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Jüdische Rundschau · 1929-10-01 · Heft 77 (1.10.1929) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 77 (1.10.1929)
Date
1929-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 0£5 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freilag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5.75 Goldmark. Auslandnabonnerneut» werden in der WUuung der *fcualnai I-S~W berechnet. Aaielgenprei*: 8 SMp• Nonperafllerede 030 G-M. Stalltmgosaeh• 0,25 G.-M. Redaktion Verlag und Anzeigen-Verwaltung t Jüdische Rundschau G.m-b.H., BerlinW15, Meinekestr.10 Telephon: J 1 Bismarck 7165 -70. Anrei**n»chiu8: Dienstag and Freitag nachmittags 4 Uhr Redaktionaschluü Sonntag und Mittwoch nachmittag. Poitscbeck -Konten: Berlin 17392* B**el V 9355, Bdieredi 68032, BräMel 39433. Bud•*•* 596%. Dnurig 1973, Hm* 140470, Pr•# 59410, Smmbwit 16430, Watschmi 190708, Wien 156030. Bank-Konten! DarmstXdter und Nationalbitnk, Depositen- Kesse Berlin» Kutfümendamm 52; Banca de Eat, Cetaauti (Rumiaiee); An#k» Palest ine Co. in Haifa, Jerusalem, Tel -Aviv. כ״ו אלול* חרס״ט | xxxiv. jahrg. P*r 21?nl?wus a!,»trabt fflr da» JQdlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte ln Pallatlna. ״Baseler Programm.»♦ Zur Lage im Zionismus Ortsgruppenkonferenz am 10. November — Politische Richtlinien — Unsere Forderungen — Die arabische Frage — Für verstärkte zionistische Arbeit Forderungen der Stunde Von Kurt Blumenfeld. Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Als wir im Aktions-Comite, erschüttert durch die Ereignisse in Palästina, die richtige Antwort dem Augenblick zu geben versuchten und einen Aufruf an das jüdisehe Volk beschlossen, in dem wir in ernster und schicksalschwerer Stunde, tiefer denn je mit Erez-Israel verbunden, unserem Lande und unseren Menschen brüderliehe Grüße sandten, da mußte jeder, der bereit war, die Verantwortung für unser Geschick zu tragen, aufs tiefste empfinden, daß wir diese schwere Zeit nur durch fruchtbare und entschlossene Arbeit überwinden werden. Wir wußten, daß die Gegner des Zionismus und der Jewish Agency mehr noch als in den Zeiten jener be* rühmten Wirtschaftskrise die Unruhen in Palästina gern zum Anlaß für einen neuen Sturm gegen unser Werk nehmen würden und daß wir auf allen Gebieten unserer Arbeit den Forderungen der Stunde nur durch geschlossenes Auftreten nach außen werden genügen können, ebensosehr in der äußeren wie in der inneren Politik. Unsere Arbeit wird hoffentlich dem Aufruf der Je- 'wish־Ag#cjr 7ilr“Pälfstina׳ eine ''Wirkung verleihen, aber die Erfahrungen der letzten Wochen geben uns manchen Grund zur Besorgnis. Während Antizionisten aufs neue den Kampf um Palästina entfachen, beginnt in der zionistischen Welt ein mit unbesorgtem Vernichtungswillen geführter Kampf um die Macht. Die revisionistische Partei, die sich außerhalb der von ihr bekämpften Jewish Agency gestellt hat, hält gerade jetzt den Augenblick für gekommen, aufs neue eine Machtprobe zu versuchen, die zwar nicht zu den ihr erwünschten Zielen, aber immerhin zu einer Diskreditierung der Zionistischen Organisation führen kann. In Deutschland finden Revisionisten auch außerhalb ihrer eigenen Reihen Bundesgenossen, und es gibt heute mehrere Gruppen, die den Wunsch haben, die nächsten Monate dem innerzionistischen Kampf zu reservieren und auch der Z. V. f. D. eine neue Leitung zu geben. Aus dem Geschäftsführenden Ausschuß ist nicht nur Herr Lichtheim, sondern auch Herr Dr. Kollenscher ausgetreten, der, wie er mitteilt, zu diesem Schritt bereits in Zürich entschlossen war. Wer sich über die Formen informieren will, in denen dieser Kampf geführt wird, der lese den Artikel von Herrn Lichtheim in der revisionistischen Zeitschrift ״Hed Bethar“. » Der GeschMftsfiihrende Ausschuß hat eine Ortsgruppenkonferenz für den 10. Novemher nach Erfurt einberufen. Im Anschluß an diese Konferenz wird eine Sitzung des Landes- Vorstandes stattfinden, in der ich die Einberufung eines Delegiertentages für den 25. Dezember und die folgenden Tage beantragen werde. Diese innerzionistische Auseinandersetzung scheint mir keine Forderung der Stunde zu sein. Ich glaube, es besteht aller Anlaß zu tiefem Bedauern darüber, daß wertvolle Zeit, die wir zum Kampf um unsere Idee, zur Aufrechterhaltung und Fortsetzung unserer Arbeit dringend benötigen, einer, wie mir scheint, kläglichen Angelegenheit gewidmet sein muß. Mir scheint es angebracht, im