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Jüdische Rundschau · 1930-04-16 · Heft 30 (16.4.1930) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 30 (16.4.1930)
Date
1930-04-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 212 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 30, 16. IV. 1930 gcbern, der dreimal verruchte Klassenkampf ist abgeschafft, Friede allüberall. Alle Schwierigkeiten sind beseitigt und das goldene Zeitalter ist angebrochen, — Es ist selbstverständlich, daß niemand, der sich mit Wirtschaftsfragen befaßt, derartige Aeußerungen ernst nimmt. Solche Dinge werden geschrieben und gedruckt, weil man nicht wagt, das Problem ernsthaft zu behandeln, weil man nicht wagt, diese wirtschaftlichen Fragen wirtschaftlich durcliztidenken, denn alsdann spürt man, daß die Prämisse, von der man ausgeht, von Grund aus falsch ist. Die wirtschaftliche Not der Juden findet ihren stärksten Ausdruck in einer Verengung des Arbeitsmarktes fiirdendeutschen Juden. Alle Artikel, alle Feststellungen gehen dahin, daß es dern deutschen Juden nicht mehr in dem Maß, wie früher, möglich ist, sich selbständig zu machen und daß er als Angestellter mit Schwierigkeiten bei der Erringung des Arbeitsplatzes zu kämpfen hat, die dem nichtjüdischen Angestellten fremd sind. Die Gründe sind bekannt und sollen nur summarisch aufgezählt werden: die immer stärker werdende Konzentrationsbewegung, das andauernde Anwachsen der großen Konzerne, der Warenhäuser usw, usw., die immer weitergehende Ausschaltung des Großhandeis, das Verschwinden bestimmter Wirtschaftszweige, in denen Juden dominierten, die Tatsache, daß heute dem selbständigen Kaufmann wesentlich größere Kapitalien zur Verfügung stehen müssen, als früher — dies alles schafft die Situation, die das Streben nach Selbständigkeit, ein typisch-jüdisches Streben, außerordentlich erschwert. Andererseits ist heute bereits eine Binsenwahrheit, daß große Konzerne aller Art den ji'idisehen Angestellten nicht gerne beschäftigen, daß es eine große Zahl von Riesenuntemehmungen, eine große Anzahl von Industriezweigen und Branchen gibt, in denen überhaupt kein Jude mehr beschäftigt und angestellt wird. Ausnahmen bestätigen nur die Regeil, — daß der geniale Erfinder, der ungewöhnlich befähigte Kopf auch in diesen Institutionen Stellung findet, beweist nichts dagegen, daß die große Masse der jüdischen Angestellten hier vor verschlossenen Türen steht. Und indem wir dies objektiv feststellen, entdecken wir sofort, daß dies genau das gleiche Wirtschaftsbild ist, das wir für die jüdisch-ökonomische Lage des Ostens aus zahllosen genauen Untersuchungen kennen. Dies Bild ist dem Kenner der Wirtschaftsverhältnisse des Ostjudentums genau vertraut. Wir müssen also feststellen, daß das deutsche Judentum, auch in Wirtschaftlicher Beziehung das Schicksal des Weltjudentums erleidet; auch in Wirtschaftlicher Beziehung ist es dem Gesamtjudenauc.h imM1H•ts c1»den- Titih ־■«FleM■• die׳typTsch:-lttaisehe Äo;t.׳;־ ׳!־׳.