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Jüdische Rundschau · 1929-10-04 · Heft 78-79 (4.10.1929) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 78-79 (4.10.1929)
Date
1929-10-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Doppclrmmmcr 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint joden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Aoalandeebonnementa werden in dar Währung der eimelnen Linder berechn«. Aniefgenprela: 8 geep. Nonperodlereile 0,50 G-M. Stellengesuche 0,25 G.-.M. Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., BerlinW15, Meinekestr.10 Telephon: J I Bismarck 7165-70. Poe«, check-Konten: BerUn 17392, Bwel V *555. Belgrad 68032, BHteeel 39433, Budepeet 596 93, Demi* 1973, Heg* 140470, Pr•* 59410, Straraburg 16430, Wanehau 190708, Wien 156 030. Bank.Konten: Dutnatldter und Nitionelhink, Depodtan-Kaaee Berlin, Karfümendamm 52: Banre de Fat, Cerneuti (Kuminien): Angle Palentine Ce. in Heile, Jerusalem, Tel-Aviv. Nummer 78/79 | Berlin, 4. X. 1929 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ״כז אלול׳ תרס״ם | xxxiv. jaitrg. Per Zionismus erstrebt fflr da» indische Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Basaler Programm.** Zum Neuen Jahre Zweierlei Nationalismus — Die Palästina - Untersuchung — Politik und Wirklichkeit — Ein Wort in eigener Sache Rosch haschanah Ist das Fest, an dem wir uns so recht der Einzigartigkeit des jüdischen Volkes bewußt werden. Dieser Tag des Jahresbeginns, der bei anderen Völkern mit zügelloser Lustigkeit begangen wird, ist bei uns der ״Tag des Gedenkens“ und der ״Tag des Posaunenschalls“, der das Gericht ankündigt Er ist der Tag der Einkehr und Besinnung, der Rechenschaft vor sich selbst, des großen Cheschbon hanefesch. Welches andere Volk hat ein ähnliches Fest? Es ist eine Mahnung an unsere Sonderart; wir sind ein singulärer, nicht einzureihender Sonderfall der Geschichte, und jeder Versuch, mit den üblichen schablonenhaften Begriffen an das Judentum heranzugehen, ist von vornherein aussichtslos. Einzigartig ist unsere Stellung in der Welt, weil einzigartig auch unser Schicksal ist. Und so ist auch alles, was mit unserem Schicksal zusammenhängt, bis auf die heutigen aktueilen Probleme, nur dann zu begreifen, wenn wir es unter diesem Aspekt unseres Sonderfalles betrachten. Wir steilen an die Welt diese schwere Anforderung, für unsere Probleme einen Sondermaßstab zu haben, und wo das Verständnis für diese Sachlage fehlt, ergeben sich Reibungen und Mißverständnisse. Einzigartig ist auch unser Nationalismus. Uns modeme Juden hat die nationale Idee aus unerträglichen inneren Fesseln befreit Wir haben durch sie den An- Schluß ■au|,Hns|fett;y1SDp1|ft>^||:1Qgf die Veräptworting für eine Mssere Zukunft des Volkes auf uns zu nehmen. In unserem Judentum fanden wir die reinsten Forderungen unseres Menschentums wieder. Der Nationalismus erst war die Befreiung aus dem Ghetto, nach der ״geistigen Knechtschaft“ des Assimilationszeitalters. Wir vermochten wieder mit einer inneren Unabhängigkeit, die im Ghetto gelitten hatte, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit als oberste Maßstäbe auch im Völkerleben zu begreifen. So wurde der jüdische Nationalismus der Bahnbrecher der jüdischen Wiedergeburt. Aber wie alle Phänomene in polaren Gegensätzen erscheinen, so kennen wir auch einen Nationalismus, der nicht frei macht, sondern versklavt. Wir kennen