Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 96 (6.12.1929)
- Date
- 1929-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0,25 Qoldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldtnark- AtisUndsafecmniHtieBts werden in der W&hran#: der «laamloea berechnet Anreigesipreis: 8 *eap. NonpereÜleieile 0,50 CX-M. Stellengesuch© 0,25 G-M Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.tn.b.H,, BerlinW15, Meinekeatr. IO Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. Poet» check - Kost an: Berlin 173 92, Betel V 9355, Belgrad 680 32 Brtiseei 394 33. Bodip•« 596 93, Dmnm!973, Ha•« 140470, Pr•* 594X0, SfreesbtirR IM 30, Warschau 190?08, ־Wien 156 030 Bank-Konten: Daranstidier und Naiionalbank, Depositen Kasee Berlin, Kurfürstendamm 52; Bane* de Est, Cemauti (Rumintlexs); Anglo Palästina Go. in Haifa, jenisalem, Tel -Aviv. Nummer 96 1 Berlin, 6. XII. 1929 RedaktionsschluE Sonntag und Mittwoch nachmittag. ד׳ כסלו׳ תר״צ | xxxiv. j&hr*. Per Zionismus erstrebt tHr da» JOditch» Volk dl» Schaffung einer Dtfentllch-rechtlich gesicherten Helmstatte In Palästina, ״Baseler Programm.*1 Luke verläßt Palästina Fünf Monate Urlaub Jerusalem, 2. Dezember. (J.T.A.) Der Chef- Sekretär der Palästina-Regierung, H. C. L u k e, der während der Unruheepoche in Palästina bei Abwesenheit von Sir John Chancellor die Geschäfte des Oberkommissariats geleitet hat, und der vor einigen Tagen von der Untersuchungskommission über Ursache und Verlauf der Unruhe eingehend vernommen wurde, tritt am Mittwoch, dem 4.Dezember,einen für fünf Monate berechnetenUrlauban. Bereits vor mehreren Wochen hieß es, daß Luke kurz nach seiner Vernehmung durch die Untersuchungskommission einen längeren Urlaub antreten und wahrscheinlich nach Palästina nicht mehr zurückkehren wird. Wieder ein Arzt angeschossen Der jüdische Arzt Dr. Berkowitsch, der dem Stab des Hadassah-SanitMtswerkes angehört, wurde am 3. d. M. auf einer Tour In Galiläa überfallen und durch einen Schuß in die Brust schwer verletzt. Der Ueberfall hat sich folgendermaßen abgespielt: Das Auto, in welchem Dr. Berkowltsch fuhr, wurde zwischen zwei jüdischen Kolonien überfallen und beschossen. Es wurden etwa 30 Schüsse abgegeben. Drei Kugeln durchbohrten den Hut des Chauffeurs, eine Kugel tötete das Pferd des Zollbeamten von Rosch-Pinah, der zufällig gleichzeitig an jener Stelle vorbetritt. Der verwundete Dr. Berkowitsch wurde von Rosch-Pinah nach Safed gebracht und der Distriktsbeamte rief telephonisch den Arzt der schottischen Mission in Tiberias, Dr. Torrence, der an dem Verwundeten eine Operation vornahm. Der Zustand von Dr. Berkowitsch ist bedenklich, aber nicht hoffnungslos. Der Verwundete war früher Hadassah-Arzt ln Belsan, wo während der Unruhen sein Haus und die Apotheke geplündert wurde. Seitdem hatle Dr. Berkowitsch einen Posten in Galiläa übernommen. Die Früchte der Verhetzung Der Attentäter auf Bentwich erklärt, daß er durch arabische Zeitungen zu seiner Tat inspiriert wurde Jerusalem, 2. Dezember. 0• T. A.) Der junge Bote des Polizeidepartements, Abdul Ghani Tabek, der am Sonntag, dem 24. November, ein Attentat auf den Oberstaatsanwalt von Pa- ISstina, Norman Bentwich, verübte und ihn durch einen Gewehrschuß am Befn verletzte, hat im Verhör, über die Motive zu seiner Tat befragt, erklärt, er sei ein eifriger Leser der arabischen Presse und habe aus dieser Presse erfahren, daß Norman Bentwich als einer der größten Feinde der Araber zu betrachten sei. Er habe sich darum entschlossen, der arabischen Racbeals Werkzeug zu dienen. Bentwich ist bereits wiederhergestellt und hat seine Arbeit im Justizdepartement wieder aufgenommen. Die Trauer um Dr. Reich Der jähe Tod des Führers der ostgalizischen