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Jüdische Rundschau · 1930-03-18 · Heft 22 (18.3.1930) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 22 (18.3.1930)
Date
1930-03-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Btnxelmmrmcr 0SL5 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldtnark. Ausi*ndsabonoem«nu1 werden io dar Währung der •iazetnen Linder berechnet. Anreieenprisi*: 8 Keep. NonpareiDezelle 0.50 G-M Stellezureeache 0,25 G.*M. Redaktion Verlag und Anzeigen ־Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m-b.H., BerlinW15, Meinekestr.10 Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. Nummer 22 I Berlin, 18. IjH. 1930 Aanas^ucUaS: Dien •tag and Fr•!!«( nicbral tt•!• 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Pamtbitk Keim: Berlin 17392, B*aai V 9335, Balgmd 68032 Brflaml 39433, Budupwi 596% Dwutg 1973. Hut 140470, ft» 59410, StrMrimrt 164 30, Wanciuo 190 708, Win 156030. n.nt.Kemtn: D*nr1s1Sdt,r «ad N«d0B*lb«Bk, Deport tra Km, Bulin, KurMntendenun 52: Bence d« Egt, Ceraauti (Rumlnim): Angl» Meeting Co. in Haifa, Taniaalein. Tel.Aviv. י״ח אדר* תי־״צ | xxxv. Jahrg. per Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm. In aller Kürze Wie uns aus London telegraphiert wird, hat die A.-C.- Sitzung am 16. d. M. unter dem Vorsitz von Leo Motzkin begonnen. Die Sitzung ist geschlossen und Pressevertreter sind nicht zugelassen. Herr Felix M. Warburg, Dr. Cyrus Adler, Alexander Kahn, James Becker, Julius Simon, Joseph Hymao haben an Bord der ״Bremen“ die Reise nach London angetreten, wo sie an der am 23. März beginnenden Tagung des Administrative Committee teilnehmen werden. Louis L i p s k y hat an Bord der ״Majestic“ die Reise nach London angetreten. Die palästinensisch-arabische Delegation, die vom Präsidenten der Arabischen Exekutive, dem Großmufti und dem Bürgermeister von Jerusalem geführt wird, hat a m 10. März die Reise nach London angetreten, nachdem sie von dem in London weilenden Dschemal Husseini die dringende Aufforderung erhalten hat, sofort abzureisen, weil die Veröffentlichung des Berichtes der Untersuchungskommission unmittelbar bevorsteht. \ Der Präsident der Arabischen Exekutive, Mouza Kasim Pascha, veröffentlicht in der arabischen Presse einen Appell, sich der Bildung neuer Parteien bis zur Rückkehr der Delegation aus London zu enthalten und nationale Einsicht und Disziplin zu bewahren. Scheich Mouzafar aus Jaffa, der erst kürzlich aus dem Akko-Gefängnis entlassen wurde, begab sich nach Amman, um dem Emir Abdullah für seine Intervention zum Zwecke seiner Freilassung den Dank auszusprechen. Emir Abdullah versprach Mouzafar, sich für Amnestierung aller im Zusammenhang mit den Unruhen zum Tode verurteilten Araber einzusetzen. Auf eine Anfrage des jüdischen konservativen Abgeordneten A. M. Samuel antwortete im englischen Unterhaus Außenminister Henderson, die Regierung könne nichts tun, um die jüdische Religion in Rußland zu schützen. So sehr der Minister mit der Sache der religiösen Freiheit sympathisiere, glaube er doch nicht, daß irgendeine Handlung der englischen Regierung im Rahmen ihrer Befugnisse geeignet wäre, das erwünschte Ziel zu erreichen. Im Londoner Rundfunk hielt kürzlich Sir Herbert Samuel einen Vortrag über Palästina für Schulkinder. Was steht im Shaw-Bericht? Vor derVerölfentlichung der Untersuchungs-Kommission ״Times“ teilt mit, daß, wie verlaufet, die Mitglieder der parlamentarischen Palästina-Kommission unter dem Vorsitz von Sir W a i t e r S h a w in einer am 12. März abgehaltenen Sitzung den Bericht über ihre Wahrnehmungen in Palästina unterzeichnet haben. Entgegen den Gerüchten, daß einem von dem Vorsitzenden Sir Walter Shaw, dem Konservativen Sir Henri Betterton und dem liberalen Hopkin Morris unterzeichneten Mehrheitsbericht ein vom Arbeiterparteiler Snell