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Jüdische Rundschau · 1929-08-20 · Heft 65 (20.8.1929) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 65 (20.8.1929)
Date
1929-08-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 420 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr, 05, 20. VIII. 1929 inneren Natur nach nicht Gegenstand von Kongreßbe- Schlüssen sein können. Hier bedarf es einschneidender Reformen, um den Zionistenkongreß vor sich selbst zu schützen. Denn mochte vielleicht bisher, so lange die Zionisten allein waren, dieses Verfahren noch hingehen, so müssen wir uns in dem Moment, wo in dem Agency- Council eine zweite Kammer des Palästina-Aufbaus entsteht, vor Allem hüten, was den Kongreß entwertet und unernst erscheinen läßt. Nur dann wird der Kongreß neben dem Council seine Bedeutung behalten können. Und wir wollen, daß er sie behält, daß er die große volkstümliche Tribüne des jüdischen Volkes bleibt, und daß er in Zukunft noch wichtige Funktionen in unserem Volksleben und im Palästina-Aufbau erfüllt. * Eine Besonderheit dieses Kongresses war die vom ersten Tag an geführte Kampagne gegen die Palästina- Exekutive. Sie erinnerte an das Verhalten des Kongresses gegenüber Dr. Weizmann in früheren Jahren, wo eine Mehrheit des Kongresses gegen seine Politik, vor allem gegen die Erweiterung der Agency war und ihm das Leben erschwerte, um dann schließlich doch zu fordern, daß er die Führerschaft behält. Es ist immerhin beruhigend, zu sehen, mit welcher erquickenden Gelassenheit heute viele von denen, die scharfe Gegner der -Agency waren, von sich behaupten, sie hätten diese Politik von Anfang an unterstützt. Aber man soll im Moment eines großen Erfolges nicht in Archiven suchen und Vergessenes vergessen sein lassen. Man kann nur hoffen, daß auch die gegenwärtigen Kongreßkämpfe ein solches versöhnliches Nachspiel haben werden, ln gewissem Sinne bedeutete schon der Ausgang des Kongresses eine Annäherung. Sacher, der die zentrale Figur des Kongresses war, hat durch seine Nachgiebigkeit gezeigt, daß er die höheren Interessen des Zionismus selbst über ihm lebenswichtig erscheinende Einzelforderungen zu stellen vermag. Er ist nicht der Mann, von seinen sachlichen Prinzipien etwas nachzugeben; aber so erschwerend es auch sein mag, diese Prinzipien in einem größeren Greinium durchzukämpfen, so kann man sich doch nicht der Ansicht verschließen, daß die Zusammenfassung aller Teile der Bewegung in der sichtbaren Form einer Koalition als politisches Prinzip Im Moment wichtiger war als eine schon äußerlich gegebene Sicherheit der Alleinherrschaft einer bestimmten administrativen und wirtschaftspolitischen Auffassung innerhalb der Exekutive. Im Laufe des Kongresses hat sich übrigens auch bei Gegnern Sachers die Meinung befestigt, daß er Insbesondere als Reprisentant nach außen, gegenüber der Mandatarmacht, ein ausgezeichneter Führer der Palästina-Exekutive ist. Es ist bc* greiflieh, daß Sacher sich heute nicht sehr wohl fühlt in seiner Haut, aber es muß Sorge aller sein, daß dieser Mann die Möglichkeit behält, in Palästina seine volle Arbeltskraft aumiwirken. Sachers entscheidende Konzession war der Verzicht auf das Kolonisations-Departement. Die Wiederkehr Dr, Ruppins wird von allen Zionisten mit aufrichtiger Freude begrüßt werden. Ruppin