Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 27 (4.4.1930)
- Date
- 1930-04-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0J2S Qotdmark .Erlösung durdk Arbeit? JÜDISCHE RUNDSCHAU Erschein« jeden Dienstag u, Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goklmark, vierteljährlich 5.75 Goldmsrk. ,A!]s!8neiM1hom1tB1Bents wftfden is der Wahranc des ein*eJnao Linder berechnet, ^nreiuenprei«: * reep N0f1per»i11e*etf• 0.50 G.-M. Stellengesuche 0.25 G־״M. ~~ Nummer 27 | Berlin, 4. IV. 1930 Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.10 lalephon: J 1 Bismarck 7165-70. AaretgeaacUal: Di•■«!•( uad Freitag ■ •chmitt«(• 4 Uhr RedaktionaschluS Sonntag und Mittwoch nachmittag. Poitatbick K ent« n: farlio 17391, B«eel V 9355. Belgrad 680 32 Brüssel 394 33, Budspsst 396 93, Damit 1973. Haag 140 470, Prag 59410, Straaahurg 164 3a Warschau 190 70«, Wien 156030 Bank -Kenten: Darmstiidter und National bank, Depositen Kasse Berlin. Kurfürstendamm 51 Banra de Est. Cemeuti (Rumänien); Anglo Palestsne Co. in Haifa. Jerusalem« 1#י Aviv ו, ניסן* תי«צ | xxxv. Jahrg. £er_Zlonisrnus^erstrebt^£r^da8^Udlsche^olK^£l9^Schamjngelner^öt^^ Der Beridif der Stiawlfommission Die widiÜQsien Eraebnisse des Brridtiess 1. Die Unruhen waren ein arabischer Ueberfall auf Juden, aber kein wohlvorbereiteter Angriff, sondern auf die zwischen den beiden Völkern bestehende gespannte Atmosphäre zurückzuführen. 2. Diese Erregung ist durch eine Hetzkampagne entstanden, die von den arabischen Führern zumindest wohlwollend geduldet wurde. 3. Die Palästinaregierung wird unter den gegebenen Umständen von einem direkten Verschulden freigesprochen. 4. Die tiefer liegende Ursache der Unruhen ist die Feindseligkeit, die aus der Furcht der Araber, ihres Bodens verlustig zu gehen und unter jüdische Herrschaft zu geraten, entspringt. Diese Befürchtungen sind begründet in der Unklarheit der englischen Politik und in gewissen Vorkommnissen beim jüdischen Bodenkauf. Daher muß die Regierung eine deutliche Erklärung über den Schutz der nicht jüdischen Rechte abgeben, ferner die jüdische Einwanderung und den Bodenkauf im Einklang mit den Interessen der Araber neu regulieren. Ferner ist die konstante Weigerung, der Bevölkerung ein gewisses Maß von Selbstverwaltung zu gewähren, einer der Hauptgründe für die arabische Unzufriedenheit, die auch in Zukunft zu Unruhen führen kann. Das Mitglied der Arbeiterpartei Sneli hat in einem Separatvotum gegen die im Mehrheitsbericht ausgesprochenen Anschauungen Stellung genommen. Prime-Minister MacDonald hat Donnerstag nachmittag im Unterhaus eine Erklärung über den Bericht abgegeben. Der erste Eindruck Berlin, 3. April. Der lange erwartete Bericht der Untersuchungskommission liegt nun vor. Es ist ein Dokument, das leidenscbaftlich umstritten werden wird und bereits a!uf den. ersten Blick eilte scharfe Kritik auch von unserer Säte herausfordert. Diese Kritik bezieht sich in erster Linie auf diejenigen Fragen, die die Kommission unter Ueberschreitung ihrer Kompetenz in den Bereich ihrer Betrachtungen gezogen hat, ohne darüber volles Maferial zu besitzen, da angesichts ihrer klar umschriebenen Aufgabe keine Veranlassung bestand, ihr dieses Material zu unterbreiten. Die Kommission hat also ein G u t a c h - ten über die gesamte Palästinapolitik abgegeben, ohne das eingehende Studium aller Seiten dieses Problems, das zu einer solchen Arbeit notwendig gewesen wäre. Denn die Palästinapolitik als Ganzes darf nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt eines Einzelereignisses. wie es die Unruhen von August 1929 waren, betrachtet werden. Sie steht im Zusammenhang mit viel weiteren Ge-dankengängen und Tatsachen und es ist klar, daß das erforderliche Gleichgewicht der im Lande verwurzelten Interessen nur dann hergestellt werden kann, wenn man von allen diesen Seiten an die Sache herangeht. Dies aber konnte die Kommission nicht tun, weil sie ja nur die Aufgabe hatte, die Ursache der letzten Unruhen zu untersuchen und Mittel zur Verhinderung künftiger Unruhen anzugeben. Wenn man von diesem Gesichtspunkt ausgeht, dann ist nichts einfacher, als