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Jüdische Rundschau · 1929-09-13 · Heft 72 (13.9.1929) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 72 (13.9.1929)
Date
1929-09-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 0,25 Goldmark DDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag a. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldnuark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Aml.nAnbomunMBil■ w«rdan in dar WShmag dar Li*dm WucImM. AnMlfenpreta: 8 geap. N«npa»il!ez«ae 0,50 G.-M. Stdlangamdia 0,25 G.-M. Munnner 72 I Berlin, 13. IX. 1929 Redaktion Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b. H., BerlinW15, Meinekeatr.IO Telephon: J i Bismarck 7165 -70. AjueeigecsdhluB: Dicasttg «ad Freitag ntchmitttf« 4 Uhr RedakdonsschluS Sonntag und Mittwoch nachmittag. Peatacback-Kentaa! Bsrlln 17392, Baaal V 9355. Belgrad 68052. Bräaaal 39433, Budapest 59693, Danxi* 1973, Ha« 140470, P«* 59410, Stranbata 16430, Wandian 190m Wtan 156030. BiaK.Rosttai Darmatidier nnd N.Honidbmk, Deport»•-Kmm Berlin. Kurfüreteadtmxn 52; Baaca de Eat, Certutm (Rtiminieit); PaleatlM Ca. in Haifa, ferasaiem, Tel •Aviv. ^ד^אמל^תרכףט per Zionismus erstrebt fflr das JOdlscha Voll! tlla Schaffung einer Ottentllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Bageier Programm■»* Louis Marshall Zürich, 11. September (Tel. d. ״J. R.׳״)• Heute Abend ist Louis Marshall im 74. Lebensjahr im Kantonspital in Zürich gestorben. Marshalls Befinden war bereits in den letzten Tagen als hoffnungslos bezeichnet worden, nachdem nach der Operation Komplikationen eingetreten waren• Die Leiche wird nach Amerika überführt. Würdigungen Wir haben uns an eine Reihe jüdischer Persönlichkeiten in Berlin mit der Bitte um eine Aeußerung über den Verblichenen gewandt. Wir geben nachstehend diese Aeußerungen wieder. Robb. Dr. B a o c k schreibt uns: Louis Marshall war ein Mann, der in einer nivellierenden Zeit und in einer uniformierenden Welt sich die innere Kraft bewahrt hat, eine Persönlichkeit zu sein. Und Persönlichkeit bedeutet eine immer neue Erschlossenheit und immer gleichbleibende Sachlichkeit, bedeutet die Fähigkeit, Gedanken und nicht bloß Meinungen zu haben, Entscheidüngen und nicht bloß Wendungen zu vollziehen. Darum brauchte er nicht immer bloß nach Plätzen zu suchen, auf denen er gesehen und vernommen zu werden hoffte; er hatte seinen Platz, auf dem er stand und auf dem man zu ihm hinblickte und ihn hörte. Leo Baeck. % Professor Ismar Elbogen, von uns um eine Aeußerung über Marsball gebeten, schreibt uns: Louis Marshall war eine tief religiöse Natur voll glflhfa4eB״;GI|rtena. ..Er :b&piÄ sich «t& ernster hing ihr an in seinem Leben und seinem Denken. Aus seiner religiösen Anschauung floß seine Ueberzeugung von der Uaverbrüchlichkeit des Rechts, als dessen Anwalt er auftrat, wo Immer es verletzt wurde, und wenn er das Recht der Juden verfocht, so tat er es, weil er die Idee des Rechts entwürdigt glaubte. Er wurde das Gewissen der amerikanischen Judenheit, die er mit sich fortriß zum Kampf für ihr Recht, zum Kampf gegen jede Not und zuletzt für den Aufbau Palästinas, in dem er eine Erfüllung prophetischer Verheißungen sah. Ein Großer, dessen seltene Eigenschaften seinen Verlust unersetzlich machen. Dr. Bernhard Kahn, europäischer Direktor des Joint Distribution Committee, der seit vielen Jahren mit Marshall zusammen arbeitete, fcbroibt uns: Ein Leben im Dienste des Judentums Von Dr. Bernhard Kahn. Louis Marshall ist am 11. September verschieden. Der jüdischen Welt braucht man nicht die Schwere des Verlustes aufzuweisen, von dem sie betroffen worden ist. Der Name Louis Marshall war in unserer Zeit so identisch geworden mit dem Begriff des jüdischen Führers, des edlen Kämpfers für jüdische Würde und jüdisches Recht, daß er auf aller Lippen und in aller Herzen war, so daß sein Hinscheiden unmittelbar Bestürzung und Trauer in allen jüdischen Kreisen auslöst. Ein Menschenalter war Louis Marshall der anerkannte Führer der amerikanischen Judenheit. Er hat die amerikanische Judenheit, wie wir