׳ ׳;• Diese Feststellungen sind uns keineswegs sympathisch. Wir sind durchaus nicht begeistert, daß sich unsere theoretische Erkenntnis über die Judenfrage in einer — fast müssen wir sagen — schauerlichen Weise auch in Deutschland bestätigt, aber wenn wir dem Uebel überhaupt entgegentreten sollen, müssen wir zunächst seine Natur erkennen, sonst tun wir jämmerlichste Pfuscharbeit und trösten uns mit Hilfsmaßnahmen, die vollkommen unzulänglich sein und bleiben müssen. Aus der Erkenntnis, die wir gewonnen haben, ergibt sich mit unabwendbarer Sicherheit, daß dieses Uebel nicht ohne weiteres beseitigt werden kann. Hier dokumentiert sich die Judenfrage in ihrer ganzen Schwere und es gibt kein Rezept zur schnellen und endgültigen Lösung. Aber natürlich müssen wir aus dieser Erkenntnis die Konsequenzen ziehen und wir wollen in einem späteren Artikel darstellen, welche Wege gegangen werden müssen. Ausspracheabend der jüdischen Jngendverbände Der Landesausschuß Berlin der jüdischen Jugendverbände veranstaltete am Montag, dem 7. April, im Gemeindehause, Rosenstraße, einen Ausspracheabend über die Wirtschaftssituation der deutschen Juden. Der Referent des Abends, Herr S. Adler-Rudel, führte ungefähr aus: Die Tatsache, daß sich heute ein unaufhaltsamer Proletarisierungsprozeß des deutschen judentums vollzieht, ist unumstritten. Die Frage ist nur, wie man sich mit dieser Tatsache abzufinden hat. Der Referent versucht von seiner sozialistischen Weltanschauung aus aufzuzeigen, daß diese Proletarisierung nicht unbedingt als Verelendungsprozeß zu beurteilen ist. Redner bejaht die Einordnung der deklassierten und proletarisierten jüdischen Mittel- Ständler in die Reihen der Arbeiterschaft, an deren unaufhaltsames Vordringen und endgültigen Sieg er glaubt. Neben dieser wirtschaftlichen Betrachtungsweise gibt es allerdings noch einen anderen Gesichtspunkt, den jüdischen. Es sei eine oft bestätigte Erfahrung, daß bisher wenigstens Proletarisierung gleichbedeutend mit Ent judung gewesen sei. Hier gilt es, den Inhalt des Jüdischen zu konkretisieren. Der Paliistinagedanke und die Schaffung eines Nationalbewußtseins können vidieicht in diesem Sinne wirksam sein. Die Bejahung eines wirtschaftlich gesehen zwangsläufigen Prozesses entspricht dem Temperament und der Einstellung großer Teile der jüdischen Jugend. Unter dem Zwang der Verhältnisse hat sich auch die Bewertung der Berufe durch die jüdische Gesellschaft geändert. Allerdings sollte man sich davor hüten, die Proletarisierung und Berufsschichtung, die sich heute vollzieht, durch Parolen beschleunigen zu wollen. Aber es ist wichtig, dem bösen Geschick den Stachel zu nehmen und den Menschen, die in diesen Prozeß verstrickt sind, ein neues Selbstbewußtsein zu geben. In der anschließenden Aussprache nahmen u. a. Dr. Kreutzberger, Dr. Zielenziger, Fritz Naphtali, Dr. Lubinsky und Gundersheim das Wort. Kreutzberger beurteilte die Situation der Juden, denen es nach seiner Ueberzeugung immer wieder gelingen dürfte, neue Positionen der Wirtschaft zu erobern, optimistischer. Schwierig bleibe für den Fall eines Weitergehens der Proletarisierung die Erhaltung und Festigung der jüdischen Substanz. Kreutzberger sieht hier mehr als im wirtschaftlichen die besondere Bedeutung Palästinas. Zielenziger, der trotz seiner anderen Einstellung in vielen Fragen mit dem Referenten übereinstimme, erklärte, die Grundthese Rudels könnte sehr bestritten werde®. Er bezweifelt, ob der Weg ins Proletariat unbe* dh*$» las Arbdtttproietariat führen müsse. Er glaubt, daß dem Handwerk auch in der zukünftigen Wirtschaft eine besondere Bedeutung zukommen werde. Naphtali wandte sich gegen den Pessimismus Kreutzbergers in bezug auf die wirtschaftliche Situation Deutschlands, mit deren Entwicklung die Lage der deutschen Juden aufs engste zusammenhängt. Er