Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 55 (15.7.1930)
- Date
- 1930-07-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bas jüdische Berufsproblem Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedit ion monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Au»landsabo!mem«t1ts werden in der Währung dar einzelnen Länder berechnet Anreirenpreis; 8 pesp. Nonpareillezeile 0,50 O-M. Stellengesuch© 0,25 G.-M. Nummer 35 | Berlin, IS. VII. 1930 Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., BerlinWlS, Meinekestr.10 Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. Aaz«tgeaschlu& Dienstag und Freitag nachmittags 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Pons check -Konten: Berlin 17392, Basel V 9355, Belgrad 68032 Brüssel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Frag 594 10, Riga 4155, Strasahtirg 164 30, Warschau 190 708, Wien 156 030. Bank-Konten: Dannstädter und Nationalbank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürstendamm 52; Banen de Esf, Cemautt (Rumänien); Anglo Palestine Co. tn Haifa, lerusalem, lei Aviv י״ם תניוז- סי XXXV. Jahrg. Per Zionismus erstrebt *Qr da» jOdlscha Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm. In treuem Gedenken Anläßlich des 26. Todestages Theodor Herzls Jn diesen Tagen, da das Problem des Zionismus in seiner vollen Breite wieder zur Diskussion in der öffentliehen Meinung steht und da die zionistische Politik an einem Wendepunkte angelangt ist, gedenken die Zionisten in aller Welt, und weit über den Kreis der Zionistischen Partei hinaus alle Freunde des Palästinawerks und einer neuen jüdischen Politik, des Mannes, der vor 26 Jahren zu Grabe getragen wurde. Die Zahl der Männer, die mit Herzl zusammengcarbeitet oder ihn persönlich gekannt haben, lichtet sich immer stärker. Seine Gestalt, längst von Legenden umgeben, ist zum Symbol eines neuen Ab- Schnittes in der leidensreichen jüdischen Geschichte geworden. Theodor Herzl hat das jüdische Volk nicht nur gelehrt, politisch zu denken und mit politischen Mitteln eine Lösung der Judenfrage anzustreben, er hat das weit schwierigere Werk vollbracht, alle auf eine Erneuerung des jüdischen Volkes bedachten Kräfte zusammenzufassen. Er hat in alle Welt zerstreute Gruppen durch das Band der Organisation zusammengeschweißt und hat den Juden, die die absolute Schwäche des jüdischen Volkes in der Arena der Politik als unwandelbare Tatsache betrachtet haben, das Gefühl gegeben, daß sie durch ihren Zusammenschluß einen Machtfaktor bilden. Der Gedanke der jüdischen Selbsthilfe, der heute weit über den Kreis der zionistischen Partei hinaus in fast allen jüdischen Richtungen lebendig ist, ist am allerstärksten von Theodor Herzl in das jüdische Volk geworfen worden. Dieses Bewußtsein von der organisierten jüdischen Kraft und vom unbeugsamen Willen der jüdischen Selbsthilfe ist auch im gegenwärtigen Augenblick der stärkste Pfeiler unserer Politik. Theodor Herzl ist in der Vielfalt seiner hervorragenden Leistungen unzählige Male gewürdigt worden. Der Staatsmann Herzl, der Politiker Herzl, der Organisgtpr HeiÄSt "1־'־ ‘ ~ י "" nur noch ÖSs wahre Bild seiner Gestalt, wie es künftigen Generationen aufbewahrt werden soll. Wir besitzen eine große Herzl-Literatur. Neben Herzl- Biographien eine ganze Anzahl von Sammelschriften über die Zeit Theodor Herzls. Leider fehlt noch immer die große umfassende Darstellung seines Lebens und Wirkens. Noch leben, wenn auch nicht allzu viele, Menschen, die wahrscheinlich manch wertvolles Material zu einer Darstellung von Herzls Persönlichkeit liefern könnten. Wenn es in der Gegenwart vielleicht noch nicht an der Zeit ist, die umfassende objektive Biographie Theodor Herzls zu schreiben, so ist es sicherlich höchste Zeit, das Material zu sammeln, das nicht in Dokumenten und Briefen, sondern nur in der Erinnerung seiner Freunde und Bekannten vorhanden ist. Am Todestage Theodor Herzls sei der Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß kundige