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Jüdische Rundschau · 1930-05-02 · Heft 34 (2.5.1930) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 34 (2.5.1930)
Date
1930-05-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Bekemtinisse eines Zionisten Einzelnummer 0£5 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Fredtag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5.75 Goldmark. AmWinnbonnem•««» wmdm in dar Wlhnmj dar atosab•■ Lindar baredmet. An»%anpraia: 8 (twp. Naapar^Danfla O.SO G.-M. Staüaataaadia 0,25 G.-M. Nummer 34 | Berlin, 2. V. 1930 Redaktion Verlag und Anzeigen *Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.FL, BerlinW15, Meinekestr.10 Telephon: J 1 Bismarck 7165 -70. Aoc«is«s1Bclala&: Dienstag and Freitag nach mittags 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postscheck Konna: Berlin!7392, Base! V 9355. Belgrad 68032 Brüssel 39433. Budapest 596 93. Damit 1973, Haag 140 470, Prag 59410, Straasburg 164 30, Warschau 190708, Wie» 156 030. Bank .Konten! D&rmstidteT and Nstioualbank, Dcp©«i1en Kasse Berlin, Kurfürstendamza 52; Baue« de Est, Cemauti (R0miweB>. Angl© Palestiu# Ca. in Haifa, Teruaalem, Tel Aviv ynn ד, אייס | xxxv. Jahrg. Per Zionismus erstrebt tOr du» jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm■«« er am Horizont des jüdischen Lebens erschienen war, liebevoll-jubelnd begrüßt wurde. Sein Antlitz, seine Gestalt, seine Haltung, seine stolze Rede, der Schwung seiner Gedanken, das Hochziel seiner Forderungen — das alles war jüdischer Wunschtraum, geheime Sehnsucht, unerfüllte Hoffnung. ״So kann ein Jude aussehen?! . . * So kann ein Jude sprechen?I . . . Auch wir können so werden, auch wir können ihm ähnlich sein . , .M Jubelnd flogen ihm alle Herzen zu. Es war im Kriege in einem Judenstädtchen in der Ukraine■ Ein kleines verlassenes Haus. Im Haus nur ein geistesschwacher Krüppel An der Wand neben dem Misrach ein Bild Herzls. Ich fragte den Krüppel: ״Wissen Sie, wen dieses Bild darstellt?" Verlegenes Achselzucken. Und dann nach einigem Besinnen: ״Ein schöner Jude“. Darin liegt ein Hauptgrund von Herzls Siegeszug durch die Herzen und durch die Phantasie der jüdischen Massen. Ein schöner Jude, schön von Aus• druck, schön in Aeußerungl Heute wäre er 70 Jahre. Trotz schneeweißen Haares, dessen erste Silberfaden sich bereits in seinem 40. Lebensjahr in Kopf und Bart zeigten, kein Greis. Starb er zur rechten Zeit? Wäre er noch heute der Führer? Nichts spricht dagegen, daß er allezeit der Erste, Vornehmste, Stolzeste und Beste geblieben wäre. Denn er war ein Genie, und Kennzeichen des Genies ist unmittelbares, intuitives Erkennen. In allen Situationen hätte er das Richtige erkannt und das Rechte getan. In Wehmut um ihn beugen wir unser Haupt. Wir sind stolz, daß er unser war. Diese schönste jüdische Blüte der letzten Jahrhunderte war die zum Aeußersten gesteigerte Harmonie-Möglichkeit unseres alten Stammes. Das Gedenken an ihn gibt Zuversicht: Unserem Volke können solche Menschen entwachsen! Moses Waldmann. Herzl (Zu seinem 70. Geburtstag) Von Sch. Gorelik. Wieder ein Tag des Gedenkens, der ein Tag der inneren Sammulng sein soll. Als Herzl, von einer see* lischen Revolution erfaßt, sich dem jüdischen Volke und den Problemen seiner Erlösung widmete, streifte er von sich die Heiterkeit, die Zufriedenheit des erfolgreichen Schriftstellers und