Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1930-01-21 · Heft 6 (21.1.1930) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 6 (21.1.1930)
Date
1930-01-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653156-2653162--21323-2679405
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Einzelnummer OM Qoldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5175 Goldmark. AufiUndsabonnemeot» werde» in der Währung der einrelnen Linder berechnet. AnreiK«mprei«: 8 gesp. NooparetllezeÜe 0.50 G.-M. Stellengesuche 0.2? G.-M. Nummer 6 | Berilo, 21. 1.1930 Redaktion Verlag und Ameigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m-b.FL, BerliaW15, Meinekestr.10 Telephon: J I Bismarck 7165-70. AnufcauchluA: Diagiu! und Fr.it•{ nachmltt.g» 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Po«ts check - Konten: Berlin 17592, Basel V 9355, Belgrad 68©32 Brüssel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140470, Prag 59410, Stra»burgl6430, Warschau 190708, Wien 156 030, Bank.Konten: Oarmstidter und Nationalbank, Depositen Kam« Berlin. KuHürstendamm 52; Banca de Est, Cemauti (RumSniea); Aaglo Palestine Ce. in Hada, terusalam, lei -Aviv. snn *כ״א טבח | xxxv. Jabrg. per Zionismus erstrebt fflr das Jüdische Volk die Schaltung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm.» Sokolow in Polen Keren Hajessod-Konferenzen. — Politische Tätigkeit — Organisierung der Jewish Agency. — Beratungen mit zionistischen Föderationen. (Von unserem Korrespondenten.) -g. Warschau, 16. Januar. Nach einer Pause von sechs Jahren hat das polnische Judentum wieder die Freude, einen seiner besten Söhne, Nahttm Sokolow. bei sich zu begrüßen und seinen Worten zu lausehen. Die Sokolow-Tage in Polen gleichen einem Feste, an dem sich Zionisten und Nichtzionisten, alle Schichten der jüdischen Bevölkerung stark beteiligen. Und niemals war die Begegnung mit Sokolow für die polnischen Juden eine Quelle größeren Trostes als gegenwärtig, nach den letzten Ereignissen in Palästina, welche das polnische Judentum’tief erschütterten. Sokolow leistet seit 16 Tagen in Polen eine unermüdliche und vielseitige Arbeit. Seine ersten Schritte galten dem Keren Haiessod. Mit seiner Ankunft begann erst eigentlich die diesjährige Keren Hajessod-■Kampagne in Kongreßpolen und OstgaHzien. In Warschau und in Lemberg hatten festliche Akademien und Landeskonferenzen der K.-H.-Spender die Pronaganda für unseren Grundfonds in imposanter Form eiligeleitet. Sokolow beteiligte sich auch aktiv an diesen Tagungen und seine hier gehaltenen Referate waren Meisterwerke nach Form und Inhalt und wurden mit ungeheurer Begeisterung aufgenommen. Sokolow besprach die bisherige Entwicklung des Keren Hajessod, die Wichtigkeit dieses Instruments für den Aufbau und sprach den Glauben aus, daß das polnische Judentum trotz der schlechten ökonomischen Lage mit Anspannung aller seiner Kräfte den Keren Hajessod fördern werde. Dieser sei auch für die polnischen Zionisten ein moralischer Stützpunkt, der sie alle vereinigt. Da sie doch sonst (Sokolow sprach diese Worte einige Stunden nach Beendigung der Konferenz der allgemeinen Zionisten in Warschau) zersplittert und uneinig, ira Kampfe um Doktrinen sich aufreiben. Der Keren Haiessod macht einig. Dank der Propaganda des Keren Hajessod gewannen wir viele wertvoll« Juden in der Welt für unsere Sache, Sokolow nahm .mehrmals Gelegenheit, in Warschau und in^Lemberg über die J e w irHi Agency zu BemilHlitgen kam ei iueh «Mtf'ÄÄ -Sttrier' in: Lemberg zu einer Annäherung