Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 68 (29.8.1930)
- Date
- 1930-08-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Echo der Mandate •Kommission Einzelnummer 0£5 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Auitiandsabomiesicats werden in der Wllmmf der einreln<»n I-indei berechner Aiireigetiprem: H *mp. Nonparefflezede 0,50 O-M. Stellen*»«!^ 0.25 G.-M. J^»nn*erj>8__JBerlin, 29. VI1L 1930 Per Zionismus erstrebt tOr das jOdlsche Volk nie Redaktion Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H-, BerlinWl5, Meinekestr.10 Telephon: J I Bismarck 7165 -70. AbzMsoucUuS: Di «Bit*( o ad Fraiiag naehnittaca 4 Uhr Redaktionsschlufi Sonntag und Mittwoch nachmittag. k nV " ' "2יי• Ba«IV9355, BeWI 6803Z BrtaaaJ 394 33. Budapaat 596 93, Dana« 1973, Haag 140 470. Pr.« 59410 Kig« 4X55. Straaabur* 16430, Warachau 190 70& Wien 156030 .-•.nk:K,° ” « •f; D«n»«adwr irad Nadondbank, Dapoaiwa. Kawa Berlin, Kurfuntcndaaa 52; Ban« de Eat, Ceraami (Ruminleo): Angla Paleatine Co. in Hall«, Terusdem, Te! -Aviv. ח׳ אלול׳ תר״צ XXXV. Jahrg. Das zionisliscbc A.׳ C. In Berlin Politische Debatte — Welzmann über zionistische Zielsetzung — Heute Beginn der Agency »Tagung RW, Berlin, 28. August. Wenn man den Sinn der soeben abgeschlossenen poli• tischen Debatte im zionistischen Aktions-Comitö vorsich• tig abschätzt, so kann man wohl sagen, daß ziemlich allgsmein das Gefühl vorhanden ist, daß die zionistische Politik gegenwärtig in ein neues Stadium eintritt. Aus den Stürmen des Kampfes und Protestes gilt es, wieder in das Gestrüpp täglicher Verhandlungen und geduldiger Versuche einzutreten. Es wäre müßig, an dieser Stelle nochmals zu wiederholen, welche Schläge dem Zionismus in den abgelaufenen Monaten zuteil geworden sind; die meisten Redner im A.-C. haben auf diese den Lesern unseres Blattes bekannten Tatsachen hingewiesen. Ein Jahr schwerer Erregungen liegt hinter uns, aber trotz allen Rückschlägen war im Jischuw und in den anderen Teilen der zionistischen Bewegung die Zuversicht unerschlittert, daß eine allmähliche Entwirrung der Schwierigkeiten kommen wird und das Werk des jüdischen Wiederaufbaus weitergeht. Ueber die Mittel und Wege der zionistischen Politik waren die Meinungen freilich geteilt, und die Diskussionen hierüber sind gewiß noch nicht abgeschlossen. Auch in die Sitzung des A.-C. spielen Meinungs Verschiedenheiten hinein, die vielleicht gerade den deutschen Zionisten aus jahrelangen, Auseinandersetzungen besonders gut bekannt sind. Wie immer der Einzelne zu diesen Fragen stellt alle <* b*«alßen müssen, daß vieneicht zum ersten Male 1m Rahmen einer obersten zionistischen Körperschaft die Diskussion über die Zielsetzung des Zionismus, über die Grundfragen der Bewegung, ernsthaft geführt wird. Es handelt sich um den Versuch einer Neuorientierung des Zionismus von 1930, der vor konkreten und praktischen Aufgaben steht, gegenüber dem Zionismus von 1896, der einer neuen Idee den Weg in die Gedankenwelt zu bahnen hatte. In der Geschichte des Volkes haben beide ihre Funktion, und niemand wird entscheiden wollen, welches Stadium der Bewegung wertvoller oder wichtiger ist. Aber eine Bewegung, die angesichts lebendiger Probleme, die täglich an sie herantreten, nichts täte, als sich auf einmal vor 30 Jahren geformte Ideologien berufen, verdiente nicht den Namen Bewegung. In jedem einzelnen geschiehtliehen Moment hat sie sich zu entscheiden. Die politische Debatte im A.-C. hat uns zweifellos der Klärung nähergebracht. Noch steht es, während diese Zeilen geschrieben werden, keineswegs fest, welche Meinung im A.