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Jüdische Rundschau · 1929-11-15 · Heft 90 (15.11.1929) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 90 (15.11.1929)
Date
1929-11-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 0,25 Qoldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag, Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. A״.l»nd11»b<־ra»«n»nt» w«dm In der WIhrun« der Linder berechnet. Anteir«!8 •־״®״ S*«r• Neopnteffletefl« 0,50 G-M, SteUen«Mt1d>e 0.2S G.-M. Redaktion Verlag und Anzeigen - Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., BerlinWlS, Melnekestr.lO Telephon: J1 Bismarck 7165-70. Peiiichtrlt ■Kostto! BarÜa 173 92, Pesel V 9355• Belp^d 680 32» BNUmI 394 33. Budapest 596 93, Dsnzi*!973, H.a* 140 470, Prag 59410, Straisbun[!6430, Warachau 190708, Wie» 156030. Bank-Kenten: DirmstSdter und Naticmalhaak, Deposiie« Kaste Berlin» Ktirfümezidamm 52; Baaea da Hat, Cemauti < Rumänien): Auglo Palettine O». in Htffa, lernst!«!», Tel.Aviv Nummer 90 | Berlin, 15. XI. 1929 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. 1 י״ב חשון׳ תר״צ xxxiv. Jabrg. Dar Zlonlwnu» ergtrebt fOr da» JO dl«cha Volk dl« Schaffung einer Öffentlich■ rechtlich getiehertan Heimstatt« ln Palästina. ״Baseler Programm.“ Überfall auf Dr. Ticho Keine Lebensgefahr — Word bei Haifa — Eine arabisdie Terror‘׳Bande? Jerusalem, 12. November. Der bekannte Augenarzt Dr. TI c h 0 wurde, als er sich heute In seine Klinik begeben wollte, von einem Araber überfallen und durch Messerstiche in den Rücken schwer verletzt. Die Täter sind entkommen. Dies ist um so auffallender, als Dr. Tichos Klinik am Eingang von Meah Schearlm, gerade gegenüber einer Polizei- Station, liegt, so daß Polizei gleich zur Hand gewesen sein muß. Unter der gesamten Bevölkerung Jerusalems herrscht unbeschreibliche Empörung, da Dr. Ticho in zwanzigjähriger Tätigkeit Tausenden von Menschen — und besonders Arabern — das Augenlicht gerettet hat. Dr. Ticho wurde in das Hadassah-Hospltal gebracht, wo er einer Operation unterzogen wurde. Wie uns am U. d. M. telegrapblsch mitgeteilt wird, wurde der Verwundete außer Gefahr erklärt. * Der Anschlag auf Dr. Ticho hat weit über die Grenzen Palästinas in jüdischen und nicht jüdischen Kreisen größtes Aufsehen und Entrüstung erregt. Ticho genießt als Augenarzt internationalen Ruf und wird von europäischen Autoritäten als der bedeutendste Fachmann im Vorderen Orient anerkannt. Er hat eine besonders große arabische Praxis, da aus den umliegenden Ländern vornehme Araber zur Behandlung zu ihm zu kommen pflegen. Ticho ist aber auch ein Wohltäter der Armen, und in seiner Klinik wurden Tausende von Juden und Arabern behandelt. Aus der Zeit der Unruhen wird u. a. berichtet, daß Ticho seine arabischen Patienten, gegen die eine erregte jüdische Menge drohend Stellung nahm, gegen jede Belästigung energisch schützte. Von verschiedenen Seiten wird die Vermutung ausgesprochen, daß es sich um die Tat einer arabischen terrori¬ Pro!. Brodetsky in Berlin Das Mitglied der Zionistischen Exekutive, Prof. S. Brodetsky, wird in diesen Tagen zum erstenmal in größeren Veranstaltungen in Deutschland auftreten. Er wird der Hauptredner sein bei Veranstaltungen der Jewish Agency und des Keren Hajessod in Elberfeld und Berlin. Einem kleineren Kreis von deutschen Zionisten ist Brodetsky bereits seit langer Zeit von internationalen Tagungen her bekannt Als nach den Ausscheiden von Josef Cowen und Dr. Eder aus der Exekutive sich die Notwendigkeit einer Verstärkung durch englisch-zionistische Kräfte ergab, wandten sich alle Blicke vor allem Brodetsky zu, dessen Begabung schon früher aufgefallen war und der sich schnell durch sein liebenswürdiges Wesen und seinen Common sense Sympathien innerhalb der zionistischen Welt erworben hatte. Brodetsky hat sein Lehramt als Professor der Physik an der Universität Leeds nicht aufgegeben, ist jedoch jede Woche mehrere Tage in London, wo