Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 62 (8.8.1930)
- Date
- 1930-08-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der jüdische Judenhaß oder• Von der Pflicht mm Tode Einzelnummer 0,2* Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Au*l«adsab<*wem«Bts werdet! In der Wahrung der einzelnen Linder berechnet. Anzeigenpreis! 8 ge«p. Nonpareillezeile 0,50 G.־M. Stellengesuch* 0.25 G.-M. Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. tn.b. H., BerlinW15, Meinekestr.lO Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. Postscheck -Konten: Berlin 17392, Basel V 9355. Belgrad 68032, Brüssel 394 33. Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 594 10 Riga 4155, Strassburg 164 30, Warschau 190708, Wien!56 030. Bank -Konten: Darmatadter und Nationalbank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürstendamm 57~ Bane« de Est, Ornauti (Rumänien); Anglo Palästina Co. in Haifa, teruaalem, le!-Aviv. Nummer 62 | Berlin, 8. VIII. 1930 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ד אס תר״צ | xxxv. jahrg. Per Zionismos erstrebt Wir das JOdlache Voll! die Schaltung einer Bfientllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.»* Jüdlfdie Parlamentarier an PassfleM Ein Memorandum von Mitgliedern London, 5. August. (I, T. A.) Jüdische Mitglieder der vor kurzem in London stattgefundenen Konferenz der Interparia• mentarischen Union haben dem britischen Kölanienminister Lord Fassf ield das folgende Memorandum überreicht: Die Unterzeichneten Mitglieder der Interparlamentarischen Union, die auf der Londoner Konferenz der Union Länder mit einer jüdischen Bevölkerung von zusammen acht Millionen Menschen, also der Hälfte der Weltjudenheit, vertreten, nehmen die Gelegenheit wahr, um Sie über die Ansichten der Weltjudenheit hinsichtlich der jetzigen Lage in Palästina zu informieren. Im Jahre 1919 war es die einmütigeForderungder Weltjudenheit, daß das Mandat für Palästina Großbritannien anvertraut werde; in den Vereinigten Staaten von Amerika haben eine halbe Million Juden eine Massenpetition dieses Inhalts unterzeichnet. Dieses Vertrauen zu Großbritannien gründete sich auf der von Großbritannien schon in der Vergangenheit gegenüber dem jüdischen Volke eingenommenen Haltung, sowie auf dem Interesse, das es, lange vor der Balfour-Deklaration, der uralten jüdischen Idee einer Rückkehr nach Zion entgegengebracht hatte. Nach Verkündigung der Balfour-Deklaration hat sich dieses Gefühl des Vertrauens in eines der Begeisterung und der Dankbarkeit gewandelt. Wir bedauern es, nun sagen zu müssen, daß die jüngsten Ereignisse dem Vertrauen der Juden unserer Länder in Großbritannien einen ernstlichen Stoß versetzt haben. Die Unruhen im August 1929 bedeuteten für die Juden, die Vorfälle solcher Art unter der britischen Flagge niemals für möglich gehalten haben, einen schweren Schlag; am allerwenigsten hätten wir Juden erwartet, daß Juden, die versuchten, ihre Familienangehörigen gegen Gewalt und Mordanschlag zu verteidieen, durch englische Behörden entwaffnet werden würden. Auch heute noch sind wir hinsichtlich der Lage der Juden in Palästina nicht beruhigt. Die Polizei stellt weiterhin eine vornehmlich arabische Körperschaft dar, und es sind bisher nicht die geel^nefe# Schritte ergriffen worden, um d&1 jüdischen Bestand innerhalb der Polizei zu erhöhen. Obwohl die Not- Wendigkeit der Selbstverteidigung anerkannt wird, sind den Angriffen ausgesetzte landwirtschaftliche Kolonien nicht die wirksamen Waffen zur Selbstverteidigung geliefert worden. llrpltali begnadigt Jerusalem, 7. August. (J.T.A.) Heute, 11 Uhr vormittags, gab die Palästina-Regierung ein offizielles Kommunlquee heraus, in welchem mitgeteilt wurde, daß die Todesstrafe für den Jaffaer Juden Jacob Urphali in eine Gef ängnisstrafe von zehn Jahren umgewandelt wurde. Die Berliner Tagungen Die provisorische Tagesordnung für die am 24. d. M. in Berlin beginnende Session des zionistischen A.־C. ist soeben veröffentlicht worden. Dr. Weizmann wird das A.