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Jüdische Rundschau · 1930-07-08 · Heft 53 (8.7.1930) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 53 (8.7.1930)
Date
1930-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die Arbeit der Klagemauer-Kommission JÜDISCHE Einzelnummer 0£5 Goldmark ö RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,-— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. AuslanrRab<mnem«snts werdet! in der Währung der eituEelneg Linder berechnet. Ajareigenpreis: ** gesp. Nonparei&ezede 0*50 G-M. Stellengesuche 0.25 G.-M. Nummer 53 Berlin. 8. VII. 1930 Redaktion Verlag und Anzeigen - Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. AnwHgensdaloft: Disostsg und Freitag «•chesittags 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postscheck Konten: Berlin 173 92, Basel V 9355, Belgrad 680 32 Brüssel 304 33. Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140470, Prag 59410, Riga 4155, Strasshurg 164 30, Warschau 190 708, Wen 156 030. Bank -honten: Darmatadter und Nationalbank, Depositen K^asee Berlin. Kurftlrstendamm 52; Bane» de Est, Gemauti (Rumänien); Anglo Palestine Co. in Haifa. Terusalem, Tel Aviv י״ב תמוז׳ תי״צ I XXX V. Jalirg? Per Zionismus erstrebt fOr da» )Qdlsche Volle die Schaffung einer öffentlich •rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.'• Englands Bertdil an den VOIherbund ״Aufstieg in Pälästina durch die Unruhen nicht auf gehalten“ Offene Antwort London, 3. Juli. (I. T. A.) Am 1. Juli veröffentlichte die britische Regierung ihren Bericht an den Völkerbundsrat über die Verwaltung Palästinas und Transjordaniens im Jahre 1929. In dem Bericht heißt es: Die Ereignisse in Palästina und die Tätigkeit der Verwaltung im Jahre 1929 sind überschattet von den Unruhen, die sich in der Woche vom 23. bis zum 29. August abspielten. Die Ereignisse jener Woche sind von der Shaw-Kommission untersucht worden, deren Berieht, bereits zugänglich gemacht worden ist. Im allgemeinen waren die letzten Monate des Jahres charakterisiert durch politische Unruhe, Verstärkung der Maßnahmen zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit und Verminderung der wirtschaftlichen Aktivität. Der Konflikt zwischen den jüdischen und arabischen Ansprüchen auf Rechte an der Klagemauer gab weiteren Anlaß zu öffentlicher Beunruhigung. Auf arabischer Seite wird jede jüdische Handlung in der Nachbarschaft der Mauer mit Argwohn betrachtet, es herrscht dort Unzufriedenheit mit den vom High Commissioner erlassenen provisorischen Verfügungen, die von manchen .Moslems so interpretiert werden, als ob sie die Ermächtigung zur Abhaltung jüdischer Gemeindegottesdienste geben, für die es ihrer Meinung nach keine rechtliche Grundlage gibt. Auf jüdischer Seite herrscht Beunruhigung wegen der Akte der Moslems, die in der provisorischen Verfügung des High Commissioncr nicht vorgesehen sind und darauf abzielen, Gottesdienste sowohl privater als auch öffentlichen Charakters unvollziehbar zu machen. Die Verwaltung war daher und ist noch weiter genötigt, sorgfältige Vorkehrungen zur Vermeidüng von Unruhen zu treffen. Der Bericht nimmt dann weiter auf die vom Völkerbundsrat ernannte und gegenwärtig in Palästina befindliche Kommission bezUg, die mit der endgültigen Regelung der Klagemauerfrage betraut ist. Auf . die Sicherheitsfrage übergehend, fährt der Bericht fort: Es werden unter der Leitung von Dowbiggin, Aßaßnahmen zur Organisation der Polizei sie i» ,Etafaaft׳ fafig sein lEniiche Un ruh eh sch helle r und wirlös3me'r zu bekämpfen. Der Schutz der fernabliäfejiäen jüdischen Siedlungen soll durch