Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 93 (26.11.1929)
- Date
- 1929-11-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 0£3 Qoldmark, JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bet der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5.75 Goldtnark. Au»l»ndi11hotu.fmenta werden in der Wöuun«! der einrelnen Linder berechnet Anreigenpreis: 8 Reep. Nonpereibeiefle 0,50 G.-ML Stellengesuche 0,25 G.-M Nummer 93 I Berlin, 26. XI. 1929 Redaktion Verlag and Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., BerUnW15, Meinekestr.IO Telephon: J 1 Bismarck 7165 -70. Ans«ig«Bsch]t1S: Dienstag und Freitag nachmittags 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Poet» check-Konten: Berlin 17392, Beed V 9355, Betend 68033 Brünnl 394 33, Bndepe* 596 93, Denri* 1973, Hm* 140 4 70, Pn* 594», Stneebari 164 30, Werachea 190 708, Wien 156 030. Bank-Konten: OermstSdter und Natianelbenk, Depositen - Kesee Berlin, Kurfürstendenun 52: Betten de Hst, Cernatiti (Rumänien); Asch Psletlno Cts, in Hniin, Tectsnlem, Tel.Aviv. כ״ג חשון* תר״צ I xxxiv. Jahrg. Der Zionismus erstrebt IDr da» ]Qdlsche Volk di• Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programme“ Attentat auf Bentwich Leichte Verletzung am Bein ־־ Der Attentäter verhaftet Jerusalem, 24. November. (J.T.A.) In ganz Pallstina herrscht Aufregung über ein Attentat, das am Sonntag, dem 24. November, nachmittags, auf den Chef des Justizdepartements der Palästina-Regierung und Oberstaatsanwalt Norman Bentwich, der bekanntlich der einzige höhere jüdische Regierungsbeamte Palästinas ist, verübt worden ist. Als Bentwich am Spätnachmittag des Sonntag sein Büro verließ, gab ein jugendlicher arabischer Polizeidiener, Abdul Ghami Tabek, der aus Kebatya, einem Dorfe in der Nähe von Dschenin, stammt und beim Departement für Polizei- und Gefängniswesen als Bote beschäftigt ist, Schüsse auf ihn ab. Eine Kugel traf Bentwich ins Bein und verletzte jhn schwer. Norman Bentwich wurde in das Hospital gebracht; der Attentäter konnte an Ort und Stelle verhaftet werden. Die Nachricht über das Attentat verbreitete sich blitzschnell über ganz Jerusalem und erweckte allgemeine Empörung. Mehrare hohe Regierungsbeamte, unter ihnen der Chefsekretär Luke, besuchten sofort Bentwich im Hospital und sprachen ihm ihre Anteilnahme aus, indem sie Ihrer Entrüstung über das Attentat Ausdruck gaben. Die Untersuchung gegen den Attentäter und seine eventuellen Hintermänner führt der Polizeikommandant Mavrogordato persönlich. Man vermutet, daß der Attentäter Tabek im Auftrag einer Terroristenorganisation gehandelt hat. Der Ueberfall erscheint sehr sorgfältig vorbereitet, für die Ausführung des Attentats wurde der Sonntagnachmittag gewählt, da zu dieser Stunde außer Bentwich keine anderen Regierungsbeamten im Regierungsgebäude anwesend sind, weil alle Büros geschlossen sind. Dr. J a s k y, der im Auftrag der ״Hadassah“ Bentwich im Regierungshospital besuchte, um ihm die Sympathie auszudrücken, hat auch die Schußwunde untersucht. Beim Verlassen des Hospitals teilte Dr. Jasky dem JTA.-Vertreter mit, die Kugel sei in die Wadenmuskeln eingedrungen und hat den Knochen nicht verletzt. Die Kugel wird durch eine Operation leicht zu entfernen sein. Eine Gefahr für das Leben Bentwichs bestehe nicht, wenn nicht unerwarteterweise sich eine Infektion entwickelt. * Jerusalem, 22. November. (J. T. A.) Vom 5. September, an welchem Tage die Regierung erklärte, daß sie die Zügel fest in der Hand halte, bis Freitag, den 15. November, waren in Palästina 59 Fäilevon Angriffenauf Juden, darunter Mord - und Raubfälle, zu verzeichnen gewesen. Drei Juden der Jerusalemer Vorstadt Mekor Chajim, gegen die auf □rund der Aussagen arabischer Zeugen eine Untersuchung auf Mord eingeleitet wurde, wurden aus der Haft entlassen, da sich ihre vollkommene