ist nicht nur der zweiundzwanzlgjährige Leiter unserer Palästinaarbeit, nicht nur der Schöpfer der ersten Siedlungen und des Ernek, er ist auch vielleicht der bedeutendste systematische Kopf des Zionismus, und wenn man seinen Wiedereintritt in die aufreibende zionistische Tagesarbeit auch mit einem teilweisen Bedauern sieht, so deshalb, weil man weiß, daß darunter das von ihm vorbereitete wichtige Werk über die Soziologie des Judentums der Gegenwart Jüdische Künstler und jüdische Kunst Oie AnssieUnngen gelegentlich des XVI. Zlonistenkongresses 10 Zürich Die beiden Züricher Ausstellungen, bei Aktuaryus (Bahnhofstraße 16) und bei Henri Brendld (Bahnhofstraße 57 a) haben etwas gemeinsam. Bei beiden ist jüdische Kunst etwas Zufälliges, vorhanden durch den Zufall der Aufforderung und den weiteren Zufall der befriedigenden Qualität innerhalb der gesandten Werke; denn beide Kunsthändler wandten sich nur an den jüdischen Künstler, während gerade eine Kongreßausstelhmg eine wunderbare Gelegenheit gewesen wäre, den Zufall durch den gemeinsamen Weg zu dem neu gefundenen jüdischen Selbst zu ersetzen, Abgesehen von dieser Einschränkung geben die Ausstellungen, die einander im übrigen gut ergänzen, vielerlei Anregung und durch die zentrale Lage der Schweiz, die nähere Verbindung nach Paris und Italien auch Gelegenheit, Künstler kennen zu lernen, die in Berlin noch nicht gezeigt wurden. So sieht man bei Aktuaryus geschlossen die Pariser Malergruppe: ChagalL Scoutin, Kisling, Rybak, Man6 Katz, Zak, Feder, Altmann, Falk, Leopold Qottlieb, Max Band und den bisherigen Wiener Viktor Tischler, anan sieht nach langer Zeit Abraham Mintchin wieder (bei Brendle) und lernt in Kays er (bei Aktuaryus) einen vorzüglichen Landschafter kennen. Brendld bringt die erwähnte Ergänzung, den Italiener Dlvi Luegi (Luigl Levi), das schönste von ihm ist gleichfalls eine Landschaft: alte Fischerhütten . . . und einen sehr feinen älteren jüdischen Maler aus Frankreich Dreyfuß-Lem a i t r e mit seiner genialen Tochter ״CI a u d i n e L a n g“. Von beiden wird noch gesprochen. Während Aktuaryus außer der französischen Gruppe einen Raum internationaler Graphik bringt: von Israels, Liebermann, Struck, Meidner, Bryks u. a., legt Brendle das Hauptgewicht auf die Sammlung der Schaffenden in den verschiedenen Richtungen der Malerei und der bil• denden Kunst mit der einzigen Forderung: Qualität, aber leider gleichfalls ohne die Unterscheidung! jüdische Kunst oder nur zufällig jüdische Künstler. Wer die Werke von Chagall, Jankel Adler, Rybak, Barzinski, Marek Swatrc, Kisling, Max Band u. a, kennt, wer die Graphik der Rahe! Szalit sah, Zeichnungen von Max ßronstein und Aquarelle von Kirschenbaum, der ist sehr wohl imstande, diese Unterscheidung zu treffen. So sieht man zwar bei Brendlä einen Knabenkopf von Mintchin, aber nichts von der Kraft der Belsazaranfänge, so schickt Bronstein zu Brendlä das vorzügliche kleine Gemälde ״die Schachspieler“ und das große sehr gute Bild ״der Schreibtisch": Brief, Blumen, Zigaretten sind ein Gruß für den damals kranken Arthur Segal, aber Bronstein hat ein zartes Fabuliertalent in der Graphik mit jüdischer Seele und diese Graphiken hätte er zu einer Aus- Steilung jüdischer Kunst schicken sollen. Um bei Brendlö zu bleiben: ArthurSegal 1, dem Meister neuer Formen und reiner