Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 98 (13.12.1929)
- Date
- 1929-12-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 98, 13.301 1920 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 061 Innerzionisiischc Diskussion Klärung durch Wahlen Von Max Tischler, Von den Kreisen der in Opposition zur gegenwärtigen Leitung stehenden deutschen Zionisten wurde nach den Ereignissen in Palästina die Forderung nach sofortiger Abhaltung eines Delegiertentages erhoben. Man war dort der Meinung, daß die Mehrzahl der deutschen Zionisten nicht mehr den zionistisch-politischen Kurs der gegenwärtig maßgebenden Gruppen initmadie und daß die Wahlen zu einem Delegiertentag und die auf diesem zu erfolgende Einsetzung einer neuen Leitung eine Klärung der Verhältnisse bringen würde. Obwohl sich fast sämtliche Provinz-Ortsgruppen aut der letzten Landesvorstandssitzung gegen diese, die wirkliche Arbeit außerordentlich störende Sondertagung, ausspraehen, obwohl große Teile der Opposition zutn Einlenken bereit waren und obwohl schließlich die Majorität des Landesvorstandes auf Grund dieser beiden Strömungen mit gutem Recht in der Lage gewesen wäre, sich für Abhaltung des Delegiertentages zu seinem normalen Termin — im Frühsommer — auszusprechen, wurde doch fast einstimmig die Tagung für Ende Dezember beschlossen. Man war allgemein der Ansicht, daß eine auf demo- I ratischer Grundlage stehende Organisation Strömungen, die sich in Opposition befinden, die Möglichkeit geben müsse, auf legale Weise — nämlich durch Wahlen — sich durchzusetzen. Man zog den Wahlkampf einem Zustand vor, in dem es Gruppen aus dem Gefühl, majorisiert zu werden, unmöglich wäre, an der Arbeit aktiv teilzunehmen. Es war nun zu erwarten, daß alle Oppositionsgruppen sich am Wahlkampf mit Macht für die Anerkennung und Durch- Setzung ihrer Ansichten beteiligen würden. Una wie sieht es nun in Wirklichkeit aus? In Berlin, wo mehr als ein Drittel der deutschen Zionisten wohnt, in der einzigen Stadt, in der es sich wirklich lohnt, einen Wahlkampf durchzuführen, machen alle Sonderverbände von einer veralteten Bestimmung des Statutes Gebrauch, wonach sie als eigene Wahlkörper gelten können. Das heißt, die Delegierten des Misrachi, der Radikalen und der Revisionisten auf dem kommenden Delegiertentag sind nicht im Wahlkampf gewählt, sondern Abgesandte ihrer Sondergruppen. Man schneidet durch Einreichung von Mitgliederlisten seinen eigenen Anhängern und seinen Gegnern das Wort und die Entscheidung ab, man verzichtet darauf, die zionistische Oeffentlichkeit durch den Wahlkampf über die bestehenden Fragen aufzuklären, alles nur, um durch Ausnutzung dieser Bestimmung einen kleinen Vorteil zu erlangen. Wenn irgend etwas imstande war, den Zionisten in Deutschland zu zeigen, daß es nicht um die grundsätzliche Politik und andere aktuelle Dinge geht, sondern, daß alte, bisher cachierte Gegensätze unter der gegenwärtigen, wie man hofft, günstigen Konjunktur ausgetragen werden sollen, so zeigt sich dies hier. Dabei erfährt man zum Beispiel, daß die Gruppe der radikalen Zionisten, die bei den Kongreßwahlen in Berlin 82 Stimmen erhielt, zurzeit hier 251 Mitglieder hat Da man nicht annehmen kann, daß 170 Mitglieder bei den Kongreßwahlen, wo es doch um die Kardinalfrage der radikalen Politik, die J e w i s h Agency, ging, ihre Gruppe im Stiche gelassen haben, kann man nur an ein außerordentliches Wachstum dieser Gruppe im letzten halben Jahre glauben. Und man wundert sich, warum die