Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 35 (6.5.1930)
- Date
- 1930-05-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 244 JUEDI SCHE RUNDSCH AU Nr. 35, 6. V. 1930 Berliner Jüdische Gemeinde Sitzung der Repra*cnt«ntenver1ammlung Von unserem Berichterstatter. Die Repräsentanten Versammlung der Berliner Jüdischen Oe* meinde trat am 1. Mai zu einer Sitzung zusammen. Nach Erledigung von geschäftlichen Angelegenheiten und einem Dank des Repräsentanten Pinkus für die Glückwünsche anläßlich seines 75. Geburtstages wurden zunächst eine Reihe von Vor* lagen erledigt. U. a. wurde für die Gartenbauschule Ahlem eine Subvention von 5000 M. bewilligt, für das Lehrgut in Rodges 1000 M., für den Synagogenverein Öhew Schulom 600 M., für die Akademie für die Wissenschaft des Judentums 7000 M., für die Jeschiwah in Frankfurt a. M. 1000 M., für den Verband ostjüdischer Organisationen in Deutschland 6000 M., für die jüdische Tuberkulosenfürsorge 3000 M., für den Hilfsverein der Deutschen Juden zugunsten des abgebrannten jüdischen Kinderhauses in Kowno 1000 M. Die Satzungen für das neue AItersheim in Schm argendorf wurden nach den Be- Schlüssen des Ausschusses genehmigt. Zu längeren Diskussionen gaben eine Reihe von Anfragen und Vorlagen Anlaß. Die Liberalen bemängelten die Auswahl der Redner und den Kostenaufwand für die Gemeindeabende, die in der letzten Zeit veranstaltet worden sind. Insbesondere wandten sie sich dagegen, daß Dr. Kollenscher bei einem derartigen Abend 11. a. auch über die Frage der höheren jüdischen Schule als einem Teil des Arbeitsprogramms des Vorstandes gesprochen habe. Sie wünschten eine ״Neutralisierung“ der Abende, Heran- Ziehung liberaler Vorstandsmitglieder und Ausgabenbewilligung durch aie Repräsentantenversammlung. Von seiten des Vorstandes erwidern die Herren Kareski und Kollenscher, daß der Vorstand derartige kleine Ausgaben bewilligen darf, daß auch Kammergerichtsrat Wolf bei einem derartigen Abend gesprachen habe und daß die Neutralität in keiner Weise verletzt worden sei. Die höhere jüdische Schule als eine Forderung des Vorstandes müsse von den Vorstandsmitgliedern vertreten werden. In der Aussprache sagte Dr. Alfred Klee, daß die Liberalen an dieser neuen lebendigen Institution nörgeln, da sie Furcht haben, daß die volksparteiiichen Vorstandsmitglieder weitere Sympathien erwerben. Er stellte fest, daß die Volkspartei in der Frage der höheren Schule sich auf das Gutachten des Liberalen Dr. Gutmann stütze, der selbst für die Umwandlung der Mittelschule in eine höhere Schule eingetreten sei. Im Mittelpunkt der Sitzung stand eine Anfrage der Jüdischen Volkspartei, die die Maßnahmen der Gemeinde im Kampf gegen den immer mehr anwachsenden wirtsch a ftlichen Antisemitismus betraf. Für die Volkspartei begründete Dr. Alfred Klee die Anfrage folgendermaßen: Wir wissen, daß restlose Abhilfe auf diesem Gebiete unmöglieh ist, aber wir wünschen trotzdem energische Maßnahmen. Wir bedauern es, daß unsere Anträge in der Versammlung des Preußischen Landesverbandes nicht behandelt worden sind. Die spezifisch jüdische Wirtschaftsnot ist nicht identisch mit der allgemeinen deutschen Wirtschaftskrise. In einer «fülle von Betrieben wird z. B. das jüdische Personal zuerst abgebaut. In anderen Unternehmungen wieder kann ein Jude wohl noch Direktor werden, aber nicht mehr Kassenbote. Auch jüdische Arbeitgeber stellen teilweise aus Furcht vor dem Antisemitis* mus, teilweise aus anderen Gründen Juden nicht ein. Die Erhaltung der jüdischen Volkssubstanz ist’aber die Voraussetzung für die Erhaltung des Judentums. Gemeindevorsitzender Direktor Kareski wies darauf