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Jüdische Rundschau · 1930-04-11 · Heft 29 (11.4.1930) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 29 (11.4.1930)
Date
1930-04-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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״M&zzebacken im Städtchen" (Zcldmunqen von Rahel Szalii) "f Einzelnummer 0,25 Goldmark UDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u, F reitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Auslandsabaanetöenta werden in der Währung der einzelnen Linder berechnet. Aareirenpreis: H «esp Nanpareilleaeile ö»50 G.-M. Stellengesuche <X25 G.-M. Redaktion Verlag und Anzeigen - Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b. H., Berlin W15, Meinekeatr.10 lelephon! Jl Bismarck 7165-70. AnzelgctwcUuS: Dianatag aad Fraitag nachmittaga 4 Uh? Postscheck Konten: Berlin!73 92, Basel V 9355, Belgrad 680 32 Brüssel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410, Strassburg!64 30, Warschau 190 708, Wien!56 030 Baak -Konten: Dsnnstidter und Nationalbenk, Depositen Kasse Berlin, Kurfömeadamna 52; Banea de Ent, Ceroauti (Rumänien); Angio Palestine Co. m Haifa, ’erusalem. lei Aviv Nummer 29 | Berlin, 11. IV. 1930 Redaktionsscfaluü Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ג ניסן׳ תי״צ | xxxv. jahrg. Per Zionismus erstrebt tOr da« jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm■‘* Politische Pessach - Betrachtung Nach der Agency-Sitzung - Neue Kolonisation - Die Exekutiv-Umbildung Bemerkungen zum Shaw-Bericht - Wieder der ״Dualismus" des Mandates Einwanderung und Boden - Für ein konstruktives Programm Der diesjährige Peßach fällt in eine zionistisch bewegte Zeit. Zehn Jahre nach den Peßach-Unruhen in Jerusalem, dem ersten blutigen Warnungssignal der jetzt ihrem Abschluß sich nähernden zionistischen Epoche, und zehn Jahre nach San Remo stehen wir in einer Situation, die Dr. Weizmann in seiner Rede in der Londoner Agency- Sitzung als ein zweites San R^mo bezeichnet hat. Wieder, so sagte er, sind die Dinge im Fluß, aber die Welt ist anders geworden; das Baltische Meer, von dem in San Remo Lloyd George sprach, ist eingefroren. Wir stehen an der Schwelle einer neuen Epoche, und wir wünschen, sie solle eine glückliche sein und uns weiterbringen. Sie wird uns nicht weiterbringen, wenn wir nur mechanisch erstarrte Formeln wiederholen und nicht mit Mut und Entschlossenheit die Führung der Geschicke übernehmen. Neue Erkenntnisse tun not, neue Entwicklungen sind einzuleiten, und wir selbst wpllen die Initiative in der Hand behalten, mit vollem Bewußtsein die Realitäten gestalten. Dazu tut not, die Tatsachen zu sehen, wie sie sind. Wenn es Pflicht der Publizistik ist, hierbei den weiteren denkenden Kreisen des Volkes zu helfen, dann darf auch ungewohnte, ja vielen unerwünschte Wahrheit nicht unausgesprochen bleiben. Wir haben am 14. März an dieser Stelle einige kritische Worte über die bisherige zionistische Politik gesagt, ohne den Bericht der Shaw-Kommission zu kennen. Inzwischen hat der Bericht die damaligen Vermutungen zur Gewißheit werden lassen. Der Bericht der Kommission soll der Ausgangspunkt einer Festlegung der englischen Politik in Palästina sein, vielleicht mit Einschaltung einer neuen Kommission, aber jedenfalls auf Grund von Beratungen, die die Regierung — gemäß der von MacDonald im Unterhaus abgegebenen Erklärung — mit beiden Parteien, Juden und Arabern, führt. Die Regierung wird wohl auch einen Versuch