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Jüdische Rundschau · 1929-12-13 · Heft 98 (13.12.1929) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 98 (13.12.1929)
Date
1929-12-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer OßS Qolämark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugepreiabei der Expedition monatlich 2»— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. A,ul«ndMWn!1Dernenn werden in «1» Wttuan* der etnralnai Uader berechnet Aareirenpreir; S «e*p NonperetBerefl# 0,90 G.-M. Stelleneeendie 0,25 G^M. Redaktion Verlag und Anzeigen -Verwaltung; Jüdische Rundschau G.m.b.FL, BerlinWlS, Meinekeatr. 10 Telephons J 1 Bismarck 7165-70. A212«i*ft&»chln&*. DitniEU und Freitag Bachcitti!• 4 Uir Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postscheck •Keetea! B4trlin 17392. Bts«l V 9355. B#lgr«6d 68032 Brüssel 394 33. BadefMNtt 596 93. Dsarig m Hu! 140470, Pm* 59410, StraesButf 164 30, Warschau 190708. Wie» 156 030. Back ■teatsBi Dsrto»*S<itar und N«tiop*!b«*k, Depe»sit*o Kesse Berlia, KuriimrendamiB 52s Bane« de Est, Ceraauti (Kumattian); Aaglo Peleetine C«. in Halle. T«ras»l«*ra, Tel Aviv י״א פסל!/ תר«צ | xxxiv, Jahrg. Par Zlonlemue erstrebt für Sa» |0dl»cha Volk dis Schaffung einer Öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte In Pallstlna. ,.Beseter Programm.* Franz Rosenzweig Wie uns aus Frankfurt a.M. telegraphiert wirdy ist Franz Rosenzweig In der Nacht zum 10. Dezember dort gestorben* Die Beerdigung fand Donnerstag* den 12. ds. Mts. unter außerordentlicher Beteiligung der jüdischen Welt ganz Deutschlands statt» Ein ״Nichtzionisi" Mach einem jahrelangen beispiellosen Ringen ist der Körper Franz Rosenzweigs nunmehr seiner tückischen Krankheit erlegen. Wenn das Wort Wunder In unserer Zeit überhaupt einen Sinn hat, dann muß dieses Phänomen des siegreichen Geistes, das sich in der Person Rosenzweigs manifestierte, als ein Wunder der Gnade bezeichnet werden. Ein immer mehr verfallender Leib, seiner Glieder nicht mächtig, hielt jahrelang dennoch stand, weil er eine Hülle war, aus der die Stimme, die Stimme des Geistes ertönte. Wer, ohne von Rosenzweigs persönlichem Leiden Kenntnis zu haben, seine Schriften las, gewann den Eindruck einer überschäumenden Lebenskraft, einer beinahe übermütigen, humorvollen und souveränen Jugendfrische. So sehr vermochte dieser Geist sich von allem Materiellen unabhängig schöpferisch zu offenbaren. Rosenzweig ist gerade während der Jahre seiner Krankheit immer mehr gewachsen und zu einer repräsentativen Führergcstait des deutschen Judentums geworden. Was dieser Mann, der nun im jugendlichen Alter von 43 Jahren dahinging, für das deutsche Judentum und für das Judentum überhaupt hätte werden können, wenn nicht das Gift sich seiner bemächtigt hätte, ist nicht auszudenken. Aber in diesem Augenblick der physischen Erlösung des Mensehen Rosenzweig ziemt nicht die Klage, sondern es ist an uns, zu dank״־׳ für• das, ־wnsiB^״ _<>י^.־ iW, ÄdteÄf trtM Ö8r noch eingehender gesprochen werden. In dem Prozeß der Renaissance des Judentums, deren mächtigste, aber nicht einzige Manifestation die zionistische Bewegung ist, nimmt Rosenzweig eine einzigartige Stellung ein. Für ihn war Judentum nicht eine Religion, noch weniger ein Volkstum, sondern eine alles umfassende, lebenspendende geistige Wirklichkeit. Er ist der Begründer eines neuen’ jüdischen Denkens geworden, das sich in keine der landläufigen Formeln einzwängen läßt. Dieser Mann ist nicht mit Parteimaßen zu messen. Aus assimilatorischem Milieu hervorgegangen, ist Rosenzweig auch späterhin Mitglied des C.-V. geblieben, dessen Grundiormel, wenn auch nicht dessen Praxis, seiner Einstellung entsprach. Er hat jedoch an allen Dingen des zionistischen Ideenkreises, angefangen von innerzionistischen Parteidiskussionen bis zu den Einzelheiten der Geschehnisse und der Aufbauarbeit in Palästina, lebhaftesten inneren Anteil genommen. Noch in seiner letzten Lebenszeit ließ er sich ständig durch seine in Palästina lebenden Freunde ausführlich informieren. Rosenzweig hat auch wiederholt in den Streit der Meinungen innerhalb des deutschen Judentums eingegriffen und sich mit großer Schlrfe gegen die antizionistisehe Haltung des C.