hin, daß seitens der Gemeinde bereits eine Arbeitgeberversammlttög veranstaltet worden ist. Es sei bedauerlich, daß ditse Frage In der ״Jüdisch-Liberalen Zeitung“ mit allerlei Witzen glossiert worden ist. Es ist falsch anzunehmen, daß sich die jüdische Not mit der allgemeinen Besserung ebenfalls mildern wird. Das Judenproblem wird auch bei einem Aufschwung der deutschen Wirtschaft aktuell bleiben. Bei dem Arbeitsnachweis der Gemeinde betrugen die Anmeldungen im Januar 1930 48« (gegen 3958 im Januar 19»), im Februar 5127 (gegen 4018), im März 5244 (gegen 4022). Noch ungünstiger ist das Bild der vermittelten Stellen. Sie betrugen im Januar 331 (gegen 573 Im Vorjahre), im Februar 445 (gegen 647), im März 615 (gegen 6«), wobei im März von der Gemeinde selbst etwa 220 Leute angestellt wurden. Der Ausbau des Arbeitsnachweises sei daher dringend erforderlich, ln dem Arbeitgeberausschuß sitzen Persönlichkeiten, welche die Materie von anderen Stellen her beherrschen. Der Apparat ist aber zu klein; neue Räume sind nötig und eine Trennung der kautmännischen und der gewerblichen Arbeitsuchenden. Wesentlich ist auf der anderen Seite das Problem der Berufsschichtung. Die Berufsberatung muß hier eingreifen; die Abwanderung von den kaufmännischen Berufen muß weiter verstärkt werden. Wir haben auch bereits eine Verbindung mit der jüdischen Lehrerschaff gesucht und der Jugend in Schülerversaramlungen Fragen der Berufswahl vor Augen geführt. Herr Markus (liberal) erklärt, am schlimmsten sei die Not der kleinen Kaufleute und Gewerbetreibenden, denen man Kredithilfe gewähren müsse. — Frau Esehelbacher (Mittelpartei) wünschte eine Unterstützung des Versuches, jüdische Menschen in kleinere Städte zu bringen. — Rechtsanwalt Heinrieh Stern (liberal) bezweifelte die Kompetenz der Versammlung, sich über diese Fragen ein Urteil zu bilden. Er wünschte auch keine öffentliche Diskussion des Problems der Unterbringung jüdischer Arbeitnehmer. Für die Volkspartei ergriff Redakteur Moses W a I d m a n n das Wort. Er wies darauf hin, daß wir auch auf diesem Gebiete als Juden eine ״zusätzliche“ Arbeit leisten. Während der deklassierte Nichtiude noch irgendwo einen kleinen Posten hekommen kann, hat der Jude diese Möglichkeit nicht, weil ihm gegenüber der gesellschaftliche Antisemitismus wirksam wird. Nur die jüdische Selbsthilfe ist ein sicherer Faktor für 1ms, tla wir die politische Entwicklung nicht voraussehen können. In früheren Zeiten war ein Drittel der Juden in der inneren jüdischen Wirtschaft beschäftigt, die nicht mehr existiert; jüdisehe Weltselbsthilfe in allen Formen ist notwendig. Stärkung des jüdischen Selbstvertrauens sei bedingt durch Umstellung der Juden von den sterbenden oder sinkenden Berufen der Zwischen- Produktion und unmittelbaren handelsmäßigen Konsumbefriedigung zu neuen grundproduktiven Aufgaben. Die Gefahr liege in der drohend sich bildenden Weltmeinung von unserem Ueberflüssigwerden a!s produktiven Faktor. Von hier aus ansetzend, muß das Judentum seinem Ziel in der Moderne zustreben: Reprodtiktivierung von Judenvolk und Judentum! Moritz Rosenthal (liberal) leugnete den Gedanken einer spezifisch jüdischen Wirtschaftsnot. Man solle all dies nicht so stark in die Welt hinausrufen. Technische Kaufleute müßten herangebildet werden. Auch Warenhausangestellte seien gesucht. Direktor Kareski polemisiert gegen die ״Jüdisch-Liberale Zeitung“. Niemand habe die Parole ״Kauft nur bei Juden“ oder den Gedanken der ״Gemeindefabriken" ausgesprochen. Unsere Berufsberatung warnt mit Recht vor gewissen Branchen, z. B. vor der Konfektion, in der die Lehrlinge nach drei Jahren auf die Straße gesetzt