Zionisten hat in der ganzen jüdischen Welt aufrichtige Teilnahme hervorgerufen. In seinem Heimatlande gestaltete sich 4»§ Trau# «׳,'dleg ,..taten ״gebwg'׳f#’־#aaml»^ lüdenheit Ä ZiÄisehe« Orgählsationen im polnischen Reiche proklamierten eine achttägige Trauer um den Verstorbenen. Während dieser acht Tage fallen alle Vcranstaitungen, mit Ausnähme von Trauerfeiern für Dr. Reich, aus. Die gesamte jüdische Presse in Polen widmete Dr. Reich seitenlange Würdigungen seiner zionistisehen und allgemein jüdischeu Tätigkeit, ln diesen Aufsätzen wird erinnert, daß Dr. Reich bereits als Gymnasiast wegen seiner zionistisehen Betätigung aus dem Gymnasium ausgeschlossen wurde, daß er dann wegen seiner Stel- Jung als Vorsitzender des Jüdischen Nationalrates in Ostgalizien nach dem Zusammenbruche Oesterreich-Ungarns von der polnischen Regierung interniert und erst aut Intervention Englands befreit wurde. Man gedenkt in diesen Artikeln seiner aufopfernden Tätigkeit im Komitee der jüdisehen Delegationen während der Friedensverhandlungeu im Jahre 1919 in Paris, und seiner Amerikareise, um für die notleidenden jüdischen Institutionen in Ostgalizien Hilfe zu suchen. Mit Wehmut wird darauf hingewiesen, daß er in der letzten Zeit bestrebt war, eine Einigung aller Zionistisehen Organisationen in Polen herbeizuführen; dieser Versuch war jetzt, ungleich den vielen vorangegangenen, erfolgverheißend, weil Jizchak Grünbaum, Reichs bedeutendster Gegenspieler in der jüdischen Politik, nach dem Eintritt der Radikalen Zionisten Sn die Jewish Agency die Hand zum Frieden innerhalb der Zionistischen Organisationen in Polen entgegenzustrecken bereit war. Bald nach der Trauernachricht trafen bei der Familie Dr. Reichs und dem Zentralkomitee der ostgalizischen Zio nisten Kondolenzdepeschen aus der ganzen Welt ein. U. a. telegraphierten: Prof. Weizmann, alle zionistischen Orgamsationen aus der ganzen Welt, Leo M otzki n als Vorsitzender des Aktions-Comites, die Zionistische Verelnlgung für Deutschland und viele andere. Das Leichenbegängnis fand;!«;.MQntjigi^dem . ....... . ....... waren geschlossen, ־un- _ llhr 50 00d Menschen nabmen am Begräbnis teil. Außerordentlich zahlreich waren die Delegationen aus dem ganzen Lande. Selbst aus Wien traf eine Abordnung ein. Namens der Exekutive der Zionistischen Weltorganisation war Laz arüs Barth anwesend. Das Administrative Committee der Jewish Agency war durch die Nichtzionisten Dr. Parnas und Vizebürgermeister von Lemberg, Dr. Philipp Schlei■ eher, vertreten. Fast alle Mitglieder des jüdischen Sejm- Klubs, unter Führung des Obmannes Jizchak Grünbaum, hatten sich eingefunden. Die polnische Regierung und das Sejmpräsidium hatten gleichfalls Vertreter entsandt. Die Leiche wurde vom Wohnhause des Verstorbenen, wohin sie aus dem Krankenhause gebracht worden war, durch die belebtesten Straßen der Stadt auf den Friedhof geführt. Im Sterbehause, vor dem Gebäude der Jüdischen Gemeinde und auf dem Friedhofe wurden von den verschiedenen Vertretern Reden gehalten. In seinem Testamente bestimmte Dr. Reich, der bis zwei Stunden vor seinem Tode bei vollem Bewußtsein war, daß seine Familie sich in Palästina niederlassen, daß seine Gebeine nach Erez-lsrael überführt werden und seine zerstreuten publizistischen Arbeiten herausgegeben werden sollen. Der Ertrag aus dieser Edition soll dem Jüdischen Nationalfonds zufließen. Die Leitung der ostgalizischen Organisation übernimmt Dr. Emil Schmorak, den Sitz im polnischen Sejm wird Dr. Wolf innehaben, im Falle dieser verzichtet, wird an dessen Stelle Dr. Wiesenberg das Mandat ausüben. Die Stadtgemeinde Drohobycz, in der Reich geboren wurde, beschloß, eine Straße nach dem Verstorbenen zu benennen. Die