Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1930)
- Date
- 1930-03-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bintelmmtmcr OM QoMmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,-* * Goldmerk, vierteljlhrlich 5.75 Goldmark. A11»l»״<lMhonn«nrat« «erden m dar Wihrmt im einxelw• Linder berechnet. Anraieenpi’•*”: K *mp NeM5p»f*1tl«**fl« 0*50 G.-M, Stel1w1*«Mn1ch* 0.2S G.-M. Redaktion Verlag und Anzeigen - Verwaltung! Jüdische Rundschau G. m. b. FL, BerlinW15, Meinekeetr.lO Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. Brtael 39413, Bud.pe« 596 9i Om>h* 1973, H*a* 140 470, Prag 594 M, Straaabws 164 30. Wanehaa 190 706, Wien 156 030. Bml-Kenita: Damwridrar und Nationelbank, Daparttan K>»e Berlin, KttrK1r.lend.mm 52ג Bane, da tm, CerrMMi (Rmninian); Anale Palaeda* Co» in Haff*. lei Aviv Nummer 21 | Berlin, 14. III. 1930 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ד אדר׳ תר״צ | xxxv. 4abrg. per Zionismus erstrebt iQr da« jüdische Volk tu« Schaffung einer Öffentlich« rechtHchB^^ ln ******!?י*-•—»g*»aler Programm.״ Entscheidende Tage Die Londoner Sitzungen — Verstärkte Aufbau •Arbeit der Agency erfordcrlidt — Rückblick auf die Untersuchung — Politische Perspektiven Berlin, 12. März 1930. Das Jahr 1930 ist für den Zionismus ein Jubiläumsjahr, in welchem sich die Gedenktage häufen. Zehn Jahre seit den ersten blutigen Unruhen in Jerusalem, zehn Jahre seit San Remo, zehn Jahre seit Einführung der Zivilverwaltung unter Herbert Samuel, zehn Jahre seit der folgenschweren Jahreskonferenz in London, zehn Jahre seit Gründung des Keren Hajessod, zehn Jahre seit der Brandeis-Krise usw. Man könnte noch so manches anführen; so z. B. Jihrt sich gerade in diesen Tagen zum zehntenmal der Tag der Prager Konferenz Hapoel-Hazair-Zeire Zion, die mit dem Kapp- Putsch in Deutschland zeitlich zusammenfiel, ein Ereignis, das als das erste Zusammentreffen westjüdischer und ostjüdischer zionistischer Jugend mit Abgesandten der palästinensischen Arbeiterschaft und als Ausgangspunkt der dritten Alijah von erheblicher Be* deutung war. Wir haben also genug äußere Anlässe, aber auch genügend innere Veranlassung, einen Rückblick auf die letzten zehn Jahre zionistischer Geschichte zu werfen. In diesem Sinne ist die Konferenz des Ak* tions-Comitös und des Administrative Committee 'der Agency, die in einigen Tagen in London zusammentritt, eine Art Jubiläums-Konferenz, und vor den schweren Entscheidungen, in der diese Sitzung stehen wird, kann ein ..wenig besinnliche Rückschau nicht schaden. Da ist zunächst der Vergleich des Jüdischen Nationalheims vor zehn Jahren und heute. Der Fortschritt ist unverkennbar. Wenn wir auch weit entfernt sind von Selbstzufriedenheit, wenn wir auch alle Mängel kennen, so wagen wir doch, in einer solchen Stunde der Rückschau, auszusprechen, daß das in Palästina Geschaffene eine große Leistung des jüdischen Volkes ist Es hat sich der Uebergang von bloßer Träumerei zir der mühevollen (und enttäuschungsreichen) Arbeit am Werk vollzogen. Worin diese Leistung im einzelnen besteht, braucht hier nicht aufgezählt zu werden. Bei der Gründungsversammlung der Agency in Zürich hat Ussischkin mit wenigen Worten gesagt, welches große Erbe die neue Organisation übernimmt. Aber was getan wurde, war noch lange nicht