werden. Der jetzt beginnende Lehrlingsmangel ist vielleicht ein gewisser Hoffnungsstrahl. Das Pro- Wem der Landflucht werden auch wir nicht lösen. Dem kleinen Mittelstand kann man durch geringe Kredite nicht helfen, auch wenn man dafür Millionen aufwendet. Der Gedanke einer leichten manuellen Arbeit ist dann immer noch praktisch erfolgvcrnc.;ader. Die ,.Jüdisch-Liberale Zeitung“ hat alle unsere Vorschlage verworfen und als Lösung die Durchdringung des Lebens mit Religiosität empfohlen. Das bedeutet, den notleidenden Menschen ein Traktätchen in die Hand zu geben, und ist eine Bankrotterklärung ihres Oedankenganges. Wenn wir den Hungeraden nichts geben, dann erfüllt die Gemeinde nicht ihre Pflicht in dieser Zeit. Um 10»/» Uhr schloß sich an die öffentliche Sitzung noch eine geheime Beratung an. L. Aoltösnng der Tel-Awiwer jüdischen Polizei? Jerusalem, 2, Mal. (J.T.A.) Der Polizeikommandant von Ceylon, Dowblggin, der einige Monate In Palästina geweilt und einen Rntwurf für Reorganisation der Palästina- Polizei ausgearbeitet hat, empfiehlt, wie mitgeteilt wird, In seinem Entwurf die Abschaffung der Munizipal- Polizei, die Etrichtung von Polizeistationen der allgemeinen Landespolizei in allen Orten und die Verstärkung des brltischen Elementes innerhalb der Polizei. Die neue Polizeikraft In Tel-Awiw wird sich laut dem Entwurf Dowblgglns aus 20 britischen Polizeibeamten und einer Anzahl Polizisten aus dem Orte zusammensetzen und einem britischen Polizei- Inspektor unterstellt sein. Nach diesem Entwurf wird die Tel- Awiwer Polizei-Einheit in ihrer bisherigen Form mit ihrer ausschließlich Jüdischen Zusammensetzung, ihrer besonderen Uniform und der von der Tei-Awlwer Stadtverwaltung geleisteten höheren Entlohnung, ebenso die besonderen Polizei-Einheiten in den Jüdischen Kolonien, zuexistierenaufhören. (Die Empfehlungen Dowbiggins, von dessen Reorganisation manche Zionisten eine Verwirklichung der Forderung ,,jüdischer Polizei-Einheiten“ erwartet hatten, laufen also hinaus auf Beseitigung der einzigen bisher existierenden legalen bewaffneten jüdischen Abteilung. -- A. d. R.) Der Vertan! des 1. Mal Jerusalem, 2. Mai. (J. T. A.) Der 1. Mal Ist ruhig verlaufen. Die gesamte Polizeim acht des Landes war zur Aufrechterhaltung der Ordnung mobilisiert. Der Distriktsgouverneur von Jerusalem, Major Keith-Roach, veröffentlichte eine Kundgebung, nach der alle Kundgebungen und von der Behörde nicht genehmigte Versammlungen, ebenso das Absingen von Liedern, die geeignet sind, den Frieden zu stören, verboten sind und unter Strafe sfehen. fn Tel- Awlw haben die Arbeiter-Institutionen rote Fahnen mit In- Schriften gehißt. Die Arbeiterparteien aller Richtungen verbreiteten Proklamationen in großer Zahl. Am rührigsten war die kleine Gruppe der Kommunisten, in Tef-Awiw sind etwa 30 Kommunisten von der Polizei verhaf tet worden. Die Beiegschaften der hebräischen Tageszeitungen ״Dawar“ und ״Haa* rez“ feierten, so daß diese Zeitungen nicht erscheinen konnten. Der Jude Abraham Brainowski aus Jerusalem wurde in Haifa, als er den Zug verließ, verhaftet und zu sechs •Monaten Gefängnis mit nachfolgender Landesverweisung verurteilt, weil bei ihm ein Koffer mit kommunistischen Mai-Proklamationen gefunden wurde. Frau Malka Rotstein, bei der bei ihrem Eintreffen aus Polen in Haifa ein Revolver und 35 Kugeln gefunden wurden, wurde zu einer Geldbuße von zehn Pfund verurteilt. Die für den 1. Mai angesagte Versammlung der Po,11c Zion, in der auch arabische Redner sprechen sollten, wurde im letzten Augenblick verboten. Die Leitung der alloalästinensischen Eisenbahnorganisation veröffentlichte in hebräischer und arabischer