zwischen Zionisten und Nicht- Zionisten. Mehrere gemeinsame Beratungen hatten zum Zweck, eine gründlichere Kooperation in der Arbeit für den Keren Hajessod hfcrbeizuführen, wie auch das Verständnis hei den Nichtzionisten für unsere gegenwärtigen Aufgaben und unsere gegenwärtige Lage zu wecken. Kein anderer konnte sich dieser Aufgabe in Polen so ausgezeichnet entledigen, wie Sokolow. In Lemberg, wo die nichtzionistischen Mitglieder der Jewish Agency sehr aktiv und arbeitsfreudig sind, fand am 12. d. M. eine gemeinsam einberufene, zum erstenmal in dieser neuen Form organisierte Palästina-Konferenz statt, an weleher Sokolow hervorragenden Anteil nahm und bei der auch das polnische Mitglied des Administrative Committee der Jewish Agency, Dr. Schleicher, ein Referat hielt. Beide Tagungen besprachen eingehend Wege der Keren Hajessod-Arbeit und wählten eine neue Leitung, welche paritätisch aus Zionisten und Nichtzionisten zusammengesetzt ist. ln Krakau hatte Leib Jaffe schon früher, ira Zusammenhang mit seinem dort mit großem Erfolge durchgeführten Keren Hajessod-Drive, die westgalizische Jewish Agency-Gruppe organisiert und ein neues gemeinsames Direktorium des Keren Fiajessod ins Leben gerufen. So sind alle Anzeichen dafür vorhanden, daß die Tätigkeit des Keren Hajessod in Polen einen neuen Aufschwung nehmen wird. Präsident Sokolow wird noch einige größere Städte besuchen (heute begab er sich nach Lodz), wo er neue kräftige Impulse geben wird. Dr. Alexander Goldstein und Bloch-Blurnenfeld unterstützen energisch Sokolows Aktion und bereisen andere Teile der Republik. Das Wirken Sokolows in Polen erstreckt sich auch auf das politische Gebiet. Er besuchte den Präsidenten der polnischen Republik, den Premierminister Bartel, den Minister des Aeußeren Zaleski (zweimal, zuletzt vor dessen Abreise nach Genf, wo er der Tagung des Völkerbundraies präsidierte) und andere Mitglieder der polnischen Regierung, die er ausführlich über den Stand der zionistischen Sache informierte. Diese politische Tätigkeit Sokolows in Polen ist von großer Bedeutung sowohl vom internationalen als auch vom innenpolitischen Standpunkt, da .starke Zusammenhänge zwischen unserer rein zionistischen und lanäespolitischen Arbeit bestehen. Sokolow nahm auch verschiedentlich Anlaß, die polwische öffentliche Meinung mit dein Programm des Zionismus und der Lage in Palästina, für die man sich hier sehr interessiert, bekannt zu machen. Sokolow kennt ja ausgezeichnet Land und Leute und verstand es in zahlreichen Vorträgen und Pressekonferenzen, in Gesprächen mit Vertretern der Politik und der Wissenschaft unsere Sache dem polnischen Volke näher zu bringen. Es ist ein weiterer wichtiger Schritt zur Schaffung einer Pro Palästina-Bewegung auch in Polen. *־ men verbanden". Gerade während Sokolow in Polen tagten mehtere; Konfetehzen, über die wir bereits berichteten. An allen diesen Tagungen der Allgemeinen Zionisten in Warschau und in Krakau, der Hitachduth in Warschau, in Beratungen mit dem Mrsrachi und gelegentlich seines Aufenthaltes in Lemberg vertrat Sokolow die Exekutive und gab den Führern und Delegierten instruktive Aufklärungen über unsere Lage. So bekamen die Parteien Gelegenheit, eine autoritative Meinung zu hören und nahmen dabei Anlaß, sich zur Politik der Exekutive zu äußern. Präsident Sokolow leitete auch die ersten Schritte zur Schaffung des Iängsiersehnten und jetzt schon von allen als überaus notwendig erkannten Territoriaiverbandes in Polen ein. Sokolow würde sich ein großes