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Jüdische Rundschau · 1930-01-14 · Heft 4 (14.1.1930) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 4 (14.1.1930)
Date
1930-01-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 0£S Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHA Erscheint jedenDienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5175 Goldmark. At18Undsab<־mnera*ttts werden in der Wahrung dar einzelnen Linder berechnet. Anreigenprei^: 8 |«8p. Nonperefllereile 0*50 G.-M. Stellengesuch* 0,25 G.-M Redaktion Verlag und Anzeigen ■Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., BerlinW15, Meinekeatr.10 Telephons J 1 Bismarck 7165-70. Peats check •Komto: Berlin!7392, Basel V 9355, Beinrad 68Ö32 Brussel 39433» Budapest 596 93, Datrng 1973» H»a* 140 4?0, Prag; 59410» Scresebur« 164 30, Warschau 190 708, Wien 156 030. Bank -Kenten: Darmstidter and Natianalbank, Dep-oertnt* Kai»# Berlin, Kurfürstendamra 52; Baues de Bst, Ceraauti (Ruminien); Angln Ca in Haifa, Jerusalem, lei -Aviv. Nummer 4 | Berlin, 14.1.1930 RedaktionsschluS Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ד סבת׳ תר״צ | xxxv. Jahr*. Der Zionismus erstrebt fflr da» jüdische Volk cüa Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm■«« Die Agency-Sitzung verschoben GemäB einem Telegramm, das Felix Warbarg an alle Mitglieder des Adminlstrallve Commitee gesandt hat, wurde die für den i.Febrnar nach New York einberufene Sitzung des Admin. Comm. verschoben. Der neue Termin ist noch nicht bekannt. Kfagemaiierfrage und VOlkerbondsrat Der Völkerbundsrat wird sich in seiner jetzigen Session, die am 13. Januar begann, mit dem Bericht Uber die letzte Session der Mandatskommission und so auch mit dem englischen Vorschlag wegen Bildung einer speziellen Romm!6sion zur Behandlung des Klagemauer-Problems befassen. Die Mandatskommission wird in dieser Sitzung durch ihren Vizepräsidenten Van Rees vertreten sein. Berichterstatter des Völkerbundsrats über Mandatsfragen ist das finniändischc Ratsmitglied Procopß. (S. auch im Innern des Blattes.) Der Großmafti Führer der arabischen Delegation Die Gegensätze im arabischen Lager In einer außerordentlichen Sitzung der Arabischen Exekutive am 10. d. M. wurde, wie die JTA. aus Jerusalem meldet, der Großmufti Hadsch Emin ei Hussein! zum Führer der arabischen Delegation gewählt, die nach London reisen soll. Der Wahl ging eine lebhafte Diskussion voraus, in welcher die Gegensätze im arabischen Lager klar zum Ausdruck kamen. Schon seit längerer Zeit sind zwei verschiedene Meinungen auch aus den Aeußerungen der arabischen Presse erkennbar. Die eine Richtung, geführt vom Großmufti, deren Sprachrohr das Organ des Obersten Moslemischen Rates ״Dschamea ei Arabije“ ist, erkürt als das Ziel der arabischen Nationalbewegung die Unabhängigkeit Palästinas, d. b. also die steht die Arabische Exekutive auf dem Siiftiptiitkt, die Offensive der Araber habe sich gegen den Zionismus und nicht gegen England zu richten. Das Organ der Exekutive ״Felestin“ veröffentlicht, besonders in seiner englischen Ausgabe, fortgesetzt Schmeicheleien für England und stellt als das Ziel eine Kooperation Englands mit den Arabern unter Aufrechterhaltung des Mandates, aber unter Bekämpfung aller jüdischen Privilegien hin. In der letzten Zeit ist diese Polemik zwischen den zwei hier genannten arabischen Blättern mit ziemiicher Offenheit geführt worden. In der erwähnten Sitzung ist bei der Wahl der Delegation nach London der Vorsitzende der Arabischen Exekutive, Musa Kazim Pascha, unterlegen, ebenso deren Sekretär, Moghanan Effendi. Dagegen wurden gewählt außer dem zum Führer der Delegation bestimmten Großmufti als Sekretär der