Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 7 (24.1.1930)
- Date
- 1930-01-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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C&RM4 j(ו!: ,. Einzelmmmcr 025 GoJdmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag, Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Aus!3nds«bocm«mc»eB werdea in der Währua״ dar emrelaea Linder berechnet Anreigenprew: 8 ge*p. Nonpareillereile 0.50 G.-M. Stellenireeuche 0,2*5 G.-M. Wammer 7| Berlin, 24. 8.1930 Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., BerlinW15, Meinekestr. 10 Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. Aa*«i*ensch!aS: Dienstag und Freitag nachmittag■ 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postscheck - Koniin: Bstlia 173 92, Bssel V <»355, Belgrsd «80 32 Brüssel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag; 140 470, Prag $9410, Strass bürg 16430, Warschau 190 708, Wien 156 030. Bank. Konten: Darmstfidtar und Nationalbank, Depositen Kasse Berlin, Kurlürttendamm 52; Banca de Est, Cemaati (Ruminien); Anglo Faieetine Co. in Haifa, Tenm*!*m, lei Aviv. Oer Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ General Smufs in New York t ■ Ein Bankeü der Zionistischen Organisation New York, 20. Januar. (J. T. AJ Die Zionistische Organisation Amerikas veranstaltete für General Smuts am 17. Januar, dem Vorabend seiner Abreise aus den Vereinigten Staaten, ein Abschiedsbankett, auf dem Louis Lipsky, Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas und Mitglied der Zionistischen Exekutive, Dr. Stephen S. Wise, Morris Rothenberg, Frau Robert Szold und der Präsident des Administrative Committee der Jewish Agency Felix M. Warburg Ansprachen hielten. Felix M. Warburg fülirte aus: Ich wünsche, daß General Smuts die Empfindung mit sich nimmt, daß wir alles, was in unserer Kraft steht, tun wollen, um die Palästina-Sache zu fördern. Wir blicken nicht rückwärts, wir blicken vorwärts. Wir sind durch die schrecklichen Vorkommnisse, die sich in Palästina ereignet haben, nicht abgeschreckt worden. Wir haben unsere Arbeit fortgesetzt, zu der wir im August in Zürich die Grundlage gelegt naben. Heute gilt es, nicht zu weinen und zu klagen. Als der britische Premierminister Ramsay MacDonald hier geweilt hat, haben wir ihm unsere Anliegen vorgebracht, und er zeigte Sympathie und Verständnis für unsere Sache. Wir haben ein Recht darauf, zu fordern, daß die Sicherheit für Leben und Eigentum in Palästina gewährleistet wird. Was wir erstreben, ist: die Möglichkeit, Leistungen zu vollbringen. Wir sind eben mit den Vorbereitungen zur Aufbringung der Mitte! für das in Zürich angenommene Budget des laufenden Jahres innerhalb der amerikanischen Judenschaft beschäftigt. All dies sage ich, um Ihnen den Ernst darzulegen, mit'dem wir die Aufgabe betrachten. Wir wünschen nichts als fair play. Lange Stunden des Wartens haben uns allzu sehr auf «die Probe gestellt. Zu General Smuts gewendet, sprach Warburg den Wunsch •- * ־J-- verdöfifitsdiep!« Die!Äen Mohatej fuhr warburg fort, war« sehr quälend ffif jhn, und wenn es auch gewisse Dinge gibt, die wir Wege des Kabels nicht erledigen können, so möge er wissen, daß wir die Zukunft Palästinas in unseren Herzen tragen, wir hoffen, daß in kurzer Zeit in Palästina wieder Frieden und Sicherheit, die für die Einwanderung so wichtig sind, hergestellt sein werden. Die Rede von General Smufs General Smuts dankte herzlich für die an ihn gerichteten Wojle. Er erinnert daran, daß er aus einem Land kommt, in dem die Frage des Palästinaaufbaus keiner Diskussion unterworfen ist. Alle Juden in Südafrika seien Zionisten und alle Nichtjuden Prozionisten, und es sei bemerkenswert, daß dieses kleine Land unter allen Ländern, die für den Palästinaaufbau Mittel aufbringen, an zweiter Stelle, gleich hinter den Vereinigten Staaten, steht. Die Freundschaft, die ich selbst für die Palästina-Sache empfinde, sagte General Smuts, hat sehr tiefe Quellen. Stephen S. Wise