-C. die Oberhand behält. Wir wollen an dieser Stelle nicht für die eine oder für die andere eintreten; wir begrüßen aber, daß die so dringliche Entscheidung, die erst unserer künftigen Arbeit Charakter und Entschiedenheit geben kann, ein erhebliches Stück nähergekommen ist. Dr. Weizmann hat, als er den gewiß für ihn wie für alle schmerzlichen Versuch machte, liebgewordene, aber erstarrte Formeln in ihren wesentlichen Gehalt aufzulösen, eine sehr unpopuläre Rolle übernommen. Aber er hat sich als ein großer Führer erwiesen, der der inneren Notwendigkeit der Sache folgt und nicht um persönliche Gunst wirbt, sondern ein reales Werk bauen will und um des Lebens willen bloße Dogmen opfert. Der Kampf, den die Bewegung in den letzten Monaten gegen die englische Regierung geführt hat, galt vor allem der Suspension der Chaluz-Immigration. ln der Verürteilung dieser Maßnahme waren alle Zionisten einig (und ebenso die der Agency angehörigen Nichtzionisten). Vielleicht wird man in der Annahme nicht fehlgehen, daß auch die englische Regierung diesen ihren Schritt, über dessen Tragweite sie offenbar nicht im klaren war, sehr bald bedauert hat; manche Aeußerungen englischer Minister deuten darauf hin. Dennoch glaubte die Regierung, nicht in der Lage zu sein, dem Druck der jüdischen Protestbewegung nachzugeben. Heute ist, wie Dr. Brodetsky richtig sagte, der Kampf gegenstandslos geworden, denn die Periode, für die im April die Zertifikate ausgegeben werden sollten, ist abgelaufen, und nunmehr handelt es sich bereits um Zertifikate für den nächsten im Oktober beginnenden Zeitabschnitt. Wir haben ein halbes Jahr Chaluz-Immigration verloren. Dies ist gewiß bedauerlich, aber es ist kein katastrophaler Schlag für unsere Arbeit Die normale Zusammenarbeit bei der Immigrations-Regelung wird jetzt ab Oktober wieder aufgenommen. Trotzdem die Protestbewegung gegen die Zurückziehung der Zertifikate ihr Ziel nicht erreicht hat war sie doch keines• wegs erfolglos. Sie hat sehr stark dazu beigetragen, der englischen Regierung die Dynamik der zionistischen Bewegung begreiflich zu machen. Die englische Regierung ist eine Regierung, die gewöhnt ist, bekämpft zu werden und die auch versteht, daß!Ach dem Kampfe, ja selbst während des Kampfes, die Zusammenarbeit weitergeht. Freilich können Maßlosigkeiten und Auswüchse eines solchen Kampfes sehr schädlich sein, und es ist bemerkenswert, daß im A.-C. die Redner, die sich gegen verschiedene Uebertreibungen, gegen Ungeschicklichkeiten und eine selbstgefällige Freude am Kampfe wandten, fast allgemeine Zustimmung fanden. Nachdem die Frage der Zertifikate einfach durch Zeitablauf erledigt ist, muß die Kooperation mit der Regierung wieder aufgenommen werden. Die Exekutive hat der Regierung ein Memorandum überreicht Der Bericht Sir John Simpsons wurde, wie verlautet, in dieser Woche der Regierung vorgelegt. Auf Grund dieses Materials, das zum erstenmal an die wirkliehen Probleme des Palästinaaufbaus in konstruktiver Weise herangeht, werden die weiteren Verhandlungen stattfinden. Es geht darum, ein großzügiges Programm der Entwicklung Palästinas aufzustellen. Dies kann freilieh nicht eine einseitige Förderung des jüdischen Nationalfieims sein; eine solche Politik würde wahrscheinlich die Schwierigkeiten des Zionismus nur vermehren. Es kann sich ajso nur ubj ein, Programm der aktiven Förde, wünschen, aaß es sicn m der Praxis m eine positive Kooperation der beiden Völker umwandelt. Die letzten englischen Untersuchungen haben Material über die fürchterliche Armut des arabischen Fellachen zutage gefördert; es zeigt sich aber auch ein Weg zu einer allmählichen Hebung und Befreiung dieses arabischen Bevölkerungsteils. Ein Programm, wie es in großen Zügen Ruppin entwickelt hat, das gleichzeitig den Fellachen hilft und die jüdische Ansiedlung ermöglicht, wäre eine von jedem Gesichtspunkt unanfechtbare Politik und der beste Ausweg aus der gegenwärtigen Krise, die durch Fort- Setzung des rein politischen Streites nur verschärft wird. Wir haben den Eindruck, daß bei einem großen Teil, vielleicht bei der Mehrheit des A.