Männer und fleißige Hände alles Zusammentragen, was in kommender Zeit bei einer grandiosen Darstellung dieses unvergleichlichen Lebens verwendet werden könnte. ln aller Kürze Am 0. <1. M. hatte Dr. Weizmann eine neuerliche Unterredung mit Lord Passfietd. Das Colonial Office hat beschlossen, die Bewilligung für eine Anleihe der Stadt Tel- A wi w zwecks Errichtung eines ständigen Schlachthauses zu erteilen. * Der Generalkonsul der Vereinigten Staaten in Palästina, Herr Knabenscheu, gab ein Abschiedsbankett zu Ehren von Frau Luke, der Gattin des früheren Chefsekretärs der Palästina-Regierung. Dem Bankett wohnten der Vorsitzende der Arabischen Exekutive, Muza Kazim Pascha, und andere arabische Notabein bei. Vertreter der Judenschaft wurden nicht ein geladen. (J.T. A.) * Das Lateinische Patriarchat hat auf dem Zionsberge ein Grundstück um den Betrag von 100000 Pfund erworben und wird dort eine Kathedrale errichten. * In der Nähe von Lodz sind antijüdische Exzesse vorgekommen. Ein Jude wurde schwer verletzt. Da ein Exzedent getötet wurde, wiederholten sich die antijüdischen Ausschreitungen. Die britische Sektion der Jewish: Agency hat die Verireter der Synagogen und aller jüdischen Institutionen in Großbritannien für Sonntag, den 20. Juli, zu einer Sonderkonferenz eingeladen, in der die jüngsten Ereignisse im Zusammenhang mit der Errichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina und die Verwaltung des Palästina-Mandates durch Großbritannien überprüft werden sollen. * Der Stadtsowjet von Leningrad fiat soeben der Verwaltung der Chorsynagoge mitgeteilf, daß die Synagoge den Juden Leningrads als Andachtsstätte zurückgegeben wird. PaBiieid aber Englands Palästina-Polink Gegen das jüdische Mißtrauen — England hat die Juden nicht verraten New York, 11. Juli. (J, T. A.) Die in New York in jiddischer Sprache erscheinende große sozialistische Tages■ zeitung ״V orwärts“ veröffentlicht eine Erklärung des englischen Ivolorricnministers Lord Passfield, (Sidacv \Ycbb) über die Palästina-Politik der Arbeiterregierung und über den Kor!- flikt zwischen Coloniai Office und Zionistischer Organisation. Es heißt darin: Es ist nicht richtig, daß die Arbeiterregierung gegen die Politik des Jüdischen Nationalheims Ist. Die jüdische Ein- Wanderung nach Palästina ist nicht gesperrt, sondern bloß für eine gewisse Zeit unterbrochen worden. Großbritannien hält an seiner Absicht, die Bestimmungen des Palästinamandates durchzuführen, fest. Die Regierung hält aber eine Massenein wandern n g im gegenwärtigen Augenblick für nicht vorteilhaft, und zwar gerade für die Juden und Zionisten. Diese Haltung der Regierung ist diktiert von der politischen und wirtschaftlichen Situation Palästinas, die wohl eine Infiltration, nicht aber einen breiten Strom jüdischer Einwanderung zuläfit. Kann man von einer Sperre der Ein- Wanderung sprechen, wo doch keine einzige, bereits erteilte Einwanderungserlaubnis zurückgezogen worden ist? Besteht ein zureichender Grund dafür, daß von Panik ergriffene Juden in aller Welt verkünden, die Arbeiterregierung habe sie verraten? Durch Verbreitung solcher grundloser Gerüchte über die Arbeiterregierung liefert man deren inneren und äußeren Feinden Waffen in die Hand. Von Panik ergriffen, haben die Juden allen Sinn für Proportionen verloren. Lord Passfield fährt fort: ״Ich kenne Weizmann seit zehn Jahren, aber ich habe ihn noch nie so nervös gesehen, wie in diesen Tagen. Er hat es zugelasscn, daß gewisse unverantwortliche Gerüchte über mich als Kolonienminister und über die Regierung verbreitet worden sind. Ich will nicht sagen, daß er selbst diese Gerüchte ausgestreut hat, was ich aber unterstreichen will, ist, daß er sic hätte deinentieren oder der Wahrheit gemäß berichtigen sollen.