Sprache ein Flugblatt, durch welches die Arbeiter bei den Eisenbahnen, bei Post und Telegraph aufgefordert wurden, am 1. Mai die Arbeit niederzufegen. Einige Führer der Poaie Zion und der arabische Arbeiterführer George Nasar richteten an die jüdische Arbeiterorganisation (Hisfadruth Haovdim) die Aufforderung, sich in eine j ü - disch-arabische Arbeiterföderation umzuwandein, um eine Wiederannäherung der jüdischen und arabischen Arbeiter durch eine gemeinsame wirtschaftliche und kulturelle Aktion herbeizuführen. Auch soll Hisfadruth eine Propaganda für Gleichberechtigung beider Völker in Palästina führen. David Wefßmarm, Maniah Sch och at Unterzeichneten eine Mal-Proklamation, in der sie die Schaffung eines Komitees zur Begründung einer gemeinsamen jüdisch-arabischen Arbeiterorganisation ankündigen. * Arabische Anstands-Propaganda Jerusalem, 30. April. (J. T. A.) Eine arabische Delegation begibt sich nach Java und die anderen Inseln Niederländisch-Indiens,’ in denen eine starke moslemische Bevölkerung wohnt, um Propaganda für die Ziele und die Politik der palästinensischen Araber zu betreiben. Neben den Dele* gationen nach London, Amerika und Hedschas wird dies die vierte arabische Auslandsdelegation sein. Das Organ des moslemischen Obersten Rates ״El Jarnea ei Arabla“ schreibt, die Zionisten haben aus der Entsendung von Delegationen an die Judenheiten der ganzen Welt großen Vorteil gezogen. Die arabischen Delegationen nehmen sich die Arbeit der Juden zum Muster und werden die ganze islamische Welt zu einem Zusammenschluß zwecks Unter- Stützung der arabischen Belange, wie sie von der arabischen Delegation in London gegenüber der britischen Regierung vertreten werden, bewegen. Die Arabische Exekutive Palästinas bat an den Präsidenten der allindischen moslemischen Konferenz ein Danktelegramm für die Beschlüsse dieser Konferenz gesandt, in denen sich die indischen Mosiemiten mit den palästinensischen solidarisch erklären. New York, 2. Mai. (J.T.A.) Soeben ist in New York eine palästinensisch-arabische Delegation unter Führung von Emir Abdel Arslan eingetroffen. In seinem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur erklärte Emir Arslan, es könne keine Verständigung zwischen Juden und Arabern auf der Basis der Balfour-Dejdaration geben; auch kann es keinen Frieden in Palästina geben, solange die beiden das Land bewohnenden Nationen einander widersprechenden Zielen zustreben. Der einzige Weg für eine Verständigung zwischen Juden und Arabern wäre die Zurücknahme der Balfour-Deklaration, die einen feindlichen Schachzug gegen die arabische Nation darstellt. Wir haben so lange mit den Juden in Palästina in Frieden gelebt, als diese keine politischen Ambitionen hatten. Wir können eine fremde politische Macht in unserem Lande nicht dulden, die Zionisten stellen aber eine solche Macht dar. Die Araber leben seit zwölf Jahrhunderten in Palästina; ihre Rechte auf das Land können ebenso wenig bestritten werden, wie die Rechte des amerikanischen Volkes durch die An- Sprüche der Indianer angefochten werden können. Während wir vor der Balfour-Deklaration freundschaftliche Beziehungen zu den Juden unterhielten, sehen wir heute sogar die orthodoxen nichtzionistischen Juden als Feinde an, die unser Land beherrsehen wollen. — Emir Arslan erinnerte an sein Gespräch mit Dr. Weizmann im Jahre 1922 in Kairo, in dessen Verlauf Weizmann ihn ersuchte, als Mittler zwischen Juden und Arabern zu wirken. Seither aber, schloß Arslan, hat es sich erwiesen, daß wirden Zionisten nichttrauen können. Wir sehen keine Basis für direkte Verhandlungen; es ist in Palästina kein Raum für einander