sie heute kennen, mit geschaffen. Daß all die divergierenden Elemente, all die heterogenen, ausein■ anderstrebenden jüdischen Teile zu einer einheitlichen amerikanischcn Judenheit mit einem gemeinsamen jüdischen Denken und Streben zusammenge chweißt worden sind, ist das Verdienst von Louis Marshall. Aus der kleinen amerikanischen Stadt Syracus, wo er am 14. Dezember 1856 geboren wurde, und wo er zuerst sich als Anwalt niederließ, kam er gerade in den für die Juden Osteuropas und Amerikas schwierigsten Zeiten, im Jahre 1894, nach New York. Es war kurz nach den berüchtigten bedrückenden Mai-Gesetzen in Rußland (1891), die wieder einmal die Juden in Massen über den Ozean trieben. Es begannen die Zeiten der großen und schwierigen jüdischen Einwanderung. Mit seinem Freunde Jacob H. Schiff hatte er dafür gesorgt, daß die Immigration nach Amerika unbehindert blieb, daß die Immigranten in das amerikanische Leben eingeführt werden, und daß sie die Möglichkeit erhalten, wirfschaftlich und kulturell vorwärtszukommen. Schon damals tauchten in Amerika die Bestrebungen auf, die Immigration zu beschränken, die Elemente, die man als unwillkommen ansah, darunter vor allem die Juden, auf ein kleines Häuflein herabzudrücken. Der Kampf gegen solche Beschränkungen war einer der großen und erfolgreichen Arbeiten, die Marshall mit anderen Freunden durchgeführt hat Er war ein führendes Mitglied der amtlichen Kommission, die die Besserung in den durch die Massenimmigration hervorgerufenen schweren Bedingungen im East-End New Yorks herbeiführea sollte, er war es, der im Jahre 19ft8 der vom j Will, Staate New York ernannte« Einwanderungs-Kommission angehörte und für die Rechte der jüdischen Einwanderer sorgte. Als großer Rechtsgelehrter und Anwalt sah er seine Hauptaufgabe darin, besonders jenes Recht zu fördern und zu schützen, daß das staatliche und konstitutionelle Leben sichert, das Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit in den komplizierten wirtschaftlichen Beziehungen der Menschen zueinander zur Grundläge hat. Als Mann von großer allgemeiner Bildung hatte er nicht nur Interesse für Kunst und Literatur, die Menschen und Völker friedlich einander näher bringen, immer kam auch sein praktischer Sinn zum Vorschein, der ihn auch in der Wissenschaft praktische Aufgaben sehen ließ. Dieser aufs Praktische gerichtete Sinn blieb ihm treu bei allen seinen jüdischen Arbeiten. Die Hilfe für die fmmigranten, die nach Amerika kamen, um dort ein friedliches und würdiges Leben sich aufzubauen, genügte ihm nicht. Er wollte Recht und Freiheit für die Juden der ganzen Welt; und so begann bald nach seiner Niederlassung in New York, als die erschütternden Bedrückungen im Osten Europas sich fortsetzten, als sie ihren entsetzlichen Höhepunkt im Kischinewer Pogrom von 1903 erreichten, jene Tätigkeit zusammen mit Jacob H. Schiff und Judge Mayer Sulzber ger, den schon erstarkenden politischen jüdischen Einfluß in Amerika dazu zu benutzen, um den Unterdrückungen in Osteuropa Einhalt zu tun. Diese Bestrebungen führten schließlich dazu, unter dem Vorsitz von Sulzberger und der kräftigen Mit- Wirkung von Marshall, das American Jewish Committee im Jahre 1906 zu gründen, dessen Präsident er nach dem Tode Sulzbergers wurde. Seine Aufgabe in diesem Komitee war, in der Welt die jüdischen Rechte zu verteidigen um! für die Opfer der Bedrückungen und Rechtsverletzungen helfend einzugreifen. Mehr als alle Hilfsleistungen wirkte eine politische T a t, die MarshalPs Hauptverdienst ist. Als die Bedrückungen der Juden in Rußland sich mehrten, nahm Marshall die Tatsache, daß die russische Regierung auch bei den amerikanisehen und ausländischen Juden in ihren Verletzungen rechtlicher und menschlicher Pflichten nicht halt mache, zum Anlaß, um den Unwillen des amerikanischen Volkes und den Unwillen der amerikanischen Regierung zu erregen, und Präsident Taft wurde im Jahre 1908 veranlaßt, den seit 66 Jahren bestehenden Handelsvertrag zwischen Amerika und Rußland aufzulösen. Daß ein mächtiges Reich wegen der Verfolgung der Juden so schwerwiegende