Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 68 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Vf Einzelnummer 0,23 Qoldmat— JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint j «den Dienstag a. Freitag. Bezugapreia bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Auaifradsaboaneirieitts werde« ia dar W&na! der nlnratign Liidler berechnet Anzeigenpreis: 8 gesp. NctnpgreiBezelU 0,50 OUM. Stefleageantche 0,25 G>* *M Redaktion Verlag und Anzeigen •Verwaltung: Jüdische Rundschau G.m.b.H., BerlinW15, Meinekestr. 10 Telephon: J 1 Bismarck 7165-70. Postscheck-Kante«: Berlla!7392, Baael V 9355. Belgrad 68032, Brüssel 39433, Bndape« 59693, Danzig!973, Haag 140476, Prag 5941», Strassburg 164 30, Warschau 190708, Wien 156 030. Baak-Konten: Darmstidter und Natioeatbank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfümendasaa 52; Basel de Ent, Cemaud (Rujainiea); Angl® Palesti&e Ca. in Hatte, ferasalem, Tel -Aviv. Nummer 68 | Berlin, 30. VHI. 1929 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. כ״ד אב׳ תרס״ט | xxxiv. jahrg. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich rechtlich gesicherte! 1 Helmstitte ln Pallstlna. ״Baseler Programm."י Die blutigen Kample ln Palästina Die Entwicklung der Ereignisse - Die Mitschuld der Regierung Genug des Blutvergießens! - Das jüdisch •arabische Problem Eine Woche des Schreckens und des Grauens liegt hinter uns. Bebenden Herzens, in tiefster Erregung und aufwühlendem Schmerz haben wir — nicht nur Zionisten, sondern alle Juden und wohl die ganze zivilisierte Welt — die Unglücksnachrichten aus Palästina empfangen. Wir alle bangen um unser Teuerstes, wir beklagen über hundert Menschenleben, wir stehen ohnmächtig vor den fürchterlichen Tatsachen, ln diesem Augenblick läßt sich der volle Umfang der Katastrophe noch nicht abschätzen, ln den letzten Tagen sind infolge der Telegrammzensur keine direkten zuverlässigen Nachrichten eingetroffen, und es läßt sich nicht einmal sagen, ob die Unruhen bereits zum Stillstand gekommen sind. Die letzten offiziellen englischen Mitteilungen sprechen zwar von einer Beruhigung, lassen aber erkennen, daß die Ruhe noch keineswegs eingetreten ist, vielmehr an manchen Stellen des Landes die Kämpfe andauern. Schon heute steht jedoch fest, daß viel unschuldiges Blut geflossen ist, daß die Aufbauarbeit von Jahrzehnten zerstört ist, und daß eine Atmosphäre des Hasses und der Leidenschaft erzeugt worden ist, die eine baldige Wiederkehr friedlicher Verhältnisse außerordentlich erschwert. In diesem Augenblick gibt cs natürlich nur eine jüdische Forderung: die des Schutzes, der Verteidigung von jüdischem Leben und Gut. Alle Teile der jüdischen Bevölkerung Palästinas Sabeo -Tömnr^Seffistsehtiiäfe; len erfolgreich Ueberfälle abgewehrt hat In diesem Augenblick der Not geht die Verteidigung des Lebens allem anderen voran. . . .. ■ Aber was in Palästina geschehen Ist, ist weder eine Elementar-Katastrophe, noch ein Pogrom in dem Sinne, den das Wort in der jüdischen Praxis erlangt hat. Es sind Vorgänge mit politischem Hintergrund und politischen Motiven, und sie machen daher, so sehr auch die Gefühle zunächst dominieren, über die Trauer um Verlorenes hinaus politische Betrachtungen erforderlich. * Zunächst seien die Vorgänge kurz rekapituliert: Nach den vorliegenden Nachrichten haben die ernsten Unruhen am Freitag, dem 23. d. M., also genau vor einer Woche, begonnen. Sie kamen nicht unerwartet, denn die Be- Ziehungen zwischen Juden und Arabern hatten sich infolge des Klagern auer-Konfliktes in den vorhergehenden Tagen so zugespitzt, die Nervosität war so gestiegen, daß man auf das Schlimmste gefaßt war, selbst wenn man noch immer die Hoffnung friedlicher Beilepng nicht fahren lassen wollte. Die einzige Stelle, die völlig ahnungslos den Dingen gegenüberstand und an den Ernst der Ereignisse nicht geglaubt zu haben scheint, war die palästinensische Regierung. Die jetzt aus Palästina hier eingetroffenen Briefe, Nachrichten und Zeitungen, die bis zum 22. August reichen, schildern ziemlieh genau die damals herrschende Stimmung. Eine Dar- Stellung der Entwicklung des Konfliktes um die Klagemauer in der Zeit vom 15. bis 22. August geben wir an anderer Stelle der