unterzeichneter Minderheftsbericht gegenübersteht, glaubt ״Times“, daß der Bericht einmütig von allen Kommissionsmitgliedern unterzeichnet ist, und daß Herr Snell nur gewisse Vorbehalte gemacht hat. Der Bericht werde, schreibt die Zeitung, ohne Verzögerung dem Kolonienminister Lord Passfield unterbreitet werden. Der politische Korrespondent des ״Daily C h r o n i c I e“ teilt mit, daß der von allen Kommissionsmltgliedem unterzeichnete Bericht mit den von Herrn Snell gemachten Vorbehalten bereits der Regierung unterbreitet worden ist. Der Korrespondent glaubt, daß In dem Bericht sehr entschiedene Ansichten zum Ausdruck gebracht worden sind. Im Gegensatz zur ״Morning Post“ und ״Daily News“, die glauben, daß die Feststellungen in dem Bericht den Arabern günstig seien (״Moming Post“ teilte sogar mit, daß die Kommission eine Neuinterpretation der Balfour-Dcklaration emp- Hehlt), erfährt ״Daily Telegraph“, daß der Bericht keine Feststellungen zugunsten der einen oder der anderen Partei enthält und auch keine Anregung Über die Bildung einer gesetzgebenden Körperschaft gibt. Wohl sei diese Frage von der Kommission in Erwägung gezogen, dann aber fallen gelassen worden. Hinge׳*en werden allgemeine Vorschläge über Aenöerung des Verwaltungsapparates und Personenwechsel in verschiedenen Verwaltungsposten gemacht. Eine Revi ion des Mandates wird nicht einmal angedeutet. Ein großer Teil des Berichtes soll sich mit der Bodenfrage befassen. Wie die J. T. A. erfährt, rechnet man in eingeweihten Kreisen mit einer wgiteren Verzögerung der veröffentlichung des Berichtes, den die Regierung noch nicht entgegengenommen hat, weil sie sich veranlaßt gesehen hat, der Kommission gewisse Aenderungen vorzuschlagen. Es handelt sich hierbei um Eliminierung jener Vorschläge und Empfehlungen, die die Hauptrichtlinien der englischen Politik in Palästina berühren und die außerhalb der Befugnisse der L'ntersuchungskommission liegen. Der ״Jewish Chronicle“ vom 14. März bringt eine Reihe von Einzelheiten, die er über den Shaw-Bericht erfahren haben will. Die Hauptschwierigkeit, so betont das Blatt, bildet die Bodentrage• Wie wir erfahren, ist die Majorität der Kommission der Meinung, daß gewisse Bestimmungen für die Araber getroffen werden müßten im Zusammenhang mit Uebertragung von Böden. Die Araber seien der Meinung, daß die Gefahr bestehe, daß die Zionisten zuviel Boden kaufen und aut diese Weise das ganze Land unter ihre Kontrolle bringen, und sie verlangen dagegen gewisse Sicherungen. ״Jewish Chronicle“ erfährt weiter, daß die Schuldandenletzten Unruhen ln dem Bericht auf Juden und Araber verteilt wird, obwohl in unzweideutiger und sehr nachdrücklicher Welse d i e arabischen Grausamkeiten verurteilt werden. Es wird aber ein Tadel gegen die jüdische Jugend ausgesprochen, welche, so heißt es in dem Bericht, aie Unruhen provoziert hat, die dann zu dem bedauerlichen Massaker führten. Rundschau Die einheitliche Judentrage - Das südafrikanische Einwanderungsgesetz - Weizmanns vier Reden - Rüdetritt von Magnes? — Der Fall Hinkis - Zweierlei Recht RW, Berlin, 17. März. Wer glaubte, daß Antisemitismus und Judenfrage nur Spezialerscheinungen besonders reaktionärer Länder sind und bei fortschreitender Zivilisation verschwinden, ist seit dem Weltkrieg und in den ihm folgenden Jahren gründlich eines Besseren belehrt worden. Die Judenfrage ist, bei der heutigen Lage des jüdischen Volkes, überall vorhanden, wo Juden leben; ja sogar dort, wo sie noch nicht in größerer Masse leben, aber zu kommen ״drohen“. Große jüdische Massen sind heute, in einer Periode gewaltigster soziologischer Umbildungen und ökonomischer Umwälzungen, in einer völlig ausweglosen Lage, und sie haben kein Ziel für etwaige Auswanderung, die die letzte Rettung bilden könnte. Die Judenfrage ist zu einer Weltfrage geworden wie nie zuvor. Und alle