gegenwärtigen Augenblick zu überlegen, was unserer Sache frommt und mit aller Kraft an die Arbeit zu gehen. * 160000 Juden wohnen heute in Palästina. Die Mehrzahl ist im Vertrauen auf die Balfour-Deklaration in das Land gegangen, um dort das Jüdische Nationale Heim zu errichten. Wir Zionisten glauben, daß dieses Jüdische Nationalheim die entscheidende Antwort auf die Judenfrage der Welt gibt. Die historische Verbundenheit des jüdischen Volkes mit dem jüdischen Boden ist uns in der Präambel des Mandates bestätigt worden. Sie besteht unabhängig von allen Zusicherungen, sie ist ewig und kann von niemandem wider- *rufen werden. Ihren Sinn erhält diese Forderung in jeder Zeit durch den ernsten Willen des jüdischen Volkes, diese historische Verbundenheit im Leben in die Erscheinung treten zu lassen. Sie wird den Zeitgenossen insoweit erheblich sein, als die Juden den ernsten Wunsch haben, zu zeigen, daß das Bewußtsein der historischen Verbundenheit stark genug in ihnen wirkt, um als gegenwärtiges Schicksal von ihnen empfunden zu werden und sie zur Schaffung neuen Lebens in Erez-Israel anzuregen. In dieser historischen Verbundenheit und in unseren gegenwärtigen produktiven Leistungen liegt unser Recht auf Palästina begründet. Das jüdische Volk soll wissen, ״daß es von Rechts wegen und nicht aus Duldung in Palästina lebt“. Aus diesem Grunde ist es notwendig, ״daß der Bestand der Jüdischen Nationalen Heimstätte international garantiert und daß formell anerkannt wird, daß sie auf historischer Verknüpfung beruht“. Das Endziel unserer politischen Hoffnungen ist in verschiedener Art formuliert worden. Man hat es für richtig gehalten, das letzte politische Ziel vor allem für die Propaganda des zionistischen Gedankens und für den innerzionistischen Kampf zu verwerten. Für den Zeitraum jedoch, für den wir uns ebenfalls politisch Gedanken machen können, für die nächsten 30 Jahre etwa, wird es sich um Ziele handeln, über die in der zionistischen Welt volle Einigkeit herrschen müßte und meines Erachtens in , WphAeitit1ch,,JbP«t«|t1׳ »ulk wachsen, sie muß richtig geschichtet sein, der jüdische Bodenbesitz muß im Laufe der nächsten J^hre und Jahrzehnte zu einem großen zusammenhängenden Komplex werden. Statt der 160 000 Juden müssen in absehbarer Zeit Hunderttausende im Lande leben und dort in einer gesunden Volkswirtschaft ihre Existenz finden. Niemand wünscht, daß den nichtjüdischen Bewohnern Palästinas, auch wenn wir Juden dort zur Mehrheit geworden sind, die jüdische Nationalität aufgezwungen wird. Wir dürfen nicht befürchten, daß die uns im Mandat, insbesondere in der Balfour-Deklaration garantierten Rechte geändert werden, und der nichtjüdischen Welt in Palästina muß klar sein, daß es sich für uns nicht um ein Verschwinden der Nichtjuden aus Palästina handelt oder um die Unter- Ordnung der arabischen Bevölkerung, Sprache oder Kultur in Palästina, sondern daß wir wirklich, wie wir es im September 1921 in Karlsbad auf dem Zionistenkongreß beschlossen haben, entschlossen sind, ״mit dem arabischen Volk in Einigkeit und gegenseitiger Achtung zu leben und zusammen mit ihm die gemeinsame Heimat zu einem blühenden Gemeinwesen zu entwickeln, dessen Aufbau jedem seiner Völker eine ungehinderte nationale Entfaltung sichert“. * Unsere Forderungen gegenüber der englischen Regierung sind in den Beschlüssen des Aktions-Comites niedergelegt. Die große Mehrheit der Zionistischen Or- Die Klageinaner an den hohen indischen Feiertagen Jerusalem, 28. September. (J.T.A.) Int Hinblick auf die bevorstehenden hohen jüdischen Feiertage haben die Behörden die Bedingungen für die jüdische Andacht an der Klagemauer auf das peinlichste festgesetzt und sie den jüdischen Gemeinden mitgeteilt. Für die hohen Feiertage zugelassen sind ein einziger Waschständer für das rituelle Waschen der Hände, ein kleiner ״Aron Kodesch“ (Thora-Schrein), ein kleiner Tisch für das Lesen der Thora. Verboten sind Stühle jeder Art, die Aufrichtung einer Wand zwischen den männlichen und weiblichen Andächtigen u. a. m. Wie verlautet, stimmen die jüdischen Behörden diesen Einschränkungen, solange die Festsetzung des Status quo in der Schwebe ist, zu und stellen als einzige Bedingung, daß während der Gottesdienste jeder Durchgangsverkehr vor der Klagemauer verboten werde. Rothenberg Präsident des Waad Lemnt Der Waad letuni hat in einer geschlossenen Sitzung beschlossen, den Leiter der Palesttae Electric Corporation Ingenieur Pinchas Ruthenberg, den