genug. Und daher gehen in diesen zehn Jahren, parallel mit der praktischen Aufbauarbeit in Dorf und Stadt Palästinas, die Bemühungen, eine Konzentration der Kräfte des Volkes zustande zu bringen. Die ersten Versuche waren die Projekte der Londoner Konferenz von 1920, die den Keren Hajessod mit 25 Millionen Pfund begründen wollte. Damals stand noch alles unter der Nachwirkung des Krieges, es herrschten romantische und chaotische Vor- Stellungen. Inzwischen haben sich die praktischen Erfahrungen eingestellt, und diese sind ein wertvolles Gut, um das wir heute reicher sind als vor zehn Jahren. Die erste schöpferisch wertvolle Periode vorwärts stürmender Kolonisation, die mehr von dem großen Impetus des Aufbauwillens als von kalten Berechnungen bestimmt war, wurde abgelöst durch die Einsicht, daß das so Begonnene gefestigt und gesichert werden muß. Dieser Prozeß einer wirtschaftlichen Konsolidierung ist noch keineswegs abgeschlossen. Aber heute, wo man begreift, daß schnelles Vorwärtskommen wichtigstes Erfordernis ist, ist es wohl allen klar, daß Wirtschaftliehe Gesundheit und Primat der Kolonisation vor allen anderen Zwecken die Hauptbedingung des Aufbaues ist, denn sonst kommen wir in ein System hinein, das mehr Geld verschlingt als wir auch im günstigsten Fall aufbringen können, und wir riskieren, daß durch diese Diskrepanz immer wieder ein unfreiwilliger Stillstand des ganzen Werkes erzwungen wird. In Zürich ist endlich die Vereinigung zustande gekommen, die größere Möglichkeiten eröffnen soll als sie die Zionistische Organisation allein hatte. Die Durchführung der Pläne, die in Zürich entworfen wurden, kann aus den bekannten Gründen erst mit der Londoner Sitzung einsetzen. Die Sicherung des in Zürich beschlossenen Budgets, das leider in diesem ersten Jahr der Agency bisher gewaltig unterschritten wurde, muß eine der Hauptsorgen der Londoner Zusammenkunft sein. Wir verschließen nicht die Augen davor, daß die Aufbringung sich schwieriger gestaltet als man vorher sehen konnte. Denn — hier ist eine Analogie zu dem Zustand von vor zehn Jahren — die wirtschaftliche Lage des jüdischen Volkes hat sich sehr verschlechtert und auch der radikalste Zionist, der den Primat Palästinas bedingungslos anerkennt, kann heute nicht leugnen, daß auch die Hilfsarbeit erhebliche Summen erfordert Die polnischen Zionisten werden die letzten sein, dies nicht zuzugeben. Auf der anderen Seite schafft der Wirtschaftliehe Umschwung in Amerika und die Wirtschaftskrise in Europa gewisse Schwierigkeiten der Aufbringung. Um so größer muß die Anstrengung sein, die von der Jewish Agency gemacht wird, um die Lebensnotwendig- Das Todesurteil gegen Hinkis aufgehoben In fünfzehnjährige Gefängnisstrafe wngewandelt Jerusalem, 11. März. (J.T.A.) Das Jerusalemer Appellationsgericht hat am Dienstag, dem 11. Mlrz, das Urteil in dem Revisionsprozeß Hinkis verkündet. — Das Appellatkmsgerleht hob das vom Jaffaer Distriktsgericht ge״en den Tel- Awiwer jüdischen Polizisten Simcha Hinkis gefällte Todesurteil auf und verurteilte Hinkis zu 15 J%hren Geflngnis. Das Jaffa« Gericht hatte auf Grund von Austen arablscher Zeugen uni von SädhyefltVildigen-Gutactr'eh anienommen, daß Hinkis während der Unruhen Im August 1929 in das Haus einer arabischen Familie zwischen Jaffa und