wurde plötzlich alt. Er durchmaß mit seinem geistigen Blick Femen, die ihm bis dahin verschlossen waren. Er erlebte jüdische Geschichte, jüdisches ׳Schicksal, van;, zweittusead. Jahre#, mit beispiek loser Intensität und wurde selbst dabei zweitausend Jahre alt. Jung war er nur bis zur Stunde seines Erwachens. Seitdem,, nahm sein Gesicht den Ausdruck großen Schmerzes und tiefer Schwermut an. Zuletzt sah er merkwürdig ostjüdisch aus. Der Europäer verschwindet immer mehr, und ausgeprägter werden statt dessen die Züge eines morgenländischen Fürsten, dessen hoheitsvolle Gestalt durch großen Kummer gebeugt ist. Er war ein Genie des Erlebens. In den wenigen Jahren seines geschichtlichen Wirkens durchquerte er gewaltige Entfernungen, die ihn, den früher Fremden und Ahnungslosen, von den jüdischen Massen des Ostens, von dem jüdischen Volke, trennten. Er wandte sich immer mehr dem Osten zu, und das Volk ging ihm freudig-begeistert entgegen und schloß einen Bund mit ihm. Das jüdische Volk schloß ihn fest in sein Herz. Es umgab seinen Namen mit grenzenloser Liebe. Es war unbeirrt in dem Wissen, daß Herzl einer der großten Juden in der Zeit unserer Zerstreuung ist und bleiben wird. Die Verehrung, die Liebe galt indes nicht nur dem Herzl, der aus zersprengten Chowewe-Zion-Kreisen eine nationale Bewegung, einen Groß-Zionismus schuf und die Judenfrage vor das Weltforum brachte, sondern diese Liebe bedeutete gleichzeitig einen Tribut für die geniale Fähigkeit des Erlebens, für den weiten, weiten Weg, den er im Sturmlauf genommen, um an die Seele seines Volkes zu gelangen. Aber er wurde dabei in einen alten Juden verwandelt und der schwermütige morgenländische Fürst sah zuletzt merkwürdig ostjüdisch aus, kummervoll und von Sorgen gebeugt... Und nun sollen die Zionisten der ganzen Welt, soll das jüdische4 Volk sich einen Herzl vorstellen, der heute 70 Jahre alt wäre, wo er doch, als er noch lebte, mit einem viel höheren Alter begnadet war, mit dem Alter der jüdischen Exilgeschichte. Deshalb keine müßigen Betrachtungen darüber, wie es um einen 70jährigen Herzl jetzt bestellt wäre! Vielmehr soll an diesem Tage das jüdische Herz, die jüdische Seele mit den Zielen des Zionismus, der kein Klein-Zionismus sein darf, erfüllt sein. Herzl ist nicht überwunden und nicht überschätzt, er gehört zu den wenigen geschichtlichen Figuren, dessen Bedeutung und Ruhm im Laufe der Zeit nicht abnimmt, sondern zunimmt In die Geschichte des jüdischen Volkes und auch in die Geschichte der Menschheit wird Herzl als Held eingehen, mit dessen Namen die neue Epoche eines Volkes beginnt. Die Epoche seiner Wiedergeburt Edmund Weagraf Theodor Herzl Im Westen — hört! da trauern sie und klagen Um einen Geist voll Anmut und Geschmack. Er wußte, was er sagte, fein zu sagen, Sein Stil trug stets den eleganten Frack. Und sprach er von entlegnen, tiefen Dingen, Und sprach er selbst von Eiend oder Schmerz, In seinem Ton war leises Glaserklingen, Salongeplauder, schöner Frauen Scherz. Durch seine schlanken, wohl geformten Satze Ging zarter Glanz und parfümierter Hauch, Man spürte eines reichen Geistes Schatze, , Doch einen sorgenlosen Luxus auch. Ir lteß sich von den Grazien verwöhnen, ..v . ־*י* -־■ Die Leserin in Ischl seufzt in Tränen: ״Dahin ist Deutschlands bester Fcuilletonist!