Träger einer so offensichtlich populären Politik einem Wahlkämpf aus dem Wege gehen. Dies um so mehr, als sie ja in Fingen der Jewlirf» Agency immer a& die Bannerträger der Demokratie innerhalb der jüdischen Politik auftraten und hier eine gute Gelegenheit war, dies auch praktisch zu zeigen. Diese Tatsache zwingt zum Nachdenken. Wenn es heute in Deutschland Wahlen zu einer jüdischen Gemeinde oder zu einem Landesverband gibt, dann treten wir immer in aller Oeffentlichkeit gegen jede Beschränkung des Wahlrechts auf und erklären, daß jüdische Gremien nur dann wirkliche Vertreter ihrer Wahlkorper sind, wenn sie auf absolut detnokratische Weise zusammenkamen. Das System der Kongreßwählen auf Grund des Föderationsschekels wurde in Deutschfand fast von allen Gruppen bekämpft, weil man wohl wußte, daß ein auf diese Weise gewählter Kongreß noch nicht der wirkliche Ausdruck der zionistischen Welt sein müsse. Und jetzt, wo es um unsere höchste Instanz geht, wird von einem wahlmodus Gebrauch gemacht, der, was Rüstigkeit und Meinungsunterdrückung betrifft, im jüdischen Leben Deutschlands durchaus sehenswert ist Gewiß, Demokratie ist kein Fetisch, wenn aber dieser Delegiertentag überhaupt einen Sinn haben konnte, so doch nur den, daß der Demos unmittelbar zu den gegenwärtigen Fragen zionistischer Politik, zur Frage der ״Jüelschen Rundschau“ durch Abgabe eines Stimmzettels Stellung nehmen sollte. Jetzt aber werden die Oppositionsgruppen zwar ihre Sonderanwälte, nicht aber Delegierte der zionistischen Gesamtheit in Jena haben. Dieses System der Delegierungen an Stelle von Wahlen hat die Berliner Zionistische Vereinigung fast arbeitsunfähig gemacht und dem Gros der Berliner Zionisten entfremdet. Beginnt man, dieses System auf die Z. V.f. D. zu übertragen, so muß man wissen, daß man damit im gegenwärtigen Augenblick den ersten Schritt zu ihrer Umgestaltung In einen Territorialverband tut. Denn wenn erst an Stelle von gewählten Delegierten Nominierte der Sondergruppen zusammenkommen, so ist nicht mehr der Umweg über einen Delegiertentag nötig, dann können sie direkt im Landesvorstand zusammentreten. Wenn dies klar erkannt ist, dann müssen sich alle, die für eine starke Z. V. f. D. sind, auf diesem Delegiertentag dafür einsetzen, daß nicht mehr ein kommender Delegiertentag auf Grund derartiger Bestimmungen zusammentreten kann. In Jena muß ein neuesWah!recht zum Delegiertentag beschlossen werden, in dem als einer der wesentlichsten Punkte der Satz stehen muß, daß in allen Städten Wahlen nur in einem einheitlichen Wahlkörper stattfinden können. Sonst werden wir an Stelle der jetzt so stürmisch verlangten ״kämpferischen Auseinandersetzung“ innerhalb einer starken Z. V.f. D. in Kürze einen Zustand haben, der dem von Polen und Oesterreich, wo heute eine gesamtzionisfische Arbeit durch das Ueberwuchern dies Fraktionswesens fast unmöglich ist, sehr ähnlich sein wird. Die zionistische Linke vor diesem Delegiertentag Von Georg Landauer. Der Landesvorstand hat die Einberufung eines Delegiertentages der Zionistischen Vereinigung für Deutschland beschlossen. Der Hapoel Hazalr una mit ihm die gesamte zionistische Linke in Deutschland haben diesen Delegiertentag nicht gewünscht. Er soll über Inhalt und Ziel der zionistischen Arbeit in Deutschland und über die zukünftige Leitung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland entscheiden. Dieser Entscheidung geht ein Wahlkampf voraus, in dem merkwürdlgerweise außenpolitische Fragen des