Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 46 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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VL 1930 Redaküonsschlu& Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ז סיון׳ תר״צ | xxxv. jahrg. Per Zionismus erstrebt IQr das JQdlsche Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.״ Die PaMsflnafagung der MandafsKomialssIon ״England, hat ein jüdisches Heim, keinen jüdischen Staat versprochen“ Die Schlußrede Dr. Stiiels' Ueber die zweite, den Ereignissen In Palästina gewidmete Sitzung der Mandatskommission wird offiziell mitgeteilt: Die Kommission befaßte sich mit der Prüfung der Ereignisse, deren Schauplatz Palästina von September 1928 bis August 1929 gewesen war. Seitens der Mandatarmacht war der Unterstaatssekretär für die Kolonien Dr. Drummond Shiels anwesend, dem der Chefsekretär des Oberkommissariats in Palästina Herr Luke und die Herren Lloyd und Clauson vom Colonial Office assistierten. Nach chronologischer Prüfung der Ereignisse und ihrer unmittelbaren Ursachen befaßte sich die Kommission mit dem Moment der Verantwortung für die Unruhen im Herbst 1929 und deren tieferen Ursachen. Dr. Shiels gab der Kommission ergänzende Informationen und erwiderte auf seitens der Mitglieder der Kommission an ihn gestellte Fragen. Auch Luke erwiderte auf Fragen, die sich auf die Ereignisse in Palästina bezogen. Wie der JTA.-Vertreter erfährt, hielt der Holländer van Rees eine längere Rede, ln der er den Shaw-Bericht scharf kritisierte und auch Luke nicht schonte. — Shiels erklärte, die Juden im Auslande, die eine Einwanderung in weitem Maßstabe verlangen, ziehen nicht die Schwierigkeiten ln Betracht, mit denen die Mandatarmacht zu kämpfen hat. * Ueber die Verhandlungen der Mandatskommission des Völkerbundes am 6. Juni wird das folgende offizielle Conmuniqut herausgegeben: Die Mandatskommission befaßte sich in Anwesenheit des britischen Unterstaatssekretärs für die Kolonien Dr. T. Drummond Shiels, dem der Generalsekretär des Oberkommissariats 1n Palästina Luke und die Beamten des Kolonialamts Lloyd und Clauson assistieren, mit der Prüfung der unmittelbaren und ferneren Ursachen der Unruhen in Palästina im August 1929. Sie befaßte sich insbesondere Mit de. Frage der Jüdische«. Einwanderung und der Zuteilung von Böden an Jüdische Kolonisten. Dr. Drummond Shiels gab der Kommission Erklärungen zu diesen beiden Problemen, mit denen sich die Shaw-Kommission während ihrer Untersuchung in Palästina beschäftigte, und bemerkte, daß die Politik, die die britische Regierung seit 1922 verfolgt hat und die sie weiter verfolgen will, darin besteht, die wirtschaftliche Absorptionsfähigkeit des Landes bei der Zulassung der Einwanderer zu berücksichtigen. Als die Kommission Dr. Shiels ersuchte, Aufklärung zu geben über die Ursachen der von Jahr zu Jahr in der An■ gelegen heit der Einwanderung feststcllbaren Variationen, fügte Dr. Shiels hinzu, daß man die Gründe für diese Variationen in den jeweiligen U m - ständen und den Verhältnissen des Landes suchen müsse. Man werde in Zukunft fortfahren, das Jüdische Nationalheim zur Entwicklung zu bringen und wird dabei alles tun, um ein Ergebnis zu erreichen, welches sich auf die Basis des Berichtes von Sir John Hope Simpson, in Ueberelnstimmung mit dem Mandat, gründet. Ueber die Verhandlungen der Mandatskommission am 7. Juni wird offiziell mitgeteilt: Nachdem die Mandatskommission die Ereignisse untersucht hat, deren Schauplatz Palästina vom September 1928 bis August 1929 gewesen ist, und nachdem sie die unmittelbaren Ursachen dieser Ereignisse, die Verantwortungen und die tieferen Ursachen der Bewegung erwogen hat, ging sie heute an die Prüfung der von der Mandatsregierung zur Verhütung einer Wiederkehr ähnlicher Unruhen ergriffenen Maßnahmen heran. Bei