heutigen Nummer. Am 23. kam es dann zum ersten organisierten arabischen Angriff auf Jerusalern. Daraufhin hat die Regierung den Belagerungszustand über Jerusalem verhängt und britische Streitkräfte aus den Nachbarländern herbeigerufen. Schon aber hat sich die Bewegung über das ganze Land ausgebreitet. Offenbar standen große Massen von Arabern, die gut bewaffnet waren, zum Kampf bereit. Nach allen Darstellungen besteht kein Zweifel, daß nicht nur palästinensische Araber an den Kämpfen teilgenommen haben, sondern betrachtliehe Abteilungen aus den Nachbarländern, hauptsächlich Beduinen aus Transjordanien, und es heißt, daß sogar Stämme aus dem Regierungsbereich des Sultan Ihn Saud herbeigeeilt sind. Am Samstag, dem 24. d. M., wurden zahlreiche jüdische Siedlungen überfallen. Die Regierung hat dann den Belagerungszustand auf das ganze Land ausgedehnt, aber sie ist offensichtlich der Lage nicht Herr geworden. Sie verfügte nicht über genügende Machtmittel. In dem darauffolgenden Chaos scheinen wiedcrholt Maßnahmen getroffen worden zu sein, die dann wieder abgeändert wurden. Insbesondere In der Frage des jüdischen Selbstschutzes scheint die Regierung mehrmals ihre Haltung geändert zu haben. Einmal heißt es, die Juden seien bewaffnet worden, dann wieder, sie seien entwaffnet worden. Eine Abteilung englischer Studenten aus Oxford, die zufällig gerade in Palästina weilten, hat sich freiwillig dem Polizeidienst zur Verfügung gestellt und wurde von der Regierung entsprechend verwandt. Die Kämpfe gingen inzwischen weiter und erst am 28. scheint eine gewisse Ruhe eingetreten zu sein, da inzwischen auch genügend Militär ins Land kam. Ob die Nachrichten über den drohenden Anmarsch von aufständischen Drusen aus dem Norden irgendeine tatsächliche Unterlage haben, läßt sich natürlieh schwer feststellen. An jüdischen Verlusten sind bisher zu beklagen: Etwa IW Tote. Mehrere hundert Verwundete. Vernichtung einer Reihe von kleineren jüdisehen Siedlungspunkten und Farmen, insbesondere in Judäa. Zionistische Kundgebungen Sonnabend, 31« August (nicht Dienstag, 3. September) Näheres siehe Inserat S. 437 Was das Emek betrifft, liegen widersprechende Nachrichten vor. In einer der Meldungen heißt es, daß Tel Josef und die blühende Kwuzah Giwah niedergebrannt worden sind. Da eine größere Zahl von Kolonien geräumt werden mußten, so ist über deren Schicksal noch nichts Gewisses zu erfahren. Die Regierung versucht, die Juden nach Möglichkeit an bestimmten Punkten unter militarischer Bedeckung zu konzentrieren. Es ist naheliegend, daß manche der infolgedessen verlassenen Siedlungen der Plünderung anheimfallen und es ist nur die Frage, wie weit deren Vernichtung geht. Wie stets in solchen Fällen, werden auch viele übertriebene und falsche Nachrichten verbreitet. Seit zwei Tagen sind Kriegsschiffe, eine Torpedobootflottille und weitere Truppen im Lande eingetroffen, so daß die Regierung allmählich mehr Machtmittel zur Verfügung hat, um durchzugreifen. * Im gegenwärtigen Moment haben wir vor allem eine Forderung: Wiederherstellung der Ruhe und ausreichen־ den Schutz der Juden. Dann aber wird über die Frage der Verantwortlichkeit ein Wort zu reden sein. Es besteht kein Zweifel, daß die palästinensische Regierung, wenn sie schon selbst nicht genügend unterrichtet war, Sich gegenüber allen Warnungen mit einer gradezu verbrecherischen Sorglosigkeit verhielt. Die Art und Weise, wie die so delikate Frage der Klagemauer behandelt \yurde, zeugt von einer geradezu erschreckenden Unfähigkeit der gegenwärtig in Palästina regierenden Persönlichkeiten, schwierige Situationen auch nur zu verstehen und sich in die Seele der durch religiöse Konflikte erregbaren Völker zu versetzen, auch wenn einem selbst das Objekt des Streites als Bagatelle erscheint. Die Erlaubnis derOeffnung der Tür zwischen Tempelplatz «nd Klagemauer ist völlig unbegreiflich. Gewiß gehört der Platz den Mohammedanern, aber eine formal-juristische Behandlung einer politisch tiefgreifenden Frage kann niemals zu einer Lösung führen. Die Regierang hat beiden Teilen gegenüber so unpsychologisch wie nur möglich gehandelt. Auch wenn, wie manche behaupten, in der Palästina-Regierung Beamte sitzen, die eine Demütigung der Juden