“ Im Osten aber דin dem Land der Schrecken, Wo noch des Ghettos Budenschwarm sich drangt, Wo in des Völkerhauses letzte Ecken Der scheue Judenstamm sich ängstlich zwängt, Wie anders tönt sie dort, die Trauerkiage: ״Aus Schutt und Moder ließ er Blumen blüh’n, Er wob uns Hoffnung In das Netz der Plage — Ach, unser großer Tröster ist dahin! Als wir in Armut und in Schmutz erstickten, in Finsternis, in hoffnungsloser Qual, Gab er uns Fluchbeladenen, Bedrückten, Gab er uns einen Traum, ein Ideal. Er Ueß uns einen neuen Himmel b’auen, Er ließ uns fern. Im blassen Morgenrot Das Land der Vater, Zions Türme schauen — Ach. unser König und Prophet ist tot!“ — Seltsames Schicksal! Wunderliche Zweiheit Des Geistes, der Empfindung und des Tons! Dort ein Verkünder junger Völkerfreiheit, Hier Diener alter Künste des Salons, Hier Ironie und dort das schwere Pathos, Hier Raffinement, dort Arbeit und Gebet, Hier Spiele des Horaz, dort Ingrimm Catos, Hier Feuilletonist, dort König und Prophet. Und siehe, hier wie dort, auf beiden Seiten Ein ganzes Lebenswerk, ein ganzer Mann! Wer unter uns, der nur in stetem Schreiten Auf einem Feld so hohen Preis gewann? Ich bin kein Freund des leichten Plauderstiies, Auch Zion lockt nicht meinen Wanderstab. — Und doch, bewundernd und voll Mitgefühles Leg’ ich ein grünes Zweiglein auf sein Grab. (Erschienen am 10. Juli 190J, eine Woche nach Herzl» Tod, in der Sonntagsbeilage der Wiener Tageszeitung ״Die Zei t“.) Die Tat Theodor Herzls Von Felix Weltsch, Prag. Nimmt man überhaupt das Werden in der Welt ernst, so muß die schöpferische Tat des Menschen auf der höchsten Spitze der Wertung stehen. Denn hier ist der Ort, wo etwas wirklich ״wird“; hier wird die Welt wahrhaft vorwärts geführt; hier wird die Entscheidungsschlacht um das Gelingen des göttlichen Weltexperiments geschlagen; hier erfährt menschliches Tun göttlichen Glanz. Es scheint auf den ersten Blick, daß solche hohe Wertung der schöpferischen Tat des Menschen nur jenen möglich ist, welche an die Freiheit des menschlichen Tuns glauben; nicht aber jenen, welche glauben, daß solch überragendes menschliches Tun nur durch die Gnade Gottes möglich sei, genauer, auf Grund eines einmaligen vorher geschehenen göttlichen Gnadenaktes. Und auch jenen scheint eine solche Schätzung menschlichen Tuns nicht möglich zu sein, welche der Ansicht sind, daß alles, auch menschliches Tun, ausnahmslos kausal bedingt sei, daß also nichts Neues geschehen könne, nichts, das nicht schon vorher als Ursache I« der Welt vorhanden war. Genauer gesehen erweisen sich diese Weltanschauung*- unterschiede der schöpferischen menschlichen Tat gegenüber nur als Interpretationsmöglichkeiten. Auch wer alle Freiheit als Gnade ansieht, fühlt die Besonderheit der schöpferischen Tat; auch ihm ist sie herausgehoben aus dem Alltag und aus der Kette mechanischer Verursachung; auch ihm ist sie in diesem Sinn schöpferisch; nur interpretiert er sie als Ausfluß göttlicher Gnade; nur faßt er eben alles Schöpfertum, als göttliches Geschehen. 