er gemeinsam mit Kaplansky das politische Department leitet Während der Ab- Wesenheit Dr. Weizmanns hatte Brodetsky die politischen Ver- Handlungen mit Regierung und Einzelpersonen zu führen, besonders in den letzten Wochen hat er eine sehr intensive Tätigkeit entfalten müssen. Schon aus diesem Grunde ist gerade er besonders gut informiert über die politischen Verhältnisse und alle Palästina-Freunde, Zionisten und Nichtzionisten, werden seinem Referat mit größtem Interesse entgegensehen. Wir begrüßen Brodetsky in Deutschland, das er noch von seiner Studentenzeit her kennt, und hoffen, daß die Tage des Beisammenseins dazu dienen werden, einen dauernden Kontakt mit ihm herzustellen. Nene Zertifikate für Deutschland Nach el יי t n1- . . 1:׳ ' in Ber n ei getroffenen Telegramm der Exekutive wurden denn Palästina-Amt ln Berlin zunächst 55 neue Zertifikate für Chaluzim zur Ein- Wanderung nach Palästina zur Verfügung gestellt Politische Kommission der Jewish Agency Am Dienstag, dem 12. November, begann in London die Tagung der polnischen Kommission der Jewish Agency. Den Vorsitz führte der Präsident des Council der Jewish Agency Lord M e I c h e 11. An der Beratung nehmen teil Baron James de Rothschild, Direktor Oscar Wassermann, der Präsident der Jewish Agency Prof. Chaim Weizmann, die Mitglieder der Zionistischen Exekutive in London, die englischen Mitglieder der Jewish Agency und die Mitglieder der politischen Korn- Mission (aus Deutschland Dr. Georg Landauer). In der ersten aitzung wurde die Lage In Palästina durchgesprochen. Cyrns Adler Nachfolger Marshalls . New York. 12. November. (J.T. A.) Dr. Cyrus Ad 1 er, ■ rasident des Jüdischen Theologischen Seminars von Amerika, wurde in der soeben in New York abgehaltenen 23. Jahres- Tagung des American Jewish Committee zum Prä:,identen dieser Körperschaft an Stelle des verstorbenen Marshall gewählt. Zum Vizepräsidenten wurde Julius Rosenwald aus Chicago wiedergewählt. Die Stelle des zweiten Vizepräsidenten wurde durch Richter Irving Lehman besetzt stischen Organisation handelt, die ein Interesse daran hat, Palästina nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Die palästinensische Polizei muß jedenfalls alles aufwenden, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Wenn unter englischer Herrschaft fortgesetzt derartige Taten möglich sind, so ist das eine empfindliche Schädigung des Prestiges der Macht, der die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit anvertraut ist. Vor allem muß erwartet werden, daß die ve rantwörtlichen Organe der Araber, die Arabische Exekutive, mit allem Nachdruck gegen Missetaten dieser Art Stellung nehmen, sonst machen sie sich mitschuldig. Auch die arabischen Instanzen sollten ein Interesse daran haben, bei der Auffindung der Täter mitzuwirken, denn wenn sie vorgeben, einen p o 1 i - tischen Kampf zu führen, so wird ein Mordanschlag auf einen großen Arzt und Menschenfreund keineswegs ein Mittel sein, diesem politischen Kampf Sympathien zu verschaffen. Alle verantwortlichen Stellen müssen auch verstehen, daß die Judenschaft einem solchen ungehinderten Treiben nicht ruhig Zusehen kann. * Ueber eine andere Schreckenstat berichtet die J. T. A.: In der Nacht zum Mittwoch, dem 13. November, wurden Jeschaja Levit und Frau Fanni Badash, die sich im Wagen auf dem Wege nach ihrem Wohnort K e r k u r befanden, in der Nähe von C h e d e r a h an der Eisenbahnstation von einem Trupp Araber angegriffen. Frau Badash wurde in grauenvoller Weise ermordet, Jeschaja Levit durch Schüsse lebensgefährlich verwundet Die Pferde wurden ausgespannt und weggeführt, der Wagen wurde geplündert. Sechs Araber wurden als der Tat verdächtig verhaftet fanAervefde In Hamborg Die Tournee des belgischen Staatsministers Emile Vandervelde und seiner Gattin fand mit einem Besuch von Hamburg am 2. und 3. November ihren Abschluß. Der Oberbürgermeister von Altona, Dr. Brauer, Mitglied des Deutschen