dieser Gelegenheit erklärte der beglaubigte Vertreter der Mandatarmacht, Dr. T. Drummond Shiels, daß seit September 1929 die englischen Polizeikräfte um 400 Mann (100 im September, 100 im Oktober 1929, 200 im Januar 1930) vermehrt worden sind und heute die Zahl 650 erreichen. Er fügte hinzu, daß auf Grund des provisorischen Berichtes des Polizeiinspektors H. L. Dowbiggin, der auf Ersuchen der britischen Regierung Untersuchungen an Ort und Stelle angestellt hat, die Regierung beschlossen hat, den Bestand der Polizei noch zu erhöhen und alle Dispositionen zu treffen, um die Schnelligkeit des Deplacements zu steigern. Im übrigen bleiben die im September 1929 nach Palästina geschickten beiden Bataillone weiter im Lande. Sobald der endgültige Bericht des Inspektors Dowbiggin vorliegen wird, wird die britische Regierung alle jene anderen Maßnahmen ergreifen, die zur Sicherung der Ordnung als notwendig erachtet werden. Herr Luke gab auf Ersuchen der Kommission ergänzende Mitteilungen über die Organisation der palästinensischen Polizei, deren Bestand, ebenso wie der der britischen Polizei, gem;'iß den Empfehlungen im provisorischen Bericht des Inspektors Dowbiggin erhöht werden wird. Ueber die Verhandlungen vom 10. Juni wird offiziell mitgeteilt: Nachdem die Permanente Mandatskommission die von der britischen Regierung ergriffenen Maßnahmen zur Verhütung einer Wiederkehr von Ereignissen, ähnlich denen von August und September 1929 untersucht hat, befaßte sie sich mit der Politik, die die Mandatarmacht in Zukunft zu befolgen beabsichtigt, 11m dem Mandat für Palästina Wirkung zu verleihen; ebenso befaßte sich die Kommission mit den von der Mandatarmacht zur Verwirklichung dieser Politik ins Auge gefaßten Maßnahmen, Der beglaubigte Vertreter der Mandatarmacht Dr. T. Drumtnond Shiels legte in einem Expose die von der Mandatarmacht zu befolgende Politik dar. Er erklärte, daß die britische Regierung das Mandat voll durchführen wird. Die Politik wird keine Aenderung erfahren. Es sind nur Maßnahmen ergriffen worden oder es werden solche ergriffen werden, um diese Politik wirksamer zu gestalt e n. Die militärischen und die polizeilichen Kontingente bieten jetzt größere Sicherheit. Die Verstöße einer gevvissen Presse und die aufrührerische Propaganda werden in Zukunft einer strengen Kontrolle begegnen. Man habe, sagte Dr. Shiels, oft behauptet, daß die Verpflichtungen der britischen Regierung gegenüber den Juden positiv, während diejenigen gegen die Araber negativ seien. Die britische Regierung hält diese Art Einwendungen für gefährlich und ist der Ansicht, daß es im wahren Interesse des Jüdischen Nationalheims gelegen ist, daß der nichtjüdische Teil der Bevölkerung das Gefühl hat, daß die Mandatarmacht in gleicher Weise aktiv auch um sein Wohl besorgt ist. Die in britischen Kolonien geltenden Verwaltungsprinzipien seien für Palästina besonders geeignet; Fortschritte in diesem einzigartigen Unternehmen können nur gemacht werden durch Verwertung aller anderwärts erworbenen Erfahrungen. Der Enderfolg wird keineswegs von der Haitung der Regierung abhängen, sondern von dem Willen der beiden Bevölkerungselemente zur Zusammenarbeit. Die arabischen Führer müssen so handeln, daß Ereignisse wie die vom letzten Augijst niemals wiederkehren. Die britische Rcgtepn* te* ''fiar at)er rür tatenfSfe' ‘mit Ztvilisalfon und Fortschritt unvereinbar sind. Nationale Unabhängigkeit ist gut, aber der Wille, mit einem anderen Volk zusammenzuarbeiten, ist noch besser. Andererseits müßten die jüdischen Führer verstehen, daß man demjenigen, der feierliche Verpflichtungen übernommen hat, mehr Vertrauen schenken muß. IJnunterbrochene Kritik der Rcgicrungsbeamten ist unklug und oft unfair. Es müssen auch Anstrengungen gemacht werden, die Juden der Welt darüber aufzuklären, daß die Mandatarmacht die Errichtung eines jüdischen Heimes in Palästina, nicht aber eines jüdischen Staates übernommen hat. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß Anlall bcsteht, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Zum Schluß dankte Dr. Shiels der Mandatskommission lind sprach die Zuversicht :ms, daß die Verhandlungen dieser Woche zur Wohlfahrt aller Teile der palästinensischen Bevölkerung beigetragen haben. Weizmanns Gespräche io Genf Der Präsident der Jewish Agency, Dr. Chaim Weizinaim, der einige Tage in Genf geweilt Hat, teilte dem Vertreter der J. T. A. in einem Interview u, a. mit: Ich bin in Genf mit einigen führenden Mitgliedern der Mandalskommission zusammengekommen und hatte auch eine Iringere Unterhaltung mit dem Generalsekretär des Völkerb undes. Ich schilderte den Herren die Lage, die sich im Zusammenhang mit den Ereignissen der letzten Monate, die in der Zurückziehung der Einwanderungszertifikate für Chainzim gipfelten, herausgebildet hat. Ich versuchte, ihnen klar zu machen, daß das jüdische Volk die Zurückziehung der Zertifikate als einen tatsächlichen Bruch des Mandats auffaßt und die Versuche, diese Maßnahmen mit rein formellen Gründen zu rechtfertigen, nicht gelten läßt. Ich versuchte im Gespräch mit den erwähnten Persönlichkeiten die Auffassung zu widerlegen, daß der sogenannte ״Dualismus“ des Palästina- Mandates unüberwindliche Schwierigkeiten mit sich bringt. Ich erklärte ihnen, daß wir Juden im Gegenteil von der absoluten Möglichkeit einer Harmonierung der Interessen der Juden und der Araber überzeugt sind, indem die Förderung des Aufbaus Palästinas und der Nachbarlinder allen Einwohnern dieser Länder zugute kommt und einen bedeutungsvollen Beitrag zu der Zivilisation darstellt. Wir glauben an das Vorhandensein von Kräften, die Zwecken dienen, welche weder die Interessen der Juden, noch die der Araber im Auge haben, sondern das Ziel verfolgen, das bereits begonnene friedliche Zusammenleben der beiden Völkerschaften zu untergraben. Auf die Frage, wie er die Erklärung des britischen Bevoll-!nächtigten Dr. Shiels in der Eröffnungssitzung der Mandats- Kommission auffaßt, erklärte Dr. Weizmann: ich kann zu dieser Erklärung vorläufig keine Stellung nehmen, ich muß aber die Gefühle anerkennen, von denen Dr. Shiels bei der Abfassung eines so schwierigen Dokumentes sich hat leiten lassen. Wir sehen mit Sorge, aber auch mit Vertrauen den Taten der Regierung, die dieser Erklärung folgen müssen, entgegen. In Berlin hat Dr. Weizmann am 6. d. M. eine Ausspräche mit Vertretern aller zionistischen Gruppen abgehalten, ferner hatte Dr*. Weizmann eine Aussprache mit dem G. A. der Z. V. f. D. Freitag abend war Dr. Weizmann der Gast Dir. Oscar Wassermanns. Vertrauen zu England Der Vertreter der englischen Regierung vor der Mandalskommission, Dr. Shiels, hat den richtigen Punkt getroffen, wenn er sagte, für eine Besserung der Lage in Palästina sei die Mitarbeit und der gute Wille beider Völker erforderlich, und dazu bedürfe es vor allem zweier Voraussetzungen: des Verzichtes der arabischen Führer auf Gewaltanwendung, und des Vertrauens der jüdischen Führer zur Mandatarmacht. Die Regierung meint, daß es falsch sei, ihre Verpflichtungen gegenüber den Juden als ״positive“, d. h. zur aktiven Unterstützung verpflichtende, die gegenüber den Arabern aber als ״negative“, d. h. sic lediglich vor Unrecht schützende, zu bezeichnen; vielmehr hat die Mandatarmacht als Verwalterin des Landes positive Verwaltungsaufgaben gegenüber der ganzen Bevölkerung, und es liegt auch 1m Interesse des Jüdischen Nationalheims, wenn die Landesbevölkerung das Gefühl hat, daß die Regierung sich wirklich aktiv um ihre Wohlfahrt sorgt. Dr. Shiels appellierte an die Juden, für diese Position der Mandatarmacht Verständnis zu haben und ihr nicht durch