Farbe, nun artistisch verhängter Farbe, ist eine ganze Wand emgeriumt im gleichst! Raum. Hier hängen die Sonnenblumen notwendig leiden muß. Daß Miß Szold der Exekutive erhalten blieb, muß aufrichtig begrüßt werden. Je öfter man diese unvergleichliche Frau in ihrer Arbeit, in ihrer unerschütterlichen Sachlichkeit und der Hoheit ihres geistigen Niveaus zu beobachten Gelegenheit hat, desto höher muß man ihre Leistung, vor allem aber die von ihr ausgehende moralische Kraft einschätzen. Auch auf dem Kongreß hat sie sich wieder allgemeinen Respekt und Bewunderung verdient. Gegen sie als Leiterin des Erziehungswesens richtete sich die Gegnerschaft des Misrachf, der seine Autonomie von ihr bedroht glaubt. Es ist zu hoffen, daß diese Konflikte durch den Eintritt des Misrachi-Führers Rabbi Berlin in die Exekutive beseitigt werden können, ohne daß an dem von Miß Szold mit Erfolg verteidigten Prinzip der administrativen Einheit gerüttelt wird. Neben Rabbi Berlin tritt Josef S p r i n z a k wieder in die Palästina-Exekutive ein, ein Mann von großer palästinensischer Erfahrung, polititischer Klugheit und starkem zionistischen Temperament Wir glauben, daß die Palästina-Exekutive durch den Hinzutritt Ruppins und der beiden Parteienvertreter an Kraft und Leistungsfähigkeit gewonnen hat. Gewonnen hat sie vor allem auch an Prestige und Popularität im Jisehuw, und man sollte auch diese Momente nicht unterschätzen. Vielleicht gelingt es, die palästinensische Atmosphäre zu beruhigen und dadurch auch der sachlichen Arbeit zu nützen, indem die psychischen Motive, die bisher jede Meinungsverschiedenheit zwischen Exekutive und Jischuw zu einer giftigen Seifenblase politischer Leidenschaft anschwellen ließen, allmählich abgerüstet werden. * Die Exekutive ist vom Kongreß gewählt worden, diesmal noch ohne jede Rücksicht auf die Agency. Dennoch wurde wenigstens psychologisch die Bildung erleichtert durch die telephonisch von Marshall aus Paris einge» troffene Nachricht, daß die Nichtzionisten zwei bedeuiende Spezialisten nach Palästina entsenden wollen. In Zukunft aber wird auch die Exekutivbildung nach anderen Gesichtspunkten vor sich gehen. Es ist vorgesehen, daß die ganze Exekutive der Agency nur aus acht Mitgliedern besteht, und zwar vier Zionisten und vier Nichtzionisten. Inzwischen hat die Agency bis zur nächsten Tagung des Administrativ-Komitees der Zionistischen Exekutive die Führung der Geschäfte überlassen. Nun kommt es darauf an, daß die Zionistische Organisation selbst die Uebergangszeit dazu benützt, um sich für den neuen Zustand vorzubereiten. Die notwendigen Reformen innerhalb des zionistischen Apparates sollten rechtzeitig und ohne den Druck von außen abzuwarten, vorgenommen werden. Die Initiative liegt jetzt bei der Zionisti» sehen Exekutive. Man wird verstehen, wenn nach den aufreibenden Tagen dieser beiden Kongresse eine Pause der Entspannung und Erholung eintritt. Dann aber heißt es an die Arbeit gehen, wohl überlegt und besonnen, aber in einer Weise, die der Größe der gegebenen Möglichkeiten entspricht. Die jüdische Kooperativ-Bewegung in Palästina• Von dem Direktor der Zentralbank für Kooperativen in Palästina, Harn? Vite! es, ist soeben in der Reihe der Publikationen der Palestine Economic Society eine instruktive und umfassende Studie über ״The Jewish Co-operative