ihn, bei dem nicht Gerechtigkeit, sondern Selbstgerechtigkeit, Hybris, bestimmend ist, aus unserer Umgebung, aus der Beobachtung des Völkerlebens, aber auch aus unserer eigenen inneren Erfahrung, als den ewigen Versucher, den ״Großen Krummen“ jeder Volksbewegung. (In dem Buch ״Nationalismus“ des Amerikaners Hayes, das soeben deutsch im Neue Geist-Verlag erschien, ist darüber mandies Wichtige gesagt.) Vor diesem Nationalismus, der nicht die Wahrheit, sondern das Interesse als leitendes Gesetz akzeptiert und diesem alles andere unterordnet, vor dieser inneren Unfreiheit will uns dieser große nationale Festtag, Rosch haschanah, behüten; denn beim Posaunenschall sollen wir inne werden, daß an diesem Tage die Welt neugeboren wird, der Mensch und das Volk Rechenschaft zu geben haben vor einem höheren Richterstuhl. * Nicht der Trieb bloßer Selbstbehauptung vermochte das jüdische Volk am Leben 2^1 erhalten, sondern nur das Bewußtsein einer Besonderheit, einer übernationalen Aufgäbe. Dieser Gedanke, den Martin Buber in seiner Rede auf dem letzten Kongreß dargelegt hat, ist — wie die meisten Aeußerungen dieses Kongresses — von der Flut der nachfolgenden Ereignisse verschlungen worden. Er wird aber gerade heute, wo wir vor aller Welt in Sturm und Haß für unsere nationale Idee einzustehen haben, in unserem Bewußtsein und dem der Welt lebendig sein müssen. Das jüdische Volk hat jetzt für seinen nationalen Bestand die natürlichen Lebensbedingungen, ohne die seine Art verkrüppelt bleiben muß, zu erwerben und zu erarbeiten. Das ist der Sinn unserer Arbeit in Palästina. Wir verlangen von der Welt, daß sie unsere Situaüon verstellt und unseren Anspruch anerkennt. Auf Grund der Judenfrage, im Namen der Sicherung eines Platzes für unverfälschte jüdische Produktivität brauchen wir das Nationalheim. Nur aus der Lebenssituation des jüdischen Volkes ist dieses Postulat abzuleiten, nicht aus den Tatsachen des heutigen Palästina. Daher, und das schafft einen Teil unserer Schwierigkeiten, versagt oft das Verständnis für das Gesamtproblem, wenn man unter dem Aspekt der lokalen palästinensischen Gegebenheiten daran herangeht. Das aber ist der Gesichtspunkt, unter dem ein großer Teil der politischen Welt die Dinge noch heute betrachtet, besonders da sie Gegenstand aktueller Politik geworden sind. Bei der Verwaltung des Landes Palästina, die jeden kleinen Beamten täglich vor eine ganze Reihe alltäglicher Geschäfte stellt, die mit dem konkreten Leben im Lande Zusammenhängen, entschwindet nur zu leicht die Idee aus dem Auge, die mit diesem Lande verbunden ist. * Die palästinensische Administration, die heute aus Kolonialbeamten von landläufiger. Routine zusammengesetzt ist, versteht nicht die jüdische Position. Für die Führung der Verwaltungsgeschäfte ist das Vorhandensein der jüdischen Frage unstreitig eine Erschwerung. Es ist heute erwiesen, daß die Regierung sogar ihrer wichtigsten Aufgabe, nämlich der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung im Lande, nicht gewachsen war. Wir wissen nicht, ob die Behauptungen, daß englische Beamte die Unruhen angestiftet haben, nachweisbar sind. Aber Tatsache ist, daß sowohl die Juden sich in den ersten Tagen von der Regierung verraten fühlten, als auch die Araber, nach vielfachen übereinstimmenden Bericht«,zu schlie- Gustav Stresemänn Tief erschüttert steht nicht nur Deutschland, sondern die gesamte gesittete und fortschrittliche