-C., die Bereitschaft zu einer solchen Politik der Kooperation vorhanden ist. Die Absichten der englischen Regierung sind noch nicht bekannt. In ihren Bemerkungen zum Bericht der Mandatskommission kündigt die Regierung ein positives Programm an. Dies entwerfen zu helfen war ja der praktische Zweck von Simpsons Mission. Die Politik für die Zukunft ist auch für uns Zionisten wichtiger als die Kritik der Vergangenheit. Der Bericht der Mandatskommission und die Antwort der englischen Regierung sind sehr bemerkenswerte Dokumente, die auf viele Seiten der Palästinapolitik ein Licht werfen. Sie fördern zweifellos die Erkenntnis des wahren Wesens des Palästinaproblems. Die Diskussionen des letzten Jahres innerhalb und außerhalb der jüdischen Grenzen haben sehr viel zur Klärung beigetragen und zu diesem Material gesellen sich die beiden Aeußerungen aus Genf und London, in gewissem Maße auch die Pressestimmen, die wir an anderer Stelle wiedergeben. Dank dieser öffentlichen Diskussion ist heute wahrscheinlich das Wesen des Problems einem größeren Kreise klar als noch vor kurzer Zeit Mit dem Bericht der Mandatskommission und was dazu gehört werden war uns ein anderes Mal beschäftigen. Aber unser Interesse gilt jetzt nicht mehr Fragen der Vergangenheit, sondern Fragen der Zukunft. Wenn es auch im A.-C. nicht deutlieh ausgesprochen wurde, man hatte doch das Gefühl, daß dies der allgemeine Wunsch ist. Wir wollen nicht nachträgerisch sein, sondern in unserem Werke weiterkommen. Der heutige Donnerstag ist der letzte Sitzungstag des A.-C. Da die politische Debatte erst Mittwoch Abend zu Ende ging, haben die Kommissionen nur den Donnerstag zur freien Verfügung, und es i$. anzunehmen, daß in der nun schon traditionell gewordenen Welse, das A.-C. seine Beschlüsse in einer Nachtsitzung fassen wird, die Freitag früh beendet sein muß, weil am Freitag bereits die Sitzung des Administrative Committee der Agency beginnt. Die wirtschaftlichen Fragen sind bisher im A.-C. in den Hintergrund getreten, und besonders nach der Rede Dr. Weizmanns begann auch hinter den Kulissen die ideologische Diskussion zu überwiegen. Dettooch ist die Finanzregelung und die Aufstellung des Budgets eine der schwierigsten Aufgaben der Konferenz. Das A.-C. weiß aus der Diskrepanz zwischen den notwendigen Ausgaben und den mutmaßlichen Einnahmen keinen Ausweg und wird wahrschein lieh die Regelung dieser Sache dem Administrative Committee überlassen, in dessen Kompetenz ohnedies die endgültige Budgetierung fällt. Felix W a r b u r g wird, wie verlautet, in seiner Eröffnungsrede im Administrative Committee auch über seine Besprechungen mit Lord Paßfield berichten. Vielleicht wird dies das Bild der politisehen Lage ergänzen. Der Sitzung des Administrative Committee, der ersten großen Arbeits-Sitzung der Agency seit ihrer Gründung, wird überhaupt mit Spannung entgegengesehen. Wenn auch die entscheidenden Beschlüsse im Administrative Committee gefaßt werden müssen, so hat doch das A.-C. eine nützliche Vorbereitung geleistet. Die Sitzung des A.