Unschuld ergeben hat Das gleiche war der Fall bei einem vierten Jerusalemer Juden. Vom Preußischen Landesverband Verbandstag am 23. März. — Für Entgiftung des innerjüdischen Kampfes Dem amtlichen Kommunique über die letzte Sitzung d e s R alM «jtoehnjp wir;, י'‘,‘ ■'**־ Landesverbandes jüdischer Gemeinden unter dem Vorsitz des Präsidenten, Kammergerichtsrat Leo Wolff zu einer Sitzung zusammeij. Als Nachfolger von Professor Dr. Türk wurde zum stellvertretenden Präsidenten des Rates Dr. Ismar F r c und gewählt. Der Abschluß für das Rechnungsjahr 1928/29 sowie der Haushaltsplan für das Rechnungsjahr 1930/31 wurden festgestellt Dabei wurde von dem Schatzmeister, Direktor Kareski, nachdrücklich auf die gespannte Finanzlage des Landesverbandes hingewiesen, die dazu zwinge, sich in allen Ausgaben die größte Zurückhaltung aufzuerlcgen und die Erfüllung mancher dringender Aufgaben für bessere Zeiten zurückzustellen. Eine Besserung der Verhältnisse ist nur von der Erhöhung der Staatsbeihilfen zu erwarten, für die indessen bei den in Frage kommenden Stellen leider nicht immer das erforderliche Entgegenkommen angetroffen wird. Es wurde ferner noch beschlossen, den nächsten Verbandstag auf den 23. März 1939 und folgende Tage einzuberufen. Der übrige Teil der vom frühen Morgen bis in die zehnte Nachtstunde dauernden Sitzung wurde von einer Besprechung über die Lage des preußischen Judentums ausgefüllt. Sie knüpfte an den Aufruf ״Hilfe durch Aufbau“, welcher anläßlich der in Palästina durch Araber verübten Judenmetzeleien von den deutschen Mitgliedern der Jewish Agency erlassen worden ist, und an die ihm gegenüber veröffentlichte ״Erklärung deutscher Juden“ an. Nach langer Aussprache, bei der die gegensätzlichen Anschauungen oft stark zutage traten, gelang es, ihr Ergebnis in der folgendeu Entschließung zusammenzufassen, mit deren Wortlaut alle Anwesenden einverstanden waren, und die demzufolge einstimmig angenommen wurde: ״Der Große Rat des Preußischen Landesverbandes jiidischer Gemeinden gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Würde des jüdischen Namens und das Ansehen der deutschen Juden es dringend erfordern, den innerjüdischen Kampf zu entgiften. Die Austragung von Meinungsverschiedenheiten, sei es vor der jüdischen, sei es vor der nichtjüdischen Oeffentllchkelt, muß ohne jede Minderbewertung einzelner jüdischer Gruppen In staatsbürgerlicher Hinsicht erfolgen. Ebensowenig darf eine Herabsetzung von Gegnern, sofern sie vom Willen zur jüdischen Gemeinschaft erfüllt sind, als Juden stattfinden.“ In einer besonderen Sitzung des Engeren Rates wurden die durch den Tod von Prof. Türk frei gewordenen Dez ernate der Unterrichts- und der Wohlfahrtsangelegenhe iten neu vergeben; das erstere wurde Prof. E1 bogen, das letztere Direktor Ostberg übertragen. in Ergänzung des vorstehenden Berichtes wird weiter mitgeteilt, daß die Erörterung über die Läge im preußischen Judentum durch einen an den Rat auf Grund des Art. 16 der Verfassung des Landesverbandes gelangten Antrag der F r a k t i 0 n der Jüdischen Volkspartei des Verbandstages veranlaßt wurde. Der Antrag forderte die sofortige Einberufung des Verbandstages mit der Tagesordnung: ״Aussprache über die Lage im preußischen Judentum“ und wurde im Rat von Ministerialdirektor Dr. Badt und Dr. Sandler, die zugleich Mitglieder des Rates und des Verbandstages sind, begründet. Nach der einstimmigen Annahme der oben mitgeteilten Ent- Schließung wurde der Antrag der Volk spart ei zurück gezogen. Wie wir erfahren, haben an der Sitzung eine ganze Reihe von Unterzeichnern der Erklärung teHgenommen, darunter Dir. Ostberg, Kammcrgcrichtsrat Wolff, Justizrat Goldleid (Breslau), Rabb. Galliner, Dr, Breslauer, Rabb. Vogelstein, Justizrat Peyser (Breslau) u. a, Nabum Sokolow in Bukarest Bukarest, 22. November. (J.T.A.) Nabum Sokolow, der