ist der Meinung, daß die augenblickliche Arbeitslosigkeit keine chronische sei. Er unterstreicht die These Rudels, daß es sich um eine zwangsläufige Proletarisierung handelt. Unsere Aufgabe ist es, die Deklassierung nicht als etwas Negatives sich aus wirken zu lassen. Lubinsky wies darauf hin, daß die Ausführungen des Referenten nur denjenigen, der selbst Sozialist ist, wirklich zufriedenstellen können. Er warnt vor voreiliger Bewertung von vorläufig nur sehr unvollständigem Zahlenmaterial, da nach seiner Ansicht bei einer Gesamtbetrachtung der Verhältnisse sich heraussteilen werde, daß die hier angeführten Zahlen über Um- Schichtung nur eine bestimmte Schicht betreffen. Adler- Rudel wies in seinem Schlußwort im Gegensatz zu Lubinsky darauf hin, daß die von ihm angeführten Zahlen auch andere gesellschaftliche Schichten als die kleinbürgerlich-ostjüdischen erfassen. Nach seiner Meinung ist der Prozeß der Proletarisierung unaufhaltsam, der Wert der Zahlen der deutschen Bevölkerungsstatistik von 1925 müsse heute sogar schon recht gering eingeschätzt werden. Merkwürdigerweise hat sich die wirtschaftlich ungünstige Situation der letzten 10 Jahre in jüdischer Beziehung positiv ausgewirkt. Das deutsche Judentum ist in ungeahntem Ausmaß judaisiert worden. Ein Vorstofj der Araberfreunde im Unterhaus London, 10. April. (I.T. A.) Seymour Cocks, Arbeiterparteiler und Mitglied der Union für demokratische Kontrolle, richtete im Unterhaus an den Unterstaatssekretär für die Kolonien die Frage, ob er nicht im Hinblick auf die bereits erfolgte Veröffentlichung des Berichtes der Palästina-Untersuchungskotnmission nochmals die Frage der Veröffentlichung der Korrespondenz zwischen Sir Henry MacMahon und dem Sheriff Hussein vom Juli 1915 bis zum Januar 1916 erwägen wolle. Die Antwort auf diese Frage ist negativ, sagte Dr. Shiels. Darauf fragte Cocks weiter, ob im Hinblick auf die unter der arabischen Bevölkerung Palästinas verbreitete Meinung, daß diese Korrespondenz den Arabern die Unabhängigke it verspricht, die Regierung nicht eine Veröffentlichung der Korrespondenz dennoch in Erwägung ziehen wolle, damit man erfährt, was eigentlich an der Sache ist. Dr. Shiels erwiderte, diese Frage habe das Unterhaus schon oft beschäftigt, und verschiedene Regierungen haben mehr als einmal entschieden, daß eine Veröffentlichung dieser Korrespondenz nicht wünschenswert sei. Daran halte auch die gegenwärtige Regierung fest. Thurtle, Arbeiterparteiler, Schwiegersohn und Sekretär des Arbeitsministers George Lansbury, fragte: Will die Regierung nicht gegenüberden Arabern fairplay üben? Howard Bury (Kons.) fragte: Ist es nicht schädigend, daß wir nicht einen klaren Einblick in diese Korrespondenz erhalten; würde es nicht besser sein, sie schwarz auf weiß vor uns zu haben, um genau zu wissen, was ist? Auf diese Fragen wurde keine Antwort erteilt. Cocks kündigte an, daß er die Angelegenheit nach Wiederzusammentritt des Parlaments nach Ostern aufwerfen wolle. Heute wolle er noch wissen, ob eine genaue Abschrift mlilion V&igdegen hat.‘ Dr. SJtfeTk to!