herbeizuführen wünschten, dann waten diese Personen offenbar nicht im Bilde über die Dimensionen, die der einmal ausgebrochene Konflikt annehmen konnte. Wir müssen jetzt von der Regierung der Mandatarmacht fordern, daß sofort eine Untersuchung angestellt wird über das Verschulden der Regferungsorgane in Palästina. Die neue Regierung hat bereits im Falle Aegyptens gezeigt, daß sie versteht, daß es höhere Interessen gibt als die Loyalität gegen einzelne Beamte. Auch die englische Presse, die die Ereignisse als eine Schande für Englnad betrachtet, fordert eine Untersuchung über die Mitschuld der Regierang. Persönlichkeiten, die dem palästinensischen Problem gedankenlos oder im besten Fall mit einer auf Palästina nicht anwendbaren schablonenhaften K°10״ial- Routine gegenüberstehen oder gar Beamte, die die erklärte Politik der Mandatarregierung geflissentlich konterkarrieren und dem Zweck des Mandates feindlich gegenüberstehen, müssen beseitigt werden. Das Wichtigste im Lande ist ein Zustand unbedingter öffentlicher Sicherheit. Nach den blutigen Vorfällen vom Mai 1921 ist es gelingen, in jahrelanger mühevoller Arbeit diesen Zustand der Ruhe und Sicherheit herzustellen, und unter dem Oberkommissariat von Sir Herbert Samuel und Lord Plumer ist er erhalten geblieben. Es gehörte dazu, natürlich nicht nur eine feste Handhabung[ der», Ver• gefihl'tmd Verständnis für die BesdfldifttBf. def SKui*׳* tion. Erst die gegenwärtige Verwaltung hat es offenkundig an diesem Verständnis fehlen lassen. Sie hat zunichte gemacht, was ihre Vorgänger aufgebaut haben. Sie hat das Prestige der englischen Mandatsregierung einer schweren Krise ausgesetzt. Während des syrischen Aufstandes von 1925, während der Unruhen in Mesopotamien, Transjordanien und anderen Ländern des Vorderen Orients konnte man stets darauf hinweisen, daß Palästina das einzige Land ist, wo der Frieden nicht gestört ist, dank der Aufbauarbeit der Juden und dank einer maßvollen und — trotz mancher schwerer Irrtümer — in ihren Richtlinien vernünftigen Politik der Verwaltung. Jetzt ist eine Wendung eingetreten. Wir haben stets den Standpunkt vertreten, daß die Sicherheit im Lande der wichtigste Beitrag ist, den England zum Aufbau des Jüdischen Nationalheims leisten kann. Dieser Beitrag hat sich jetzt als fiktiv erwiesen. Wir sind überzeugt, daß die englische Regierung diesen verhängnisvollen Tatbestand erkennt. Die Mandatarmacht hat für Leben und Sicherheit der Bürger׳ des Land e s zu sorgen, für die sie verantwortlich ist, nicht etwa nur für das Interesse der Europäer. Befremdend wirkt z. B. in dem letzten Leitartikel der ״Times“, dessen Eintreten für Festhalten an der Balfour-Politik zu begrüßen ist, das Bedauern, das — ganz im Geiste kolonialer Vorzugsbehandlung — speziell über den Tod amerikani* scher Bürger geäußert wird. Als ob nicht alle Menschenleben in gleicher Weise Anspruch auf Schutz hätten! Wir, Zionisten, Juden, die ganze zivilisierte Welt erwarten von ihr, daß sie mit aller Beschleunigung Sicherheit für alle herstellt; eine eindeutige Erklärung über die Lage erläßt, einen ernsten Versuch zur Beseitigung der aktuellen Streitpunkte unternimmt und sodann im Lande Verhältnisse schafft, die die Fortsetzung der jüdischen Arbeit im Geiste des Mandates garantieren. * Aber auch in dieser Stunde der tiefen und berechtigten Erregung dürfen wir die Wahrheit nicht vergessen und nicht verschweigen: daß es auch von uns abhängt, ob ein Zustand dauernder Sicherheit geschaffen wird. Wir stehen heute vor dem Phänomen eines n a t i onalen Aufstandes der palästinensischen Araber, der unterstützt wird von den Arabern der Nachbarländer. Auch wer bisher die Stärke der nationalarabischen Bewegung verkannte, muß jetzt einsehen, daß wir es mit einem Faktor von erheblicher Bedeutung zu tun haben Gewiß sind allerhand äußere Umstände, vielleicht auch äußere Einwirkungen, an dem Ausbruch beteiligt; aber auch wenn wir diese Momente äbziehen, bleibt die Tat- Sache dieser arabischen Bewegung bestehen. Und wir alle wissen, daß eine solche Bewegung nicht auf die Dauer mit Waffengewalt und Strenge niedergehaiten werden kann. Wir Juden, deren Entschluß zum Aufbau der Nationalen Heimstätte in Eiez-Israel unerschütterlich