hat hier vom unsterblichen Volk gesprochen, ich ziehe meinen Hut vor dem kleinsten der Völker, das zum Fortschritt der Welt einen groß« Beitrag geleistet hat. Ich war in Palästina und habe das kleine Land gesehen. Das kleine Volk in diesem kleinen Lande hat für die Sache der Menschheit etwas geleistet, was keinem anderen Volke zu leisten gegeben w a r. Ich weiß, es ist ein Akt derGerechtigkeit und der Dankbarkeit in ihrem rechten Sinn, wenn wir Nichtjuden für die Sache des jüdischen Volkes eintreten. Sie haben viele Opfer gebracht, und aus diesen Opfern ist der große Geist geworden, der Sie führt. Die Balfour-Deklaration ist ein knappes, aber sorgfältig erwogenes Dokument. Der Text wurde mit Juden und Nichtjuden in und außerhalb Englands beraten, die Bestätigung des amerikanischen Präsidenten Wilson wurde eingeholt. Die weitestgehenden Sicherungen, die einem Volke gegeben werden können, wurden so der Deklaration gegeben. Sie wissen, die Balfour-Deklaration ist nicht in vagen Wendungen abgefaßt und keine bloße Geste, ihr liegt e i n e bestimmte konstruktive Po 1 i t i k zugrunde. Seit den August-Ereignissen ist hier und da die zweifelnde Frage gestellt worden, ob das Versprechen auch eingehalten werden wird. Ich sage Ihnen als einer der Urheber der Deklaration und alseiner, der alles, was sich seither in Zusammenhang mit ihr ereignet hat, genau kennt, daß die Balfour-Deklaration Bestand haben und dem Wortlaut und dem Geist nach verwirklicht werden wird. General Smuts erinnert an den vor einem Monat von ihm gemeinsam mit Lord Balfour und Lloyd George veröffentlichten Brief und-sagt: Ich bin dessen gewiß, daß wir mit diesem Brief nicht nur die Meinung des Kriegskabinetts von 1917 zum Ausdruck gebracht haben, sondern auch die Meinung der gegenwärtigen Exponenten der britischen Politik. Wenn Sie den Wortlaut der Deklaration betrachten, werden Sie sehen, daß die Worte sehr sorgfältig gewählt sind. Wir haben nie versprochen, daß wir oder die britische Regierung es unternehmen werden, alle Juden der' Welt zu Sammein und sie in Palästina seßhaft zu machen: Es wäre höchste Torheit gewesen, so etwas versuchen zu wollen. Die Juden sind nicht nur eine Nation, sie haben unter allen Völkern den ausgeprägtesten Charakter einer Nation. Aber sie haben die wundervolle Eigentümlichkkeit, daß sie zugleich das internationalste aller Völker sind. Die Diaspora ist in der jüdischen Entwicklung ebenso bedeutungsvoll wie das Heimatland Palästina, und die Zer• Streuung wird fortdauem. Wir haben versprochen, daß das Nationale Heim in Palästina errichtet und gesichert werden soll für diejenigen Juden, die dorthin gehen wollen. Und wie sollten sie nicht dahin gehen wollen und dort die Entwicklung fortsetzen, in dem Lande, das geistig und materiell ihre Heimat ist? Sollen aber dem Versprechen der Balfour-Deklaration gemäß die Juden, die es wollen, nach Palästina kommen können, dann müssen für sie Bedingungen geschaffen werden, daß sie ungefährdet dahin kommen können. Ich verstehe das Unternehmen der Errichtung des Nationalheims im Sinne der Schaffung solcher Sicherheitsbedingungen im Lande, daß es mit Fug und Recht als Nationalheim angesehen werden kann. Es darf unter britischer Flagge keine Pogrome geben. Ein Weiteres ist in dem Versprechen der Deklaration eingeschlossen: die freie Einwanderung. Es kann von einejp Nationalheim keine Rede sein, wenn die Juden nach Palästina nicht als in ihr Naiionalhehn zurückkehren können. Heimat ist der Ort, zu dem man zurückkehrt. Gewiß ist dieser zweite Punkt in der Deklaration nur in dem Maße enthalten, als die Hilfsmittel der Juden und die Verhältnisse und tnätürliehen Hilfsquellen des Landes seine Realisierung erlauben. Das Land ist klein, eine große Bevölkerung kann es nicht absorbieren. Die Balfour-Deklaration war keine Deklaration fegen die Araber. Die Geschichte des Krieges und die reignisse nach dem Kriege haben gezeigt, daß beim British Empire nicht die geringste Neigung besteht, die arabisch« Hoffnungen zu beeinträchtigen, wenn eine Nation mit wehenden Fahnen aus dem Krieg hervorgegangen ist, dann ist es das arabische Volk. Auch das in der Balfour-Deklaration an die Juden gegebene Versprechen enthält nichts, was für die Araber schädigend wäre. Wir buben «iw*» V^rsprecbsn an «He * Ile ®fl»*# m « ‘gWlher;. 