Komitees Pro Palästina, veranstaltete zu Ehren der Gäste einen E m p f a n g, an dem eine große Anzahl führender Sozialisten teilnahm. An ein kurzes Referat von Vanderveld#, der im besonderen darlegte, warum er als Sozialist dem jüdischen Aufbauwerk in Palästina Jnteresse entgegenbringt, schloß sich eine angeregte Diskussion*. Bei einem Presse- Empfang am folgenden Tage, an dem sich die Vertreter von zehn Tageszeitungen aus Hamburg, Bremen und Kiel beteiligten, stand die Erörterung der politischen Fragen (Araber- Problem, Stellung der englischen Regierung und des Völkerbur.des) im Vordergrund. Zu Ehren der Gäste veranstaltete Dr. Georg H a I p e r n , Mitglied des Administrative Committee der Jewish Agency, ein Frühstück, an dem die Hamburger Mitglieder des Deutschen Komitees Pro Paläs'ina, darunter Bürgermeister Dr. Petersen, sowie die Mitglieder des Initiativ- Komitees der Jewish Agency und des Ortskomitees des Keren Hajessod teilnahmen. Zu der Hauptveranstaltung, d-em Bankett-Abend der Jewish Agency und des Keren Hajessod, erschienen etwa 450 Personen, darunter sehr viele Nichtzionisten. Auf die Begrüßungsansprachen der Herren L i s s e r namens des Keren Hajes od-Komitees und Dr. Buch holz namens der Zionistischen Organisation folgten die Referate von Herrn und Frau Dr. Vandervelde. Vandervelde setzte sich hier auch mit den Einwänden auseinander, die sein Parteigenosse Kautsky kürzlich in der Presse gegen das jüdische Kolonisationswerk in Palästina erhoben hat. Herr Julius Schindler dankte den Referenten und forderte die Anwesenden zur tatkräftigen Förderung des jüdischen Palästina- Werks durch Beteiligung am Keren Hajessod auf. Er verlas einen Brief von Max Warburg, der durch den Trauerfall in seiner Familie am Erscheinen verhindert war, aber erneut seiner Verbundenheit mit dem Oedanken des jüdischen Palästinawerks Ausdruck gab. Fm Schlußwort behandelte Dr. H a 1 p e r n die Bedeutung der Erweiterung der Jewish Agency und die gegenwärtige Situation in Palästina. Nachtverkehr in Jerusalem gestattet Jerusalem, 11. November. (J. T. A.) In Jerusalem kam es seit einigen Tagen zu keinerlei Zwischenfällen mehr. Die Regierung gestattet von heute ab den Straßenverkehr die ganze Nacht hindurch. (Nach dem Ausbruch der Unruhen war der Verkehr nur bis 6 Uhr abends, später bis 11 Uhr abends gestattet.) Palästina-Fragen im englischen Unterhaus Auf eine Frage von Colonel Wedgwood erwiderte Unterstaatssekretär Lunn, daß laut den Daten, die vor Ausbruch der Unruhen Vorlagen, 211 Juden und 1120 Araber und nichtbritische Christen in der palästinensischen Polizei dienten. Der transjordanischen Grenzmacht gehörten 27 Juden und 441 Araber an. Die letztgenannte Truppe operiert — obwohl sie für den Dienst sowohl in Paläslina als auch in Transjordanien verfügbar ist — hauptsächlich in Transjordanien, so daß auf sie die Balfour-Deklaraiion keine Anwendung findet! Colonel Wedgwood: Sind diejenigen Polizisten, die am 23. August in der Erfüllung ihrer Pflicht versagten, wieder in die Polizei eingestellt worden; wenn ja, ist gegen sie ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden? Lunn: Ich werde dieser Angelegenheit nachgehen. Facetten des deutschen Judenproblems Protestisraeliten. - Hekenkreuzler Berlin, 14. November. Seitdem das moderne Judentum unter Führung des Zionismus das Wesen der Jjudenfrag* erkannt hat, wissen wir, daß unser Leben ein steter Kampf und eine stete Auseinandersetzung sein muß, um der Lösung dieser Frage näherzukomtnen. Wir Zionisten, die in dem Werk des Palästina-Aufb aus den Anfang einer Lösung sehen, haben innerhalb des Judentums den Kampf gegen die Assimilation zu führen, die immer wieder aggressiv auftreten muß, da es ihren Trägem darauf ankommt, ihr schlechtes Gewissen, das sie dem Judentum gegenüber haben müssen, dadurch zu be• schwichtigen, daß sie das Wahre nicht wahr haben wollen und gegen die zionistische Formel Sturm laufen. Manche