Welt an der Bahre Gustav Stresemanns, dessen plötzlicher Tod in erster Linie das Deutsche Reich in einem Augenblicke wichtiger politischer Entscheidungen schwer trifft. Gustav Stresemänn ist ein Staatsmann großen Formates gewesen. In einer Zeit, in der es in Deutschland sehr unpopulär war, von Frieden zu reden und die Hand zur Verständigung mit den ehemaligen Gegnern auszustrecken, hat Gustav Stresemänn unbeirrt, trotz Verunglimpfungen, Verleumdungen und fanatisch gegen ihn zischenden Hasses, den Weg fortgesetzt, den er für den einzig möglichen betrachtete. Die Größe dieses Staatsmannes lag vielleicht nicht so sehr in der Konzeption seiner politischen Linie wie in der Unentwegtheit, mit der er die einmal erkannte Wahrheit trotz aller Unpopularität verfocht. Trotz mancher Rückschläge in seiner politischen Arbeit hielt Stresemann an seinem Systeme fest. Es ist ihm hoch anzurechnen, daß er manchmal gegen sein Temperament und auch gegen seine eigene Vergangenheit zu Ueberzeugungen konsequent stand, die er unter dem Druck der vorhandenen politischen Gegebenheiten erworben hatte. Gustav Stresemänn war in erster Linie ein Realpolitiker. Ueber das hinaus jedoch hatte er sich zu einer Geschichtsphilosophie durchgerungen, die im besten Sinne Nationales mit Uebernationalem zu verbinden sucht. Er erkannte stärker als andere deutsche Politiker, daß wir in einem Zeitalter vielfältigster Verflochtenheit der Völkerbeziehungen leben und daß es keine isolierte Nationalpolitik mehr geben kann. In seinen Reden kehrt immer das Bekenntnis zu allmenschlichen Aufgaben wieder. Wir Juden, durch Geschichte und durch unsere Zer- Streuung, durch die Grundsätze unserer Ethik sowie das Beispiel unserer größten Männer, geradezu zu Schrittmachern der allgemeinen Friedensidee prädestiniert, haben für das Friedenswerk Gustav Stresemanns Bewunderung und Verstandnis. Auch wir Zionisten verlieren in Gustav Stresemänn einen sachlichen Beurteiler unserer Bestrebungen. Gleich Walter Rathenau, dessen politische Linie Gustav Stresemänn fortsetzte, hat der verstorbene große Staatsmann als Leiter des Deutschen Auswärtigen Amtes für die Sache des Palästinaaufbaus interessiertes Wohlwollen bekundet. Er verstand die Pflichten, die Deutschland durch den Eintritt in den Völkerbund auch hinsichtlich des vom Völkerbund bestätigten Palästinamandats übernahm. Dieser Stellungnahme gab er auch, zuletzt in der Septembertagung des Völkerbundes im Anschluß an die Erklärung MacDonalds, namens des Deutschen Reiches durchaus korrekten Ausdruck. Die allgemeine Welttrauer um Gustav Stresemänn findet bei den Juden auf der ganzen Erde, besonders aber bei den deutschen Juden stärkstes Echo. Es ist nur zu wünschen, daß das große Friedenswerk, das von Stresemänn in so starker Weise gefördert wurde, durch sein jähes Ableben keine Beeinträchtigung erfahre. ßen, den Eindrude hatten, die Regierung sei mit ihnen. Es wäre noch hinzuzufügen, daß diese Araber sich jetzt durch die Niederwerfung des Aufstandes und die strenge Bestrafung der Exzendenten gleichfalls von der Regierung betrogen fühlen. Juden und Araber, so entzweit sie auch untereinander sind, sind einig im Mißtrauen gegen die zurzeit der Unruhen amtierenden Beamten. Und um so beunruhigender ist es, daß dieselben Personen mit der Vorbereitung des Materials für die Untersuchungskommission betraut sind, während nach allgemeiner Auffassung, die z. B. auch