-V und der Liberalen gewandt Er hat dabei stets betont, daß auch für den Juden, der selbst nicht Zionist ist, die Existenz und die Schöpfungen des Zionismus eine große jüdische Bereicherung darstellen. Die Scheinargumente der Antizionisten hat er mit blendender Schärfe zerpflückt Besonders charakteristisch für Rosenzweigs Einstellung zum Zionismus ist der Beitrag, den er im Februar 1028 Ln dem zum 50. Geburtstag von Martin Buber erschienenen Sonderheft der Zeitschrift ״Der Jude“ veröffentlicht hat Dieser Beitrag enthält Bruchstücke aus Briefen, die der Verfasser wirklich an einen prominenten deutschen Antizionisten geschrieben hat Wir haben seinerzeit einen Teil dieser Briefe auch in der ״Jüdischen Rundschau“ abgedruckt (Nr. 26, 1928). Wir geben hier nur eine Stelle wieder, die sich gegen diejenigen Liberalen wendet, die sich durch Erhebung Jerusalems zu einem bloßen Symbol den Ansprüchen der Wirklichkeit entziehen wollen. Dazu schreibt Rosen zweig: ״ . .. Jerusalem als messianischea Symbol? Wenn ein Symbol mehr sein soll als ein willkürliches Anhängsel, muß es irgendwo und irgendwie ganz unsymbolische Wirklichkeit sein. Auch nach meinen Erfahrungen macht die Luft von Palästina nicht weise. Aber ich glaube, meine Frankfurter Weisheit wäre doch nicht ohne das Land Israel, und nicht nur nicht ohne das einstige, sondern auch nicht ohne das zukünftige, das, das immer noch eine Zukunft hat. Also nicht ohne das Vergangenheit und Zukunft vorbindende, das gegenwärtige. Warm ist cs nicht bloß, wo die Sonne hinscheint — das ist der Aberglaube der Zionisten —, sondern überall, wo ich einen guten Ofen habe. Aber KoMc und Holz, die mich heute wärmen, wären nicht gewachsen und würden mich nicht wärmen, wenn nicht die Sonne — nicht bloß gewesen wäre, sondern auch wäre. Die wirkliche Sonne, nicht bloß ein noch so schün gemalte* Symbol! . . ." Der schwere Verlust, den das ganze Judentum erlitten hat, trifft einen Mann besonders hart. Den Mann, der Rosenzweig am nächsten stand; dem das seltene Glück beschieden war, im vorgerückten Mannesalter noch eine Freundschaft von reinster Intensität und tiefster geistiger Verbundenheit zu gewinnen: Martin Buber. Mit der Trauer um den Toten obliegt uns neben der Familie auch Buber das innige Mitgefühl der zionistischen Welt auszusprechen. ipMMii Tp/s’S■:: iüiii Ulli Sill Wir haben uns an einige Persönlichkeiten mit der Bitte einer kurzen Würdigung des Verstorbenen gewandt. Eine Darstellung seines Werkes und seiner Gedankenwelt behalten wir uns vor. Dr. Leo Ba eck schreibt: In Frans Rosenzwei* stellt der nene deutsche Jude vor uns. Ueber gewordene Zwiespalte und Gegensätze ist er zn werden• der Einheit hinausgeschritten, aas erstarrten Antithesen hervor hat er eine lebendige Syn• these gewonnen. Darum hat er die vergangene Zeit neu entdeckt» die Gegenwart neu verstanden und neu nach der Zukunft ausge« blickt. Auch seine Persönlichkeit, nicht nur sein Werk, dauert daher aber sein Leben hinaus. B a e c k. Großer Erfolg der Habimah in Berlin Gestern, Donnerstag, Abend begann die Habimah in Berlin im Lessingtheater ihr diesjähriges Gastspiel mit einer Auffiihrung von ״Keter David" (Die Krone Davids). Das festlich besuchte volle Haus feierte ein herzliches Wiedersehen mit der hebräischen Theatertruppe, die in Berlin bekanntlich besonders viel Freunde hat und die nun zum erstenmal seit Ihrer Berührung mit Erez-Israel wieder in Berlin auftrltt. Der Abend gestaltete sich zu einem stürmischen Erfolg und alle Darsteller wurden wiederholt vor die Rampe gerufen. Im Anschluß an die Vorstellung fand im Foyer des Lesslng-Theaters ein Begrüßungsbankett statt, bei welchem Repräsentanten des Berliner Judentums und der künstlerischen Welt die Bedeutung der ״Habimah“ feierten und ihr herzliche Worte der Begrüßung und der Ermutigung zeriefen. Ueber die Premiere und den Verlauf des Festabends werden wir noch berichten. Wort des Gedenkens ״Es ist ein Mensch vollendet.