Zionisten haben gemeint, daß durch die Beteiligung weiter nichtzionistischer Kreise am Palästina* werk dieser Kampf überflüssig geworden ist. Dies ist ein Irrtum; denn wenn auch eine palästinafreundliche Peripherie sich um den Zionismus gebildet hat, so entsteht jenseits dieser Peripherie neue Gegnerschaft, und in diesem Kampf sind unsere neuen Freunde unsere natürlichen Bundesgenossen, denn auch sie werden verdächtigt und insultiert. Die Angriffe gegen das Palästinawerk arbeiten mit denselben Argumenten wie seit 30 Jahren; sie gehen aus von vermeintlichen individuellen Interessen einzelner Juden — auf die Frage der Erhaltung des Judentums wissen sie keine Antwort Die Judenfrage manifestiert sich in verschiedenen Formen. Da ist zunächst der Judenhaß, der Antisemitlsmus, und als seine Folgen die äußeren und inneren Schädigungen, hinsichtlich der Lage aller Juden und der seelischen Struktur einzelner Juden. Ist, wenn auch nur Im bescheidenen Maß und auch nur In Westeuropa, der Zionismus in gewissem Sinne eine Reaktion auf die ewige Judenfeindschaft, so kann man diese Reaktion als natürlich und gesund ansehen. Hingegen ist die betonte Assimilation, als Folge des Antisemitismus eine Reaktion schwächlicher Charaktere und entwurzelter Seelen. Zionismus bedeutet in der Diaspora, besonders in Westeuropa, eine psychologische Lösung des Juden- Problems, indem er den jüdischen Menschen zur Selbstbesinnung bestimmt und ihn gegen die seelische Schädigung der Judenfeindschaft immun macht. Assimilation aber ist in sehr vielen Fällen die Flucht des ängstlichen und resignierten Juden vor der jüdischen Wirklichkeit, und damit im Grunde genommen ein stillschweigendes Zugeständnis, daß jüdische Eigenart und Anspruch auf Gleichberechtigung unvereinbar sind. So erklärt es sich, daß sehr viele Assimilanten zwecks Exkulpierung vor dem Antisemitismus den Zionismus bekämpfen. Daß dieses Vorgehen sinnlos ist, braucht nicht bewiesen zu werden. Es nützt nicht hinsichtlich der Antisemiten und schafft auch den Assimilanten nicht die erwünschte Beruhigung. Trotz Assimilationsfonnein bleibt die Situation der Assimilanten problematisch und ihre Flucht vor dein Judentum in die verschiedensten Bezirke, wie in fremden Nationalismus und verschiedenste moderne Bewegungen, macht sie dem kritischen Auge als Deserteure vor der Judenfrage erkennbar. Auch weite nichtzionistische Kreise, die weder zionistenfreundlich noch in der Agency sind, erkennen heute bereits, daß der Antisemitismus nicht durch die Betonung einer bestimmten Gesinnung bekämpft werden kann und daß es unzulässig und natürlich auch völlig wirkungslos ist, durch Preisgabe eines Teiles der Juden für den Rest eine bessere Position erringen zu wollen. Dennoch gibt cs noch einige Unbelehrbare, die das deutsche Judentum irreführen und aufputschen. * Die militante Assimilation, um Naumann und Ostberg gruppiert, ließ es nicht bei der Abfassung von Erklärungen und deren perpetuierlicher Veröffentlichung im Annoncenteil der großen deutschen, darunter auch antisemitischen Tageszeitungen hewenden. Sie trug den Kampf der Assimilation gegen bewußtes Judentum — Palästina und die letzten Ereignisse in Erez-Israel sind nur Anlaß und Ausrede — vor zwei Wochen in die Berliner jüdische Gemeindestube und veranstaltete am 11. November eine ״Kun dgebung deutsche r J uden“ im ehemaligen Preußischen Herrenhaus. Zu dieser Versammlung hatten sie eine streng gesiebte Gesellschaft geladen. Doch selbst aus dem Kreise dieser ausgewählten Zuhörer haben wir eine Fülle von Zuschriften erhalten, in denen Empörung und Widerwillen wegen dieser Veranstaltung und der Grundstimmung, die dort herrschte, zum Ausdruck kommen. Es handelt sich tatsächlich bei dieser Sache hauptsächlich um die Geisteshaltung und weniger um die einzelnen Reden, die dort gehalten wurden. Man kann über die Knechtseligkeit einer Erklärung lachen,

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