politische Handlungen vornahm, das hat den verzweifelten Juden in Rußland Würde gegeben und den Mut, auszuhalten und weiter zu kämpfen. Diese große Tat Louis Marshalls wird tinvergessen bleiben. (Fortsetzung auf aSdhater Seit«.) An der Bahre RW, Berlin, 12. September, Was Louis Marshall, an dessen Bahre wir erschüttert stehen, als Führer des amerikanischen Judentums und als prominentester Organisator jüdischer Hilfsarbeit für das Gesamtjudentum bedeutet hat, wird von berufener Seite an anderer Stelle dieses Blattes dargelegt. Uns Zionisten jedoch ist es ein Bedürfnis, diesem Mann, der viele Jahre unser Gegner war und der schließlich unser Bundesgenosse wurde, einen Tribut ehrenden Gedenkens zu zollen. Marshall war eine große jüdische Figur unserer Gegenwart, und für uns Zionisten ist er in den letzten Jahren eine symbolische Figur geworden, die Inkamation des ״nichtzionistischen“ Judentums, das mit der Zionistischen Organisation zusammen in Zukunft die Verantwortung für das Jüdische Nationalheim in Palästina tragen will. Wer Marshall in Zürich bei der Konferenz der Jewish Agency gesehen und gehört hat, wer dieses jugendliche Feuer, diese Stimmkraft und Arbeitslust des Dreiundsiebzigjährigen bewunderte, der konnte picht ahnen, daß der Schatten des Todes bereits ״lifaw־Äs«r Gfi^l:sehwÄvv0»־lieöle: Aaftretini'-Ilirshalis in einer größeren Versammlung war vermutlich jene denkwürdige und merkwürdige Sitzung der 2io* nistischen Agency-Hälfte, in welcher Marshall seine Forderung, in der Konstitution der Agency in irgend einer Form auch die jüdische Religion zu erwähnen, vertrat. Unvermerkt und vielleicht unbewußt hatte Marshall dabei ganz und gar die zionistische These des jüdischen Volkstums angenommen; aber mit Leidenschaft vertrat er den Gedanken, daß dieses Volkstum um des Geistes willen lebt und daß auch in einem scheinbar so nüchternen Dokument wie der in Paragraphen eingeteilten Konstitutions-Urkunde der Jewish Agency der Tatsache Rechnung getragen werden muß, daß die eigentliche originelle und wesentliche Leistung des jüdischen Volkes in den Schöpfungen seiner religiösen Genialität, in der Bibel, in den Propheten und Psalmen zu finden ist. Was immer, so rief er aus, unsere Bankiers, Advokaten, selbst Schriftsteller und Wissenschaftler, für die Welt leisten, es ist nicht unser eigentlicher Beitrag zur Menschheitskultur, sondern dieser Beiitrag ist gegeben in den Dokumenten unserer Religion. Auf niemand der Anwesenden verfehlte diese gewaltige Rede ihren Eindruck, und alle Teile waren glücklich, als schließlich, nachdem in einer gut geführten Debatte verschiedene Mißverständnisse beseitigt waren, eine alle Teile befriedigende Lösung gefanden wurde, ln dieser Versammlung hatte sich gezeigt, wie sehr man einander bei direkter unmittelbarer Aussprache näherkommen kann. Menschen verschiedener Erziehung und Weltanschauung begannen einander zu verstehen und zu achten. In dieser Debatte um eine Einzelfrage zeigte sich am deutlichsten die tnoralische Bedeutung der neuen Gruppierung des Judentums. Diese Zusammenarbeit, die kaum erst begonnen hat, kann nun mit Marshall selbst nicht fortgesetzt werden. Ihm war es gerade noch vergönnt, die Agency nach Umschiffung aller gefährlichen Klippen in den Hafen zu bringen. Die Verwirklichung, die praktische Arbeit der Agency, wird er nicht mehr sehen. Aber die an seine Stelle treten, die von ihm Geführten, und auch wir anderen, deren Führer er nicht gewesen ist, die aber mit Respekt und Bewunderung ihm gegenüber standen, werden sein Werk fortsetzen. Sein Tod ist ein großer Verlust für das Gesamtjudentum. Die Lücke, die er hinterläßt, wird sehr schwer auszufüilen sein. Aber die Erinnerung an die Züricher Augusttage, die stets mit Louis Marshall verbunden sein wird, wird noch lange eine Kraftquelle des Judentums sein. * Gerade in diesem Moment wiegt jeder Verlust doppelt schwer. Denn das Judentum braucht seine ganzen Kräfte und Energien zu geeinter und entschlossener Aktion für Palästina. Die letzten Vorgänge in

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