Nationen, auch die zivilisiertesten, reagieren darauf in der gleichen brutal-egoistischen, von Rassenvorurteilen inspirierten Art. Wenn es für die zionistische These von der Einheitlichkeit der Judenfrage noch eines Beweises bedurft hätte, so würden die Vorgänge in Südafrika einen geradezu klassisehen Beweis liefern. Die ״Times“ berichtet bezeichnenderweise über die Annahme des neuen Einwande- ״Seit vielen Jahren hat es keine so populäre Maßnahme im Lande gegeben, und die Regierung findet große Anerkennung für die ‘ Entschlossenheit, mit der sie das Gesetz im Parlament durchgepeitscht hat. Die laue Haltung der Südafrikanischen Partei seit der Rückkehr des Generals Smuts war für ihre Anhänger eine schwere Enttäuschung und hat das Ansehen des Generals sehr geschwächt.“ Der einzige Mann also, der gewagt hat, gegen die antijüdische Vorlage aufzutreten, hat dadurch sein Ansehen im Volk untergraben. Wir sind heute in der Lage, unseren Lesern einen sehr interessanten ausführlichen Bericht über die Entstehung des südafrikanischen Ein- Wanderungsgesetzes zu vermitteln. Es ist eine Angelegenheit, deren Bedeutung weit über die Grenzen des Einzelfalles hinausreicht, weil sie auch denen, die gern den Kopf in den Sand stecken, erbarmungslos zeigt, wie die Lage der Juden ist. Die vier großen Reden, die Dr. Wcizmann seit den August-Unruhen gehalten hat, sind jetzt in deutscher Sprache gesammelt von der Jewish Agency herausgegeben worden. Die Broschüre enthält als erste die Rede bei der Protestkundgebung in London am 1. September, die durchzittert ist von der noch frischen Erregung über die furchtbaren Nachrichten, und als letzte die unseren Lesern bekannte Rede auf dem Jenaer Delegiertentag, ferner eine Ansprache im Londoner Anglo-Palestinian-CIub vom 19. Dezember 1929, und schließlich einen Vortrag, den Weizmann am 12. November in der Central Aslan Society in London gehalten hat. Für den zionistischen Leser ist diese zuletzt erwähnte Rede wohl die interessanteste, weil sie bisher in deutscher Sprache nicht veröffentlicht wurde. Sie enthält in besonders eindringlicher Form, mit dem Dr. Weizmann eigenen suggestiven Elan vorgetragen, eine Darlegung der zionistischen Idee sowie der jüdischen Ansprüche und der jüdischen Leistungen auf Palästina. Oie stolzen und entschiedenen Worte Dr. Weizmanns, aus denen die Stimme einer mehrtausend'ährigen Geschichte und die Kraft eines unverbrüchlichen Glaubens tönt, haben auf die diesmal rein englische Zuhörerschaft ihren Eindruck nicht verfehlt. Bezüglich der politisehen Ziele der Juden in Palästina, sagt Dr. Weizmann folgendes: ״Die Juden wollen eine Heimstätte in Palästina. W i r sinddavonüberzeugt, — und das glaube ich beweisen zu können —daß in Palästina fürj uden und Araber Platz zum Zusammenleben vorhanden ist. Ob es im Lande einst eine halbe, dreivierte! oder eine ganze Million Juden geben wird, weiß ich nicht. Das hängt von der Möglichkeit ab, dort ein neuzeitliches Wirtschaftsleben zu entwickeln. Gegenwärtig erfolgt die Einwanderung nach Palästina auf Grund von Regeln, die ich für vernünftig halte, die von der Mandatarmacht aufgestellt und von uns aufrichtig, ehrlich und restlos akzeptiert worden sind. Wir bringen nicht mehr Menschen ins Land, als dieses absorbieren kann. Kommt es dennoch einmal vor, daß mehr Menschen einwandern, so stockt die Einwanderung, bis der Prozeß der Absorption erfolgt ist und Einwanderungsmöglichkeiten für neue Menschen vorhanden sind.