Präsident der Zionistischen Welt-Exekutive, Ist In Begleitung seiner Tochter, Fräulein Dr. Sokolow, In Bukarest eingetroffen, und wurde am Bahnhof von Deputationen der großen jüdischen Körperschaften enthusiastisch empfangen. Tausende Juden der rumänischen *Hauptstadt, geführt von den nimlnisehen Mitgliedern der Jewish Agency EH Berkowicf und Dr. W. Filderman, sowie vöm Senator Oberrabbiner Dr. Niemirower, Dr. Theodor Fischer Lazar Margulies, den radikal-zionistischen Führern Dr. Stern und Dr. Singer, den Präsidenten der Bnei Brith-Loge Dr. Joseif und Dr. Bercovid, hatten sich eingefunden, um Nahum Sokolow־ zu begrüßen. Von der Arbeit des Keren Hajessod Der Deutsche Keren Hajessod hat im Jahre 5689 (I. Oktober 1928 bis 30. September 1929) ca. 983 000 M. aufgebracht gegen ca. 904 000 M. im Vorjahre. In dem Ergebnis des Jahres 5688 ist ein Einzelbetrag in Höhe von 100 000 M. enthalten, der für einen Sonderzweck (Liquidierung der Arbeitslosigkeit) gegeben wurde, während im Ergebnis des jetzt abgeshlossenen Jahres 5689 110 000 M. miteinbegriffen sind, die im September für die Sonderaktion ״Hilfe durch Aufbau“ eingingen. Zum Gesamtergebnis des letzten Jahres hat Berlin etwas mehr als ein Drittel, genau 33,10/0, beigesfeuert, die übrigen sieben Großgemeinden: Breslau, Frankfurt a. M., Hamburg- Altona, Köln, Leipzig, München, Nürnberg-Fürth etwas mehr als ein zweites Drittel, weitere 37 Orte in Deutschland mit Beiträgen über 2000 M. leisteten weitere 26,3 °/0 des Gesamtergebnisses. Die zionistischen Keren Hajessod-Zahler trugen 58/3 0/0j die nichtzionistischen Keren Hajessod-Zahler 41,7 0/0 bei. Für die ״Hilfe durch Aufbau“- Aktion sind im Oktober noch ca. 35000 M. eingegangen, so daß das Gesamtergebnis der Sonderaktion per 31. Oktober 1929 ca. 145 000 M. ausmachte. Da au regulären Beiträgen im September ca. 78 000 M,, im Oktober ca. 80 000 M. eingingen, brachten die beide« letzten Monate ein Gesamtergebnis von mehr als 300 000 M. Gegenwärtig bemüht sich die Leitung des Deutschen Kereu Hajessod, die Zeichnungserneuerungsaktion für das Jahr 5690 bei den Freunden und Mitgliedern des Keren Hajessod durchzuführen. Daneben wird wie immer versucht, neue Freunde und Förderer zu gewinnen. Es ist dringend erforderlieh, daß jetzt nach Beendigung der Sonderaktion mit aller Kraft an der Beschaffung der Mittel für das reguläre Palästina-Budget der Jewish Agency gearbeitet wird. Wenn alle zionistischen und nichtzionistischen Palästinafreunde ihre Pflicht tun, muß es möglich sein, die Keren Hajessod-Eingänge aus Deutschland im neuen Jahr 5690 erheblich zu steigern. Alle Freunde des Keren Hajessod werden daher dringend gebeten, nicht nur durch Abgabe ihrer eigenen Neuzeichnung, sondern auch durch persönliche Mitarbeit dieses Ziel zu sichern. ״Dawar“ erscheint wieder Jerusalem, 21. November. (J.T.A.) Die hebräische Tageszeitung ״Dawar“, Organ der Arbeiterschaft, die vor mehreren Tagen wegen Veröffentlichung der ״schwarzen Liste“ der Regierung verboten wurde, darf von heute ab wieder erscheinen. Gespannte Lage Gewalttat und Terror — Die Untersuchung enthüllt die Sdtwädic der Regierung — Die Führung politischer Verhandlungen ist Reservat des Präsidenten jlcr Agency Während noch die Untersuchungskommission damit beschäftigt ist, den Verlauf der Unruhen des letzten August und ihre Ursachen zu untersuchen, sind eine ganze Reihe von neuen Gewalttaten im Lande verübt worden. Es herrscht in Palästina trotz der militärischen Besatzung ein Zustand größter Unsicherheit Nach dem Mordversuch an Dr. Ticho, der in Palästina und außerhalb Palästinas ungeheure Entrüstung hervorgerufen hat, kommt jetzt die Nachricht über den Anschlag auf Bentwich, den Oberstaatsanwalt und Justizsekretär der Palästina-Regierung. Bentwich ist glücklicherweise mit einer leichten Verwundung weggekommen, aber gerade dieses