Zionismus, insbesondere die Fragen der Araber- und der Englandpolitik der Organisation behandelt werden, falls die Opposition überhaupt einen Wahlkampf wagt. Wir bezweifeln, daß solche Fragen im Wege eines Wahlkampfes geklärt werden können. Aber wir können nicht dulden, daß die sich jetzt bildenden Gruppen der Opposition die Haltung der Z. V.f. D. (ihrer Leitung und ihres Organs, der ״Jüdischen Rundschau“) der zionistischen Oeffentlichkeit diese Fragen als den eigentlichen Gegenstand der zionistischen Auseinandersetzung in Deutschland^ Vortäuschen. Es handelt sich nun auch nach unserer Meinung bei diesen Fragen der Außen- Politik um entscheidend wichtige Fragen und um folgenschwere Entscheidungen. Wir sehen aber, daß die sich oppositionell gebärdenden Gruppen, auf die Uninformiertheit der Zionisten rechnend, damit lediglich einen Kampf um die Führung im deutschen Zionismus entfesseln, die sie schon immer, schon ehe sie, ini Gegensatz zu uns, den Ernst der außenpolitischen Probleme erkannten, erstrebt haben. Es ist irreführend, wenn Herr Dr. Kollenscher, zu dessen Ansichten in vielen Fragen der Gemeindepolitik wir und fast die gesamte zionistische Linke in Deutschland uns in einem entschiedenen Gegensatz befunden haben und befinden, sich an die Spitze einer Gruppe stellt, deren Programm zwar eine entschiedene zionistische Politik verlangt, aber nicht in der Gemeinde, sondern gegenüber England. Warum nicht in der Gemeinde Berlin, wo Herr Dr. Kollenscher Einfluß hat, sondern gegenüber England, wo die Z. V. f. D. keinen Einfluß hat? — Es ist auch irreführend, wenn der Misrachi zur Verwirklichung seiner Gruppen-Ambiüonen, zu deren Befriedigung der letzte Delegiertentag nicht bereit war jetzt die durch die Ereignisse in Palästina hervorgerufene Erregung der zionistischen Oeffentlichkeit verwerten will. Der Misrachi möchte durch gesteigerten Einfluß in der Z. V.f. D. den Interessen eines religiösen Judentu ms, also einem sittlichen Ziele, dienen. Er will den Einfluß gewinnen, indem er bei den Wählern eine Politik der Macht im Gegensatz zu einer von ihm angegriffenen Friedenspolitik propagiert. — Es ist ebenso irreführend, wenn die Gruppe der Radikalen Zionisten, nachdem sie im Kampf gegen die Erweiterung der Jewish Agency unterlegen ist und sich mit der Erweiterten Agency ausgesöhnt hat und in ihr mitarbeitet, nunmehr ihre weitere Existenzberechtigung nachweisen will durch die Hervorkehrung von Nuancen, die zwischen der Auffassung einiger Mitglieder der radikalen Gruppe und der unsrigen und der anderer Zionisten Deutschlands in Fragen der zionistischen Außenpolitik bestehen. Solche Versuche, ein künstliches Parteigebilde zu schaffen, können die Kraft des Zionismus nur zersplittern. Die Hauptgefahr droht jedoch der zionistischen Entwickhing in Deutschland vom Revisionismus. Seine organisatorische Bedeutung ist gering, seine zionistische Leistung ist nicht wahrnehmbar, aber die Propaganda seiner politischen Tendenzen kann verhängnisvoll werden. Der Revisionismus sucht durch die Aufstellung nicht-realisierbarer extremistischer Forderungen die Illusion politischer Erfolgsmöglichkeiten zu erzeugen, die die praktische Arbeit der zionistischen Führer aufs äußerste erschweren und der zionistischen Bewegung, dem Glauben an die Verwirklichbarkeit des zionistischen Ideals schwere Rückschläge bereiten müssen. Die politischen Ziele und Methoden der Revisionisten wirken der Möglichkeit einer jiidisch-arabischen Verständigung in Palästina entgegen. Sie