Bürgermeister von Tel- Awiw Meyer Dizengoff und den Führer der Kolonisten von Chederah Bytkowskl In den Rat zu kooptieren. Ruthenberg wurde, einer noch unbestätigten Nachricht zufolge, zum Präsidenten des Waad Leumi gewühlt. ganisation ist mit diesen Beschlüssen einverstanden. Es gibt niemanden, der nicht den Wunsch hat, das mögliche Maximum zu erreichen. Es besteht auch Einigkeit darüber, daß man es auf einen Bruch mit der Mandatsregierung nicht ankommen lassen könne. Es ist also notwendig, unsere Forderungen so zu vertreten, daß die Regierung ständig von unserer Loyalität überzeugt ist, und ihr zugleich deutlich zu machen, daß die Fortsetzung unseres Werkes entscheidend von ihrer klaren und eindeutigen Haltung abhängt. Unsere Forderungen sind bekannt. Streit herrscht vor allem über den Punkt: Sollen wir jüdische militärische Einheiten fordern oder sollen wir die Einreihung von möglichst vielen Juden in die Polizei und irr ale Truppenkörper, die in Zukunft in Palästina stationiert sein werden, verlangen? Aus Gründen, die der zionistischen Oeffentlichkeit in langjährigen Diskussionen bekannt geworden sind, haben wir uns für die letzte Forderung entschiedlen. Ueberaus schwierig ist die Beurteilung der Frage, ob und inwieweit wir in diesem Augenblick internationale Beziehungen benutzen können, um mit ihrer Hilfe einen Druck auf die englische Regierung auszuüben. Jedenfalls hat die Jud en heit der Welt das Recht und die Pflicht, in die Erscheinung zu treten, und es wäre von höchster Bedeutung, wenn wir der englischen Regierung zeigen könnten, ״daß. das . gange J&digcbe Volk n*it,n!l«tt. seinen,, KflfteB uftl Älfieln geschlossen hinter uns steht. Wir hoffen und müssen hoffen, da| unsere wichtigsten Forderungen bewilligt werden und daß volle Klarheit darüber geschaffen wird, daß die englische Regierung entschlossen ist, die einmal begonnene Politik in besserer Form fortzusetzen. Es wird schwer genug sein, dieses Ziel zu erreichen, denn es ist nicht einfach, die Bedeutung unserer Sache richtig darzustellen. Rein machtpolitische Argumente reichen nicht aus. Wer die Berechtigung unserer Forderungen verstehen will, muß die Judenfrage begreifen, muß einsehen, daß der Aufbau unseres Nationalen Heimes einen politischen Sonderfall darstellt, daß alle vertrauten politischen Ueberlegungen nicht ausreichen, um unseren Bedürfnissen gerecht zu werden. Palästina ist das Schulbeispiel eines Mandatslandes, weder Kolonie noch 1m Augenblick geeignet für Selbstverwaltung. In Jahrzehnten soll dort ein grundsätzlieh neuer Zustand herbeigeführt werden als Voraus- Setzung für das eigenstaatliche Leben des Landes. Wir müssen erwarten, daß die Mandatsregierung und der Völkerbund uns die Möglichkeit geben, diesen Zustand herbeizuführen. * Uns diese Möglichkeit geben. — Es wird alles darauf ankommen, ob wir dem Werk gewachsen sind. Da es sich um Jahrzehnte handelt und da in diesem Lande 760000 Nichtjuden leben, kann es bei der Erreichung unserer politischen Forderungen an England nicht sein Bewenden haben. Wir haben in diesen Wochen furchtbare Ereignisse erlebt. Die Regierung hat versagt. Uns fehlte der erforderliche Schutz. Wenn wir jetzt aber, was mit Sicherheit zu erwarten ist, diesen Schutz erreichen, so kann unser Leben sich nicht in Formen abspielen, wie wir Zionisten sie beim Wiener Kongreß erlebt haben. Wir können nicht unter ständigem Polizeischutz ein Leben führen. Sicherheit nur durch Schutz der Regierung ist keine Garantie für die Entwicklung des Lebens. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die feste Haltung der englischen Regierung, eine nicht mißzuverstehende Eindeutigkeit In der administrativen Durchführung der grundsätzlich bewilligten Forderungen, die Voraus- Setzung für eine von uns in neuer Form einzuleitende Politik der Verständigung mit dem arabischen Volk ist. Die Aufruhrtendenzen sind vermutlich dadurch begünstigt worden, daß gewisse arabische Kreise an der Aufrichtigkelt der englischen Regierung gegenüber den Juden zu zweifeln begannen. Aber gerade in dem Augenblick, in dem unser politisches Leben sich wieder zu konsolidieren beginnt, müssen wir, so unangenehm das auch sein mag, das Hauptproblem unseres palästinensischen Lebens ernsthalt anfassen. Man beruhige sich nicht mit der Behauptung, daß ja alle Teile der zionistischen Welt für eine Verständigung mit dem arabischen Volk eintreten. Abgesehen

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