bekannte Rechtsanwalt Auni Bey Abdul Hadi, der auch vor der Untersuchungskommission als Hilfsanwalt der Araber fungiert hat, ferner der Jerusalemer Bürgermeister Ragheb Bey Naschaschibi.der bereits in London befindliche Dschema) Hussein! und, was eine besondere Pikanterie darstellt, der Deutsche Alfred R o c h, der bekanntlich auch vor der Untersuchungskommission zugunsten der Araber ausgesagt hat. ln Aller Kürze Nach ihrer Rückkehr aus Palästina hat die Palästina-Untersuchungskommisslon ihre erste Sitzung in London am 9. Januar Im Kolonialamt unter Vorsitz von Sir Walter Shaw abgehalten. Die Sitzung war geheim. Der Bericht wird voraussichtlich Ende Januar der Regierung vorgelegt werden. Sokoiow besuchte in Warschau in Begleitung des Präsidenten der Warschauer Jüdischen Gemeinde Abg. Farbstein zum zweiten Male den polnischen Außenminister Z a I e s k 1 und unterhielt sich mit ihm eingehend über das Programm der kommenden Völkerbundtagung. Der Premierminister von Neuseeland, Sir Josef Ward, hat anläßlich des 25jährigen Jubiläums der Zionistischen Vereinigung von Auckland an diese eine Begrüßungsdepesche geschickt, worin er die Errichtung des Nationalheims in Palästina als einen Akt weitblickender Politik feiert. In Haifa starb plötzlich an den Folgen einer Lungenentzündung der Vorsitzende des Distriktsgerichts, Richter Litt, dessen Name durch die Haifaer Prozesse gegen die Unruhestifter bekanntgeworden ist. Litt fällte das strenge Urteil gegen die Araber von Tirah bei Haifa, die die Haifaer Vor- Stadt Bath-Galim überfallen wollten, aber vom englischen Militär zurückgetrieben wurden. In mehreren Urteilen hat Litt auch die Ansicht ausgesprochen, daß die Juden, die durch die Ueberfälle bedroht waren, das Recht zur Selbstverteidigung haben. Das Ableben Litts hat in Palästina allgemeines Bedauern hervorgerufen. In dem Prozeß gegen die zwölf Araber, die des Mordes an der Familie Makleff in Mozah beschuldigt sind, wurde das achtjährige überlebende Kind als Zeuge einvernommen. Auch der Gemeindevorsteher des arabischen Dorfes Kolonieh bei Mozah, von wo der Angriff gekommen war, wurde verhört, der aber bestritt, irgend etwas gewußt zu haben. Der Richter Defraites sagte ihm darauf, er sei ״der größte Lügner, der ihm je begegnet ist“. Im Verlauf des Monats November sind beim Hauptbüro des Keren Hajessod in Jerusalem 19385 Pfund, davon 3512 Pfund aus den Vereinigten Staaten, eingegangen. Abschluß und Anfang Von Kurt Blumenfeld Der Delegiertentag in Jena wird unter den Tagungen der Z. V. f. D. einen besonderen Rang behalten. Er war ein kleiner Kongreß; die Debatte des ersten Tages glich den großen Tagen politischer Kongreßdebatten. Die Z. V. f. D. bewährte sich als ein lebendiger zionistischer Organismus, in dem alle Gruppen Platz haben. Der gesamte deutsche Zionismus war in Jena vertreten. Kaum einer von den alten Führern fehlte, und mit ihnen saßen zahlreiche jugendliche Zionisten unter den Delegierten und im Zuhörerraum. Der deutsche Zionismus lebt, ist sich in Jena seiner Kraft aufs Neue bewußt geworden. Er hat sich und der Weit gezeigt, daß er über Kräfte verfügt, die vereint imstande sind, der Verwirklichung unseres Zieles zu dienen» * Der Delegiertentag war ein zionistisches Parlament, meines Erachtens mit einem in höherem Grade ausgebildeten Parlamentarismus, als für unbefangene Entscheidüngen gut ist. Zwar wurde so erreicht, daß die Mehrheitsverhältnisse mit einer bisher bei uns unbekannten Eindeutigkeit zum Ausdruck kamen. Dabei mußte man aber Begleiterscheinungen, die mit dem Wirken der Parteimaschinerie verbunden sind, die wir aus Parlamenten kennen, mit in Kauf nehmen. Die angenommene Resolution Bluinenfeld war eine