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Jüdische Rundschau · 1930-03-21 · Heft 23 (21.3.1930) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 23 (21.3.1930)
Date
1930-03-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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]Einzelnummer 0J3 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienst■« u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,—■ Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Austandnabannements w«rd«B in de» Währung der einsetaen Linder berechnet. Anzeigenpreis; u teep Nonpareillereile 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Redaktion Verlag und Anzeigen - Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., BerlinW15, Meinekeatr.10 Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. A1ueigensdhlu6: Dienstag und Freitag nachmittag« 4 Uhr Poatscheck Konten: Berlin!7392. Basel V 9355, Belgrad 68032 Brüssel 394 33. Budapest 596 93, Danrfg 1973, Haag 140 470, Prag 59410, Strassburg 164 30, Warschau 190 708. Wien!56 030 Baak •Konten: Darmstldter und Nationslbaak, Depositen Kasse Berlin, Kurhiretendstnm 52; Baue« de Est. Cemauti (Huminien): Anglo f’iiwume Ca. m Haifa, terusalem, lei Aviv Nummer 23 | Berlin, 21. «II. 1930 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ״א אדר׳ חר״צ | xxxv. Jabrg. Der Zionismus erstreot für das jüdische Volk dla Schaffung einer OHentllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Bageier Programm.״ Balfour Lord Balfour ist Mittwoch, den 19. d. Mts. 8 Uhr 15 Minuten früh auf dem Gute seines Bruders in der Nähe von Woking im Alter von 82 Jahren an den Folgen einer Bronchialerkrankung gestorben. Der Tod Balfours, so wenig überraschend er nach der langen Krankheit kommt, wird im jüdischen Volk mit tiefer Trauer empfunden werden. Dieser große Staatsmann, der mehr als fünfzig Jahre in der Geschichte seines Vaterlandes eine führende Rolle gespielt hat und in den letzten Jahren zu der überragenden Figur eines Great Old Man, eines ״großen alten Mannes“, eines allseits verehrten und auch von Parteigegnern anerkannten Patrioten emporwuchs, ist in der jüdischen Geschichte eine bewegende Kraft geworden wie vielleicht kein christlicher Staatsmann vor ihm. Im letzten Winkel des versteckte* sten Ghettos, wohin niemals der Name eines englischen Ministers gedrungen war, ist der Name Balfours populär und geradezu von romantischem Glanz umkleidet worden. Das Bedürfnis des jüdischen Volkes in der Nacht seines Exils, nach all dem durchlebten Unrecht und der erlittenen Verachtung, aus der tiefen eigenen Not und der Erkenntnis der grausamen Feindlichkeit einer ganzen Welt heraus, eine befreiende Lichtgestalt zu finden, die in Weis* heit und Großmut dem Volk den Weg der Freiheit weist, erhielt seine BefM^r';!i«f*■מ1ז,׳י§ו^W״“ÄS'!, mächtigen Mannes, der der Weit verkündete, das Jahrtausende alte Unrecht an den Juden müsse wiedergutge* macht Werden. Seit dem 2. November 1917 ist der Name Balfours unlöslich verbunden mit der Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes. Es hieße, die Bedeutung geschichtlicher Kräfte unter* schätzen, wenn man die Errichtung des Jüdischen Na* tionalheims in Palästina nur als den Willkürakt eines einzelnen Menschen betrachtete. Die Gewalt der romantisehen Sehnsucht des jüdischen Volkes und sein unauslöschlicher Lebenswille haben dieses Ergebnis ebenso herbeigeführt wie die nüchternen Erwägungen englischer Reichspolitik. Aber ebenso unrichtig wäre es, die Funktion der die Geschichte tragenden und mitschaffenden großen Persönlichkeit nicht voll zu würdigen. Die historische Begegnung Balfours mit Weizmann im Jahre 1905 hat Folgen gehabt, von denen damals keiner der beiden Männer etwas ahnen konnte. Damals erkannte Balfour, daß dieser sonderbare Schwärmer, der mit dem Stolz des geistigen Menschen und eines Jahrtausende alten Erbes vor ihm stand und im Namen eines kommenden Jahrhunderts zu ihm sprach, eine Macht