Attentat ist außerordentlich symptomatisch, denn es zeigt deutlich, daß wir es hier mit politischen Akten zu tun haben, die offenbar von einer geheimen terroristischen Organisation ausgeführt werden. Man kennt diese Art des Kampfes aus anderen Ländern, z. B. aus dem benachbarten Aegypten. Gegen Bentwich wird bekanntlich seit Jahren eine erbitterte Hetze seitens der ganzen arabischen Presse und der maßgebenden Araber betrieben. In der oft zitierten Reihe der arabischen Forderungen, die mit der Ab- Schaffung der Balfour-Deklaration beginnt, steht die Ab- Setzung von Bentwich an prominenter Stelle, und sogar vor der Untersuchungskommission haben die Anwälte der Araber gewagt, Beschuldigungen der Parteilichkeit gegen Bentwich zu erheben, dessen persönliche und amtliche Korrektheit über jeden Zweifel erhaben ist; — so erhaben, daß er auch von jüdischer Seite oft wegen mangelnden Entgegenkommens angeklagt wurde, da er, ungeachtet seiner persönlichen Anhänglichkeit an das zionistische licher Objektivität vorging. Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß kürzlich (wie von uns berichtet wurde) einige antisemitische Beamte sich eine schwere Beleidigung Bentwichs erlaubten, was sicher nicht dazu beigetragen hat, seine Position gegenüber der arabischen Hetze zu stärken. Nun erhebt sich die Frage, wie die Regierung auf diesen Ueberfall eines ihrer höchsten Würdenträger reagieren wird. Vor allem wäre es Sache der Regierung, festzustellen, wie die von ihr als Führer des Arabertums im Lande anerkannten Kreise über derartige Taten denken. Wenn nicht mit Energie dem Umsichgreifen solcher Fälle entgegengetreten wird, dann sind die Konsequenzen nicht abzusehen, denn es würde bedeuten, daß angesichts der Unfähigkeit der Regierung, Mord und Ueberfall zu verhindem, ein allgemeines Selbsthilfeprinzip Platz greifen würde. * Die Untersuchungskommission hat mit der Ein vernähme Lukes die Reihe der Zeugen aus Kreisen der Beamtenschaft beendet. Es ist jetzt möglich, einen ersten summarischen Ueberblick über die Aussagen der Beamten zu werfen. Man hat im allgemeinen den Eindruck, daß die Beamten mit großer Offenheit und Loyalität ausgesagt haben. Sie haben ihre eigenen Mißgriffe und Irrtümer nicht verschwiegen, sondern höchstens zu erklären gesucht. Die Hauptentschuldigung, die von den einzelnen Zeugen vorgebracht wurde, war die, daß sie über zu geringe Sicherheitskräfte verfügten und sich über die Dimensionen des Aufstandes nicht im klaren waren, Sie standen unter dem Drucke der Furcht, daß es sich um einen allgemeinen Aufstand handeln könnte, der noch durch Verstärkungen aus den Nachbarländern vergrößert werden könnte, und da sie glaubten, mit dem vorhandenen Militär nicht der Lage Herr werden zu können, suchten sie Mittel der Beruhigung. Dies war vor allein die Politik von Luke. Angesichts der Tatsachen die nachfolgten, läßt sich heute sagen, daß diese Politik verfehlt war. Daraus folgt, daß die Regierung und die leitenden Beamten nicht auf der Höhe der Situation standen. Sie waren völlig überrumpelt, uninformiert und ratlos. Sie hatten keinerlei Vorkehrungen getroffen, obwohl sie gewarnt worden waren. Sie hatten eine Polizei im Lande, die sie selbst als unbrauchbar bezeichnen. Sie haben auch zu dem von ihnen angestrebten Ziel der Beruhigung der arabisehen Massen falsche Mittel angevvendet. Die Entwaff« mmg der Juden war kein geeignetes Mittel. Dagegen hat man nichts gegen die Verbreitung der unsinnigen Qerüchte über die jüdischen Angriffe auf die Omar-Maschee getan. Der Fall des Captain Partridge, der durch den Nachweis, daß die Omor-Moschee unversehrt ist, Tausende von Beduinen zur Umkehr bewog, beweist, daß In dieser Hinsicht vieles unterlassen vyurde. Ja noch Wochen nach den Unruhen wurde in Palästina und in allen moslemischen Ländern, ja sogar in manchen Teilen Europas