Verdienst erwerben, wenn er den Rest seines Aufenthaltes hier dieser Sache widmen würde, damit sie endlich zustande kommt. Die gemeinsame Campagne in Amerika 31/2 Mül. lür Joint, 2V, MiU. Hir Palästina JTA., N e w Y o r k, 18. Januar. In einer gemeinsamen Konferenz der Vertreter des Joint Distribution Committee mit den Vertretern der Jewish Agency wurde ein Abkommen getroffen, durch eine gemeinsame Kampagne im Laufe des Jahres 1930 sechs Millionen Dollar ln Amerika aufzubringen. Dieses Abkommen unterliegt, wie der JTA. vom Vorsitzenden des Joint Distribution Committee und des Administrative Committee der Jewish Agency, Felix Warburg, mitgeteilt wird, noch der formellen Bestätigung durch das Executive Committee des Joint. Das Abkommen wird dem Joint zur Bestätigung in kürzester Zeit vorgelegt werden. Von den aufzubringenden 6 Millionen Dollar sollen 3(4 Millionen durch den Joint den Zwecken der bisher durch ihn geleisteten Wiederaufbauarbeit rügeführt werden und 2(4 Millionen der Jewish Agency für Palästina Übergeben werden. Auf Grund dieser Vereinbarung werden sich zum ersten Male in Amerika diejenigen Kreise, die bisher für das Hilfswerk des Joint beigetragen haben, und die Kreise, die Innerhalb und außerhalb des Rahmens der Zionistischen Organisation für Palästina tätig gewesen sind, in der Organisation einer großen einheitlichen Sammelkampagne für beide Zwecke vereinigen. Die gesamte Ueberwachung and Leitung der 6 Millionen Dollar-Kampagne soll in die Hände eines Councils, bestehend aus Paul Baerwald, David Bressl er, Judge William M. Le wis und Morris Rothenberg (also zwei Nichtzionisten und zwei Zionisten) gelegt werden. Diesem engeren Council wird ein breiteres A d v i - soryCommitteezur Seite stehen, das aus den prominenten Führern des amerikanischen Judentums zusammengesetzt sein wird. In naher Zeit werden von Felix Warburg die Namen der Ehrenpräsidenten und der anderen Ehrenbeamten der Kampagne bekanntgemacht werden. Die Abmachung ist nach Beratung mit der Zionistischen Organisation von Amerika, Hadassah und Misrachi ausgearbeitet worden. Die genannten Organisationen haben ihre volle Mitwirkung zugesichert. Felix Warburg hat anläßlich des Zustandekommens der Abmachung j eine Kundgebung erlassen, in welcher er auf die dringliche I Notwer :!gkeit der Unterstützung beider Zwecke mit Nach- | druck hiaweist. Der Vorstand der JOdfschen Gemeinde Kareski wieder Vorsitzender Nachdem in der letzten Sitzung der Repräsentantenver- Sammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde die nach dem Turnus Ende 1929 ausgeschiedenen und wiedergewählten Mitglieder des Vorstandes, Kammergerichtsrat Leo W o 1 f f, Kommerzienrat Gerson Simon, Rechtsanwalt Dr. Max Kolienscher, Professor Dr. Seligmann und James Goldschmidt, durch den Vorsitzenden Geheimrat Dr. Julius Stern wiedereingeführt und verpflichtet wurden, hat sich der Vorstand in seiner am 14. Januar abgehaltenen Sitzung neu konstituiert. Zum Vorsitzenden wurde Direktor Georg Kareski, zu stellvertretenden Vorsitzenden Kammergerichtsrat Leo W o 1 f f und Kommerzienrat Gerson Simon wiedergewählt. Die Chalnzeinwanderung in der zweiten Hüllte 1929 Jerusatem, 16. Januar. (J.T. A.) Nach den soeben veröffentlichten statistischen Daten kamen in der Zeit vom 1. Juli bis 15. Dezember 1929 nach Palästina 1640 Chaluzim. 