“ In dem englischen Sonderdruck, der diese Rede enthält, wird auch die kurze anschließende Debatte wiedergegeben. Daraus geht hervor, daß die anwesenden Engländer, vor allem der Vorsitzende Sir Edgar Bonham-Carter, die Darlegung des Zionismus mit ungewöhnlichem Interesse und tiefem Respekt aufnahmen. Der einzige Punkt, wo weitere Aufklärungen verlangt wurden, war das arabische P roblem, auf welches Dr. Weizmann in seinem Schlußwort nochmals einging, in besonders gelungenen Ausführungen, die leider in der deutschen Broschüre, die nur den Vortrag, nicht die Debatte bringt, nicht mehr enthalten sind. Dr. Weizmann sagte dort: ״.... Es ist eine unserer primärsten Ueberlegungen, den Arabern völlig klar zu machen, daß wir sie nicht beherrschen wollen und' daß wir sie nicht aus ihrem Lande vertreiben wollen. Wiranerkennen.daßesebensoihrLand ist, wie es unser Land ist oder sein wird, und daß wir m i t i h n e n in Palästina leben können. .... Aber es muß klar sein, daß, nachdem wir nach Palästina gekommen sind, wir dort sind kraft Rechtens und nicht aus Duldung, und wir sied dort, um friedlich iu leben, wir *fad zusam meng ekomiMn, nm rin gemeinsames Vaterland aufztibauen.“ (m dieser Steife verzeichnet der Bericht Applaus, und in seinem Schlußwort sagte der Vorsitzende: ״Dr. Weizmann hat uns versichert, daß die zionistische Bewegung in ihrer heutigen Führung anerkennt, daß ein Ausgleich notwendig ist, und wenn dem so ist, dann sehe ich für meine' Person nicht ein, warum die zionistische Politik nicht durchgeführt werden sollte, zweifellos zeitweise mit Sch wierigkeiten, aber doch schließlich mit Erfolg und ohne Unrecht gegen die arabische Bevölkerung.“) Es ist in diesem Zusammenhang auch erwähnenswert, daß die englische kolonialpolitische Wochenschrift ״The Near East and India“ in einer Polemik gegen einen von ihr als ״unfair“ bezeichneten Angriff des zionistischen Zentralorgans ״The New Judaea“, folgendes schreibt: ״Es gibt einen Zionismus, von dem die Araber nicht nur Vorteil haben können, sondern bei dem sie auch überzeugt werden können, daß er ihnen Vorteil bringt. Wir erinnern uns z. B. an eine Rede, welche der Führer der Jewish Agency, Dr. Weizmann, kürzlich vor der Central AsianSociety gehalten hat. Es war die übereinstimmende Mein u n g aller derer, die diese Rede gehört haben, daß wenn die Rede jemals seit dem Krieg in Palästina gehalten worden wäre, wahrscheinlich kein Blutvergießen in Palästina gekommen wäre. Unglücklicherweise aber sind andere Darstel- Iungeri der zionistischen Sache gegeben worden, und natürlich haben sich die Araber auf diese gestürzt. Für die, welche gewissermaßen außerhalb des Schlachtfeldes stehen, ist diese Tatsache so klar wie der Tag.“ Wir erwähnen diese Aeußerungen — mit deren Inhalt wir nicht vorbehaltlos übereinstimmen — nur, weil sie vielleicht Anhaltspunkte bieten für die zionistische Politik. Im übrigen begrüßen wir, wie gesagt, das Erscheinen der Weiztnann-Broschüre, die auch im deutschsprachigen Gebiet ihre Wirkung tun wird. Man kann über die Anschauungen von Dr. J. L Magnes — die jetzt auch die deutschsprechenden Juden aus der deutschen Ausgabe der Broschüre ״Wie alle Völker?“ direkt kennen lernen können — verschiedener Meinung sein, man kann sie für richtig oder falsch, für nützlich oder schädlich halten (und die große Mehrheit der Zionisten lehnt diese Anschauungen, wie sich gezeigt hat, ab); es sind gewiß tiefgehende Probleme, einer ernsten Diskussion wert, die wohl auch weiter wird geführt werden müssen. Aber auch die Gegner von Magnes werden wohl in ihrer großen Mehrheit die Formen verurteilen, zu denen der Kampf gegen ihn jetzt hinabgesunken ist. Man fragt sich immer verwunderer, wo wir eigentlich stehen. Ist wirklich der Geisteszustand des heutigen Zionismus ein solcher wie im Deutschland der Kriegsjahre? Haben wir alle schon vergessen, was wir damals empfanden? Soll auch bei uns Unduldsamkeit, Terror gegen jede abweichende Meinung, ״patriotische“ Pöbelei einreißen? Wollen wir zulassen, daß unreife Studenten, verhetzt von den tagliehen Demagogien einer nationalistischen Presse, in Jerusalem die Methoden einführen, die wir in anderen

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