1 Aber auch für den, welcher jeden Gedankensprung au* der Vorstellung der unendlichen Ijytte der Ursachen vermeiden wffl, ist das, was wir die schöpferische Tat des Menschen nennen, von wesentlicher Bedeutung für die Entwicklung der Weit; auch er sieht hier Kern und Knotenpunkt großen Oe-, schehens, von höchstem Wert für die Menschheit; nur führt, er dieses Geschehen auf ׳streng mechanische VerurKidtantg durch eteenj iu§1ä*t ׳ glücklichen Zusammenfall und günstige Kollokation von Ur- Sachen zu erklären, vielleicht auch durch eine provisorische Annahme von Ursachen, von deren Wesen er weiter nichts weiß, als daß sie solche Wirkungen hervorzurufen vermögen. Also, wenn auch der Begriff der schöpferischen Tat des Menschen nur in jener Weltanschauung, welche an Schöpfertum und Freiheit menschlichen Tuns glaubt, seinen richtigen Platz findet, so bleibt die Wertung der schöpferischen Tat auch für jene Weltanschauungen, welche sie auf anderen Wegen zu erklären versuchen, eine besonders hohe. Noch weit weniger als in der Wertung und Erklärung unterscheiden sich diese Weltanschauungen aber in der Beschreibung der schöpferischen Tat. Um eine solche soll es sich hier handeln. Ich will versuchen, möglichst einfach die einzelnen Elemente auseinander׳־ zulegen, welche für die schöpferische Tat charakteristisch sind. Der Begriff ״Tat“ hat zwei Bedeutungen: Das Ergebnis und den Vorgang der Tat; mit anderen Worten: Das Werte und dass Tun; aber auch das Werk hat noch zwei Bedeuten* gen; das Ergebnis des Tuns nach außen — das äußere Resul« tat der Tat, zum Beispiel: die Befreiung des Volkes, der Sieg, das Kunstwerk, der Opfertod usw. — und das innere Resultat der Tat, d. i. das Ergebnis der Tat auf den Charakter des Handelnden; so daß wir also drei Elemente zu unterscheiden haben: das Werk, die Wandlung des Charakters durch die Tat; und das Erlebnis des schöpferischen Tuns. Ich frage nun: Welche Kriterien des Schöpferischen gibt es bei jedem dieser drei Faktoren? Kann man hier gewisse Wesensmerkmale feststellen, durch welche bei jedem dieser Faktoren das Schöpferische erkannt wird? 1. Ich betrachte vorerst das Werk. Welche Merkmale des Werkes, also des Ergebnisses einer Tat, zeigen uns diese Tat als eine schöpferische an? Es sind vor allem zwei Merkmale: ״Neuheit“ und ״Gestalt“. Man kann von Schöpfung konsequent nur reden, wenn echtes ״Werden“ vorliegt. Und echtes ״Werden“ bedeutet, daß etwas geschieht, was vorher noch nicht da war; daß also etwas ״Neues“ entstanden ist; und je mehr Neues in einem Werk ist, in desto echterem Sinn liegt Schöpfung vor. Wenn ich mit großem Kraftaufwand aus einem Gefäß in ein nebenstehendes Wasser hinüberleite, so ist das Ergebnis dieser Arbeit an sich sehr wenig schöpferisch. Je mehr von dem jetzigen Zustande in dem früheren bereits enthalten ist, desto weniger wird man von einer schöpferischen Handlung reden können. Um so mehr wird aber eine solche vorliegen, je weniger von dem jetzigen Zustande in dem vorigen enthalten war. Das zweite Kriterium betrachtet das Werk nach dem Grad seiner Verarbeitung durch den Geist. Der Geist wirkt, indem er gestaltet, d. h» indem er das Chaos erfaßt und vereinheitlicht. Je mehr er erfaßt und je intensiver er vereinheitlicht, desto höher ist die Gestalt, desto wertvoller ist die Schöpfung. Alles was menschlicher Geist geschaffen hat, trägt diese Marke: Einheit in der Mannigfaltigkeit; in der Kunst: die Gestalt des Kunstwerks; im Denken: das System; in der Welt der Politik and des menschlichen Verkehrs: die Organisation. Ueberal! Erfassung einer möglichst großen Materie und Vereinheitüchung. Einheit ist Wesen des Geistes; und so macht sich der Geist das Fremde zu eigen, indem er ihm dieses Grundwesen aufdrüdet; and so entsteht die Gestalt.

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