entgegengesetzte Bestrebungen, wie es die der Juden und der Araber sind. Zeitschriftcnsdiau Die französische Monatsschrift ״Revue Politique et Parlementaire“ bringt in ihrer letzten Nummer einen langen, recht tendenziösen Aufsatz von Pierre Cr a bi tü s über ״Palästina und die Balfour-Deklaration“. Seine Argumentation läßt sich wohl folgendermaßen zusammenfassen: Es beständen nicht nur die bekannten Widersprüche der Balfour-Deklaration zu den englischen Kriegsversprechungen an die Araber sowie zu der englisch-französischen Proklamation vom 7. November 1918, worin ebenfalls den Arabern baldige völlige Unabhängigkeit versprochen worden sei, sondern vor allem beständen höchst wichtige Widersprüche zwischen der Balfour-Deklaratiaij, der Völkerbundsatzuag und den Mandatsbestimmungen. Die Völkerbundsatzung, die der Verfasser als das bei weitem rechtskräftigste, also maßgebende dieser Dokumente ansieht, verpflichte die Mächte, die A-Mandate übernähmen, den eingeborenen Völkern bei ihrer Entwicklung zur baldigen völligen Unabhängigkeit tatkräftig zu helfen. Auf die Völkerbundsatzung also könnten sich die Araber vorzüglich berufen. Die Balfour-Deklaration sähe, im Widerspruch zu der Völkerbundsatzung, die Errichtung einer Jüdischen Nationalen Heimstätte in einem vorwiegend arabischen Lande vor. Es sei aber kein Zufall, daß die Verfasser der Völkerbundsatzung, obwohl sie natürlich die Deklaration längst kannten, sie nicht erwähnt hätten. Die Balfour-Deklaration würde heute gar keine Bedeutung mehr haben, wenn sie nicht in die Präambel des Mandates aufgenommen worden wäre. Die Bestimmungen des Mandats aber fingen nun noch weit über den Sinn der Balfour- Deklaration hinaus, indem sie die englische Mandatarmacht direkt verpflichteten, aus einem vorwiegend arabischen Lande eine jüdische Theokratie (!) zu machen, in der die Araber nur eduldet sein würden. Dies widerspräche durchaus ent Sinn der Völkerbundsatzung, die auch für die Zukunft maßgebend sein müsse. England oder der Völkerbund müsse die Palästinafrage wieder aufroMcn, da auch rein politisch gesehen, aie Lage dort äußerst unbefriedigend sei. Der Friede ruhe nur auf englischen Bajonetten, und England werde, wenn es seine Politik nicht bald ändere, vor die peinliche Frage gestellt sein, entweder ewig eine große Armee im Lande zu unterhalten oder einer neuen Aera des Blutvergießens entgegen zu sehen. — Wir begegnen hier einer in Völkerbundkreisen nicht neuen Anschauung über den ״Dualismus“ des Mandates, verbunden mit einer — offenbar auf politische Einflüsse zurückgehenden — antizionistischen Tendenz. Die konservative Monatsschrift ״Empire Review“ bringt in ihrer April-Nummer einen sehr zionistenfreundiiehen Aufsatz von Leonard C. Dodds über den ״Fortschritt in Palästina“, der sich kaum mit der politischen Problematik des Landes, aber desto ausführlicher mit dem wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung beschäftigt, der in den letzten zehn Jahren erzielt worden Ist. Die freudige Anerkennung, die der Verfasser den jüdischen Leistungen auf industriellem und vor allem landwirtschaftlichem Gebiet zollt, und seine Feststellung, daß die Araber jetzt «:hon sehr häufig anfingen, den Nutzen der von den Juden eingeführten moderneren Methoden einzusehen und sie nachzuanmen, berühren besonders wohltuend, wenn man sie mit der keineswegs wohlwollenden Haltung der Verfasser des Shaw-Berichtes vergleicht. Dodds weist besonders auf das Beispiel der jüdischen Entsumpfungsarbeiten bin, das jetzt den Obersten Moslemischen Rat zur Inangriffnahme ähnlicher Pläne veranlaßt habe, nachdem sich erwiesen habe, daß man auf diese Weise gleichzeitig