gefährden auch dadurch die Verwirklichung des Zionismus. Der Revisionismus erzieht die Jugend in einem nationalistisch-übersteigerten und unsozialen Geist, der den sittlichen Grund- Charakter der zionistischen Idee verleugnet. Der Revisionismus ist ein Gegner der jüdischen Arbeiterschaft und will die Fortführung der Arbeiterkolonisation, den Ausbau des Werks unserer Pioniere verhindern. Wir lehnen es diesen Gruppen gegenüber ab, einen Front- Wechsel im deutschen Zionismus zu vollziehen oder auch nur zu begünstigen. Die Haltung der Z. V. f. D. findet sowohl In den Fragen der Außenpolitik, die nach den unglücklichen Ereignissen in Palästina im Mittelpunkt der Diskussion stehen, wie auch in der Führung der zionistischen Arbeit, in der Propaganda unsere Billigung, wir wünschen, diese Linie fortzusetzen. Die politische Haltung der Zionistischen Organisation soll durch zwei Tatsachen bestimmt werden: Zunächst durch die Verpflichtung der englischen Regierung, die Balfour-Deklaration und das Mandat vollständig auszuführen. Es ist die Aufgabe der Zionistischen Exekutive, »ine aktive Förderung unserer Einwanderung, unserer Kolonisation und unserer kulturellen Entwicklung durch die Mandatsregierung durchzusetzen. Die Regierung ist verpflichtet, für Ruhe und Ordnung im Lande zu sorgen, jüdisches Leben und Eigentum zu schützen und dadurch eine dauernde Beruhigung im Lande herbeizuführen, die es ermöglicht, unsere Einwanderung und das friedliche Werk unserer Kolonisation mit allen Kräften fortzusetzen. Wir wollen, daß uns England in Palästina ein freundlicher Partner sei, und meinen daher, daß die zionistische Politik England gegenüber auch in Zukunft von dem Geist einer loyalen Zusammenarbeit bestimmt werden soll. Wir sind uns weiterhin dessen bewußt, daß der Friede im Lande nur gesichert ist, wenn eine Verständigung zwischen Juden und Arabern über die politische Zukunft des Landes und über die Wege, die zu dieser Zukunft führen, herbeigeführt wird. Wir erstreben dieFreiheitder Juden und wünschen nicht, die Freiheit der arabischen Bevölkerung zu schmälern. Die Verständigung soll daher auf der Grundlage einer vollständigen nationalenGleichberechtigungderbeidenNationen erfolgen. Wir sehen heute eine Verschärfung der Gegensätze, die der Erreichung unserer Ziele neue Hindernisse zu bereiten geeignet ist. Daher darf die Politik der Verständigung sich nicht keiten bejahende Politik sein Nur dann kann die Zionistische Exekutive auf solchem Wege fortschreiten, wenn sie weiß, daß die Bewegung ge schlossen hinterihrsteht. Daher soll die öffentliche Meinung im Zionismus in diesem Sinne erzogen werden. Es ist die Aufgabe der zionistischen Leitung auch in Deutschland, diese Linie der Politik zu verfolgen und die zionistische Bewegung zum Verständnis der politischen Notwendigkeiten zu führen. Wir sind der Ueberzeugung, daß die Gestaltung unserer Zukunft in Palästina — auch bei entschiedener Förderung durch entsprechende Maßnahmen der Regierung — das Werk und de Aufgabe der im Palästinagedanken geeinten Judenheit ist Wir wollen darum nicht die zionistische und die jüdische Oeffentlichkeit durch «inseitige Orientierung auf überspannte politische Ziele von den großen und schwierigen Verpflich- Jungen, die der Auf b au an uns stellt, ablenken. Unsere wirtschaftiiche Tätigkeit in Palästina, als Voraussetzung hierfür die Stärkung unserer Fonds, die Bereitstellung des von der Jewish Agency angenommenen Budgets für unsere Palästina-Arbeit muß mit vermehrter