-C. mit einem Bericht über die politische Lage eröffnen, ein Palästina-Bericht von Dr. R u p p i n wird folgen. Ein Mitglied der Palästina-Exekutive wird über Budget und Wirtscbaftsangelegenheiten referieren, Ussischkin über den Keren Kajemeth, Dr. H a n t k e Uber die Arbeit des Keren Hajessod. Das A.-C. wird ferner in seiner Berliner Tagung Zeit und Ort des 17. Kongresses festzusetzen haben. Die vom 29. August bis 3. September in Berlin stattfindende Sitzung des Administrative Committee der Jewish Agency wird der Präsident, Herr Felix M. Warbürg, am Freitag, dem 29. August, 10,30 Uhr, eröffnen, darauf werden Dr. W e 1 z m a n n und Dr. R u p p i n berichten. Sodann sollen sofort die Kommlssionsberatiingen beginnen, ln der dritten Sitzung am Sonntag, dem 31. August, morgens, wird Ussischkin über die Bodenfrage, Dir. Oscar Wassermann Uber den Keren Hajessod und Dr. Werner Senat o r über Budget referieren. Loefgren in Stockholm Der Stockholmer Korrespondent der ״Times“ berichtet, daß der frühere schwedische Außenminister Loefgren, der Präsident der Klagemauer-Kommission des Völkerbundes, am 4. d. M. in Stockholm eingetroffen ist Er erklärte, daß allem Anschein nach die Arbeit der Kommission nicht vergehlieh gewesen ist. Für beide Parteien war es vorteilhaft, auf neutralem Boden zusammenzutreffen und vor einem unparteiischen Gerichtshof ihre Sache vorzutragen. Die Streitfragen w aren durch die Extremisten auf beiden Seiten zugespitzt worden und die Verhandlungen vor der Kommission haben sie aut ihr wahres Maß zurückgeführt. Daß die Spannung zwisehen Moslems und Juden jetzt geringer sei, ergebe sich aus dem ruhigen Verlauf des Tischo b’Aw. Loefgren wies schließlich noch auf seine Schlußrede in Jerusalem hin, worin gesagt war, daß die Kommission Vorschläge für eine gütliche Beilegung des Konflikts bis 1. September entgegennehmen will. Dies wäre von jedem Gesichtspunkt aus wünschenswert und würde die Kommission der Pflicht entheben, eine Entscheidung zu fällen. Andernfalls wird die Entscheidung der Kommission AnfangdesHerbstes verlautbart werden. der Interparlamentarischen Union Die Shaw-Kommission war für uns eine tiefe Enftäuschung; besonders befremdete uns die Art, in der der Anwalt der Palästina-Administration zu Werke ging, was er offenbar auf Grund von Instruktionen seitens der Administration tat. Er machte keinerlei Versuche, die guten und die bösen Seiten des Falles zu sondieren, seine Bemühungen waren einzig und allein darauf gerichtet, die Juden anzugreifen; er ging dabei so weit, unserer Toten zu spotten. Die Shaw-Kommission, deren Mehrheit einen völligen Mangel an Verständnis für die zionistischen Ideen und Bestrebungen, sowie für.unsere Arbeit in Palästina an den Tag gelegt hat, machte weitreichende Vorschlage, die darauf hinausgehen, die eigentlichen Grundlagen des Jüdischen Nationalheims in Palästina zu zerstören. Diese Vorschläge überschritten den Aufgabenkreis, den die Regierung der Shaw-Kommission vorgezeichnet und vor deren Ueberschreitung sie sie gewarnt hatte. Nichtsdestoweniger ging die Regierung in ihrem -Weißbuch so weit, ihre weiteren Handlungen in einem sehr weiten Ausmaße diesen Empfehlungen anzupassen. Die jüdische Arbeiter-Einwanderung ist suspendiert worden, weitere Einschränkungen der jüdischen Tätigkeiten in Palästina sind angekündigt worden, und es scheint, daß das gesamte Schicksal des Jüdischen Nationalheims von dem Bericht eines einzigen Experten abhängt. Diese Handlungen haben in der gesamten jüdischen Welt einen Zustand derUngewißheit und der Beunruhig u n g geschaffen, der dazu angetan ist, die jüdische Arbeit in Palästina ernstlich zu schädigen. Beiträge und weiteres Investierungskapita! fließen natürlich nicht zu, wenn die Zukunft unserer Arbeit in Frage gestellt ist. Wir sind wiederholt dahin informiert worden, daß die englische Regierung beabsichtigt, an dem Mandat festzuhalten und es durchzuführen. DasJüdischcNationalheimbildet den Kernpunkt des Mandats; mit Hoffnung und Zuversieht erwarten wir von der britischen Regierung eine