Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 40 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653156-2653195--21588-2679703- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mr. Ämerys Berliner Rede über Palästina Einzelnummer 0£5 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU £r«cha«n jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Audandaabemiamtin« w«rden in der Wahren* der einzelnen Under berechnet Anrelzenpreir. 8 zeejt Nonpereillereile 0,50 G.-M. Stelleateeueh» 0,25 G.-M. Nummer 40 | Berlin, 23. V. 1930 Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m-b.H., BerlinWlS, Meinekestr.10 Telephon: J1 Bismarck 7165-70. AnzeigenjcbluB: Dienstag und Freitag nachmittag■ 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Peiticheck ■Koatea! Berlin 17392, Betel V 9355, Belzrtd 68032 Brüeael 394 33, Badepett 596 93, Dnudc 1973, Hm* 1404m Pr** 59410, Str*s.burrt64 30, Wu*ehau 190708, Wien 156 030 Beek Konten! Darmstidter und N*tiona!h*nk, D^oritan-KaMM BnUn, Kurinmendmem 52; Bene* de Eet, Ceraautl (Rumlnlen>, Anale PaletHna Co. in Heile, teroeelem, Tel ■Aviv. sin -פה אייר | xxxv. Jahrg. Per Zionismus erstrebt fdr das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich־ rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm," Zehn Jahre Jüdische Volkspariei Freunde! Vor 10 Jahren schicktet Ihr uns zum ersten Male als die Exponenten Eures nationalen Willens in die Jüdische Gemeinde von Berlin. Was wir vorfanden, war Schwäche, Apathie, im besten Falle - Verwaltung. Aber das nationale Pathos bewährte, wie überall, auch hier seine gestaltende, seine schöpferische Kraft. Unsere Bewegung wuchs, heute haben wir mit den bestimmenden Einfluß. Aus der Unansehnlichkeit, in die sie sich selbst hineinbegeben hatte, wurde die Gemeinde Berlin wieder zum bedeutsamen Faktor im jüdischen Leben der Galuth. Sie nimmt wieder teil an jüdischer Freude und an jüdischem Leid auf der Welt, es wächst ihre Verbundenheit mit Erez-Israel. Freundet Heute ist es mehr denn je Pflicht Jedes von Euch, sich als verantwortlicher Träger jüdischer Volkspolitik in der Diaspora zu fühlen. Ein starkes werteschaffendes Galuth- Judentum ist die beste Gewähr für die Ueberwindung jedes Hemmnisses, das unserem Aufbauwerk drohen kann. Nicht als Feiernde ausruhen wollen wir nach diesen 10 Jahren, sondern die Kräfte rüsten zum letzten, endgültigen Kampf um die Gemeinden und damit um die Seele des deutschen Judentums. Der kommende Winter bringt die neue entscheidende Chance. Wird es einen unter uns geben, der hei Seite stehen wird, wenn wir daran gehen, den alten Herzl-Traum von der Eroberung der Gemeindestuben zur Wirklichkeit zu machen? ""•■*־ *־י•""", י■ Alfred Vorsitzender der Jüdischen Volkspartei. IlilllllllllllMItllllllllllllllllillllinillllllllllllllllllHIItlllllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllllllltlllllllllllllllllllllUMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIlillllllllllllllllllllHIIIIIIIIIilllllllllllilllHIIIIIIMIIIIIIlIhllllllllllilllilMIIIIIIHIIIMIIIIlflllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllMIIH Die suspendierte Einwanderung Große Erregung in Palästina und in allen Teilen des Galuth Proteststreik in Palästina — Proteste der Jewish Agency Provisorische Regelung auch der Bodenfrage T Die zeitweilige Sperre der jüdischen Einwanderung nach Palästina hat in der gesamten jüdischen Welt, und vor allem in Palästina selbst, eine unbeschreibliche Erregung hervorgerufen. Nach den Ereignissen der letzten zehn Monate, nach den fortgesetzten Enttäuschungen und Kränkungen, denen das um das Jüdische Nationalheim besorgte jüdische Volk ausgesetzt war, wird dieser letzte Schlag geradezu als unerträglich empfunden. Immer lauter ertönt die bittere Frage, ob die englische Regierung, die in den letzten Monaten bei verschiedenen Anlässen feierlich ihre Treue gegenüber dem Mandat proklamiert hat, nicht durch ihre praktischen Maßnahmen den Aufbau des Jüdischen Nationalheims immer