Movement in Palestine“ — Die jüdische Kooperativ-Bewegung in Palästina — erschienen. Jewiih Agency und Keren Hajesiod Das Büro des Keren Hajeisod teilt mit: Nachdem der Council der Jewish Agency in seiner Schluß- Sitzung einen feierlichen Appell an all® Telle des jüdischen Volkes gerichtet hat, die Bcltragslelstung zum Keren Hajessod zu Ihrer vornehmsten Pflicht zu machen, hat sich die unmtttelbar Im Anschluß an diese Tagung stattfindende Sitzung des neugewählten Administrative Committee der Jewish Agency, in der Herr Felix War bürg den Vorsitz führte, mit der Umgestaltung des Direktoriums des Keren Hajessod belaßt. Auf Grund der angenommenen Verfassung der Jewish Agency soll nunmehr daa Direktorium des Keren Hajessod zur Hälfte aus Zionisten und zur Hälfte aus Nichtzionisten bestehen. Zwecks Durchführung dieses Beschlusses hat das Administrative Committee beschlossen, Herrn Direktor Wassermann in Vertretung des nichtzionistischen Teiles der Agency zum Direktor des Keren Hajessod zu wählen. Wassermann, der schon bisher Präsident des Keren Hajessod für Deutschland war, hat gleichzeitig den Auftrag erhalten und übernommen, zusammen mit dem bisherlgen Direktorium des Keren Hajessod Pläne und Vorschläge in bezug auf die zukünftige Regelung der Keren Hajessod- Arbeit für die nächste Sitzung des Administrative Committee der Jewish Agency vorzubereiten. In der ersten Hälfte September wird Wassermann das Direktorium des Keren Hajessod zu einer Sitzung in Berlin Einladen. An dieser Sitzung sollen außerdem einige von Wassermann auszuwählende nlchtzionlstlsche Mitglieder der Jewish Agency teilnehmen. Auf dieser Sitzung werden auch solche Fragen behandelt werden, die für die sofortige Anpassung der Keren Hajessod-Arbeit an die durch die Schaffung der Jewish Agency entstandene Lage mit Ihren vergrößerten Möglichkeiten von Bedeutung sind. ״Frankfurter Zeitung*‘ und Jewish Agency Die ״Frankfurter Zeitung“, die über die Tagung des Kongresses und der Jewish Agency fortlaufend ausführlich und sachlich berichtet hat (im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Zeitungen, deren Berichterstattung recht unzurelcbend war), bringt im Abendblatt vom 14. a. Meinen Leitartlkel ״Zionismus und Agency“, worin der Gründung der Agency ״erhebliche Bedeutung“ zugesprochen wird. Der Artikel betont den Kräftezuwachs, den me Sache des jüdischen Nationalheims durch die Agency erfahren hat, skizziert die Zusammensetzung des Councils und fährt dann fort: ״Vor einiger Zeit, als die Erweiterung der Agency aktuell wurde, haben wir uns über das ganze Problem noch einmal ausführlich geäußert (und zwar, wie erinnerlich, sehr ablehnend- A. d. Red. ״J. R.“>. Wir haben die verschiedenen Gesichtspunkte hingestellt, die hier in Betracht kommen, haben aber damit geschlossen, daß wir es nicht als unsere Aufgabe betrachten können, den deutschen Juden einen Rat zu geben, wie sie sich verhalten sollen. Dieses Verhalten ist, wie bekannt, nicht einheitlich. Ein Teil der deutschen Juden lehnt die Be• weil er in schärfstem Andere, die zwar den Zionismus ebenfalls ablehnen,' fühlen sich dennoch be• wogen, zu dem Umbau Palästinas beizutragen, weahalb sie gestellt haben, daß die Juden selbst wissen müßten, was sie in dieser Sache tun sollen, haben wir jetzt trotz der Bedenken, die wir damals