Kraft fortgeführt werden. Wie sich die Leitung des deutschen Zionismus bisher in dieser Arbeit die größten Verdienste erworben hat, so soll auch in Zukunft mit ungeschwächter Kraft auf diesem Gebiet weitergearbeitet werden. Hierzu gehört weiter auch vor allen Dingen die Heran bil düng eines geeigneten Nachwuchses. Die zionistische Ju- | gena soll im Geiste der Chaluziuth erzogen werden die berufliche und geistige Vorbereitung auf Palästina, die Hach scharah, soll noch mehr als bisher gefördert werden. Wir er- 1 blicken in der Arbeiterkolonisation die Grundlage unseres ge■ samten Palästina-Aufbaus. Hierauf soll auch die Vorbereitung«- arbeit in Deutschland eingestellt sein. Wir stehen heute in Deutschland in einer schweren Auseinandersetzung mit anti zionistischen Kräften, die es nicht verschmäht haben, die Stunde der Unruhen, die zu einer großen eindrucksvollen und wirksamen Solidarität der gesamten . udenheit aufruft, unser Werk mit zweifelhaften Methoden anzu greifen. Die Erweiterung der Jewish Agency bedeutet eine bedeutsame Verbreiterung unserer Front Der Palästina-Gedanke faßt in immer weiteren Schichten auch des assiin Liierten deutschen Judentums Fuß. Die erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre soll nicht durch einen Systemwechsel im Sinn der jetzigen Oppositionsgruppen gefährdet, sondern durch Stärkuni unserer Arbeitsfähigkeit fortgesetzt werden. Dieser Aufgabe kann die Z. vT f. D. nur gerecht werden, wenn sie auch in Zukunft ein geschlossenes, arbeitsfähiges Gebilde bleibt, eine Organisation, in der alle zionistischen Richtungen das ihrige zur Erreichung unserer Ziele beitragen, die aber nicht in ihrer Einheitlichkeit und Geschiossenheit durch Lockerung ihres organisatorischen Gefüges geschwächt werden darf. Die Mitarbeit aller Gruppen, die diesem Programm zionistischer Arbeit in Deutschland zustimmen, ist uns willkommen. Eine Schwächung der Organisation nur zur Befriedigung oppositioneller Ambitionen, eine Umwandlung der Organisation, die ihre Einheitlichkeit, ihren Charakter, ihre Zielsicherheit raubt, lehnen wir ab. ln diesem Sinne ruft der Hapoel Hazair gemeinsam mit allen sozialistischen Zionisten Deutschlands die zionistischen Wähler zur Abstimmung auf. Ortsgruppen - Probleme Von Alfred Katz, Bamberg. Den Beweis für die Behauptung, daß die zionistische Arbeit durch den innerzionistischen Konflikt in Deutschland f' . .... voll und ganz erbracht. Nach vielen vergeblichen Bemühungen war es endlich gelungen, die bayerischen Zionisten nach fünfjähriger Pause zu versammeln. Um die Wichtigkeit dieser Tagung für die zionistische Arbeit in Bayern ermessen zu können, muß man die gegenwärtige Lage der zionistischen Bewegung in Bayern etwas betrachten. Außer den beiden großen Ortsgruppen Nürnberg und München gibt es in Bayern einige kleinere Ortsgrup• pen und eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Zionisten ohne örtlichen Zusammenschluß. Während die beiden großen Ortsgruppen ihre lokalen zionistischen Aufgaben selbständig, auch ohne eine bayerische Organisation erfüllen können, leidet die Tätigkeit der Zionisten in den anderen Orten schwer darunter, daß der bayerische üruppenverband in den letzten Jahren eigentlich nur noch dem Namen nach bestand. Es ist unmöglich im Rahmen dieses Artikels ausführlich auf diese Dinge einzugehen. Denn in diesem Zusammenhänge müßte das Problem der Arbeit in den kleinen Ortsgruppen «p allgemeinen bf1pwehepyw«den» .ein ״RroWeii*, «B «0M M» außerhalb Bayerns