mehr erschwert. Die letzte Anordnung des Kolonialamtes bedeutet einen Bruch des Artikels 6 des Mandates, der die Mandatarmacht beauftragt, die jüdische Einwanderung zu erleichtern, wobei die Rechte und die Position der nichtjüdisehen Bevölkerung gewahrt werden sollen. Würde es sich nun um Meinungsverschiedenheiten darüber handeln, ob die geplante Einwanderung im jetzigen Moment dem Lande oder irgendeiner Bevölkerungsgruppe nachteilig ist, dann könnte man darüber noch diskutieren. Aber es liegt in Wahrheit ganz anders. Die palästinensische Wirtschaft, die dank der jüdischen Initiative auch in den letzten Monaten gewaltige Fortschritte gemacht hat, braucht zu ihrer Entwicklung gerade jetzt Arbeitskräfte. Der Prozeß der allmählichen Umbildung der Wirtschaftsstruktur, der erst die Voraussetzung für eine dichte Besiedlung und damit für das Jüdische Nationalheim schafft, ist auf ständigen Zustrom kundiger und williger Arbeiter angewiesen. Eine genaue Analyse hat ergeben, daß gegenwärtig freie Arbeitsplätze für 3000 Menschen da sind. Die Palästinaregierung und ihr Einwanderungsamt, die bei der Ab- Schätzung von Arbeitsmöglichkeiten immer eher vorsichtig und konservativ als leichtgläubig sind, haben die Angaben nachgeprüft und die Zertifikate bestätigt Damit ist über allen Zweifel festgestellt, daß ein Ökonomisches Bedürfnis vorhanden ist und keine Gefahr besteht, daß die Einwanderer dem Lande zur Last fallen könnten. Die Shaw-Kommission, die in ihrer Beurteilung der Immigrationsfrage sicher nicht pro-jüdisch ist, stellt das Postulat auf, daß die Einwanderung nach ökonomischen Gesichtspunkten und nicht nach politischen geregelt werden müsse. Wir haben kürzlich an dieser Stelle dargelegt, daß die zionistische Praxis natürlich gleichfalls mit den ökonomischen Gegebenheiten rechnet, aber bei der Beurteilung der Immigrationsmöghchkeit auch jede Einschränkung aus politischen Motiven ablehnt. Nach unserer Meinung ist gerade nach dem Shaw-Bericht eine politisch motivierte Einschränkung der Einwanderung unzulässig. Auch in seinen Schlußfolgern!!־ gen verlangt der Shaw-Bericht keineswegs eine auch nur provisorische Suspendierung der Einwanderung. Am 12. Mai wurden in Jerusalem die Zertifikate erteilt. Am 13. Mai sind in London die Verhandlungen zwisehen der englischen Regierung und der arabischen Delegation abgebrochen worden. Am 14. Mai telegraphierte das Kolonialamt nach Jerusalem die Weisung, die bereits erteilten Zertifikate bis auf weiteres zurückzuziehen. Die englische Regierung hat also nach dem Scheitern der Verhandlungen eine der arabischen Hauptforderungen von sich aus bewilligt. Und nun ״erwägt“ die Palästina-Regierung auch noch eine provisorische Verordnung in der Bodenfrage bis zum Bericht Sir John Simpsons. Beides widerspricht zweifellos dem Mandat. Einwanderung und Boden sind die unerläßlichen Voraus- Setzungen des Jüdischen Nationalheims. Die beteiligten Instanzen müßten verstehen, daß auch den Nerven des überall in schwerster Mühe um seine Existenz kämpfenden jüdischen Volkes nicht Unmögliches zugemutet werden darf. Wir können nur die Hoffnung aussprechen, daß die englische Regierung den wahren Sachverhalt erkennen und die unberechtigte Verordnung zurücknehmen wird. Die Repräsentanten der Jewish Agency, die in diesen schweren Tagen bei der Regierung vorstellig werden, haben die organisierte Kraft der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency hinter sich. * Wir geben umstehend die uns vorliegenden Nachrichten wieder. Zufall? Entwicklung} Von Dir. Georg Kareski, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin. In diesen Tagen werden es 10 Jahre, seitdem zum ersten Male Vertreter der Jüdischen Volkspartei in die Repräsentanten Versammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde einzogen. Als damals während des gerade tagenden Delegiertentages Dr. Klee die soeben eingetroffene Botschaft verlas, weckte sie jubelnden Beifall. Und doch ahnten damals wohl nicht altzuviele, daß hier ein