aussprachen, auch keine Veranlassung mehr, den Eintritt deutscher Juden in die Jewish Agency zu werten. (Von uns gesperrt. — Red. ״J. R“) Man wird die weitere Entwicklung der ganzen pa• lastlnenslschen Frage mit Interesse verfolgen. Man wird dabei ja auch sehen, wer sich als stärker erweisen mag: die zionisdsche oder die andere Hälfte. Wir meinen damit natürlich nicht, es sei zu erwarten, daß die beiden sich ständig be׳ kämpfen würden; sie sind ja zusammengetreten, um gemeinsam eine Sache zu fördern. Aber psychisch werden manche Fäden, die man zunächst vielleicht gar nicht merkt, hin• und hergehen. Es wird etwas darauf ankommen, was für ein Gewebe daraus wird.“ und das plastische Selbstporträt, Der Nebenraum ist fast ganz den Aquarellen Minkowskis eingeräumt. Es sind die auf der Londoner Ausstellung gezeigten Aquarelle. Auch einige Berliner Maler kommen hier zur Geltung: die talentierte Frida Abraham mit Palästina-Aquarellen, unter Ihnen der ״Oe!־ berg“ in Darstellung und Farbenreinhelt eine sehr gute Arbeit. In einigen Torbildern sieht man das Ringen nach Wahrheit in der Farbgebung. Anneliese Ratkowski zeigt Ihr Gemälde ״Nacht auf dem alten Markt“, das schwächer ist als das leichnamige Gemälde der RahelSzalit, aber ein Mädchenopf, der Typ des modernen, selbständigen Mädchens mit Gefühl, Verstand und kritischem Blick, findet viel Beifall auch bei den jugendlichen Besuchern. Der Berliner Maler Prochownik, eigentlich Ostdeutscher — das Technikum Haifa hat einen Moses von ihm — zeigt hier in Zürich ein gut beobachtetes Berlin N. Wedding-Gemälde. In Paris gilt zuerst die malerische Handschrift, die Linie, der Ausdruckist gemildert, ob Dreyfuß-Lemaitre auf der’Schönheitsspur von Monet und Pissarro in stillem Ausschwingen der Landschaft eigenen Weg findet, oder die H a l i c k a, die hochbegabte Frau von Marcoussis in delikaten Farben und erfühlfester Impression Tänzerinnen malt oder die sehr begabte, in diesem Frühling jung verstorbene Madelaine Woog ihre wundervollen Rosen. Auch Max Band und Mintchin milderten ihre rauhen aber produktiven Anfänge und selbst Moise Kisling war einmal prätentiöser Surrealist und füllt die Reinheit seiner Farbe erst jetzt wieder mit schlichter Wahrheit. Bei Brendlö und bei Aktuaryus hängen schöne Arbeiten der jüngsten Zeit. Bei Brendle auch eine sehr schöne romantische Landschaft, bei Aktuaryus ein feiner Kinderkopf. Das Marek Swarc - Relief bei Brendlö ist von Berlin her bekannt. Rabe! Szalit, gleichfalls bei BrendR, ist sehr gut vertreten mit dem sehr starken Aquarell ״Cheder“ und einer sehr schönen Lithokollektion: Blätter aus den hebräischen Melodien, köstlich in ihrem Humor und groß gesehen. Sehr stark sind auch die Blätter aus der Mappe ״Auswanderer". Gemälde von Chagall, Zak, Modigliani, sowie die Bildhauer waren noch drei Tage nach der Eröffnung der Ausstellung nicht eingetroffen. Chagall und Zak sieht man aber sehr gut bei Aktuaryus» Von Chagall die Kunstreiterin, ein Gemälde mit den Vorzügen der besten Zeit, hell, feiertagsbunt mit Phantasie und Gefühlswärme, Ein Junge reitet auf einem Huhn, ein geigender Clown trägt zur Bauernmaske jenen Hut, den man Melone nennt, der Mond ist gelb und die Pferdemähne in hellem Blau. Das Pferd selbst hängt voll buntem Jahrmarktstand, ln der hellen Farbigkeit kommen ihm die kleinen in Berlin