(, der Fall gewesen, weil es nicht Sache dieser Kommission gewesen war, die Korrespondenz zu prüfen und zu kommentieren. Darauf erklärte Cocks, die Kommission habe In ihrem Bericht einen Hinweis auf die Korrespondenz gebracht. Dr. Shiels erklärte: Ich mochte darauf hinweisen, daß die Kommission zwar einen Hinweis bringen konnte, sich aber mit den einzelnen Punkten der Korrespondenz nicht zu befassen hatte. Fragen Aber den Grofjmufii Das konservative Unterhausmitglied Captain Cazalet fragte, ob Hadsch Emin Effendi el Hussein! (der Großmufti von Jerusalem), der von der Palästina-Administration ein Gehalt von 600 Pfund bekommt, Beamter der Administration sei und ihrer Kontrolle unterstehe. Dr. Shiels erwiderte: Als Präsident des Moslem Coundl ist Hadsch Emin Effendi el Hussein! Beamter der Palästina-Administration. Howard Büry fragte, ob es nicht richtiger sei, zu sagen, daß der Großmufti sein Gehalt von den moslemischen Gerichten erhält und daß die Palästina-Regierung nur Mittler ist. Dr. Shiels erwiderte: Der Oberste moslemische Rat hat zwei Funktionen, eine richterliche und eine religiöse; die Zahlungen an den Größmufti erfolgen auf Grund seiner richterlichen Funktion. Commander Kenworthy fragte unter Heiterkeit der Depuderten: Ist dies nicht der Gentleman, der gegen die Regierung Propaganda betreibt; und gehört dies zu sdnen religiösen Pflichten? Captain Cazalet stellte festv daß die Gehälter an die Mitglieder des moslemischen Rates und der Sharia- Gerichte in Palästina vom Schatzamt der Palästina-Regierung gezahlt werden. Maioribanks (kons.) fragte, ob die Regierung bereits eine Aktion im Zusammenhang mit dem Brief des Jerusalemer Mufti an den Präsidenten des moslemischen Rates In Beirut, ln welchem der Mufti die syrischen Moslems zum Widerstand gegen die französischen Behörden auffordert, unternommen habe. Dr. Shiels erwiderte, die Angelegenheit sei vom High Comtnlssioner behandelt worden, der Staatssekretär für die Kolonien beabsichtige nicht, sich mit ihr weiter zu befassen. Auf eine Frage Majoribanks erwiderte Außenminister Henderson,die französische Regierung habe sich bisher über den Brief aes Großmufti nicht beschwert. Colonel Howard Bury versuchte den Mufti in Schutz zu nehmen, Commander Kenworthy erklärte, er könne es nicht verstehen, warum die Regierung es duldet, daß ein Würdenträger, der vom Staate Geld empfängt, sich mit illegalen Tätigkeiten befaßt. Der Vorsitzend e (Speaker) erklärte auf Ersuchen von Howard Bury, es sei nicht in Ordnung, im Unterhaus Anfragen zu stellen, die auf Herabsetzung von fremden Besuchern, die gerade in England weilen, abziden. hon und Sheriff e. dies sei nicht Getreide-Zölle ln Palästina In einer Sonderausgabe der ״Officlal Gazette" wird eine Verordnung veröffentlicht, die eine sofortige Erhöhung der Importzölle für Weizen und Mehl teilweise um mehr als 100 0/0 zur Folge hat. Die Erhöhungen sind von besonderer Wichtigkeit für die palästinensische Landwirtschaft, die unter dem Import der billigen Getreideprodukte des Auslandes, insbesondere seit den letzten Preisrückgängen, leidet. (Vor kurzem hat die Arabische Exekutive der Regierung ein Memorandum überreicht, das Erhöhung der Getreidezölle verlangte. Es scheint, daß die neuen Verordnungen diesen Wünschen entgegenkommen. Der Getreide- und Mehl- Import Palästinas betrug 1928 £ 742 000. Die Hälfte des Gesamt-lmportes des Agrarlandes Palästina besteht aus Nahrungsmittein.) Weizmanns Kritik am Shaw~ Bericht ״Manchester Guardian“ veröffentlicht am 11. dieses Monats einen Brief von Dr. Welzmann, worin sich dieser als Präsident der Jewish Agency zu dem Bericht der Untersuchungskommission kritisch äußert. Dr. Weizmann wendet sich zunächst gegen die Kompetenzüberschreitung der