ununterbrochene Kritik ihre Aufgabe zu erschweren. Wir glauben, daß die hier dargelegte Ideologie viel richtiges für sich hat; aber worauf es beim Regieren ankommt, ist nicht die Ideologie, sondern die Praxis. Denn das wirkliche Leben hält sich nicht an eine noch so schön ausgeklügelte Theorie; vielmehr entstehen, von den Verantwortlichen vielleicht gar nicht gewollt, selbständige, wirkende Kräfte, die wachsen und sich entwickeln und schließlich sich nicht mehr in den Rahmen der Theorie pressen lassen. Bleibt die Mandatarmacht passiv, dann kommt alles anders, als sie es sich zurecht gelegt hatte. Die Juden, die vor zehn Jahren, gestützt auf die Balfour-Deklaration, ihr Werk in Palästina begännen ugd unermeßliche Menschenkraft, seelische und, physische ׳Sfef'gie soWid ein Kapital, ״dis;mach!- nungen sich auf die Riesensumme von 45 Millionen Pfund belaufen soll, in das Land versenkt haben, taten dies alles im V c r t r a u e n auf England. Sie wußten sehr wohl, daß dieses Vertrauen die Grundlage des ganzen Unternehmens bildet, und wenn sie auch häufig erregt kritisierten, in der Sorge um dieses Werk ihrer letzten Zuflucht vielleicht oft etwas nt stürmisch und ungeduldig waren, so wurde doch an der Vertrauensgrundlage nicht gerüttelt. Auch bei Maßnahmen der Mandatarmacht, die für die Juden Enttäuschungen brachten, haben sie zwar protestiert, aber die besonnenen Elemente im Zionismus und vor allem die zionistische Führung waren stets bemüht, solche Schwierigkeiteu der Zusammenarbeit zu überwinden. Gerade Dr. Weizmann war es, der stets auf die Notwendigkeit eines Vertrauensverhältnisses zu England hingewiesen und viele Angriffe aus dem eigenen Lager, die gegen England gemünzt waren, auf sein eigenes Haupt abgcleitet hat. Viele Zionisten verstanden auch, daß man Englands Taten nicht an den zu weit gehenden Erwartungen mancher zionistischer Kreise messen dürfe. Die Zionisten hatten also Verständnis für dieses Postulat, das Dr. Shiels in Genf unterstrich. Aber der britische Vertreter darf doch, wenn er über dieses Problem spricht, nicht so tun, als ob inzwischen nichts geschehen wäre. Er darf doch nicht vergessen, was es bedeutet, wenn ein Volk, das sich — gerade in seinem Sinne — dem Schutz Englands anvertraut hat, plötzlich Erlebnisse hat wie die des vorigen August. Wir standen vor einem Ereignis, das von einem großen Teil der führenden englischen Presse nicht anders bezeichnet werden konnte als ein völliger ״breakdown“, ein Zusammenbruch der englischen Verwaltung. Er darf nicht vergessen, daß dieser Vorgang von einem grausamen Massaker begleitet war, dem über hundert jüdische Leben zum Opfer fielen. Die Juden mußten plötzlich erkennen, daß sie sich nicht auf England verlassen können, sondern nur noch auf sich selbst. Und nach diesem Zusammenbruch der Verwaltung gab es nicht einmal eine Geste, die hätte erkennen lassen, daß England Wert darauf legt, das gestörte Vertrauensverhältnis wiederherzustellen. Der verantwortliche ffeamte, der zurzeit des Massakers an der Spitze der Regierung stand, hätte, ob er nun subjektiv schuldig ist oder nicht, sofort des Amtes enthoben werden müssen. Denn in solchen Fällen trägt der Regierungschef nicht nur die Verantwortlichkeit einer Privatperson, bei der man Absichten und Gesinnungen prüft, sondern die objektiven Tatsachen selbst genügen zu seiner Verurteilung. Dies mag ungerecht gegen eine Person sein, es liegt jedoch im Wesen politischer Verantivortung. Die Enthebung des Beamten ist ein symbolischer Akt, durch den die Regierung nicht den Mann als solchen ״bestraft“, sondern die Geschehnisse verurteilt und ihren Willen zur künftigen Verhinderung niairifestiert. England hat dies nicht getan, Mr. Luke ist bis heute offiziell Chiefsecretary Palästinas, und selbst wenn er in der nächsten Zeit auf einen anderen Posten hinauf-