die Beseitigung aller derjenigen Umstände zu verlangen, die der Unruhestifter als Motiv für seine Handlungen angibt. In diese allzu einfache Betrachtungsweise ist die Kommission verfallen, als sie, nach den tieferen Ursachen der Unruhen forschend, den arabischen Beschwerden gegen die Politik des Jüdischen Nationalheims und gegen die jüdische Aufbauarbeit begegnete. Die Grundlinien der Politik in Palästina hat nicht die Kommission, sondern die englische Regierung festzusetzen. Die Regierung hat jetzt das Wort. Aber es wäre ein Fehler, zu verkennen, daß der Bericht, der mit solcher Spannung ein halbes Jahr erwartet wurde und auf den man sich die ganze Zeit über im voraus berufen hat, wo immer vom Palästinaproblem die Rede war, wahrscheinlich von starkem Einfluß auf die englische Oeffentlichkeit sein wird. Auch die Mandatskommission des Völkerbundes, wo nicht nur Freunde des Zionismus sitzen, wird ihren Beratungen den Bericht zugrunde legen. Es wäre ungerecht, nicht zuzugeben, daß manche Abschnitte des Berichtes Material enthalten, das gründliche Beachtung auch von zionistischer Seite verdient Es ist hier nicht unsere Absicht, in eine gründliche Analyse des Berichtes einzutreten, zumal auch die Parlamentsdebatte noch bevorsteht. Aber eine Reihe von Erwiderungen liegen bereits jetzt vör, auf die wir verweisen können. Die eindrucksvollste und zweifellos auch für Fernerstehende überzeugende Widerlegung des Kommissionsberichtes bildet das Separatvotum von Mr. Sneli. Sein Verständnis für das Wesen der jüdisehen Aufbauarbeit ist das Resultat seines tieferen Interesses, das den Bemühungen der jüdischen Arbeiterorganisation zu danken ist Bekanntlich hat Sneli einige Tage in jüdischen Siedlungen verbracht und dort Einblick* in die wirkliche Situation gewonnen, er hat auch von den jüdischen Arbeitergenossen informative Aufklärungen erhalten. Die Gegenüberstellung des Majoritätsberichtes tnjä de* Snellschett Vorbehalte; enthebt befiahe von der' Notwendigkeit eigener.Kritik. Dr. Weizman n hat eine Erklärung als Antwort auf deft Bericht veröffentlicht, und die zionistische Arbeiterpartei Poale Zion hat der britischen Arbeiterpartei ein Memorandum überreicht, worin Letzte Nachrichten Die Erklärung der Regierung London, 3. April. (Drahtbericht der JUd. Rundschau.) In der Unterhaus-Sitzung von Donnerstag Nachmittag antwortete der PrimeminJsfer MacDonald auf die vom Führer der Opposition Mr. Baläwin in der Montag-Sitzung gestellte Anfrage berütlieh des Berichtes der Shaw-Kommission. Mac Donald erklärte: Die Regierung wird fortfahren, Palästina im Einklang mit den Bestimmungen des Mandates, das Großbritannien vom Völkerbund übertragen wurde, zu verwalten. Das ist eine internationale Verpflichtung und es kann keine Rede davon sein, daß wir davon zurikktreten. Nach den Bestimmungen des Mandates ist die Regierung verantwortlich für die Förderung der Errichtung dies Jüdischen Nationalheims in Palästina, wobei klar verstanden werden soll, daß nichts geschehen darf, was die bürgerlichen und religiösen Rechte aer bestehenden nicht jüdischen Gemeinschaften oder die Rechte der Juden in anderen Ländern beeinträchtigen könnte. Hierin ist eine doppelte Verpflichtung eingeschlossen: einerseits gegenüber dem jüdischen Volk, andererseits gegenüber der nientjüdisehen Bevölkerung Palästinas. Die Regierung ist fest entschlossen, in gleichem Maße beiden Teilen der Deklaration Wirkung zu verleihen und allen Tellen der Bevölkerung Pa- 'iästinas in gleicher Weise Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dies ist eine Pflicht, der sich die Regierung nicht entziehen wird und bei deren Erfüllung sie alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel anwenden wird. Der Bericht der Shaw - Kommission deckt ein weites Feld, und die Regierung ist mit seinem Studium beschäftigt. Die Kommission war eingesetzt, um die unmittelbaren Ursachen der beklagenswerten August-Unruhen zu untersuchen und Mittel vorzuschlagen, die eine Wiederholung verhindern, indem die Kommission sich treulich bemühte, ihre Richtlinien zu befolgen, muß sie es schwierig gefunden haben, eine