Tel-Awiw eingedrungen war und fünf Glieder der Familie niederschoß. Das Appellationsgericht hat sich der Annahme einer vorsätzliehen Mordhandlung nicht angeschlossen, glaubte aber, daß die Beweise für die Täterschaft Hinkis’ hinreichend seien, um Ihn zu einer Gefängnisstrafe zu verurteilen. keiten des Palästina-Aufbaues zu sichern. Die Londoner Sitzung muß ein Programm positiver Arbeit aufstellen, vor allem für die Boden- und Kolonisations- Politik auf lange Sicht und Bereitsteilung der erforderlichen Mittel. Vor dieser überwältigenden Aufgabe, deren sich die Teilnehmer der Sitzung sicherlich bewußt sind, werden hoffentlich die Probleme organisatorischer Natur zu der relativen Bedeutungslosigkeit herabsinken, die ihnen zukommt Es wäre seltsam, wenn in einem solchen Moment die zutage getretenen organisatorischen Schwierigkeiten des Funktionierens der Agency nicht Im ersten Anstoß der praktischen Zusammenarbeit dahinschmelzen sollten. Die bestehenden Mißverständnisse müssen beseitigt und die verschiedenen Auffassungen in Einklang gebracht werden, damit wir in Zukunft den ״Kampf gegen die Geographie“ mit mehr gegenseitigem Verständnis und mit mehr Erfolg führen können. Reibungsloses Arbeiten des Apparates ist natürlieh eine unerläßliche Voraussetzung jeder Tätigkeit; das bedarf keiner weiteren Darlegung, und die ve«antwörtlichen Mitglieder unserer obersten Instanzen werden zweifellos sich bewußt sein, daß wir es uns nicht leisten können, viel Zeit und Kraft bei diesen Dingen zu ver- Heren. * Diese Sitzung wird den Kurs der Politik und der Praxis der Jewish Agency für die nächste Zeit zu bestimmen haben. Wir stehen jetzt mehr als ein halbes Jahr nach den Unruhen in Palästina, die die ganze zionistische Welt zutiefst aufgewühlt haben. Es ist heute vielleicht schon etwas leichter als unmittelbar nach den Ereignissen, als Schmerz und Erregung noch zu frisch waren, sich ein Bild von den Geschehnissen und ifyren Folgen zu machen und die Wege der zionistischen Politik in diesem halben Jahre zu überprüfen. Wir wissen nicht, ob der Bericht der Untersuchungskommission zur Zeit der Londoner Sitzung schon veröffentlicht sein wird. Aber da er, letzten Meldungen zufolge, bereits unterzeichnet ist, können wir die Schweige- Disziplin, die wir uns, solange die Sache in Schwebe war, freiwillig auferlegt haben, lockern. Dieser Bericht, wie man ihn auch beurteilen mag, wird etwas wie ein roter Faden sein, an dem entlang man die Ereignisse zurückverfolgen kann. Und wenn auch die jüdische öffentliche Meinung in vielen Punkten der Beurteilung der Kommission nicht zu stimmen wird, so ist es doch außerordentlich lehrreich, zu erfahren, wie Menschen von der Art der britischen Kommissionsmitglieder die Geschehnisse in Palästina ansehen. Die־es Verhalten außenstehender Menschen zu unserer Sache ist ein Faktum, mit dem jede zionistische Pqlitik rechnen muß. Und gerade das letzte halbe Jahr hat uns gezeigt, wie nachteilig es ist, wenn wir die Psychologie der Menschen, mit denen wir beim Aufbau des Nationalheims zu tun haben, aber auch derer, die die öffentliche Meinung der Welt repräsentieren, verkennen, und von der Annahme ausgehen, daß jeder Betrachter die Palästinaprobleme in der Beleuchtung sehen muß, die ein Zionist für selbstverständlieh hält. Es wäre