Aktion, die geeignet ist, die Errichtung dieses Nationalheims zu sichern. Das Memorandum ist unterzeichnet vom Mitglied des Kongresses der Vereinigten Staaten Sol. Bloom, vom Mitglied des polnischen Parlaments Dr. Henryk R o s m a r i n , vom Mitglied des lettischen Parlaments Dr. "M. Nurok und vom Mitglied des südafrikanischen Parlaments M. K e n t r id ge. Was bat Passfield den Arabern angeboten? ״Bürgerlicher Ungehorsam“ der Araber? Jerusalem, 5, August. (J.T. A.) Wie bereits berichtet, haben in einer Sitzung der Arabischen Exekutive die Mitglieder •r ®*?bischen Delegation für London über ihre Verhandlungen mit Mitgliedern der britischen Regierung, insbesondere mit dem Kolonienminister Lord Passfield, Bericht eistattet. Die lokale palästinensische Presse bringt über den Verlauf dieser Sitzung nur sehr fragmentarische Mitteilungen, während die in Damaskus erscheinende arabische Zeitung ״A1eph-ba“ einen ausführliehen Bericht bringt. Als erster berichtete das Mitglied der London-Delegation Aum Bey Abdul Hadi über die Aufnahme der Delegation durch Lord Passfield, Lord Passfield, teilte Auni Bey mit, hat die von der arabischen Delegation vorgetragene Forderung nach Errichtung eines Parlaments in Palästina zur ü c k g e wiesen, dafür aber den Arabern als Aequivalent für die Jewish Agency eine Art Arab Agency oder eine legislative Körperschaft mit beschränkten Rechten angeboten. Die britisehe Regierung, fuhr Auni Bey fort, verweigerte den Arabern ein demokratisches Regime, weil sie befürchtet, eine solche neue Ordnung würde Konflikte verursachen. Wir bettelten nicht, schloß Auni Bev, sondern wir vertraten energisch unsere Forderungen, und Lord Passfield gab uns die Versicherung, daß er uns ein neues Angebot machen wird, weiches unsere Hoffnungen nicht enttäuschen wird. Der Delegierte Alfred Roch gab eine Darstellung der Verhandlungen mit der englischen Regierung, die wesentlich von der Auni Bey’s abwich. In Passfields Statement, sagte Roch, war eine Institution vorgesehen, die von den arabischen Forderungen sich nicht sehr weit unterschied. Auni Bey 1 griff später nochmals in die Diskussion ein und zitierte Clemenceaus Ausruf: ״Wehe der Nation, die das Schweigen wählt!“ Das Zögern Großbritanniens, sagte Auni Bey weiter, ist auf die Furcht vor der zionistischen Propaganda zurückzuführen. Auch Frankreich fürchtet den Zorn der Zionisten. Das Mitglied der Arabischen Exekutive AzatDarvizah fordert die sofortige Einberufungdes 8. palästinensisch-arabischen Kongresses. Der 7. Kongreß habe die jetzige Exekutive gewählt und ihr den Auftrag gegeben, ein Parlament durchzusetzen. Darin habe die Exekutive versagt. Darvizah verlangte auch, daß die Nichtzusammenarbeit mit der Regierung und der bürgerliche Ungehorsam nach dem Muster der anderen Orientländer proklamiert werden. Beamte der Exekutive bemühten sich, die Extremisten zu beschwichtigen und erklärten, der High Commissioner, der demnächst ins Land zurückkehren wird, werde eine befriedigende Lösung mit sich bringen. Ein anderes Mitglied der Exekutive, Boulous Shehada, sprach sich entschieden gegen die Einrichtung eines ständigen arabischen Propagandabüros in London aus und forderte die Einrichtung eines ständigen politischen Büros fürdieöstlichcn Länder, da England durch die Unzufriedenheit im Orient empfindlicher getroffen wird als durch irgendwelche Klagen europäischer Mächte. Politische Umschau Parlamentsferfen — Vor der Sitzung des A.