machen, beide Parteien an einen Tisch zu bringen. Jedenfalls wird sie einen Ausgleich zwischen den beiden Standpunkten suchen. In diesen Tagen kommt alles darauf an, wie sich die zionistische Sache präsentiert. Gewiß sind solche Verhandlungen nichts für die Oeffentlichkeit; aber die zionistische Führung muß doch ihren Halt in einer sachlich fundierten Haltung der Bewegung haben. Mit starker Anteilnahme, nicht ohne Sorgen, blicken wir nach London. * Politik ist nicht alles. Und unsere politische Macht- Position hängt zum guten Teil ab von außerpolitischen Momenten. Das Jüdische Nationalheim ist ein großes konstruktives Werk. Es ist vor allem eine wirtschaftliche Realität. Auf die wirtschaftlichen Aufgaben war die letzte Tagung des Agency-Komitees in London vorwiegend gerichtet. Diese Sitzung, der manche Pessimisten mit Besorgnis entgegengesehen hatten, hat erfreulicherweise gezeigt, daß zwischen Zionisten und Nichtzionisten völlige Einigkeit darin besteht, daß die Arbeit in Palästina mit aller Energie und mit möglichst großem sachlichen Effekt weiter:;;׳'•'::•t werden soll. Ueber die Methoden der Arbeit und der Verwaltung mögen die Meinungen da und dort auseinandergehen; solche Unterschiede haben nichts zu tun mit der Trennungslinie zwischen Zionisten und Nichtzionisten, sondern gehen mitten durch die beiden Lager. Das Ziel aber ist, eine möglichst große, sich wirtschaftlich selbst erhaltende jüdische Bevölkerung im Lande anzusiedeln. Das Administrative Committee hat einen Plan der Ansiedlung von 1000 Arbeiterfamilien in der Orangenzone sofort in Angriff genommen. Dies ist ein großes positives Ergebnis, das auch psychologisch sehr stark wirken wird. Zum erstenmal seit der Besiedlung des Emek wird eine systematische Chaluz-Kolonisation größeren Stils betrieben. Was die frühere Kolonisation betrifft, so ist in dem sogenannten Konsolidierungsplan fortzufahren; das Administrative Committee beschloß, trotz der inzwischen notwendig gewordenen Aufwendungen des Hilfsfonds, an dem in Zürich beschlossenen regulären Budget festzuhalten. Da im ersten Viertel dieses Rechnungsjahres infolge des späten Beginns der amerikanischen Kampagne die Eingänge des Keren Hajessod stark im Rückstand geblieben sind, muß dieses Defizit jetzt eingebracht werden; daß die Amerikaner sich hierzu bereit erklärt haben, zeigt den Geist, der die Agency beseelt. Das Administrative Committee hat die von manchen Seiten vor der Sitzung stark übertriebenen organ isatorischen Differenzen, insbesondere die Frage der Stellung der Exekutive, definitiv geklärt. Die Exekutive bleibt die oberste Leitung der Agency. Die achtgliedrige Agency- Exekutive wird in Etappen gebildet; dabei zeigt sich, daß bei der Unterscheidung zwischen Zionisten und Nichtzionisten ganz andere Kriterien gelten als gewöhnlich in Deutschland Diskussions-Stoff bilden. Nicht um Gesinnungsfragen geht es, sondern um die Abhängigkeit von einer bestimmten organisatorischen Instanz. Es ist eine Pikanterie, daß die Nichtzionisten als ihre Vertreter in die Exekutive nur Menschen entsandt haben, die ihrer Gesinnung und Zugehörigkeit nach Zionisten sind. Sie figurieren als ״Nichtzionisten“, weil sie nicht einer zionistischen Instanz verantwortlich sind. Vier zionistische Mitglieder mußten ausscheiden, und im Herbst werden weitere vier gehen. Die Herren Lipsky und Barth sind weniger mit der Agency, als mit zionistisch-organisatorischer Tätigkeit verbunden. Anders bei Sacher und 'Szo 1 <L..Diese beiden waren■ lÄteehie Figuren •4» P8»״ lästina-lxekutive und es fehlt bisher jede Erklärung darüben was mit ihnen geschehen wird. Was zunächst Sapfier betrifft, der in London anwesend war, so wußte m|n lange von seiner Amtsmüdigkeit. Es verlautet, daß ei nicht mehr nach Jerusalem zurückkehren will. Dies wird auch von vielen, die 1927 gegen seine Wahl waren, bedauert werden. Ein besonders schwerer Verlust ist der Rücktritt von Miß Szold, die in ihrer Abwesenheit, hoffentlich nicht ohne die gebotene Fühlungnahme mit ihr, gestrichen wurde. Es ist unbegreiflich, daß man dieses Ausscheiden zuließ, nachdem man erst kurz zuvor in Zürich sie gegen ihren Willen zum Eintritt gezwungen hat. Mit unseren besten Menschen, an denen wir keinen Ueberfluß haben, sollte man nicht so spielen. Diese allseits verehrte Frau, die in der Exekutive den Geist einer edlen Humanität geradezu verkörperte, wird hoffentlich ihre so segensreich begonnene Tätigkeit im Dienste der Erziehung und des Gesundheitswesens in Palästina auch ohne offizielles Amt fortsetzen. Sie wirkt durch ihre Person mehr als durch ihr Amt. Was die neuen Exckutivmitglieder betrifft, so ist zunächst noch unsicher, ob der ״Nichtzionist“ Julius Simon sein Amt in Jerusalem überhaupt antreten wird. Die beiden anderen vertreten das jüngere Element und werden schon darum mit Sympathie beobachtet werden. Die neue Exekutive hat fair play. Sie wird jetzt vor allem das Arbeitsprogramm für das nächste Jahr vorzubereiten haben. Erst nach diesem wird man sie beurteilen können. * Aber das nächste Jahr wird weitgehend beeinflußt werden von der Gestaltung der politischen Dinge. Sowie vor acht Monaten auf das Fest der konstituierenden Sitzung der Agency die blutigen Unruhen in Palästina folgten, die eine neue Situation schufen, so hat auch jetzt, wenige Tage nach der befriedigend verlaufenen Londoner Sitzung, der Bericht der Untersuchungskommission eine Wendung gebracht. Es ist müßig, heute die Frage aufzuwerfen, ob diese auf zionistische Veranlassung veranstaltete Untersuchung eine glückliche Maßnahme war. Auf Grund langjähriger Erfahrung war vorauszusehen, daß wir dabei wenig gewinnen können, daß aber den Arabern hier eine Propaganda-Tribüne geboten wird, die ihre kühnsten Träume kaum erhoffen konnten. Wenn aber dieses öffentliche Tribunal schon tagte, dann mußten und konnten wir wissen, worauf es ankommt, Versammlungsredner in Warschau und Berlin, von keiner Materialkenntnis be- Schwert, können sich damit begnügen, auf das in "Balfour- Deklaration und Mandat den Juden gegebene Versprechen zu pochen. Den verantwortlichen Faktoren aber mußte klar sein, worum sich die Untersuchung drehen wird. Daß die Kommission sich nicht auf die tatsächlichen Unruhen beschränkt hat, war keine Ueberraschung. Denn nicht nur die Araber machten geltend, daß die Hauptursache des arabischen Ueberfalles in ihrer Furcht vor der Politik des Jüdischen Nationalheims liege, sondern auch die Juden bedienten sich des Arguments, daß die Regierung durch ihre Abneigung gegen das Nationalheim die Araber in die Meinung gewiegt habe, sie w ürde einen gegen diese Politik gerichteten Aufstand dulden. Wo von beiden Seiten das Grundprinzip der Palästinapolitik, nämlich das Jüdische Nationalheim, in die Argumentation einbezogen wurde, da mußte doch die Kommission die Frage prüfen, was es denn mit dieser Politik für eine Bewandtnis habe. Um hier wirksam zu parieren, genügte es nicht, sich auf unsere zionistische Ideologie zu berufen. Diese Art