repräsentiert, die anderer Art ist als das, womit englische Politiker sonst zu tun haben. Seit dieser Stunde verstand Balfour die zionistisehe Idee. Und er hat später in vielen öffentlichen Reden bewiesen, daß er diese Lehre nicht vergessen hat. Immer wieder hat er darauf hingewiesen, daß die Judenfrage ein Weltproblem ist, daß die Stellung dzr Juden in der Welt einzig und unvergleichbar ist und daß der Zionismus die einzige Lösung ist, die es gibt. Balfour wußte, daß er durch seine Erklärung das Jüdische Nationalheim nicht geschaffen, sondern nur das Tor geöffnet hat, durch das die jüdischen Kräfte einströmen konnten, deren Aufgabe es war, aus dem bloßen Gedanken eine Realität zu machen. Balfour selbst kannte die Schwierigkeiten, denen diese Arbeit begegnen muß, und er hat sie bereits am 12. Juli 1920 in seiner großen Rede in der Albert Hall in London vorsichtig, aber deutlieh zusammenfassend formuliert. Er wußte, daß eine Zeit schweren Ringens beginnt, daß die von ihm geförderte Sache noch vieler Hilfe bedarf. Und er hat schützend seine Hand über das junge Unternehmen gehalten. An allen kritischen Wendepunkten der zionistischen Politik der letzten zehn Jahre tritt er hervor. Balfour war es, der als Vertreter Großbritanniens im Völkerbund den ersten britischen Entwurf des Palästinamandates im Dezember 1920 in Genf vorlegte. Er hat dann im Oberhaus am 21. Juni 1922, als vor der Bestätigung des Mandates die große Attacke der Lords gegen den Zionismus erfolgte, seine große Verteidigungsrede gehalten, und konnte kurz darauf der Sitzung des Völkerbundsrates beiwohnen, in welcher sein Werk gekrönt, das Mandat be- . . We are embarked on a great adventure, and I say “we" advisedly, and by “we” I mean on the one side the Jewish people, and l mean, on the other side, 012 Mandatory Power of Palestine. We are Partners in thij great enterprise. If we fall you, you cannot succeed. If you fall us, you cannot succeed. But I’feel assurel that we shall not fall you and that you will not fall us; and if I am right, an I am sure 1 am, in this prophecy of hope and confidence, then rurely we may 100k forwnrd with a happy gaze to a future in which Palestine will indeed, and in the füllest measure and degree of success, be made a home for the Jewish people.” (Wir haben uns in ein großes Abenteuer eingelassen; ich sage absichtlich ״wir“, und mit diesem ״wir“ meine ich einerseits das jüdische Volk und andererseits die Mandatarmacht über Palästina. Wir sind Partner bei diesem großen Unternehmen. Wenn wir Sie im Stich ias'.en, bleiben Sie erfolglos. Wenn Sie uns im Stich lassen, bleiben wir erfolglos. Aber ich bin ganz sicher, daß wir nicht Sie und daß Sie nicht uns im Stich lassen werden; und wenn ich mit dieser hoffnungs- und vertrauensvollen Prophezeiung recht habe — und ich bin überzeugt, daß ich es habe —, dann können wir freudig einer Zukunft entgegenblicken, in der Palästina wirklich und im vollsten Maße und Grade des Erfolges zu einer Heimstätte für das jüdische Volk gemacht werden wird.) Balfour am 12. Juli 1920. mit der zionistischen Sache in Erscheinung bei der denkwürdigen Feier der Eröffnung der Hebräischen Universität Jerusalem am 1. April 1925, vor nun fast genau fünf Jahren, als er in Gegenwart der Vertreter fast aller Nationen und zahlreicher Universitäten die Einweihungsredc hielt, in welcher er dem jüdischen Genius huldigte. Und erst in jüngster Zeit ist er wieder öffentlich hervorgetreten, indem er nochmals Zeugnis ablegte für die Politik, für die er die Verantwortung trägt, und trotz allen Schwierigkeiten unbedingtes Festhalten an dem Kurs der Baifour-Deklaration forderte. Es war das letzte Dokument, das seine Unterschrift trug. Der große Freund und Helfer des jüdischen Volkes ist in patriarchalischem Alter dahingegangen. Sein Name wird fortlcben. Nicht nur in seinem eigenen Volke, auch im jüdischen Volk. Die Juden sind ein der Ort und nicht die Stunde, die vielbesprochene Frage zu erörtern, was