starre Grenzlinie zu ziehen. Die Regierung steht in Beratung mit den interessierten Beteiligten. Ich möchte keinen Zweifel daran lassen, daß meine Erklärung, künftigen Zwischenfällen vorzubeugen, die sofortige Vorsorge für die notwendigen Polizeikräfte in sich schließt, um unter den gegebenen Umständen den bürgerlichen Frieden in Palästina sicherzustellen. Baldwin: Der Primeminister ist so weit gegangen, wie er im Augenblick gehen konnte. Seine Erklärung wird von dem Hause mit Befriedigung aufgenommen werden. Ich nehme an, daß das Haus späterhin, wenn die Regierung für weitere Ueberiegungen Zeit gehabt hat, Gelegenheit zu einer Diskussion darüber haben wird. MacDonald: Wir stehen in aktiver Beratung mit allen interessierten Parteien in Palästina und denen, die ln London für Konferenzen verfügbar sind. Keine Zeit wird verloren werden, um die Erklärung, die ich heute abgab, noch weiter auszuführen. Lloyd George schloß sich den Bemerkungen Baldwins an. die Ergebnisse der Kommission beleuchtet werden. Auch in den Kreisen der englischen Politiker regt sich bereits der Widerspruch, wie aus den von uns weiter unten wiedergegebenen Zuschriften an die ״Times“ hervorgeht Die Pressekommentare zu dem Bericht sind bisher im allgemeinen zurückhaltend, anfcjtifksifi»* tritt; gtmgdarüber »itge! daß die Ädmfnititaion: Im gre®efc ganzen rein gewaschen wird, zugleich betonen die meisten ernsten Blätterunbedingtes Festhalten am Mand a t und die Notwendigkeit einer jüdisch-arabischen Verständigung. Nur ״Daily Mail“ ,verlangt so wie immer Aufgeben des Mandates, Die Untersuchungskommission hat offenbar die Tendenz gehabt, das Prestige der englischen Administration zu retten, die nach den Augustunruhen von den führenden englischen Zeitungen selbst als ״zusammengebrochen“ bezeichnet wurde. Trotzdem ist aber auch die Kritik der Kommission an der Regierung deutlich erkennbar. Wenn die Kommission feststellt, daß die Sicherheitsvorkehrungen ungenügend waren, daß die Palästinapolizei unzuverlässig ist, daß die Regierung über keinen Nachrichtendienst verfügte, d. h. also ahnungslos darüber war, was im Lande vorgelit, so sind dies eigentlich genug schwere Belastungen für eine Regierung. Dazu kommt noch die Feststellung der Kommission, daß die Regierung dem durch ihre wankelmütige Haltung entstandenen Glauben der Bevölkerung, man könne die Regierung durch Pressionen zu einer Aenderung ihrer Politik bewegen, entgegentreten müsse. Dies bedeutet nichts anderes als eine Bestätigung des Vorwurfes der Schwäche, der an anderer Stelle von der Kommission verneint wird. Die Kommission fordert, daß die Regierung eine klare Da le ung ihrer Politik kundgeben müsse, dann aber auch keine Zweifel darüber lassen dürfe, daß sie den verkündeten Richtlinien treu bleiben und für ihre Politik alle Machtmittel einsetzen wird. In dieser Aufforderung liegt deutliehe Kritik der bisherigen Haltung der Regierung. Eines steht fest: Sache der Jewish Agency und der zionistischen Bewegung ist es jetzt, den Eindruck des Berichtes auf die englische Oeffentlichkeit zu paralysieren. Dies kann nur geschehen durch eine stolze und würdige Haltung in bezug auf die jüdischen Rechte, durch geschlossenes und unerschüttertes Eintreten für die Sache des Jüdischen Nationalheims, durch verstärkte Weiterarbeit am jüdischen Kulturwerk in Palästina, zugleich durch aktive Widerlegung der Beschuldigungen, die in dem Bericht in bezug auf mangelnde Berücksichtigung der arabischen Bevölkerung erhoben werden. Sowohl der Bericht als auch die Kommentare stimmen darin überein, daß das Jüdische Nationalheim eine Tatsache ist und daß sich die Araber genau so damit abzufinden haben wie sich die Juden mit der Existenz der Araber abfinden. Hier liegt der Schlüssel zu einem Ausgleich. Es ist interessant, daß Sneli zum Schluß zu einem Vorschlag kommt, der in hohem Maße der kürzlich von Prof. Einstein ausgegangenen Anregung ähnelt: Juden und Araber sollen, möglichst außerhalb des Bereiches der streitbaren Politik, an einen Tisch gebracht werden. Ein Ausgleich ist im Interesse beider Völker notwendig, und daher muß er gefunden werden.