“ — Wer ihn kannte, darf heut nicht klagen; erschauernd ahnt er tiefsten Zusammenhang zwischen Schicksal und Seele. Denn ein Mensch ging von uns, der in Wahrheit die Gottheit aufgenommen hatte in seinen Willen. Wer ihm in den letzten Jahren des alten Reiches vor dem Kriege begegnet war, der mochte leichtlich in ihm nichts anderes sehen als einen strahlend schönen und glänzend begabten jungen Menschen, über den die Feen des Märchens alle ihre guten Gaben ausgeschüttet hatten. Denn Franz Rosenzweig war aufgewachsen wie Gautama Buddha, der Königssohn; umhegt von Schönheit, Kultur, Liebe; er ahnte nichts vom Leid seiner Brüder . . . Niemand hätte sich gewundert, wenn aus dem überbegabten Knaben ein Mann geworden wäre wie ihn das deutsche Judentum jener Jahre vielfach sah: Einer, der alle Weinberge hütete, nur seinen eigenen Weinberg nicht... — Niemand? — Es lebte im Hanse seiner Elter! — er selbst hat mir einmal #avf« 'In Mei gelehrt, fldlseh verwurzrtt Der sagte-ihm׳ einmal ein Wort, das er niemals mehr vergaß: ״Entziehe Dich nicht Deinem Volke!“ Aber das Wort sank in die Tiefe und schien verschwunden. Der junge Student wechselte vom Mediziner zum Historiker, schrieb als ein Schüler Meinekes eine hervorragende Arbeit über ״Hegel und den Staat“ — eine ״Mietszahlung für den deutschen Geist“ nannte er sie mir später einmal. Um ihn hemm war Abfall, Lauheit, halbes Besinnen, Da folgt er dem Rat unserer alten Lehrer: er ״zieht aus um zu lernen“. So kommt er damals nach Berlin, drei Ziele vor Augen. Hebräisch will er lernen; Hermann Cohen und Martin Buber, die geistigen Führer des Judentums will er kennen und sprechen. Denn schon damals gilt ihm das Buch viel, der Mensch, der hinter dem Buche steht, gilt ihm alles. Mit jener Hartnäckigkeit die ihn alles was er begann, ganz erfüllen hieß, lernt er damals Hebräisch beim alten Sonnenschein, der oft davon erzählte. Er hört Cohen in der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums; seinen ״Seelentrost“ hat ihn in jenen Tagen der alte Weise gerne genannt — als ob er ahnte, daß das Schönste was über den Menschen und den Juden Hermann Cohen gesagt werden konnte, von Franz Rosenzweig kommen würde. Endlich kam er zu Buber; nie vergesse ich jenen Herbstnachmittag in Zehlendorf, als die beiden Männer einander zum ersten Male ins Auge sahen, die später schicksalhafte Gemeinschaft der Arbeit miteinander einen sollte. Alles war im Anfang: da kam der Krieg. Franz Rosenzweig war von Anfang an dabei; mit einer gewissen verbissenen Härte gegen sich selbst Aber er blieb sich treu. Mitten im Krieg sandte er an Cohen seine folgenschwere kleine Schrift ״Zeit ists . . Seiten hat Gedrucktes so unmittelbare Wirkung im Leben getan; die Gründung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums war die Folge dieses Aufrufes an die Juden der Zeit. Im mazedonischen Unterstand kann man ihn in den vordersten Schützengräben mit der aramaischen Grammatik in der Hand treffen. Und vor allem schickt er damals aus dem dunkelsten Balkan seiner Mutter auf abgerissenen Blättern, fast unleserlich, die Entwürfe zu seinem grandiosen Systembuche, dem ״Stern der Erlösung“; keinem ״Buche“, fast — einer Weltschau, die heut schon eine Schar von Anhängern um sich gesammelt hat, in der Jude dem Christen die Hand reicht. Nach dem Kriege vollendeter sein Weltbuch• gleichzeitig verdichtet sich sein jüdisches Wirken. Er wird zum Leiter des Lehrhauses in Frankfurt a. M. berufen; dort hatte er in Nobel den dritten seiner jüdischen Lehrer gefunden. Der jüdische Lehrstuhl der Frankfurter Universität winkte ihm; da kam die Krankheit, die ihn nicht mehr verließ. Hier liegt der schwerste Kampf und der größte Sieg dieses heldenhaften Menschenlebens. .Wie

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