durchaus geeignete Grundläge für eine Konzentration der Kräfte. Aber Dr. Kollenscher erklärte, er könnte vielleicht dem Wortlaut nach für diese Resolution stimmen, da ihm aber das Vertrauen zu den Antragstellern fehle, sei er genötigt, .tilfML.' CllÄpiiiiitiiiihition. ־■׳ tSIeft in fam’ti auf deÜ Inhalt derftesdltittönen gar nicht mehr an, und ein kluger Delegierter, der sich bei der Abstimmung der Stimme enthielt, meinte, daß es eigentlich am besten sei, einfach eine Resolution A und eine Resolution B einzubringen. Es komme ja nur darauf an, wer den Antrag stellt und nicht wie der Antrag lautet. So wird auch denen, die am Delegiertcntag nicht teilgenommen haben, die Abstimmung über das Amendement Halpern verständlich. Dr. Halpern versuchte, unerwartet und überraschend, durch seinen Antrag, gegen dessen W o r 11 a u t an sich kein Mensch stimmen konnte, eine Umgruppierung herbeizuführen. Wohl kann es niemand geben, der Verhandlungen zur ״ungeeigneten Zeit“ wünscht, aber jeder wußte nach dem Verlauf der politischen Debatte, daß der gleiche Wortlaut in einem Antrag Blumenfeld etwas völlig anderes bedeutet als in einem Antrag Halpern, Goldmann oder Kollenscher. Dr. Halperns Begründung ließ auch keinen Zweifel, daß sein Zusatz ein Ausdruck des Mißtrauens war. Die Oppositionsgruppen ließen darauf erkennen, daß sie, nachdem ihre Anträge gefallen waren, dies Amendement als die entscheidende Kampfabstimmung ansehen und es bestand für sie die Hoffnung, daß eine Reihe von Delegierten außerhalb der Oppositionsgruppen, die in der Eile die parlamentarische Sachlage vielleicht nicht zu durchschauen vermöchten, für den Antrag stimmen würden. Alle oder fast alle Mitglieder der Majoritätsgruppe fühlten jedoch, daß in Wahrheit mit der Entscheidung über dies Amendement die Entscheidung über die zukünftige Leitung der V. f. D. verbunden ist. Es zeigte sich, daß der Versuch einer noch so geschickten Formulierung, die sich durch ihre Harmlosigkeit und Selbst- Verständlichkeit jedem empfahl, mißlang, da jeder Delegierte wußte, daß Klaiheit über die wirklichen Majoritätsverhältnisse im deutschen Zionismus geschaffen werden müsse und daß die Annahme eines solchen Amendements von der Opposition als die Niederlage der Majoritätsgruppe gedeutet werden würde. Es ist die Frage, ob wir diesen Zustand, daß der Gegenstand der Abstimmung beinahe gleichgültig wird — ein Zustand, der z. B. in der französische» Kammer üblich ist —- auch bei uns einführen sollen. Ich glaube, daß es unserer zionistischen Entwicklung mehr entspricht, wenn wir in Zukunft von der Analyse des s a c h - liehen Inhalts eines Antrags ausgehen, wenn also eine Oppositionsgruppe nicht ä tout prix einer dem Wortlaut nach annehmbaren Resolution eine Gegenresolution wird gegenüberstellen wollen, als wenn wir uns schließlich nur noch fragen, welcher Mensch und welche Gruppe ist der Antragsteller. Dennoch wurde gerade auf diesem Delegiertentag die charakteristische Einheit des deutschen Zionismus in höherem Maße fühlbar. Ueber die Parteien hinaus gibt es ein lebendiges Band. Bei aller Verschiedenheit der Gruppeneinstellung sind wir imstande, miteinander zu reden, vermögen wir unsere verschiedenen Anschauungen zu verstehen und manchmal auch gerecht zu würdigen, könnten wir mit höchster Wirkung geschlossen auftreten. Der deutsche Delegiertcntag ist in der Tat ein Forum, auf dem man der ernsten, gut begründeten Darlegung am willigsten folgt. Es gibt Unterschiede zwischen uns, Unterschiede im Denken und mehr noch solche, die ich als ״soziologisehe“ bezeichnen möchte. Es scheint unser Schicksal zu sein, daß gewisse Menschengruppen sich immer wieder als politische Gegner in der