'belett gebt, auch die an die Juden gegebenen Versprechen zu erfüllen. Wenn Sie, fuhr General Smuts fort, als Zionisten bestimmte Rechte fordern, so tun Sie* ejas nicht im Geist der Feindschaft zu einem. anderen Volke. Meiner Meinung nach können die Ansprüche der Juden wie die der Araber miteinander in Einklang gebracht werden. Das jüdisch-arabische Problem ist fast so alt wie die Geschichte, es geht noch auf Abraham zurück. Jetzt ist die Zeit gekommen, das Problem zu lösen. Wir gehen daran ira Geiste des guten Willens, im Zeichen des Mandatssystems und unter der Aufsicht des Völkerbunds, der in immer stärkerem Maße die führende Autorität in diesen Dingen wird. Ich bin mir dessen sicher, daß der jüdische Genius, wenn er sich dem Problem der Herstellung des Friedens mit den Arabern zuwenden wird, Sie befähigen wird, einen Weg zu finden, dieses Land zu Ihrem Nationalheim zu machen und trotzdem den Frieden mit den Arabern zu wahren.. Wenn die Zahl der Juden durch Freigabe der Immigration und vernünftiges Handeln in stärkerem Maße anwachsen wird, dann wird, so glaube ich, nach einer Generation ein derartiges Gleichgewicht hergestellt sein, daß Unrecht nicht mehr Platz haben wird. Sie werden mehr als je durch finanzielle Leistungen zur Besehleunigung der Einwanderung in das jü־ dische National heim beizutragen haben. Ich denke, daß unter der klugen Führung der britischen Regierung und bei Aufrechterhaltung von Gesetz und Recht mit Hilfe der starken Hand, wie sie die Verhältnisse im Orient erfordern, die Weisheit und die Initiative des jüdischen Volkes einen Weg zur Lösung der mit den Arabern entstandenen Probleme finden werdendes scheint mir nicht wünschenswert, daß das jüdische Volk die Fehler bei der britischen Regierung sucht. Die britische Regierung wird das Ihre tun, und ihr Versprechen erfüllen. Aber das jüdische Volk muß weise und staatsmännisch sein und einen modus vivendi mit dem arabischen Volke linden. Das kann in voller Ueberelnstimmung mit der Balfour-Deklaration geschehen. Ich zweifle nicht daran, daß unsere Politik durchdringen und die kommende Generation ein neues Palästina wachsen sehen wird. Die Vision des jüdischen Nationalheims ist eine große Vision, sie kann etwas ganz Außerordentliches bedeuten: nicht nur die große Wiedergutmachung des in der Vergangenheit verübten Unrechtes, sondern auch ein Positivum für den in die Zukunft gerichteten Blick. Ich trete für das Nationalheim mit dem Wunsche ein, daß In Palästina ein starkes Zentrum des jüdischen Volkes erbaut und behauptet werde, als Mittelpunkt eines Systems, das in den kommenden Zeiten der Menschheit von Nutzen sein wird. Während meines Besuches in den Vereinigten Staaten, sagte General Smuts zum Schluß?einer Rede, habe ich an vielen bedeutenden Zusammenkünften tei'genommen. Diese Versammlung ist keine Versammlung in den Vereinigten Staaten. Das jüdische Volk dauert durch die Geschichte und geht durch alle Länder. Die Juden sind die großen internationalen Zeugen der menschlichen Rasse. Wenn Sie hief sprechen, sprechen Sie nicht nur als Amerikaner. Sie repräsentieren ein über die ganze Welt zerstreutes Volk und indem ich Ihnen gegenüberstehe, stehe ich der Geschichte der Welt gegenüber. Ich fühle, daß das, wofür Sie einstehen, und die Versprechungen, die Ihnen gemacht worden sind, sich auf dem Wege zur Verwirklichung befind«. zwangsläufige Enfwichlang Zur Lage der Juden in Deutschland. Im neuen thüringischen Ministerium sitzt einer der radikalsten Nationalsozialisten als Innenminister. Diese Tatsache beleuchtet sinnfällig den Aufstieg der nationalsozialistischen Arbeiterpartei, welche im Jahre 1923 nach dem Hitlerputsch in München