des monologischen Vortrags der eigenen — gewiß in sich richtigen — Gedankengänge war zulässig, solange der Zionismus eine reine Propaganda-Angelegenheit war, was er für viele aus jener Anfangszeit stammende Zionisten noch heute ist (wodurch sich viele innerzionistischen Miß- Verständnisse und Differenzen erklären). Heute jedoch muß man auch berücksichtigen, unter welchen Gesichtspunkten den andern Faktoren, die in Palästina mitzubestimmen haben» das Problem erscheint Man brauchte nur zwei Blicke in die bereits stattlich angewachsene offizielle Literatur über das Palästinaproblem (Englands Jahresberichte, Protokolle der Mandatskommission u. a.) zu werfen, um zu wissen, daß es auch bei dieser Untersuchung, wie immer sie auch anheben mag, schließlich auf einen Punkt hinauslaufen wird: die Frage des Verhältnisses des Jüdischen Nationalheims zur arabischen Bevölkerung Palästinas. Wir hatten sogar bereits einen Präzedenzfall, der für uns außerordentlich lehrreich sein konnte, und zwar die Untersuchung der sogenannten Haycraft-Kommission, die nach den Un* ruhen von 1921 eingesetzt wurde und deren gedruckt vorliegender Bericht wohl allen Zionisten in verantwörtlicher Position bekannt ist. In diesem Bericht befindet sich z. B. die bekannte Auseinandersetzung mit Dr. Eder, der als damaliger Chef der Palästina-Exekutive als Zeuge vor der Haycraft-Kommission ausgesagt hat, die Zionisten erstrebten in Palästina jüdische Vorherr- Schaft (Predominance) und lehnten Gleichberechtigung von Juden und Arabern ab. Im Zusammenhang damit zitiert die Haycraft-Kommission auch eine Schrift des englischen Zionistenfreundes Sidebotham. Bei dieser Sachlage — so ungefähr sagte die Haycraft-Kommission — wäre die Furcht der Araber vor den Juden, die nicht nur bei Effendis, sondern bei der ganzen Landbevölkfrung zu finden sei, verständlich, und zur Verhütung künftiger Unruhen müsse die Regierung über alle Zweifel klarstellen, daß sie eine Unterwerfung der Araber unter jüdische Herrschaft nicht beabsichtige. Dieses Problem ist noch heute der Mittelpunkt des Interesses aller beteiligten Faktoren. Demgegenüber nützt es nichts, daß* wir uns auf das Mandat berufen, und die Forderung wird nicht gewichtiger, wenn wir noch hinzusetzen, das Mandat müsse ״dem Buchstaben und dem Geiste nach“ erfüllt werden. Denn die ganze erwähnte Literatur belehrt uns, daß nicht das Mandat als solches strittig ist, sondern vielmehr die Schwierigkeit darin besteht, die beiden Direktiven des Mandates zu balancieren. In allen wichtigen Paragraphen des Mandats wird die Förderung der jüdischen Bestrebungen mit der Einschränkung verbunden, daß die bestehenden Rechte der gegenwärtigen Bevölkerung nicht beeinträchtigt werden dürfen. Hierin liegt der ״Dualismus“ des Mandats, und jede konstruktive Politik muß bewußt an ihn anknüpfen; sonst riskiert sie, daß ihre auf dem einen Grundsatz des Mandates beruhenden Forderungen unter Berufung auf den andern Grundsatz matt gesetzt werden. Bei der Behandlung dieser Frage hatten wir von vornherein sozusagen eine günstige taktische Position, da wir auf die Beschlüsse unserer Kongresse hinweisen konnten und auch die Definitionen des Weißbuches von 1922 offiziell akzeptiert haben. Wir konnten nicht nur der Untersuchungskommission durch eine programmatische Erklärung unserer Absichten vorgreifen und sie dadurch auf unsere Seite ziehen, sondern auch der schwankenden öffentlichen Meinung der Welt das

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