Z. V. f. D. gegenüberstehen. Die Programme wechseln, aber Menschen von einem ganz bestimmten zionistischen Habitus sind immer vorhanden, denen ein anderer zionistischer Charakter nur schwer erträglich zu sein scheint. Ich glaube nicht an gewollte ״Exklusivität“ einer Gruppe. Aber es gibt zionistische Kreise, die sich nur untereinander wohl fühlen und denen niemand unwillkommener ist als ein Zionist anderer Färbung und Ausdrucksweise. Aber werden auch enge persönliche Beziehungen vielleicht als ganz natürlich empfunden, so müßte es doch gelingen, eine politische Einheit in höherem Grade als bisher herzustellen. Die zionistische Bewegung Ist älter und größer geworden. Das verbindende Band in ihr muß mehr und mehr ein politisches sein. Es kann nicht wie in den Anfangszeiten des Zionismus entscheidend auf einem persönlichen Verhältnis beruhen. Die Linie unserer Politik ist durch die Resolution des Delegiertentages festgelegt worden. Die öffentliche Auseinandersetzung über Grundlagen und Ziele dieser Politik liegt hinter uns. Der Delegiertentag hat dazu beigetragen, daß in der politischen Debatte sich nicht mehr extremistische Auffassungen gegenüberstehen, sondern daß man mit Ernst und Ruhe eine Politik der mittleren Linie zu erörtern vermag, in der man sich nicht scheut, abstrakte Formeln, die mit unserem Werk niemals orgainsch verbunden waren, als unerheblich zu erkennen. Ob die allzugroße Publizität in der Behandlung aktueller komplizierter Fragen der Verfolgung unserer wirklichen politischen Ziele dienlich ist, steht dahin. Wir brauchen eine noch gründlichere und affektfreie Auseinander- Setzung, wir brauchen aber auch, glaube ich, für die Zukunft eine Vorbereitung des politischen Meinungskampfes in dem Kreise der wirklich verantwortungsvollen und führenden Zionisten. Nichts ist der politischen Meinungsbildung schädlicher als die nun einmal notwendigen Begleiterscheinungen der öffentlichen Parteidiskussion. Wir werden den von uns eingeschlagenen Weg würdig und vorsichtig weiter verfolgen. Wir sind überzeugt, daß die nächste Entwicklung unsere Auffassung und Stellungnähme sachlich rechtfertigen wird, und wenn wir auch nicht wissen können, welche Wendung die politische Entwicklung nehmen wird, sicherlich werden wir gezwungen sein, ihre Diskussion in den kommenden Zeiten als eine wichtige Aufgabe unserer Arbeit zu betrachten. Wir sind uns dabei bewußt, daß Verhandlungen und andere politische Schritte nur von der Exekutive unternommen werden dürfen. Wir werden jedem Versuch einer Nebenregierung, von welcher Seite er auch immer unternommen werden sollte, mit aller Energie entgegentreten. * Der gleiche Grundsatz soll allerdings auch mit großer Eindeutigkeit in der zionistischen Arbeit in Deutschland durchgeführt werden. Kein Zionist und keine Gruppe hat das Recht zu einer selbständigen Politik in jüdischen oder nichtjüdischen Kreisen. Der deui» sehe Zionismus wird nach außen ausschließlich durch die Leitung der Z. V. f. D. repräsentiert. Daß auch diese Forderung von praktischer Bedeutung ist, zeigte die Debatte des zweiten Tages. Diese durch mein Referat übe! die zionistische Arbeit in Deutschland eingeleitete Debatte ist nur als ein Anfang der kommenden Auseinander- Setzung zu betrachten. Diese Auseinandersetzung wird für die Entwicklung des deutschen Zionismus von hoher Bedeutung sein. Auf dem Delegiertcntag hat sich gezeigt, daß gerade in dieser Frage eine sehr erhebliche Mehrheit hinter der Leitung der Z, V. f. D. steht. Aber in der zionistischen Arbeit in Deutschland muß es unbeschadet der Mehrheitsverhältnisse unser ernstestes Bestreben sein, nach außen hin 231 einer einheitlichen

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