-C. — Zionismus und Kolonial amt — Revisionisten -Konferenz RW, Berlin, 7. August. Das englische Parlament ist in die Ferien gegangen, ohne Gelegenheit gehabt zu haben, sich mit der Palästinafrage grundsätzlich zu befassen. Mit Ausnahme von einzelnen Interpellationen wurde über die blutigen Vorgänge des vorigen August, die jetzt ein ganzes Jahr zurückliegen, im Parlament nicht gesprochen. Die Regierung hat sich damit begnügt, ihr Festhalten an der Politik des Mandates feierlich zu erklären, und im übrigen verschiedene Untersuchungen angeordnet, die ihr das Material für die Ausführung dieser Politik liefern sollen. Im gegenwärtigen Zeitpunkt, da der Bericht Sir John Hope Simpsons noch nicht vorliegt, könnte die Regierung nach ihrer Meinung wieder nur Allgemeinheiten sagen, und sic befürchtet — wohl mit Recht —, daß solche Allgemeinheiten heute niemanden mehr befriedigen. Festhalten am Mandat und Balfour-Deklaration besagt wenig, wenn nicht Sicherheit darüber besteht, durch welche praktischen Maßnahmen die Durchführung der Grundgedanken des Jüdischen National heims gesichert werden soll. Nur den Arabern, die die Beseitigung des Mandates und der Balfour-Deklaration fordern, wird damit deutlich gemacht, daß ihre Forderungen nicht erfüllt werden können. Den Juden aber, die, ausgehend vom Mandat, konkrete Forderungen haben, wird mit einer solchen Erklärung wenig gegeben. Die Parlamentsferien werden jetzt der Vorbereitung der weiteren Entscheidüngen dienen. Nur äußerlich tritt eine Pause ein, in den Aemtern wird aber weiter gearbeitet und die Anwesenheit des High Commissioners in London wi*d sicherlich zu einem regen Gedankenaustausch mit dem Colonial Office benützt. Der High Commissioner, der die Schwier^keiten der Palästina-Verwaltung während dieses Jahres stark empfunden hat, scheint sich in London der Oeffentlichkeit gegenüber große Zurückhaltung aufzuerlegen. Während in früheren Jahren die englischen Zionisten offiziell oder halboffiziell mit dem beurlaubten High Commissioner in direkten Kontakt traten, ist in diesem Jahre von einer solchen Veranstaltung abgesehen worden. Ueber die Absichten Chancellors gehen die Vermutungen auseinander. Doch ist man übereinstimmend der Meinung, daß er dem Kolonialamt Vorschläge über konstitutionelle Reformen in Palästina machen wird. Wie weit diese Reformen gehen werden und ob sie irgendeinen Teil der Bevölkerung Palästinas befriedigen werden, ist nicht vorauszusagen. Die radikalen Forderungen der Araber nach einem demokratischen Parlament werden sicherlich nicht erfüllt werden; hat doch schon Lord Passfield den Arabem in London unzweideutig erklärt, daß dieser ihr Wunsch in Widerspruch mit dem Mandate steht. Es dürfte also ein System gesucht werden, das der englischen Mandatsverwaltung zwar alle Entscheidungen Vorbehalt, aber doch den Vertretern der Bevölkerung ein Mitberatungsrecht einräumt. Aehnlich war schon die Verfassung von 1Q22 gedacht, die außer Kraft gesetzt (nicht aufgehoben) worden ist, weil nur die Juden, nicht aber die Araber sich 1923 an den Wahlen zur Gesetzgebenden Versammlung beteiligt haben. In dieser Gesetzgebenden Versammlung sollten zwar die englischen Beamten nur eine Minorität haben, zusammen mit den jüdischen Abgeordneten aber würde eine mandatstreue Mehrheit dieses Rates gesichert gewesen sein. Es entspricht auch englischer Gepflogenheit, bei konstitutionellen Reformen stufenweise vorzugehen, so daß eine plötzliche Ueberantwortung der Verwaltung an ein demokratisches Pariament ausgeschlossen ist. Trotzdem scheint das Kolonialamt zu hoffen, eine befriedigende Lösung zu finden. Die Vorzeichnung der Politik auf den Gebieten der Immigration und der Bodenausnützung ist abhängig von dem Bericht Simpsons. Die Vertreter der Jewish Agency in Palästina haben alles getan, um Simpson mit der jüdischen Auffassung der Sache bekannt zu machen. Sie haben ihm vor allem klarzumachen versucht, in wie hohem Maße die Wohlfahrt Palästinas von der jüdischen Arbeit und dem jüdischen Kapitalzufluß abhängig ist. Wenn für Palästina die heutige agrarische Weltkrise nicht so bedrohend ist wie für andere agrarische Länder, so ist dies dem Eingreifen der Juden zu verdanken. Das Problein Palästinas ist das einer rationellen Bodenausnützung und des Uebergangs von dem Verlustbringenden Körnerbau zu gewinnbringenden hochwertigen Kulturen. Durch eine derartig tiefgreifende, das ganze Land erfassende Umgestaltung der Wirtschaft wird Palästina für viele tausende neuer Menschen aufnahmefähig, es bedarf vor allem intelligenter Arbeiter und bemittelter Leute, die mit vollem Bewußtsein auf den größeren wirt-