die Errichtung neuer den. Die Zahl der britischen Polizisten ist bereits wesentlich vermehrt worden. Im Laufe der Monate September und Oktoher kamen, als weitere Folgen der nUruhen, Ueberfälle ernsten Charakters auf Einzelpersonen vor, doch war das Land zu Ende des Jahres äußerlich ruhig und die Touristensaison konnte eröffnet werden, ohne daß sich in ihrem Verlaut uniiebsatne Zwischenfälle ereignet hätten. Die jüdisch e Mißstimmung wegen der Unruhen führte für kurze Zeit zu einem sporadischen Boykott arabischer Erzeugnisse. Das wiedererwachte nationalistisehe und antijüdische Empfinden der Araber führte als Reaktion darauf zu einem organisierten Boykott jüdischer Produkte, der mit Einschüchterungsmaßnahmen verbunden war. Eine Zeitlang machte sich bei den Arabern Feindseligkeit bemerkbar, die sich darin ausdrückte, daß wirtschaftliche Transaktionen mit Juden unterlassen wurden, aber die Bedingungen waren in Anbetracht der Kleinheit des Landes, in dem der wirtschaftliche Verkehr zwischen den beiden Teilen der Bevölkerung unvermeidlich ist, so künstlich, daß bald der Schaden klar wurde, der durch den Boykott nicht nur den Juden, sondern auch den Arabern zugefügt werden mußte. Es wurde eine strengere Ueberwachung der Presse eingeführt und die Regierung geht schnell gegen jede Zeitung vor, die den Verordnungen des ottomanischen Pressegesetzes zuwiderhandelt, indem sie Artikel veröffentlicht, die zur Feindschaft zwischen beiden Gemeinschaften aufreizen oder den Frieden bedrohen. Die Augustunruhen hatten die Vertagung weiterer Verhandlung über die konstitutionellen Fragen zur Folge. Infolgedessen wurden in diesem Jahr in Palästina Aenderungen konstitutionellen Charakters nicht vollzogen, doch war die arabische Palästina-Exekutive in engerem Kontakt mit der Palästina-Regierung als dies in den letzten Jahren der Fall war. Der Bericht nimmt ferner auf die Bildung der er w e ite r ten Jewish Agency im August vorigen Jahres in Zürich bezug, wo ״die Juden als Ganzes sich geeinigt haben zum Aufbau Palästinas, in dem das Jüdische Nationalheim errichtet ugd ohne Präjudizierung der bürgerlichen und religiösen Rechte der gegenwärtigen Einwohner des Landes fortentwickelt werden soll“. Der Bericht stellt ferner fest: ״Im Laufe des Jahres 1929 hat sowohl der arabische wie der jüdisehe Nationalismus neue Impulse erhalten. Was den arabischen Nationalismus betrifft, der nie vollständig erstorben war, so hat er durch den Appell an das religiöse Gefühl neue Lebenskraft erhalten. Auf jüdischer Seite hat der Nationalismus in seinen wirtschaftlichen Bestrebungen durch die Wirtschaftsdepression der Jahre 1926—27 und zum Teil 1928 Rückschläge e rfahren, fand aber in der Vereinigung der Juden zum Zwecke der Fortentwicklung des Jüdischen National!!eims erneute Kraft.“ ’ ' , Trotz der schlechten inneren Lage Palästinas im ersten Teil des Jahres 1929, die in den Augusfunruhen ihren Höhepunkt erreichte, litt die wirtschaftliche Entwicklung des Landes weniger schwer, als angenommen werden könnte. Angesichts der zahlreichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten über die in den letzten Jahren berichtet worden ist, zeigt das Land nicht nur die Kraft zur Behauptung* sondern auch zur Wiederherstellung. Das Jahr schloß mit einem Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben im Betrage von Pfund 183 540 ab. Die größte Einnahmequelle waren auch weiterhin die Zollgebühren. Die unter diesem Titel faktisch erzielten Einnahmen betrugen Pfund 917 000, während der Voranschlag für 1929 Pfund 900 500 vorsah. Ohne Zweifel wäre der erzielte Betrag höher gewesen, wenn sich die Unruhen im August nicht ereignet hätten. Es ist ferner anzunehmen, daß sich die Folgen der Unruhen und der Wirtschaftliehen Wandlung infolge des arabischen Boykotts jüdischer Waren und Produkte voraussichtlich in den Einnahmen von 1930 bemerkbar machen werden. Die Belebung im Hände! und Industrie äußerte sich im Wachstum der Einwanderung. 