Kommission und weist dann gegenüber der Behauptung des Berichtes, der Ausbruch sei nicht gegen die englische Herrschaft gerichtet gewesen, darauf hin, daß die britische Herrschaft in Palästina einzig und allein im Mandat begründet ist, dessen Hauptbestandteil der Grundsatz des Jüdisehen Nationalheims sei. Indem die Araber dieses angriffeu, haben sie demnach die britische Herrschaft angegriffen. Dr, Weizmann fährt fort: ״Der Bericht sieht die grundlegende Ursache des Ausbruchs in dem arabischen Gefühl der Feindseligkeit gegen die Juden infolge des Fehlschlags ihrer politischen und nationalen Aspirationen, und der Furcht um ihre wirtschaftliche Zukunft‘, und fügt ln einem anderen Zusammenhang hinzu, daß die ,durch jüdische Einwanderung und jüdische Arbeit dem Lande gebrachten großen Vorteile sich bei der Verfolgung des wahren Zweckes der Unternehmung nur nebenbei ergaben und keinen Teil der eigentlichen Absicht bildeten‘. Dies ist in der Tat ein erstaunlicher Kommentar der Politik des Jüdischen Nationalheims; denn, wenn wir auch erfreut sind, daß unsere Arbeit, einfach durch ihre Natur, der arabischen Bevölkerung Nutzen bringt, und wünschen, daß es so sei, können wir nicht die in diesem und anderen Teilen des Berichtes eingeschiossene Voraussetzung akzeptieren, daß unser Recht, in Palästina zu leben, durch gehegte Befürchtungen beeinträchtigt werden oder von Vorteilen, die die arabischen Landesbewonner daraus ziehen, abhängig sein soll. Kraft unserer historischen Verbundenheit mit Palästina wurde uns in diesem Lande durch einmütigen Beschluß der zivilisierten Welt ‘ein Nationalheim zuerkannt. Wir sind in Palästina ,kraft Rechtes und nicht kraft Duldung‘. Ich beabsichtige nicht, mich hier mit allen Punkten des Berichtes zu befassen, gegen die Einwendungen erhoben werden können und werden, aber ich muß besonders auf zwei Punkte erweisen: Es wird gesagt, daß Palästina keine größere landwirtschaftliche Bevölkerung ernähren kann, als es gegenwärtig erhält, solange die Ackerbaumethoden nicht eine radikale Aenderung erfahren‘. Das Wesen unserer Arbeit aber ist es, gerade eine solche ,radikale Aenderung* herbeizuführen, und nach 50 Jahren Erfahrung in unserer Kolonisation versichern wir, daß für Zehntausende weiterer jüdischer Farmer in dem Lande Raum gefunden werden kann, ohne daß die rechtmäßigen Interessen der Araber verletzt werden. Der Bericht führt gegen uns an, daß wir ein landloses Proletariat schaffen, ln Wirklichkeit ist die Gesamtzahl der durch uns von ihrem Boden entfernten arabischen Pächter gering, und ihre überwältigende Mehrheit ist mit unserer Unterstützung auf anderem Boden neu angesiedejt worden. Wir behaupten ferner, daß zwischen diesen als Klagegründen vorgeschobenen landwirtschaftlichen Fragen und den Unruhen vom August 1929 keinerlei Zusammenhang bestand. Unter den Hunderten von Arabern, die unter der Beschuldigung der Teilnahme an den Unruhen vor den Gerichten erschienen, war nicht einer, der als ein durch uns entsetzter Pächter hätte bezeichnet werden können.