jüdischen Zeitungen berichten von einem peinliehen Zwischenfall bei der Beerdigung Dr. Reichs. Namens des jüdischen Sejmklubs sollte Jizchak Grünbäum, der Präsident des Klubs, am Grabe des Verstorbenen eine Ansprache halten. Das Zentralkomitee der ostgalizischen Zionisten erhob jedoch dagegen Einspruch und erklärte, daß es zu unliebsamen Szenen kommen müßte, wenn gerade Jizchak Grünbaum, Reichs prominentester innerzionistischer Gegner, sprechen würde. Daraufhin erklärte Jizchak Grünbaum, nicht zugeben zu können, daß ein anderes Mitglied des Sejmklubs von Reich in einer Ansprache Abschied nehme, tatsächlich unterblieb auch eine Kundgebung namens des Sejmklubs. Znr Orangen-Saison Zwischen den jüdischen und arabischen Orangenexporteuren In Jaffa wurde ein Abkommen über die Zusammenarbeit bei der Durchführung des Exports der Früchte abgeschlossen. Ebenso wurde mit den verschiedenen Schiffsgesellscbaften, die die Verschiffung der Orangen vornehmen, ein Abkommen erzielt. Nach einer Mitteilung des ,,Empire Marketing Board“ wird in der kommenden Saison eine Erhöhung des Oran g cnexports nach England eintreten. Man erwartet," daß gegenüber der vergangenen Saison allein nach England 250000 Eis 300000 Kisten mehr zur Verschiffung gelangen werden. Auch der Export nach Deutschland wird eine starke Steigerung erfahren, da bereits jetzt nach dort über 300 000 Kisten verkauft wurden. Ein großer Teil der Transporte wird künftig über Triest gehen, nachdem die italienische Regierung Erleichterungen tür die Durchfuhr der palästinensischen Orangen gewähn hat — Der Gesamtexport von Orangen betrug in der letzten Saison schätzungsweise 1600000 Kisten. Der deutsche Anteil am Orangenexport von Palästina nach dem europäischen Kontinent betrug im Vorjahre bereits 60 0/0. Bestätigte und aufgehobene Todesurteile Jerusalem, 3. Dezember. (J.T.A.) Das Jerusalemer Appellationsgericht bestätigte aas vom Haifaer Distriktserlcht gegen Mustapha Derbes wegen Ermordung des Advoaten Toledano während des Safeder Pogroms am 29. August ausgesprochene Todesurteil. Dagegen hat das Appellationsgericht das Todesurteil gegen zwei Araber, die der Ermordung der Frau Lulu Farjoun im Safed schuldig befunden wurden, aufgehoben. _ Die Zionistische Exekutive beschloß, auf den. Gräbern der jüdischen Opfer der Massakers in Hebron und in Safed Grabsteine zu errichten, _ AnsdianungS'UnferrHhf Das jüdische Volk ist das Volk der Geschichte par exccllence. Nur aus seiner Geschichte ist das Judentum zu verstellen, das schon von alters her die höchste von ihm anerkannte Autorität auf geschichtliche Fakten, die ihm überliefert waren, stützte. Die moderne Judenfrage entstand dadurch, daß der jüdische Mensch unserer Generation diesen natürlichen Zusammenhang verloren hatte; ihm war das Gedächtnis seiner eigenen Existenz geschwunden. Erst aus der bewußten Wiedereinreihung in die Kontinuität gewinnen wir den Schlüssel zum Verständnis des heutigen Judentum* und damit auch eine sichere Basis für unser eigenes Leben. ״Wer die Zusammenhänge versteht, lebt ewig“, heißt es irgendwo in dem Stück eines modernen jüdischen Dichters. Der Jude, der sich zu seiner Geschichte und zu *einer Zukunft bekennt, sich selbst als Glied einer Kette begreift, hat die Zusammenhänge gefunden. Durch den Zusammenstoß der in der Enge ihrer Traditionsgebundenlieit befangenen jüdischen Welt mit der europälschen Aufklärung entstand im Judentum eine Umwälzung, die einen tiefgehenden Gestaltwandel zur Folge hatte. Das große Mißverständnis der Assimilation, das bis in unsere Tage hineinreicht, liegt darin, daß sie diesen Prozeß verkannte und den neuen Zustand für einen endgültige^ hielt. Bewußt oder unbewußt war die assimilatorische