sehr stark von der englischen Presse aller Richtungen geteilt wird, diese Untersuchung sich in erster Linie auf die Verantwortlichkeit dieser Beamten erstrecken soll. Die Art der Vorbereitung des Materials für die Untersuchungskommission hat in jüdischen Kreisen vielfach Verstimmung hervorgerufen. Man glaubt Anzeichen dafür zu haben, daß die Regierung, ganz abgesehen von politischen Gesichtspunkten, die Tendenz hat, auch bezüglich der begangenen kriminellen Handlungen die Schuld künstlieh auf beide Völker zu verteilen, so daß Juden, die bei der Verteidigung gegen Angriffe von der Waffe Gebrauch machten, auf Grund rein formalen Rechtes gleich behandelt würden wie diejenigen, die den Ueberfall auf die entsprechend zu •ü§l!: ftfpüiW־•PW&tenf־ der Voruntersuchung sich gestalten kann, zeigt dir unglückselige Fall von Hebron. In Hebron sind, man muß es immer wiederholen, 65 Menschen, darunter Frauen, Greise und Kinder, von einer tobenden Menge getötet worden. Wer die Schrecken des Blutrausches kennt, für den bedarf es keiner Beweise, daß dabei Grausamkeiten aller Art vorgekommen sein müssen. Nun wurde die jüdisehe Behauptung, daß die Leichen verstümmelt wurden, aufgegriffen und zu einem der entscheidenden Streitpunkte gemacht. Verschiedene jüdische Stellen — die Zionistische Exekutive war unseres Wissens daran unbeteiligt — verlangten die Exhumierung der Leichen, um die Verstümmelungen festzustellen. Die ärztliche Komtnission behauptet, keine Beweise dafür gefunden zu haben. Und nun scheint plötzlich alles vergessen, was in Hebron geschehen ist, und nicht nur die Araber, sondern auch viele Europäer und Zeitungskorrespondenten arbeiten mit dem entrüsteten Argument, es sei erwiesen, daß die Juden falsche Beschuldigungen verbreitet haben. So ist jetzt zu befürchten, daß diese Frage der Verstümmelungen auch vor der Untersuchungskommission mehr Aufmerksamkeit finden wird als die genug grausige Tatsache des Hebroner Massakers selbst. Dieses Beispiel zeigt, wie notwendig es ist, daß die Sache der Juden unter einheitlicher, juristisch geschulter Leitung geführt und verhindert wird, daß übereifrige jüdische Privatpuppen Aktionen auf eigene Faust veranlassen. Mit Befriedigung wird man zur Kenntnis nehmen, daß die Sache der Jewish Agency drei hervorragenden Anwälten anvertraut wird, und daß außerdem nun endlich die führenden Personen der Exekutive wieder an Ort und Stelle sind, um an den Arbeiten teilzunehmen. Bei dieser Gelegenheit muß noch ausgesprochen werden, daß die Männer, die während der Abwesenheit der Exekutive in einer plötzlieh eingetretenen außerordentlichen Situation die Geschäfte geführt haben, die Herren Hoofien und Hor 0 v i t z, sich das Vertrauen des Jischuw erworben haben, und es ist nur ein Gebot der Gerechtigkeit, daß ihnen von zionistischer Seite die dankbare Anerkennung gezollt wird, die sie sich verdient haben. Es gehört zu einer der vielen Unbegreiflichkeiten unseres zionistischen Lebens, daß das Aktions-Comitö in seiner letzten Sitzung das gebührende Wort des Dankes für diese Persönlichkeiten nicht gefunden hat. Der Eintritt Ruthenbergs in den Waad Leumi ist gleichfalls als eine Verstärkung der jüdischen Vertretung zu bepüßen. Aber über die aktuellen Ereignisse hinaus ist nicht die kriminelle, sondern die politische Beurteilung des Problems entscheidend. Das Judentum der ganzen Welt

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