1928 betrug der Ueberschuß der Einwanderung über die Auswanderung 36 und der der jüdischen Einwanderer über die jüdischen Aus- Wanderer bloß 10. In dem Berichtsjahr Uberträf die Einwanderung die Aus- Wanderung um 3731, darunter 3503 Juden. Unter den Einwanderern waren 2078 Angehörige der Arbeiterklasse (gegenüber 1120 im vorangegangenen Jahre). Die :ortschreitende Verringerung der Zahl jüdischer Arbeitsloser and die Erschließung neuer Möglichkeiten für landwirtschaftliehe und ungelernte Arbeiter rechtfertigten die Gewährung von Arbeiterzertifikaten. Die Arbeitslosigkeit war unbeträchtlich. Abgesehen von einem natürlichen Rückfall im August verringerte sich die Zahl der Arbeitslosen von Monat zu Monat. Das Angebot gelernter Arbeiter entspricht der Nachfrage. Die Löhne für gelernte Arbeiter sind stabil, mit aufstrebender Tendenz in fast allen Zweigen des Metallewerbes, trotz Verringerung der Arbeitszeit von 9 auf r Stunden in manchen Fällen. Die im Metallgewerbe bezahlten Löhne waren für Juden und Nichtjuden ungefähr gleich, doch war der Arbeitstag der Juden in der Regel kürzer. Die Prosperität itn Textilgewerbe hatte eine Steigerung der Lfhne in dieserMÄMÄrt eine gewl«;|ieig׳ tiinf ’ i#׳s tblflÄiiaaÄ Mente itcr‘&Qeh in •der Leoensmitt« erzeugung bemerkbar. Im W 9 gen b ä 11 sind die Löhne gespuken. Obgleich, die Lphnskfia für.׳.upgeJtrjttt״׳städtische Arbeitey keine wesentliche Aetjderung erfuhr, konnte in manchen Distrikten ein Jeicijtes Anziehen der Löhne im Bauge werbe festgestellt werden, besonders bei nichtjüdischen Arbeitern. Dje Löhne für unge lernt e land wirf sch aftliehe Arbeiter stiegen infolge der wachsenden Nachfrage nach jüdischen Arbeitern in den neuen Siedlungen um 10 bis 12 Prozent. Im Druckereigewerbe waren die Löhne für jüdische Arbeiter höher als die für nichtjüdische, doch erzielten in manchen Zweigen der Tabakindustrie Nichtjuden mehr als Juden und ebenso arabische Steinmetze und M e c h a n i k e r mit besonderer Fachausbildung. Auch die Gehaltsskala für nichtjüdische Ladengehilfen war höher als die für jüdische. Das allgemeine Niveau war allerdings bei den Juden höher. Die durchschnittliche Arbeitszeit in der industrie war: 8 bis 9 Stunden für Juden und 8 bis 913׳ Stunden für Nichtjuden. Dem Bericht ist der Fragebogen der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes mit den Antworten der brilischen Regierung angefügt. In Beantwortung der Frage, ״welche Maßnahmen ergriffen worden sind, um das Land unter solche politische, administrative und wirtschaftliche Bedingungen zu setzen, welche die Errichtung des Nationalheims für das jüdische Volk sichern sollen“ wird gesagt: Im Jahre 1929 wurden 4700 jüdische Arbeiterin!migranten neu zugelassen. Die Administration leistete der Exekutive der Jewish Agency einen Beitrag von 20000 Pfund zu ihren Jahresausgaben für die unter ihrer Kontrolle stehendeji Schulen. Im Zolltarif wurde den neu errichteten jüdischen Industrien weiterer "Schutz gewährt. Anfang 1930 wufden die Wahlbestimmungen Tür die jüdische Gemeihschaft (Knesseth Israel) veröffentlicht und das Register der Wähler angelegt 3882 Juden, mit ihren Familien 7018 Seefen, wurden afs Palästinenser naturalisiert. Die Jewish Agency hat von Oktober 1927 bis