lange vermißten R y b a k - Gemälde am nächsten, besonders der Geflügelhändler. Das strotzt nur so von flammendgelb, rot, gold, schwarz und grün. Das ist lauteres Ghettomarchen. Die Ciranowski-Maler Altmann und Falk sind hier Landschafter, sehr fein, sehr kultiviert Von den Falk• Aquarellen erinnert di« Dorfstraße an Städtl-Stimmung. Man6 Katz zeigt groß und etwas in der Art ״jüdisches Genre“ einen betenden jungen Mann mit Tfillin, etwas zu weich für heutiges Empfinden, aber sein Beduine mit Schaf ist herrlich in den Sonnenfarben. Die Farbe zeigt sich hier In ganzer Majestät, gar nicht spie־ lerlsch, gar nicht artistisch, so wie sie immer sein sollte als Hymne, als den großen Ueberfluß. Feders Händler, sehr delikat, aber gedeckt, zeigt den Gegensatz. Von Scoutin sieht man nur einen alten Mann mit einem eigenwilligen Kopf. Bei der Graphik erfreut das sehr selten gewordene Wieder• sehen mit Struck- Radierungen: ein wandernder Jude vor dunklem Himmel, ein Judenkopf aus dem Jahre 1908, Selbstporträt mit Pfeife, eine Wüstenlandschaft, ein Talmudistenköpf und Radierungen von Jerusalem. Von Israels fesselt, wenn auch nicht handschriftlich signiert, eine kleine Radierung ״Die Wiege“ durch Wärme des Gefühls. Von Liebermann die Radierung ״Das Konzert“ zeigt in Feinhörigkeit, Meisterschaft und Strichweite den späten Liebermann. Pissarros Holzträgerinnen zeigen eine Größe der Linie und Macht des Griffels, die an Daumier denken läßt. Einem jungen David Fried mann ist in der sozialen Studie ״Sinnende Frau“ die Tragik des erwerbstätigen, älteren Mädchens ohne Sentimentalität — ein Dokument der Gegenwart — gelungen. L e s s e r Urys Zeitung lesende Damen und Herren naben Handelswert. Die kleinen Lithos, eine ehemals wahrscheinlich wohlfeile Ausgäbe, haben jetzt respektable Preise. Von B u d k 0 sieht man eine sehr schöne kleine Radierung ״Jakobs Traum“. Unter einem Nachthimmel mit Sternen ruht Jakob mit durchgeistigt seherischem Gesicht. Jacob Steinhardt zeigt u. a. in Radierungen aus dem Zyklus ״Sintflut“ das Grauen des Ertrinkens. Von Meidner sieht man eine Reihe starker Köpfe. Der schon genannte David Friedmann zeigt eine beachtenswerte Pogromszene. Die Juden eines ganzen Ortes haben nur eine Richtung: Fort!, und doch finden einige noch die Gebärde des Zögerns, der Klage aus der Ahnung, daß die Flucht nicht nur Ortswechsel bedeutet. Der Berliner Julius Rosen bäum zeichnet ebenso charakteristisch seine eigene Art in der Radierung ״Synagoge“, die des zurückhaltenden, sachlichen, deutschen Juden, Der Schweizer Rabinowltseh zeigt wieder sehr gute Porträts, ln der Kollektion Wolfsfeld fand ich besser als alle seine Bibelmotive eine Radierung: ״Getreidefeld“, mit hohem Himmel und Miletkraft. Ein Satiriker, wenn ich nicht irre heißt er P o 11 a k , — der Katalog war noch nicht fertig, als ich die Ausstellung sah —- ist sehr geschickt mit seinem Blick für das ergötzlich Komische bei feierlichen Gelegenheiten. Arthur B y h 8 Kohlezeichnungen Tessins Landschaft, Mutter und Kind des Rabbi fielen auf in dieser Sammlung guter Graphik auch durch Ruhe und Größe des Strichs. Graphiken von F e i g 1 und einigen anderen waren zur Zeit noch nicht da (ich sah die Ausstellung vor der Eröffnung), ebenso nicht die Plastiken. Ruth Marold.

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