-C. (Offizielles Bulletin) 4. Sitzung, 26. August 1930, 10 Uhr vormittags. Politische Debatte ß• Farbstein (Misrachi) bemerkt einleitend, daß er zu der! Erwartungen, von denen Dr. Weizmann bezüglich des kommenden konstruktiven Programms der englischen Re- Israel erstreben. Während der Verhandlungen der Shaw- Kommission haben wir durch unsere unbestimmte Haltung eine Rolle gespielt, als ob wir die Mörder und die Schul• digen gewesen wären. Schlimmer als die Rückschläge, die wir in unserer praktischen Arbeit erlitten haben, ist der geistige Zusammenbruch und die Ausdehnung der Ideologie des Brith Schalom. Wie soll man die Jugend bekommen, wenn man auf die Onuidideale des Zionismus, den Judenstaat, verzichtet? Farbstein wendet sich gegen die, welche für eine Begnadigung der verurteilten Araber eingetreten sind. Was die aktuellen Probleme betrifft, sei be- Säuerlich, daß Weizmann kein Wort über den Kongreß gesprachen hat. Ben Gurion (Arbeiterpartei) bespricht die Resultate unserer Bemühungen in Genf. Obwohl der Bericht der Mandats- Kommission uns eine moralische Genugtuung gewährt, müssen wir uns doch bewußt sein, daß das Zentrum unserer Politik in London liegt und nicht in Genf. So sehr wir einzelne Maßnahmen der englischen Regierung bekämpfen, so dürfen wir doch nicht einen Kampf gegen England, das unsere internationale Stütze ist, führen, ohne uns über die Konsequenzen vorher volle Rechenschaft abzulegen. Redner befürwortet eine konstruktive Politik der Zusammenarbeit mit England und mit den Arabern. Vom Brith Schalom trenne ihn nicht die Auffassung der Araberfrage, sondern die Ueberzcugung, daß in Palästina für Gele Millionen jüdischer Einwanderer Platz sei, ohne daß Araber verdrängt werden müssen. Wenn das von manchen Seiten konstruierte Dilemma, ob wir oder die Araber im Lande Platz haben, wirklich bestünde, so wäre das Resultat für uns verhängnisvoll. In Wahrheit haben beide Platz, und wir können uns verständigen. Unsere politischen Schwierigkeiten mit der Mandatarniaclit haben einen objektiven Grund, nämlich die Existenz der Araber. Daher müssen wir dieses Problem bewältigen. Die Araber sind ein entscheidender politischer Faktor/ Es genügt nicht, Erklärungen über friedliche Gesinnung abzugeben, sondern man muß eine aktive Politik der Zusammenarbeit einteiten. Abraham Goldberg (Amerika): Es ist zu bedauern, daß man erst jetzt auf die Bedeutung der arabischen Frage durch die Ereignisse aufmerksam gemacht wurde. Ich liebe nicht den Brith Schalom, aber man muß doch zugeben, daß er stets dieses Problem betont hat. Wo blieb die arabische Politik unserer Führung? Der Redner ist bezüglich der kommenden Entwicklung nicht pessimistisch, weil noch viele Möglichkeiten der politischen und praktischen Arbeit gegeben sind, die in Angriff genommen werden können. Hätte man bis jetzt richtig gearbeitet und trotzdem Schiffbrach erlitten, so wäre er pessimistisch. Zum Schluß tritt er für die Schaffung eines politischen Komitees zwecks richtiger Vorbereitung eines Kongresses ein, auf dem die wahrhaft zweckmäßige Parole unserer zukünftigen Arbeit zum Ausdruck kommen soll. Meir Großmann (Revisionist) kritisiert die Haltung der Londoner Exekutive, die vollständig versagt habe, so daß die Revisionisten gezwungen waren, einen Teil der politischen Arbeit selbst zu machen. Redner erläutert seinen Gedanken einer ״Atempause“ in der Palästina-Arbeit. Man müsse jetzt zu einer politischen Offensive übergehen. Solange nicht alle Mittel der Aufklärung erschöpft sind, haben wir kein Recht zu behaupten, daß England wirklich gegen uns ist. Es scheint, daß die gegenwärtige Exekutive nichts zu sagen hat, daher soll sic einer revisionistischen Exekutive Platz machen. Dr. Mossinsohn (Palästina) bedauert, daß in England so wenig zur Aufklärung der öffentlichen Meinung geschehen