1310 von ihnen (über 80 0/0) wurden in der Landwirtschaft untergebracht. Die Hälfte dieser landwirtschaftlichen Chaluzim erhielten Beschäftigung in den Kolonien Judäas, die andere Hälfte in den Bezirken Samaria, Emek Jesreel und Galiläa. Die Zusammensetzung der arabischen Delegation Jerusalem, 17. Januar. (J.T. A.) Die Aussöhnung der beiden arabischen Gruppen, deren Gegnerschaft bei der Wahl der Mitglieder der arabischen London-Delegation zum Ausdruck gekommen war, hat zu Veränderungen in der Zusammensetzung der Delegation geführt. Als Mitglieder der Delegai i on sind jetzt bestimmt: der Großmufti von Jerusalem, Haasch Emin ei Hussein!, der Bürgermeister von Jerusalem, Ragheb Naschaschibi, Auni Bey Abdul Hadi, Moghanan Elias Effendi Moghanan, ferner Fakhri Naschaschibi, der Neffe und Sekretär von Ragheb Bey, und Dschemal ei Hussein!. Moghanan Effendi, der bei der ersten Wahl abgelehnt worden war, und Fakhri Nasciiaschibi treten neu in die Delegation ein. Ausgeschieden ist der Christ Alfred Roch. Musa Kazim Pascha, der Führer der ersten arahischen London-Delegation, gehört der jetzigen Dolegatiön, die vom Mufti geführt wird, nicht an. Minderheilenpollütt 1929 Ein Rückblick. Von Dr. Rudolf Levy. Die Ereignisse in Palästina haben naturgemäß das Biter* esse der jüdischen Oeffentlichkeit von den Fragen der Gaiuthpolitik abgelenkt, die ihren sichtbarsten weltpolitischen Niederschlag im Anteil der Juden an der europäischen Minderheitenfrage findet. Es sei daher rückblickend im Zusammenhang über die wichtigsten Vorgänge in der internationalen Minderheitenpolitik des vergangenen Jahres berichtet. Nach der Tagung des Völkerbundrates im Dezember 1928, in der der deutsche Reichsaußenminister Dr. Stresemann die Angriffe des polnischen Außenministers Zafeski mit der Ankündigung einer grundsätzlichen Debatte über den Minderheitensehutz beantwortete, wurde prophezeit, daß das Jahr 1929 das ״Jahr der Minderheiten“ werden würde. Diese Prophezeiung ist eingetroffen — wenigstens solange die Minderheitenfrage nicht von den Reparationsdebatten überschattet wurde. Zum ersten Male wurde die Minderheitenfrage vor dem Völkerbund und damit vor der Welt in einer Breite aufgcrollt, die auch diejenigen aufhorchen ließ, die das Problem bisher in seiner Bedeutung nicht erkannt hatten. Die Märztagung des Völkerbund rates wurde eingdeitet durch die großen Reden Dandurands und Stresemanns. Ihr Ergebnis war die Einsetzung eines Dreier-Komitees, bestehend aus dem Japaner Adatci, dem Engländer Chamberlain und dem Spanier Q u i n o n e s de Leon. Fünfzehn Regierungen und elf freie Organisationen haben diesem Komitee mehr oder weniger ausführliehe ״Bemerkungen“ zur Minderheitenfrage vorgelegt. Die deutsche, österreichische, ungarische und bulgarische Regierung haben Vorschläge zur Verbesserung des internationalen Minderheitenschutzes gemacht. Die Tschechoslowakei, Polen, Jugoslawien, Rumänien und Griechenland haben in einer gemeinsamen Denkschrift die Reformvorschläge abgelehnt. Schließlich waren noch Aeußerungen der schweizerischen, niederländischen, litauischen und chinesischen Regierung eingegangen. Unter den freien Organisationen, die Stellung ge* nommen haben, befanden sich der Rat für die Rechte aer jüdischen Minderheiten, das Joint-Foreign Committee of Baitish Jews, die Alliance Israelit© Universelle und der verein,; der. deutsch«. iqden, ■. Der , ä»gehft»#e,: fffiu.!. .״.