“ Pass-, field tritt dann der Version entgegen, er habe Weizmann vorsltzllch IrrcgiJflhft, jn|e1p,,e,f'#fMf BcsgrephiMg jesagt, und die Zusage nicht gehalten hat. Er schreibt: ״Ich habe Weizmann kein ausdrückliches Versprechen gegeben. Ich habe lediglich gesagt, daß ich die Besprechung für zulässig halte. Kann ich dafür verantwortlich gemacht wer-' den, wenn Simpson seine persönlichen Pläne umgestoßen hat? Wie konnte die unrichtige Mitteilung verbreitet werden, ich batte Weizmann irregeführt? Wer ist für diese Mitteilung verantwortlich und welche Absicht steckt dahinter?“ Das Mandat, fährt Passfield fort, garantiert den Juden eine Heimstätte (Home Land) und nicht einen Staat. England kann keinen Judenstaat schaffen. Die ■Juden werden doch nicht erwarten, daß in der Heimstätte 12 oder 14 Millionen Juden angesiedelt werden. Die zionistische Bewegung erschwert die in Angriff genommene Aufgabe, indem sie unter den Juden Mißtrauen gegen die Regierung sät. Lord Paßfieid bestreitet, daß die Regierung die Bodenkäufe der katholischen Kirche erleichtert habe. Gegenstand der Mission Simpsons, schließt Passfield, ist nicht ein verpflichtender Bericht, sondern Information. Die Regierung wird seine Informationen zur Grundlage ihrer Entscheidungen nehmen und nicht etwaige Empfehlungen. Simpsons Bericht wird in drei bis vier Monaten erwartet, l nterdessen sollten sich die Juden beruhigen und nicht mit Mißtrauen auf Großbritannien blicken, denn Großbritannien bricht sein Wort nicht. Im Leitartikel begrüßt die Redaktion des ״Vorwärts“ die vorstehende Aeußerung Lord I’assfields als eine Geste des Friedenswillens gegenüber den Juden. Die Juden, schreibt das Blatt, werden die ausgestreckte Friedenshand mit Wärme ergreifen. * Den Erklärungen Passfieids kommt zweifellos urn so größere Bedeutung zu, als daraus hervorgeht, daß die jüdische Protestbewegung•• ihren Eindruck auf das Kolonialamt nicht verfehlt hat. Freilich ist bisher der erstrebte reale Erfolg, die Wiedererteilung der entzogenen Zertifikate, nicht eingetreten. Aber es scheint doch der Wunsch zu weiterer Zusammenarbeit zu bestehen. Angesichts dieser Tatsache sehen wir im Moment von einem Kommentar zu vielen kontroversen Einzelheiten in Passfields Acufierungen ab. Die Audienz des Board 01 Deputies Ucber die Audienz der Deputation des Board of Deputies beim Kolonienminister, über die wir schon kurz berichteten, wird jetzt nachstehendes offizielle Communique des Kolonialamtes der englischen Presse veröffentlicht: Der Staatssekretär für die Kolonien empfing am 2. Juli eine Deputation des Board of Deputies der britischen Juden. Die Deputation, bestehend aus O. E. d'A vigdorGoIdsmid, Lord Rothschild, B. S. Straus und J. M. Rieh, legte Lord Passfield dar, daß der Board in Großbritannien mit Wissen und Unterstützung des Colonial Office die Initiative innerhalb der Bewegung ergriffen hat, die 1929 zur Kooperation aller Teile der jüdischen öffentlichen Meinung in der Erweiterten Jewish Agency für Palästina geführt hat. Daher ist der Board, ohne eine zionistische Körperschaft zu sein, an der Verwaltung des Mandats lebhaft interessiert. Er sicht sieh zu der Annahme gezwungen, daß die Einwanderung»- Zertifikate von der Regierung aus politischen Gründen suspendiert worden sind, da die ökonomischen Faktoren von der palästinensischen Administration gründlich geprüft worden sind, bevor sie am 12. Mai die Herausgabe der Zertifikate sanktionierte. Die Maßnahme der Regierung hat die Tätigkeit der Jewish Agency geschädigt und den Eindruck erweckt, daß die Regierung zu der Ansicht gekommen ist, die jüdische Einwanderung müsse gesperrt werden. Die Jewish Agency ist ausschließlich auf freiwillige Beiträge angewiesen und die Suspendierung der Zertifikate hatte eine ernste Schädigung des Einkommens der Agency zur *TolfÄ "’Ble‘’Reglerl1“Äpp>liHk' 'hat"Tri?