WendepunktinderGeschichtederBerliner Gemeinde in Erscheinung trat. 4 Stimmen von 21 in der Repräsentanz, 1 von 7 im Gemeindevorstand bildeten das erste Bollwerk neuen jüdischen Geistes innerhalb der seit sieben Jahrzehnten unerschütterten Hochburg der Assimilation und der Resignation. Drei Jahre später, inmitten des wirtschaftlichen Totentanzes der Inflation, wurde allseitig auf Wahlen verzichtet, und auf Grund einer Einheitsliste zogen ein fünfter Repräsentant und ein zweite: stimmberechtigter Vorsteher in die Gemeinde- Verwaltung ein. 6 Jahre dauerte dieses Ringen, in dem die Volkspartei Zeugnis ablegte für die Bedeutung einer fruchtbaren, schöpferisch-k^itisehen Opposition, durch die Intensität ihrer Arbeit und das Gewicht ihrer Argumente weit über ihre zahlenmäßige Stärke hinaus Gewicht und Einfluß gewinnend. Und dann kam das gewaltige Ringelt vom 16« ÄWJfiS, in den! nach einem weiteste Krei«e suf “״eine'•'!»* V'״״’ ieäiSpf '£_"|rofi"wlteiler Angriffe gegen die ״llonlste«♦* und die angeblich von diesen drohende, insbesondere finanzielle Mißwirtschaft — zum ersten Male seit siebzig Jahren die liberale Mehrheit in Trümmer sank. Zufall? — Entwicklung! Die neue Mehrheit, geführt von der Volkspartei, die mit ihren drei Vierteln den festen Kern der neuen Kom« binatiön bildete, mußte allerdings noch lange warten, bis sie die Arbeit aufnehmen konnte, zu der die Wähler sie berufen hatten. \% Jahre kostbarer Arbeitszeit verstrichen fruchtlos, da solange die Entscheidung in dem auf Vorder- und Hintertreppen geführten Kampf um die Wahl- Proteste der Liberalen dauerte, bis schließlich die Regierung das Wahlresultat bestätigte. Erst da konnte der Start beginnen, aber man darf wohl sagen, daß die Zeit nicht vergeudet wurde. Was in Programmen und Reden den Wählern in Aussicht gestellt war, begann nun Schritt für Schritt Wirklichkeit zu werden. Hier gabs kein: vor Tische las mans anders, denn da man programmatisch die Grenzen einer besonnenen Realpolitik nie überschritten hatte, war es nicht erforderlich, das sonst übliche Wasser in den Wein der Programme zu schütten. Heute schon kann kein Unbefangener leugnen, daß das Gesicht der Berliner Jüdischen Gemeinde sich entscheidendgeänderthat, daß die neue Verwaltung, das Gute, das die Vergangenheit geschaffen, sorgfältig wahrend, auf vielen neuen Wegen auf ihr Ziel lossteuert, aus der alten kühlen Verwaltungsgemeinde eine lebendige jüdische Gemeinschaft zu schaffen. Es fielen die Schranken, die Verwaltung vom ״Volk“ hoheitsvoll getrennt hatten; in voller Oeffentlichkeit, jeder Kritik die Tür öffnend, wurden die Probleme der Gemeindepolitik der Masse der Juden nahegebracht; mit dem auf eine hohe Stufe gebrachten Gemeindeblatt, mit Gemeindeabenden, Sonntagsvorträgen, Konzerten und eindrucksvollen Gedenkfeiern wurde um die Seelen der Abseitsstehenden geworben. Friedenstempel und Grunewald-Synagogc, Oranienburg und Cöpenick wurden eingemeindet und die Groß-Berliner Juden durch immer festere organisatorische Bande mit der Gemeinde verknüpft. Das große Gotteshaus Prinzregentenstraße, das größte Berlins, schlicht und doch eindrucksvoll, wurde erbaut, ein kleines für das Hansaviertel folgt demnächst. Neben dem bereits in Benutzung genommenen neuen Schulgebäude ersteht jetzt das neue Altersheim in Schmargendorf. Der Friedhof in Weißensee wurde für weitere 20 Jahre der Benutzung gesichert. Daneben soll jetzt das erste jüdische Ledigenheim Berlins erstehen aus Mitteln, die durch Verkauf eines Grundstückes frei werden. Neue Menschen wurden als Rabbiner, Kafitoren und Lehrer in den Dienst der Gemeindearbeit gestellt. Die Bibliothek wurde aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt und trägt mit ihren 8 Zweigstellen das Wissen von jüdischen Dingen bis an die Peripherie der Riesenstadt. Selbst die Kunstsammlung wurde ״entdeckt“ und, teils auch durch dankenswerte Förderung von privater Seite, erheblich entwickelt. Die jüdische , Volksschule wurde nach Eingemeindung der Schule Ryke-