״._ .. .. *u einer Resolution, di© nur geringfügige VefhewerittiÄai’Ä* tößere Publizität und Möglichkeit einer Verspritung י inderheitenkomitees,. brachte. Die 10. Völker!»undi• Versammlung stand — Anfang September יhereiti I» Schatten der Unruhen in Palästina. Die Minderheitendebatte war wenig ergiebig. MacDonald, der als Chef der englischen Labour-Regierung sprach, bezeichnete die Minderheitenfrage als ein Problem des geistigen Wohlbefindens der Völker, die in einem zusammengesetzten Staate leben, und als Aufgabe der Mehrheiten, den Minderheiten zu ermöglichen, sich in ihren politischen Grenzen wohl zu fühlen und stolz auf ihre politische Treue zu sein. Neben den Erklärungen Dandurands und Stresemanns, der den wichtigen Gedanken einer permanenten Minderheitenkommission wieder in den Vordergrund rückte, waren die Aeußerungen Woldem aras beachtlich, der ein gerade bei ihnen nicht erwartetes Verständnis für die Minderheitenfrage zeigte. Zum ersten Male war ein Minderheitenführer — der bekannte lettländische Abgeordnete Dr. Schiemann — Mitglied der Delegation seines Landes. Abgesehen von der Bestätigung der Ratsbeschlösse hat die Vöikerbundversammlung des Jahres 1929 keine Ergebnisse gezeitigt, die für die Minderheiten wichtig sein könnten. In jüdischen Kreisen fast völlig unbeachtet blieb der 5. Nationalitätenkongreß, der tagte, als die ersten Alarmnachrichten aus Palästina kamen. Der Vorsitzende W i i f a n hat auch nicht verfehlt, den jüdischen Tagungsteilnehmern das Mitempfinden des Kongresses anläßlich der Ereignisse in Palästina und Litauen zum Ausdruck zu bringen. Vertreten waren die Juden aus Polen, der Tschechoslowakei, Bulgarien, Lettland und, zum erstenmal, aus Transsylvanien. In das Präsidium wurde wiederum Leo Motzkin als Vertreter der Juden gewählt. Motzkin würdigte in seiner Rede die Verhandlungen im Völkerbunde. Dr. Margulies lenkte die Aufmerksamkeit auf das zehnjährige Bestehen der Minderheitenschutzverträge und wies, ein abfälliges Wort B r i a n d s aufgreifend, darauf hin, daß die Unzufriedenheit von 40 Millionen Menschen den Anstoß zur Proklamation des Rechts der nationalen Minderheiten gegeben hat. Beachtlieh war die Teilnahme des englischen Minderheitenfreundes Sir Wilioughby Dickinson und des Unterhausabgeordneten LIewellyn-Jones, der die nationalitätenpolitischen Verhältnisse in Wales schilderte. Von Interesse war auch der Bericht des Generalsekretärs Dr. Ammcnde über die Tätigkeit der internationalen Organisationen, in dem er unter anderem, wenn auch noch vorsichtig, auf die Nationalitätenpöiitik der Sowjetunion hinwies. Wichtig war die Gründüng des Verbandes der europäischen Minderhcitsjournalisten. Damit wurde der Kongreß, dem von manchen Seiten bereits eine allzu allgemeine theoretische Einstellung vorgeworfen wurde, mit einer praktischen Tat beschlossen. Gerade für uns Juden ist es von besonderem Interesse, zu beobachten, wie sich auch bei den anderen Völkern eine zunehmende Tendenz zum überstaatlichen Zusammenschluß herausbildet. So hielt der Verband der deutschen Volksgruppen in Europa seine Tagung in München ab. In Warschau fand der Kongreß der Auslandspo len statt, während die russischen Minderheiten in Riga zusammenkamen. Auch der Stefanstag der Ungarn ist hier zu nennen. Allerdings wird man wohl unterscheiden müssen zwischen den Zusammenkünften, die dem Irredentismus dienen sollen, und denen ״echter“ Minderheiten. Die Lage in den einzelnen Ländern hat sich im Laufe des Jahres 1929 im großen und ganzen wenig verändert Besonders kritisch war die Lage, wie bisher, in Polen. Die Lemberger antisemitischen Ausschreitungen, der Ulitz-Prozeß, die Schikanisierung der Minderheitsschulen, der Rückgang der deutschen Stimmen bä den letzten Kommunalwahien in Ober-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.