gutes Ackerland ge- Winnen und die Malaria zurückdräpgen könne. Dodds vertritt die Ansicht, daß zwar die zahlreichen von den Juden eingeführten Industrien sich der Natur des Landes geschickt angepaßt hätten und auch sehr nützlich seien, daß aber Palästina trotzdem wegen seiner Armut an Kohle und industriellen Rohstoffen bestimmt sei, vorwiegend agrarisch zu bleiben. Wenn auch durch die großen Elektrifizierungspläne Rutenberjrs, die Dodds voller Bewunderung schildert, ein Haupthindernis der industriellen Entwicklung, nämlich der Kohlenmangel aus dem Wege geräumt werde, so könne sich die palästinensische lndustrie doch nur durch besonders gute Organisation und fortgeschrittene Produktionsmethoden existenzfähig erhalten. — Der Verfasser schildert dann die großen Fortschritte im Erziehungs- und Bildungswesen und spricht mit der größten Wärme von der künftigen Bedeutung der Hebräischen Universität für den ganzen Vorderen Orient, sowie von der großartigen Entwicklung der Nationalbibliothek, von der er glaubt, daß sie schon jetzt die schönste Sammlung hebräischer und arabischer Literatur auf der ganzen Welt enthalte. Der Aufsatz schließt mit dem Bekenntnis zu einem starken Glauben an die wirtschaftliche und kulturelle Zukunft Palästinas. A. P. Vergebung palästinensischer Aufträge an Deutschland ' Fragen im Unterhaus. London, 1. Mai. (J.T.A.) Im Unterhaus fragte Howard Bury den Unterstaatssekretär für die Kolonien, ob er angesichts der gegenwärtig in England herrschenden Arbeitslosigkeit nicht Schritte ergreifen wolle, daß bei allen zuk&nf* Ligen Aufträgen für hydro-elektrische Anlagen in Palästina Engländern Gelegenheit gegeben werde, Angebote zu machen, fn seinen weiteren Ausführungen führte Howard Bury darüber Beschwerde, daß die Aufträge für die Kraftstationsanlage in Haifa an Deutsche vergeben wurden, ohne daß man sich um irgendein Angebot von englischer Seite bemüht hat. Unterstaatssekretär Dr. Shiels erklärte in seiner Erwidcrung, daß es sich hier um Aufträge einer Privatfirma handelte, wobei der Regierung eine Befugnis zur Einmischung nicht zusteht. Palästina, fuhr er fort, ist Mandatsterritorium, und wir haben nicht das Recht, in solchen Angelegenheiten Unterschiede bestehen zu lassen. Fir Frederic Hall (kons.): Wir anerkennen durchaus, daß wir keine besonderen Befugnisse haben, aber könnte nicht Dr. Shiels hierin einen Vorschlag machen? — David Kirk wood (Unabh. Arbeiterpartei): Haben wir nicht das Recht, einen Minister zu ersuchen, seine guten Verbindungen auszunutzen, um es zu erreichen, daß Arbeiten solcher Art möglichst England zugeführt werden, wo wir doch so viele unbeschäftigte Ingenieure naben? — Dr. Shiels: Ich sympathisiere natürlich mit diesen Ergänzungsfragen, aber das Haus wird sich wohl klar darüber sein, daß es etwas schwierig sei, zwischen offiziellem und inoffiziellem Einfluß zu unterscheiden. Wir sind ge;״iß bestrebt, darauf zu achten, daß alle solchen Kontrakte in England vergeben werden, aber — wie ich bereits ausgeführt habe — wir sind nicht ln der Lage, durch eine Einmischung der Regierung die Entschlüsse einer privaten Firma zu beeinflussen. — Sir Herbert Samuel: Ist es nicht Tatsache, daß die große Mehrheit solcher Aufträge in England plaziert worden ist? Dr.Shiels bejahte diese Frage. Ein Rabbiner und zwei Kolonisten aus P e t a c h - T i k - wah wurden wegen Beschränkung der individuellen Freiheit zu je 5 Pfund Geldstrafe verurteilt, weil sie an der Spitze einer Gruppe von Mitgliedern derSchomreSchabbosdie Einfahrt von Autos in die Kolonie am Sabbat gewaltsam zu verhindern suchten, darunter auch ein mit britischen Soldaten besetztes Lastauto,