September 1929 für wirtschaftliche und soziale Aufgaben 670000 Pfund aufgewendet. Die jüdische Bevölkerung Palästinas betrug im Jahre 1929 165 000 Seelen, gegenüber 56 000 im Jahre 1918. Der Bevölkerungszuwachs beträgt also in 11 Jahren 109 000, worunter schätzungsweise 76 000 Einwanderer sind. Das Wachstum der ländlichen Bevölkerung beträgt in der gleichen Periode 20 000, woraus sich ergibt, daß ungefähr 26 0/0 der eingewanderten Juden auf dem Lande wohnen. In dem Transjordanien gewidmeten Teil des Berichtes der englischen Regierung an aen Völkerbundsrat heißt es u. a.: Die enge Verbindung zwischen den Arabern Palästinas und Transjordaniens und die Verbreitung wilder Gerüchte bei Ausbruch der Unruhen in Palästina erzeugten in Transjordanien einen solchen Gemütszustand, daß ein bewaffneter Marsch gegen die jüdische Bevölkerung Pa- Iästinas zu befürchten war. Daß diese schwere Gefahr abgewendet wurde, ist hauptsächlich der Haltung des Emir A b - duIIah und seiner Regierung zu verdanken. Dem Bericht sind zahlreiche Dokumente beigefügt, darunter die Bestimmun• gen der Konzession für die Ausbeutung des Toten Meeres und die Bestimmungen über die Benutzung des Platzes vor der Kiagemauer, in denen die Verwendung von Bänken und Scheidewinden und ferner das Vorbeiführen von Tieren über dem Ätz vor der Kiagemauer zu bestimmten, dem jüdischen Gottesdienst vorbehaltenen Stunden verboten sind, ferner angeordnet wird, daß die Tür, welche den Moslems den Zugang vom Platz vor der Klagemauer zur Zavieh-Moschee am Südende der Mauer eröffnet, an Sabbattagen und jüdischen Feiertagen geschlossen zu bleibea hat. Wir haben in Nr. 51 den ,,Offenen Brief“ wiedergegeben, der in der ״Deutschen Republik“ an die Juden gerichtet wurde. Herausgeber der genannten Zeitschrift sind u,' a. Innenminister Dr. Wirt 11 und Reichstagspräsident Paul Löbc. Schon aus diesem Grunde würde der Brief große Beachtung verdienen. Der Inhalt des Aufsatzes erhöht' die Verpflichtung, zu den gemachten Ausführungen, ernsteste Stellung zu nehmen. Der Autor des Aufsatzes, gleich den führenden Mänhern, die hinter der Zeitschrift stehen, offenbar Nichtjude, hat in der Behandlung des Problems einen leichteren Stand als ein Jude. Er ist in dieser Frage nicht direkt als Partei engagiert: er ist weder Jude noch Antisemit. Allerdings hätte er auch leicht der Versuchung erliegen können, auf vermeintliche jüdische Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Er hat es nicht getan, sondern offenherzig die Rolle der Juden in der Bekämpfung des Antisemitismus kritisiert. Wir haben den ״Offenen Brief“ unter der Spitzmarke ״Nur Selbsthilfe kann helfen“ wiedergegeben und damit das Wesentliche charakterisiert, das sich für uns Juden aus den Darlegungen des Autors ergibt. Im nachfolgenden wollen wir ebenso offenherzig, wie er, darauf eingehen, was uns in der. Diskussion dieser Frage essentiell erscheint. Vorher sei aber auf die Feststellungen des ״Offenen Briefes“ hingewiesen, die unseres Erachtens zutreffend sind. Es ist richtig, daß die Situation für die deutschen Juden bedrohlich ist und daß keine Aussichten bestehen, daß sich die Zustände in absehbarer Zeit bessern werden. Es ist höchstwahrscheinlich, daß die ersten Opfer in der großen Auseinandersetzung zwischen altem und neuem Deutschland die Juden sein werden. Der Kampf um das neue Deutschland wird auf dem Rücken und auf Kosten der Juden zur Austragung gelangen. Es ist ferner zutreffend, daß die bisherigen Methoden der jüdischen Abwehr unzulänglich waren und daß die jüdische Verteidigung mit einigen kläglichen Abwehrvereinen kümmerlich war“. Weiter