für immerwährende Zeiten zusammengebrochen zu sein schien. Beim Entstehen dieser Partei versuchte man sich damit zu trösten, daß sie ein Produkt der furchtbaren Inflationszeit sei und daß nach Eintritt normaler Verhältnisse für dieses Gemisch aus primitivstem Nationalismus und unklarem halbsozialistischan Vorstellungen kein Raum mehr sein werde. Diese Hoffnung ist zunichte geworden. Die Verhältnisse in Deutschland haben sich einigermaßen stabilisiert, die Republik ist gefestigt — und trotzdem konnte das angebliche Inflationsprodukt des Nationalsozialismus eine ungeahnte Ent- Weizmanns Amerika-Reise verschoben Wie wir kurz vor RedaktlonsschlaB erfahren, kat Dr. Weizmana ■eine Amerikareise, die er am 23. ds. Mts. antreten sollte, bis auf weiteres verschoben. Dr. Weizmann, der sich zur Erholung in die"' Schweiz begibt, dürfte Anfang Februar Gelegenheit nehmen, mit repräsentativen Kreisen der Jewish Agency in Europa die schwebenden Fragen zn besprechen. der m:af6t»fs02läl!stischen Stfmmeti. pie;MitpefeilW der Partei ,beläuft sich bereits auf Hunderttausend^; in allen gesetzgebenden Körperschaften sitzet! nationalsozi^- listische Vertreter; in vielen Landesparlamenten und Stadt- Vertretungen bilden die Nationalsozialisten einen *ausschlaggebenden Bestandteil. Nicht nur Deutschnationale sondern auch liberale Parteien, wie die Deutsche Volkspartei, finden es durchaus in der Ordnung, trotz ihrer bürgerlichen bzw. liberalen Einstellung mit den National- Sozialisten, den theoretischen Antiparlamentariern, zu kooperieren. Mit der wachsenden Stärke, der Partei schwindet in der öffentlichen Meinung der programmatisch gar nicht -antisemitischen deutschen .Volkskreise der von der liberalen Presse behauptete Abscheu vor den Lehren und der Praxis der Nationalsozialisten. Und es ist vorauszusehen, daß sich nicht nur in Thüringen sondern auch in anderen Teilen Deutschlands das deutsche Großbürgertum, Bürgertum und Kleinbürgertum mit der Extstenz der Nationalsozialisten abfinden und sie als willkommene Bundesgenossen gegen Kommunisten und — gegen die Jude« betrachten werden. Man darf, sich in dieser Hinsicht nicht täuschen. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten wird für die weitesten Schichten des deutschen Volkes keinen Grund darstellen, Mitarbeit und Unterstützung der Nationalsozialisten abzulehnen. Es genügt nicht, wenn man von jüdischer Seite bei Besprechung der nationalsozialistischen Gefahr sich darauf beschränkt, die Nationalsozialisten mit Ausdrücken reaktionär, blutrünstig, mittelalterlich, faschistisch, judenhetzerisch usw. abzutun. Es ist zu verstehen, daß Juden zwecks Abreaktion ihrer berechtigten Empörung gegenüber den Nationalsozialisten und ihres Entsetzens über die Duldung und Förderung der Nationalsozialisten durch mächtige Faktoren der Industrie und Wissenschaft zunächst sich in starken Ausdrücken Luft machen. Diese Methode ist aber unzureichend. Man muß das Problem der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei in Deutschland von jüdischer Seite leider sehr ernst nehmen. Man muß untersuchen, wie es möglich wa* daß diese Partei in wenigen Jahren bis zur heutigen Bedeutung emporwachsen und einen schwerwiegenden Einfluß im politischen Leben erringen konnte. Soweit ist schon das allgemeine Verständnis für soziologische Vorgänge gediehen, daß man es ablehnt, das Phänomen eines derartigen Aufstiegs nur mit geschickter Propaganda, Verhetzung, Drahtziehertum und Schaumschlägerei zu erklären. Ob es uns Juden paßt oder nicht: etwas muß schon in dieser Nationalsozialistischen Partei stecken, das einem tatsächlichen Bedürfnis weiter Schichten des deutschen Volkes.entgegenkommt. Sonst könnte diese Partei unmöglich Hunderttausende von Kleinbürgern, Beamten, Professoren, Studenten und auch Arbeitern um ihre Fahnen sammeln. Man hat die Nationalsozialisten eine Konjunkturpartei genannt. Es soll hier nicht darauf eingegangen werden, ob diese Bezeichnung zutrifft oder nicht, Aber auch in dieser Be-