“ Dr. Weizmann kritisiert sodann die Behauptungen der Kommission bezüglich übermäßiger jüdischer Ein- Wanderung und weist darauf hin, daß es in Palästina heute trotz Zuwachs von 100000 Juden keine Arbeitslosigkeit gibt, " ״Die änleblicliö Furcht <i£r Aräbel ‘tltri“Tf11% ■wirtschäftliehe Zukunft — fährt Weizmann fort — haben drei Kommissare zu dem Vorschlag veranlaßt, unsere Einwanderung abzuschnüren und unsere Freiheit, Land zu kaufen, zu beschränken. Ohne Menschen und ohne Boden gibt es kein Nationalheim; jede Beschränkung würde für uns dem Wesen der Sache nach die Preisgabe der Politik des Mandates bedeuten, würde uns in eine Lage bringen, die schlechter wäre als die ist, der wir in irgendeinem anderen Lande gegenüberstehen, und wurde den Namen des Jüdischen Nationalheims zu einem Spottnamen machen.“ Dr. Weizmann schließt mit dem Ausdruck des Vertrauens für die britische Regierung, daß sie an der Politik des Mandates festhalten wird. ״M a n c h e s t e r G u a r d i a n“ nimmt in einem Leitartikel redaktionell zu Dr. Weizmanns Brief ausführlich Stellung. Das Blatt stimmt den meisten Argumenten w eizman ns zu. Die jüdische Kolonisation Palästinas sei heute, wo den Juden die westlichen Länder verschlossen sind, eine Pflicht der Humanität, außerdem aber eine ausdrückliche Vertragsverpflichtung Englands. Die Fassungskraft des Landes werde durch Entwicklung der Industrie und Landwirtschaft gesteigert werden. Pflicht der englischen Regierung ist es, Boden für die jüdische Siedlung bereitzustellen und zugleich der Benachteiligung des arabischen Bauern vorzubeugen. Die letzten zehn Jahre bestätigen, daß die jüdische Einwanderung die Araber materiell nicht geschädigt und dem ganzen Lande Wohlstand gebracht hat. 0er Zwang, Jude zu sein An der Wiener Universität ist eine Neuordnung genehmigt worden, der zufolge die Hörer sich zu ״Studentennationen“ zusammenzuschließen haben. Die Oesamtheit der Delegierten dieser Studentennationen stellt die allgemeine Studentenvertretung der Universität dar. Durch diese Neuordnung werden nun Juden, die sich nicht zum jüdischen Volkstum bekennen, aber auch nicht von der deutschen Studentennation aufgenommen werden, vertretungslos gemacht. Wir stehen auf dem Standpunkte, daß die Juden ein Volkstum bilden und daß die jüdischen Studenten, wenn schon einmal Studentennationen an einer Universität stipuliert sind, zur jüdischen Nation gehören. Trotzdem liegt in dem Zwang, der in Wien gegen assimilierte jüdische Studenten ausgeübt wird, eine Gewissensvergewaltigung. Diese Sachlage ist bedauerlich; die Entwicklung hierzu war jedoch vorauszusehen und unaufhaltsam. Die Situation der assimilierten jüdischen Studenten ist in der Tat prekär, aber es ist nicht unseres Amtes, uns aktiv dieser problematischen jüdisehen Studentenexistenzen anzunehmen. Zur Liebe kann man niemand zwingen, und es wäre gleichfalls eine Vergewaltigung der deutschen Studenten, wollte man ihnen durch Gesetz auftragen, ihnen nicht genehme Kommilitionen in ihren Verband aufzunehmen. Die jüdische Studentennation an der Wiener Universität ist jederzeit bereit, den deutsch-jüdischen Studentenassimilanten durch Aufnahme das Vertretungsrecht zu sichern. Mehr können die Jüdisch-Nationalen nicht tun. Bemerkt sei, daß diese Neuordnung der studentischen Organisation an der Wiener Universität die sonstige gesetzliche Gleich- Berechtigung der Studenten an der dortigen Hochschule nichttam giert. Würde diese angetastet, so läge ein Fall allgemein-jüdischen Interesses vor. Die Nichtanetkennung des deutschen Volkstums jüdischer Assimilanten durch deutsche Studenten ist eine Sache, die die jüdischen Assimilanten selbst auszutragen haben. In diesem Punkte sind wir desinteressiert, m. w.

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