älSdfti» tcetde loyale' und zufriedene Bevölkerung geschaffen und in den Beziehungen des Landes zur Außenwelt sind Rückschläge festzustellen. Die Juden haben jahrhundertelang Ungerechtigkeiten von der Hand anderer ertragen und sind die letzten, die wünschen würden, daß den Arabern Unrecht geschieht Die Deputation übermittclte der Regierung die Bitte, die Zertifikate freizugeben und ihre Absicht, Palästina im Geiste des Mandats zu verwalten, zu demonstrieren. Lord Passfield sagte: Die Proteste der Juden scheinen auf einem Mißverständnis zu beruhen- Die Politik der Regierung hat keine Acndcrung erfahren und die Ausführung des Mandats ist nicht ungewiß geworden. Aber das Mandat hat keinen Judenstaat vorgesehen, sondern ein Jüdisches Nationalhcim in Palästina, in Einklang mit der Wahrung von Stellung und Rechten der arabischen Bevölkerung. Der jüdischen Einwanderung sind durch die Aufnahmefähigkeit des Landes Grenzen gesetzt. Die Einwanderung ist nicht gesperrt worden. 950 für das gegenwärtige Halbjahr im voraus bestätigte Arbeiterzertifikate sind nicht suspendiert worden. Die Shaw-Kommission berichtet, daß im Ergebnis der jüdischen Landkäulc eine bestimmte Zahl von Arabern ökonomisch geschädigt wurde, obwohl anerkannt worden ist, daß die Jewish Agency in liberaler Weise Gcldent- Schädigungen gezahlt hat. Die Regierung hält es für notwendig, die Behauptungen auf ihre Wahrheit zu prüfen und hat zu diesem Zweck den besten zur Verfügung stehenden Sachverständigen mit der Durchführung einer Untersuchung beiraut. Die Untersuchung ist gegenwärtig im Gange, und cs kann, obwohl jede Verzögerung vermieden wird, kein Versprechen abgegeben werden, zu welchem Zeitpunkt die Ent- 1 Scheidung wird gefällt werden können. Die Regierung hat sich durch die Ereignisse überraschen lassen — England hat nichts zum Ausgleich der arabischen und jüdischen Interessen getan Die in unserer Nummer vom 7. d. M. veröffentlichten Informationen des ״Daily Telegraph“ über den angeblichen Inhalt des Berichtes der Mandatskommission an den Völkerbundrat erweisen sich als u n r i c h t i g. Unser Genfer K-y Mitarbeiter drahtet: Die Meldungen der ״Neuen Freien Presse“ und des ״Daily Telegraph“ (die wohl auf dieselbe Quelle zurückzuführen sind, da die ״Neue Freie Presse“ keinen eigenen Korrespondenten in Genf besitzt) über die angebliche wesentlich proarabische Tendenz des Beriebtes der Mandatskommission an den Rat des Völkerbundes scheinen jeder ernsteren Grundlage zu entbehren und sind — dies ist auch die Ansicht maßgebender Völkerbundkreise — das Eigenwerk eines sensationslustigen Genfer loumalisten. Es ist daher angezeigt, sich von diesen voreiligen und oberflächlichen ״Informationen“ nicht beeinflussen zu lassen und die, spätestens ln zwei Wochen zu erfolgende Veröffentlichung der Verhandlungsprotokolle und des Berichtes der Mandatskommission geduldig abzuwarten. * .Der ,,Daily Telegraph“ selbst berichtigt am 10, d. M, seine ersten Meldungen» indem er (zum Teil als wörtliches Zitat) Teile des Berichtes der Mandatskommission wiedergibt, die er erfahren haben will. Wir bringen nachstehend diese Darstellung des ״D. T.“. Der Bericht der Mandatskommission über Palästina, schreibt ״D.T.“, enthält eine scharfe Kritik der Administration. Er vertritt die Meinung, daß die beschränkte Zahl britischer Truppen und die unzureichenden Polizeikräfte in erster Linie für die Ausbreitung der arabischen Unruhen und für die ernsten Konsequenzen, die sie im Gefolge hatten, verantwortlich zu machen sind. Die Kommission vertritt die Meinung, daß die Unruhen nicht so beurteilt werden dürfen, als wären sie inmitten einer beruhigten politischen Atmosphäre spontan ausgebrochen. Es war ihnen eine Reihe warnender Zwischenfälle vorangegangen, deren offensichtliches Zentrum der Klagemauer-Konflikt war. Die Klagemauer wurde in bestimmter Weise zum Konzentrationspunkt für die einander widersprechenden Wünsche der beiden Völker, von denen jedes bemüht war, seine Ansprüche durch Berufung auf eigenes Recht oder durch Anklagen gegen die andere Partei durchzusetzen. ״Der Streit um die Klagemauer erzeugte in der jüdischen Bevölkerung und durch Uebertragung In einem großen Teil Palästinas einen Zustand von Nervosität und erhitzter Leidenschaft, die jederzeit zu einer gewalttätigen Explosion führen konnten. Nichtsdestoweniger sei die Möglichkeit einer Vor-