stimmen, wir der Ansicht des Autors zu, daß die Juden in Deutschland gleich dein deutschen WiftsvölM poli- ■ ®■WÄW «ind. Ä״fltlpt׳ittder6'"Äftll;' und bessere Methoden zu ihrem Selbstschutze in Anwendung gebracht. Schließlich teilen wir ganz .die Meinung des Autors, daß die Masse sich von ihrem Gefühl und nicht von ihrem Verstände leiten läßt und daß darum alle Versuche, nur durch rationale Aufklärung eine Gesinnungswandlung der Judenfeinde herbeizuführen, aussichtslos sind. So beachtenswert der Offene Brief auch ist, über eine 11 wichtigen Punkt läßt er Klarheit vermissein. Glaubt der Autor des Briefes an die Möglichkeit, den Judenhaß im deutschen Volke ganz auszurotten? Sollen die den Juden gemachten Vorwürfe andeuten, daß er diese Möglichkeit für gegeben hält, wenn die Juden ein bestimmtes Verhalten an den. Tag legen? Was aber nach der Meinung des Autors die Juden und auch die Nichtjuden, die den Antisemitismus ablehnen, tun sollen, um einen Modus vivendi zwischen Juden und Nichtjuden herbeizuführen, darüber fehlen im Offenen Briefe geeignete Vorschlage. Es gibt in ihm einige richtige Feststellungen, einige berechtigte Vorwürfe, aber keine Vorschläge, die wir gern zur Kenntnis genommen hätten, gerade weil sic von: wohlwollender nichtjüdischer Seite kommen. Der Autor weiß genau wie wir, daß es außer klaren Begriffen auch blinde Instinkte gibt und daß, wie er selbst bemerkt, die Masse sich mehr vom Gefühl als vom Verstände leiten läßt. Der Antisemitismus wird von Theodor H e r z l folgendermaßen charakterisiert:: ״Ich glaube?11 e kenn 11, was im Antisemitismus roher Scherz, gemeiner Brotneid, angeerbtes Vorurteil, religiöse Unduldsamkeit — aber auch was vermeintliehe Notwehr ist.“ Ferner sagte Theodor Herzi: ״Das Märchen und das Sprichwort sind antisemitisch.“ Die Wurzel des Judenhasses ist die Tatsache der Unterscheidbarkeit zwischen erdrückender nicht jüdischer Mehrheit und jüdischer M inderheit sowie die darin gelegenen Spannungsraöglichkeiten. Eine reine Worterklärung mag den Tatbestand beleuchten. Das Wort ״Judenhaß“ besteht aus ״Juden“ und ״Haß“. Die Masse ist stets geneigt, etwas zu hassen. Wo eine jüdische Minderheit mit der Haßbereitschaft der Masse zusammenstößt, dort ergibt sich unter Umständen der Judenhaß. Diese Umstände können immer wieder eintreten oder der Masse eingeredet werden. Wollte man den Judenhaß vollständig aus der Welt schaffen, so müßte man theoretisch, die Haßbereitschaft der Masse oder die Juden oder beide vernichten. Wer aber ist hierzu imstande? Es wird weder gelingen, die Masse in absehbarer Zeit von ihrer Haßbereitschaft zu heilen, noch werden die Antisemiten im- Stande sein, die Juden restlos auszurotten. An eine vollständige Liquidierung des Judenhasses und an eine vollkommen zufriedenstellende Regelung des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden kann man, wenigstens was absehbare Zeiträume betrifft, nicht glauben. Noch sehr lange wird der Satz seine Gültigkeit bewahren: ״Der Jude wird verbrannt.“ Es hätte auch nicht geholfen, wenn statt Hilgenbergs irgendein Jude die gewaltige Meinungsfabrik mit den zahlreichen Filialen gegründet hätte. Hierin liegt nämlich der springende Punkt: Hugenberg gibt vor, die nationalen Belange des deutschen Volkes ohne irgendwelche Nebenabsicht zu wahren; seine Legitimation wird nicht angezweifelt, und sein guter Glaube nicht in Frage gestellt. Täte ein Jude etwas Aehnliches, so würden nicht nur die Antisemiten, sondern auch weite nicht ausgesprochen antisemitische Kreise des deutschen Volkes

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