Generation bestrebt, die eigene Vergangenheit zu vergrasen, oder zu ״verdrängen“, wie man heute sagen würde. Aus der Geistesgeschiehte des Judentums während des letzten Jahrhunderts ist dies alles zu begreifen, auch die Fiktionen, an denen die Assimilation so leidenschaftlich festhält; z. B. die Fiktion, daß es eine prinzipielle Judenfrage gar nicht mehr gibt, sondern daß es sich bei allen Reibungen, die erfahrungsgemäß das jüdische Leben bestimmen, höchstens um Residuen handelt, um rückständige Stadien eines Prozesses, dessen Vorwfirtsschreit®, von■ seihst;dje Lös111|g.rlbwng|.,; Jjedkfipsg Situation der jüdischen Gemeinschaft und des einzelnen Juden lehrt elwas anderes. Die deutschen Zionisten heben׳ noch den tiefschürfenden Vortrag in Erinnerung, in welchem vor einiger Zeit Kurt Blumenfeld die ״jüdische Gesellschaft“ unserer Gegenwart analysierte; er zeigte überzeugend, wie ans innerer Notwendigkeit am Ende der Epoche der bewußten Assimilation das Judentum sich wieder jüdisch gruppiert und seine eigene Wertskala aufstellt, um sich seihst bejahen zu können. Aber diese Seifenblase birst Mit zwingender Notwendigkeit wird in einer neuen Generation, die der Leere inne wird und sich wieder über sich selbst Rechenschaft ablegen will, die Herstellung der Kontinuität, das Suchen nach den Zusammenhängen, die Wiederentdeckung des Judentums das zentrale Erlebnis. In diesem Prozeß der Erkenntnis dessen was ist, kommt dem Werk eines Schriftstellers besondere Bedeutung zu, der infolge seines eigenen persönlichen Schicksals ein unverdächtiger Zeuge genannt werden muß und mit kristallener Klarheit die heutige jüdische Situation wiederspiegelt. Ludwig L ewisohn ist als achtjähriger Knabe aus Deutschland in den nordamerikanischcn Süden ausgewanderL In seinem aufgeklärten Elternhause war nichts mehr von jüdischer Tradition erhalten, er wuchs gänzlich isoliert in rein amerikanischer Umgebung auf, wußte nichts vom Judentum und fühlte sich als Vollamerikaner, zumal er infolge seiner Meisterschaft in der englischen Sprache und Literatur an seinem Heimatsrecht gar nicht zweifeln konnte. Durch eine Reihe von Schicksalen, die er selbst erzählt hat, entdeckte er im späten Mannesalter plötzlich, daß er ein Fremder in seiner Heimat war, und schließlich fand er zu seinem jüdisehen Ursprung zurück. Das ist kein individuelles Schicksal, das ist ein typischer Fall, der nur durch die besonderen Umstände eine deutlichere Ausprägung gewinnt. Durch die genaue Kenntnis zweier Kontinente — vor einigen Jahren kam er mm erstenmal wieder nach Europa — war Lcwisohns Blick geschärft. Er durchschaute durch alle Hüllen hindurch das Wesen der modernen jüdischen Ge- Seilschaft, erkannte das Paradox dieses Judentums, und indem er der entdeckten Spur nachging, indem er persönlich nach Polen und später nach Palästina reiste, sich in der» Literatursalons der europäischen Hauptstädte umsah und mit einer fast unabsehbaren Menge charakteristischer Persönlichkeifen zusammentraf, vermochte er sich ein volles Bild zu machen, fand er den Schlüssel zum Verständnis der Judenfrage. Diese JudenFrage ist auf der ganzen Welt die gleiche. Es ist nicht nur Gleichheit des Schicksals und der Situation, nein, es sind dieselben Menschen, dieselbe seelische Dynainik, eine frappante Uebereinstimmung trotz dazwischenliegenden Ozeanen, eine stärkere Einheit als jede nur äußerlieh verbundene. In einer Reihe von Büchern hat Lewinsohxj seine Erkenntnis offenbart. Er hat das assimilatorische Judentum demaskiert wie kaum einer vor ihm. Die aufschlußreichsten seiner Bücher sind die autobiographischen Werke ״Up stream“, ״Israel“ und ״Midchanncl“. Am wirkungsvollsten aber dürfte der Roman sein, der unter dem