neuartiges Gebilde, dessen Problemen mit gewohnten Verwaltungspraktiken nicht beizukommen war. Die Revanche für jahrelang geübte Kritik von jüdischer Seite ist das neue Weißbuch, ein Erfolg einer reaktionären Beamtenschaft über sozialen Fortschritt und freie wirtschaftliche Entwicklung. Die Zionistische Organisation wird gegen das neue Weißbuch mit allen politischen Mitteln ankämpfen. Die zionistische Bewegung ist jedoch in ihrem Bestand und in ihrer Kraft von politischen Mißerfolgen in hohem Maße unabhängig. Millionen Juden wollen die Schaffung des Jüdischen Nationalheims. Sie sind zu diesem Entschluß nicht durch politische Erfolge, sondern aus innerem jüdischen Bedürfnis gekommen. Sie sind gewohnt, politischen Widerständen zu begegnen und sie mit verdoppelter Energie zu überwinden. So ist der Zionismus unter ungünstigsten politischen Bedingungen entstanden. Par lästina war türkisch, Juden durften nicht einwandern; der Bodenkauf war aufs äußerste erschwert. Dennoch wurden damals die wichtigsten Grundlagen für das Siedlungswerk gelegt. Baron Edmond Rothschild gab in jenen Zeiten viele Millionen für die Gründung von jüdischen Kolonien her. Diese Kolonien sind trotz aller Anfangsschwierigkeiten heute blühende Siedlungen. Die zionistische Welt ist auch heute frei von übertriebener Nervosität. Die neuen politischen Schwierigkeiten begegnen einem erstarkten Palästina. 170—180 000 Juden leben dort, haben jüdische Städte, Stadtviertel und eine große Zahl neuer Kolonien geschaffen, intensive Kultur ins Land gebracht, die Grundlagen neuer Wirtschaftsblüte, haben ein starkes hebräisches Kulturleben entwickelt, fühlen sich mit Recht als Mittelpunkt der jüdischen Welt, haben den Beweis erbracht, daß Juden als schaffende Mensehen Träger eines neuen Lebens werden können; sie haben die Unruhen des vorigen Jahres mutig und unerschüttert überstanden. Für die englische Regierung dürften, wenn sie ihre Pläne in die Wirklichkeit umsetzen wird, größere Schwierigkeiten entstehen als für das jüdische Palästina. (Der Versuch, die Wirtschaff eines aufstrebenden Landes durch schematische Verwaltungsmaximen zu gängeln, wird auch in Engiand lebhaften prinzipiellen Widerstand finden.) Die Bestimmungen über den Landkauf werden bei der arabischen Bevölkerung stärkerer Ablehnung begegnen als bei den Juden, die über eine Landreserve verfügen, weiche noch auf Jahre hinaus eine umfangreiche kolonisatorische Arbeit ermöglicht. Uebrlgens läßt auch die ungünstige Regierungspolitik dem jüdischen Werk Chancen, wenn auch noch nicht klar ist, ob die Regierung sich die Vorschlage von Sir John Hope Simpson, ihres eigenen Sachverständigen, zu eigen macht, der mit 20000 jüdischen Familien als neuen landwirtschaftlichen Siedlern in der Pflanzungszone rechnet. Völlig unannehmbar sind die Bes tim•!nungen über Immigration, welche die Erteilung von Einwanderungserlaubnissen ganz der Beamtenwiilkür anheimgeben und so das im Mandat festgelegte Grundrecht auf freie Einwanderung nach Maßgabe der Wirtschaftliehen Verhältnisse gefährden. Gegen diese Bestimmungen riehtet sich in erster Linie der Kampf der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, der seinen Ausdruck zunächst in der Demission von Dr. W e i z m a n n gefunden hat. Die zionistische Bewegung führt den Kampf durch erneuten Aufruf zum Zionismus. Zionisten haben in schweren Zeiten niemals versagt. Der neue Appell an ihre Opferwilligkeit wird begeisterten Widerhall finden, und auch die Freunde des Palästinawerks, die sich mit uns in der Jewish Agency vereinigt haben, halten dem mit der Zionistischen Organisation geschlossenen Bunde die Treue. Dr. Bernhard Kahn Mitglied der Exekutive der Jewish Agency; Zionismus und der jüdische Wille, in Palästina jüdisches Leben neu zu gestalten, sind berechtigt und bedingt durch die historische Verbundenheit der Juden mit Palästina und den daraus entspringenden unaustilgbaren inneren Beziehungen der Juden zu Palästina. Die äußeren Erfolge, allerdings, sind abhängig von gewissen weltpolitischen Konstellationen. Wir haben geglaubt, daß mit der Balfour-Deklaration der große günstige Zeitpunkt gekommen ist, wo die äußeren Bedingungen und die tausendjährige jüdische Sehnsucht sich vereinen können, um in Taschetn Tempo die Verwirklichung der jüdischen Palästina-Sehnsucht herbeizuführen. Die jetzigen Veröffentlichungen der britischen Regierung können das Temp der Arbeit vielleicht verlangsamen, können aber den jüdischen Willen, in Palästina die jüdische, allgemein-menschlich wertvolle Aufbauarbeit fortzusetzen, nicht brechen. Es ist im Gegenteil anzunehmen, daß nach der Ueberwindung der ersten schweren Eindrücke sich das Interesse der jüdischen Welt für das Palästina-Werk verstärken und neue jüdische Energie und Bereitschaft sich für die Fortsetzung der Arbeit einsetzen werden. Die Aufbauarbeit in Palästina wird fortgeführt werden! Aus den bisherigen, wenn auch spärlichen Nachrichten, die ich aus Amerika erhalten habe, ist zu ersehen, daß alle bisherigen Freunde des jüdischen Aufbaus in Palästina trotz der großen Erregung, welche die Veröffentlichung der britischen Regierung hervorgerufen hat, bereit sind, mit unverminderter Energie für das Palästina-Werk weiterzuarbeiten. Gerade in der schweren Lage, in der sich die Judenheit der Welt heute befindet, ist es jüdische Pflicht und ein Ausdruck des natürlichen jüdischen Selbsterhaltungstriebs, die großen Palästina- Hoffnungen nicht zu vermindern. Direktor Oscar Wassermann Präsident des Finanz- und Wirtschaftskomitees der Jewish Agency: Die Erklärung der englischen Regierung über die von ihr beabsichtigte Politik in Palästina ist für die Juden sehr enttäuschend. Sie zeigt, daß die gegenwärtige Regierung das Pa- Hstina-Mandat anders auffaßt, als es seinerzeit allgemein verstanden worden war. Dr. W ei zmann hat die Regierungserklärung mit seiner Demission als Präsident der Jewish Agency