mit der Baifour-Deklaration ursprünglieh gemeint war, welche Deutungen möglich sind, welche Formen das begonnene Werk annehmen wird. Wie immer die Entwicklung sich gestalten möge, was immer das jüdische Volk aus der ihm durch die Baifour-Deklaration gebotenen Möglichkeit zu machen verstehen wird, eines ist sicher: die jüdische Geschichte hat in diesen Jahren eine entscheidende Wendung erfahren, und diese Wendüng ist mit dem Namen Balfours verknüpft. Der Prozeß der jüdischen Wiedergeburt, der schon lange vor Balfours Eingreifen begonnen hat, dem aber der große Staatsmann und Erkenner weltpolitischer Zusammenhänge durch seine Tat dienen wollte, dieser Prozeß, der heute in der oft unscheinbaren Tagesarbeit jüdischer Bauern in den Ebenen Judäas und Galiläas sich unterirdisch fortsetzt und vielleicht erst nach Generationen zur vollen Reife kommen wird, dieser Prozeß kann nicht mehr zum Stillstand kommen. Die Einzelmenschen, die mit^ehDl|f| verzehren: die Sache geht weiter. Balfour ist Werk wird leben. Zum 80. Geburtstag Balfours schrieb Nahum Sok 0• low am 24. Juli 1928 in der ״Jüd. Rundschau“ u. a.: ״... Ein Mann, der kraft seines verdienstvollen Wirkens als genialer Staatsmann zur ruhmreichen Geschichte seines Volkes, ja zur Geschichte seiner Zeit gehört, der vor einem halben Jahrhundert dem Berliner Kongreß mit DisraeH und Lord Salisbury als Sekretär beigewohnt, der den Triumpheinzug bei der Rückkehr Disraelis nach London erlebt, der dann, noch jung an Jahren, aber mit großen Geistesgaben ausgestattet, dem greisen Lord Beaconsfieid nahestand, als dieser mit prophetischem Blick in die ferne Zukunft schauend, mit fruchtbaren Händen ahnungsvoll den Samen einer großen Orientpolitik des britischen Weltreiches am Suez und in Cypern gestreut. Balfour! Dieses eine Wort spricht Bände englischer und allgemeiner Geschichte; die ganze englische und europäische Politik, Dreibund, ״splendid isolation", Toryismus, Unionismus, Entente — bis zum Weltkrieg, und über dieses hinaus zur Neugestaltung der politischen Welt — all die großen Ereignisse und Entwicklungen sind mehr oder weniger unzertrennlich mit dem Namen ^Balfour verbunden, der aie mannigfaltigsten Staatsämter verwaltet und die allergrößten Würden bekleidet hat. Aber viel, viel tiefer noch als in den Tafeln der Geschichte seines vaterländischen Weltreichs, hat Balfour für ewige Zeiten seinen Namen irt die Tafeln unserer Geschichte, der Geschichte des Zionismus, der Geschichte des jüdischen Volkes eingeprägt. Er hat uns als erster nach dem zweitausendjährigen Unrecht die Versöhnungshand hingestreckt, als erster uns, nicht in einer Anwandlung von Toleranz, sondern mit einem tiefen Verständnis für die geistigen, souveränen Rechte der jüdischen Nation, wie ein liebender Gönner und Beschützer zu gemeinsamer Arbeit im Dienste der Menschheit aufgefordert. Eine ungeheure Genugtuung lohte im jüdischen Volke auf, daß ihm endlich Recht wurde. Das war nicht eine Aufwallung des Augenb’icks oder eine Täuschung der Phantasie; nein, diese Begeisterung für Balfour, für die Anerkennung unseres Rechts, für unser Heim, das er als Programmpunkt des Weltfriedens be/eichnete, für unser Jerusalem, für unsere Universität, die er eröffnete, diese Begeisterung wächst, sie ist eine große politische Kraft, sie ist eine große mora'ische Kraft Hieraus ist der wunderbare Baifour-Nimbus für alle Ewigkeit entstanden.“ Trauersitzung des A.-C. Wie uns aus London telegraphiert wird, hat das Zionistische Aktions - Comite sofort nach Bekanntwerden der Nachricht von Balfours Tod Mittwoch Vormittag( eine Trauer Sitzung abgehalten. Der Vorsitzende des A.-C. Mozkin sowie Dr. Weizmann hielten Gedenkreden, in denen sie Balfours Bedeutung für den Zionismus würdigten. Sodann wurde die Sitzung zum Zeichen der Trauer geschlossen. stätigt wurde. Am augenfälligsten trat seine Verbindung | Volk, das Dankbarkeit zu halten weiß. Es ist hier nicht

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