zwecklos, unmittelbar vor dem Erscheinen .des Berichtes seinen Inhalt oder seine Tendenz Voraussagen zu wollen. Aber die Verhandlungen vor der Kommission haben zur Genüge dargetan, auf welche Grundprobleme es ankommt Es hat sich gezeigt, daß die von zionistischer Seite nach den Unruhen ein-} geschlagene Politik, deren Taktik es war, die Augustereignisse isoliert zu behandeln, für die Juden Saiisfaktion zu fordern und zugleich die größeren Zusammenhänge zu ignorieren, ja zji den Zentralproblemen der sfeh nicht durchgeset?t Mt Üfe 'JÜlfscli! Siche, 'tk es lodh SÄ iötlrlat^ den Grundfragen auszuweichen, hat dadurch von vonjherein ein starkes Handicap gehabt das sie nicht wieder einzuholen vermochte. Man muß sich die Sachlage nach den Unruhen ins Gedächtnis zurückrufen. Die Ereignisse haben die jüdische Welt überrascht und ein Proteststurm wandte sich zunächst gegen die Regierung. Mit Recht war man entsetzt, daß unter britischer Herrschaft so etwas möglich war. Die jüdische öffentliche Meinung klagte in steigendem Maße die Beamten an, ja ein Teil der laut gewordenen Stimmen innerhalb und außerhalb Palästinas erklärte England für unfähig, das Mandat weiter zu behalten. Unsere politische Führung forderte eine strenge Untersuchung der Vorfälle. Die Mandatarmacht sorgte zunächst für die schnelle militärische Unterdrückung des Aufstandes und setzte dann die von den Zionisten geforderte Untersuchungskommission ein. In schwerem Ringen wurden auch die weiteren zionistischen Forderungen durchgesetzt, vor allem das Prinzip der Oeffentlichkejt und des quasi prozessualen Kreuzverhörs. Die Jewish Agency hat keine Kosten gescheut und einen der ersten und vornehmsten Anwälte Englands nebst einem zweiten gleichfalls hoch angesehenen Hilfsanwalt für die Führung der jüdischen Sache engagiert Man kann also sagen, daß nichts versäumt wurde, um die Sache wirkungsvoll zu vertreten. Ueber den Kurs, der dabei einzuschlagen ist, war die ganze zionistische Oeffentlichkeit in Palästina und Galuth mit der Exekutive einig, bis auf wenige dissentierende Meinungen, zu denen wir uns selbst zu zählen haben. Wenn man die Aufgaben der Untersuchungskommission betrachtet, muß man sich stets vor Augen halten, daß die Ahndung der begangenen Untaten, Morde und sonstigen Verbrechen nicht in ihre Kompetenz fiel, vielmehr arbeiteten neben ihr die Strafgerichte. Die Kommission hatte also nicht die kriminellen Taten selbst, sondern ihre Hintergründe und Ursachen zu prüfen und Vorschläge für Verhinderung künftiger Wiederholungen zu machen. Damit aber war die Tätigkeit der Kommission eine politische und nicht mehr von den politischen Problemen zu trennen, trotz des Wortlautes der ihr mitgegebenen Richtlinien, die Fragen der ״höheren Politik“ ausschlossen. Der Vertreter der Juden hatte von seinem Auftraggeber drei Direktiven erhalten: Erstens sollte er die jüdische Anklage gegen Regierung und Polizei, vor allem gegen die verantwortlichen Beamten, vertreten, deren grobe Fahrlässigkeit und Unfähigkeit nachzuweisen war, während die Regierung selbst sich auf den Standpunkt stellte, daß sie — in Anbetracht der Umstände —- große Tüchtigkeit ,bei der Unterdrückung des Aufstandes bekündet habe. Zweitens hatte er nachzuweisen, daß ein geplanter und organisierter arabischer Ueberfall