akut ist und mit dem die zionistische Oeffentlichkeit Deutschlands sich leider nicht genügend beschäftigt. Der bayerische Gruppenverbandstag sollte nun darüber beraten, wie mafl die in Bayern bestehenden Verhältnisse zum Nutzen der Gesamthewegung bessern könne, er sollte eine Neuorientierung der Bewegung in Bavem in die Wege leiten und über eine grundlegende Neuorganisierung entscheiden. Als erster Punkt der Tagesordnung war ein Referat über allgemeine zionistische Politik vorgesehen. Dann wollte man sich in richtiger Erkenntnis der Lage ganz den Fragen der zukünftigen praktischen Arbeit widmen. Wie war nun aber der Tagungsverlauf in Wirklichkeit? Abgesehen von einem ausgezeichneten, aufschlußreichen Referat Blumenfelds über die Lage in Palästina, war fast die ganze Tagung von einem z. T. recht unerquicklichen Disput zwischen Blumenfeld und Dr. Kollenscher ausgefüllt. Die Beratung derjenigen Punkte, um derentwillen man eigent'ich zusammengekommen wa% konnte dadurch erst gegen Schluß der Tagung begonnen werden und verlief infolge Zeitmangels vollkommen ergebnislos. Ueber einige, für die weiterexistenz der bayerischen Organisation entscheidende Angelegenheiten konnte überhaupt nicht gesprochen werden und als der Vorsitzende die Tagung schloß, hatte wohl jeder Teilnehmer das Gefühl, daß diese Zusammenkunft ebensogut nicht hätte stattzufinden brauchen. Auch Bhimenfeld hatte wohl dieses Empfinden, als er die Anregung brachte, in den nachsten Monaten einen neuen Gruppenverbandstag abzuhalten. Man kann der Versammlungsleitung den Vorwurf nicht ersparen, daß sie nicht energisch genug für die Abwicklung der festgesetzten Tagesordnung eingetreten ist. Es geschah dies sicher in der guten Absicht eine Klärung der Innerzionistischen Lage dadurch herbeizuführen, daß man dem Präsidenten der Z. V. f. D. und dem Führer der Opposition einmal Gelegenheit gab sich außerhalb Berlins, sozusagen auf neutralem Boden auszusprechen. Leider war jedoch die Wirkung der Debatte eine entgegengesetzte. Man kam sich nicht näher, sondern redete sich immer weiter auseinander. Die Debatte war natürlich für uns Provinzler sehr interessant, aber wohl bei vielen Teilnehmern der Tagung tauchte manchmal die Frage auf: ״Sind wir hier auf einer zionistischen bayerischen Gruppenverbandstagung oder bei einem Diskussionsabend der Berliner Zionlstischen Vereinigung?“ Besonders berechtigt war diese Frage gegen Sch'uß der Tagung, als die beiden Herren erregt über gewisse Ereignisse innerhalb der Jüdischen Volkspartei Berlin diskutierten. Es soll hier in keiner Weise die große, einzig dastehende Bedeutung des Berliner Zionismus verkleinert werden. Aber angesichts dieser Debatten konnte man sich des Eindrucks nicht erwehr•«, daß bei dem ganzen Konflikt lo'.a’e Berliner Vorgänge zum Schaden einer Klärung eine sehr große Rolle spielen. Deswegen müßten alle Zionisten, die eine baldige Beendigung des Streits innerhalb des deutschen Zionismus wünschen, fortlern: In der auf dem Delegiertentag vor der Oeffentlichkeit stattlindenden Auseinandersetzung müssen alle Momente ausgeschaltet werden, die von rein örtlicher Bedeutung sind. Nur so wird man die bestehenden Differenzen auf ähre wirkliche Größe zurückführen können und nur so wird eine Klärung dieser Angelegenheit, die uns seit Monaten in unserer Arbeit hemmt, möglich sein. Hoffen wir, daß sich diese Erkenntnis noch vor dem Delegiertentag durchsetzt. Dann war auch die bayerische Gruppenverbandstagung nicht ganz ergebnislos. f