Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 57-58 (25.7.1929)
- Date
- 1929-07-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Doppeinummer 0,40 (ioldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5.75 Goldmark. A 1wl*nd«tHonnemeot* werdon i» dm WUtfuag der einzeln«! Linder benrechnet, Anzeigenpreis: 8 gesp. Nonpereillezeä« 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Nummer 57/58 | Berlin, 25, VII. 1929 Redaktion Verlag und Anzeigen •Verwaltung! Jüdische Rundschau G.m. b.H., BerlinW15, Meinekestr.lO Telephon: JI Bismarck 7165 —70. Anz«lg0n«db!tLft: Dienstag ט ad Freitag nachmittags 4 Uhr RedaktionsschluS Sonntag und Mittwoch nachmittag. Poitichflcl-Koatcn: Berlin £7392, Basel V 9155. Belgrad 68032* Brüssel 394 33. Budapest 59693. Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410, Strassburgl64 30. Warschau 190 708, Wien!56 030. Bank-Konten.' Dannstädter und Nationalbank, Depositen - Kasse Berlin, Kurftirstendamm 52* Banca de Est, Cernaud (Rumänien); Anglo Palestice Go in Haila, jeruaaletn. Tel -Aviv. ""??י״ז תמו4 תו |""x30av! Jahrg. Par Zionismus erstrebt fdr da»!adlacha Voll! die Schaffung einer Öffentlichrechtlich gesicherten Heimstatt« ln Pallatlna. ״Baseler Programm.» Herzl und der XVI. Kongreß Nach fünfundzwanzig Jahren Von Adolf Böhm. Die Vierteljahrhundertgedenkfeier von Herzls Todestag trifft die zionistische Bewegung״ gerade beim Ab- Schluß einer Epoche und dem Beginn einer neuen. Unwillkürlich drängt sich deshalb die Frage auf, ob diese Wendung dem Sinne der Herzischen Politik entsprach. In dem Kampf um die Erweiterung der Jewish Agency Ist dies von der Opposition sehr oft verneint und behauptet worden, daß die Form dieser Erweiterung gegen den Geist der Herzischen Judenstaats-Konzeption und der von ihm geschaffenen national-demokratischen Bewegung verstoße. Natürlich sind diese Vorwürfe in dem Sinn gemeint, daß man eben von diesen vermeintlichen Leitlinien nicht abweichen darf, lieber diese Ansicht sind die Akten geschlossen und eine Wiederaufrollung der Diskussion ist unnötig. Aber am Gedenktage, wo uns allen die Gestalt Herzls wieder in ihrer monumentalen Größe vor Augen tritt, ist es uns allen, als ob wir seinen Schatten befragen müßten, ob jene Behauptung richtig sei. Um sich eine möglich scheinende Antwort darauf zu konstruieren, genügen Schlagworte nicht. Gewiß hat Herzl den Judenstaat postuliert, gewiß hat er die demokratische Volksorganisation geschaffen. Aber wie sich um seine Person schon Legenden ranken, so geschieht es anscheinend auch mit seiner Politik. In Wirklichkeit war Herzl ein intuitiver Politiker, der auf kein anderes Dogma eingeschworen war, als auf das eine: ״I c h habe den Juden den Charter zu verschaffen.“ Herzl war Charismatiker, von seiner persönlichen Berufung nicht weni- $er flherzgJgJi^Ä '־er- Auch die politische Organisation geschaffen hat, so war sie für ihn nur eine Legitimierung für sein persönliches Auftreten als Sachwalter des Volkes. Seine ganze Politik war, wie es die Tagebücher bezeugen, eine Art Schachspiel: die politischen Machthaber, die Bankiers, die zionistischen Institutionen usw., all das waren für ihn nur Figuren in diesem Spiel. Einmal brachte er diesen, einmal jenen Stein ins Feld. Er hat unablässig Kombinationen erdacht, mit dem Gegebenen gerechnet, er wollte ״jetzt und hier“ den Charter erlangen. Nie hat er geglaubt, mit Hilfe der nationalen und demokratischen Organisation eine auf lange Sicht angelegte nationale Evolution einzuleiten. Er wollte und konnte nicht warten, und daher kam sein Ausflug nach Uganda. Wenn man diese Art, Politik zu machen, verurteilen will, so vergißt man, daß Herzl blind sein mußte für den empirisch erfaßbaren Gang der Welt, um quasi nachtwandlerisch der Utopie nachzujagen. Erscheint er ab und zu in den Tagebüchern wie ein Abenteurer, der durch persönlichen Zauber, Geflecht von Be- Ziehungen und Protektionen von hohen Herren ein Königreich erobern will, so ist diese donquicbotteartige Haltung die Folge weniger seiner unrichtigen Abschätzung der die Welt bewegenden Kräfte, sondern der Reflex der politisehen Ohnmacht der von ihm geführten Bewegung, des von ihm geführten Volkes. Hätte Herzl eine andere Auffassung jener Kräfte gehabt, so hätte er gar nicht mit der diplomatischen Aktion anfangen können, weil er sie für undurchführbar gehalten hätte. Sein Buch ״Der Juden- Staat“ wäre eines seiner literarischen Werke geblieben, er selbst kein Führer geworden. Er hätte sich gesagt, daß ein ohnmächtiger Faktor in der Politik nie etwas erreichen kann. Deshalb war jene etwas schiefe Auffassung der politischen Energetik bei Herzl gar nicht so sehr aus einer bestimmten Blickrichtung geboren, sondern der Eigenart seines ״Muß“ entsprungen. Denn daß Herzl jedenfalls ein politisches Genie ersten Ranges war, erhellt schon aus seiner intuitiven Erkenntnis, daß die Judenfrage eine politische Frage und nur auf politischem Wege durch Aufrichtung einer jüdischen politischen Macht zu lösen sei. Daß seine Methoden zeitbedingt, aber nicht falsch waren, bewies schon zu seinen Lebzeiten sein Erfolg bei England, das ihm ein Land zur Kolonisation angeboten hatte und später der politische Enderfolg der Bewegung, die Balfour-Deklaration, die nie gegeben worden wäre, ohne die Vorarbeit der Aufklärung politischer Kreise über den Zionismus, die Herzl geleistet hat. Ferner: Die Kraft für seine persönliche Opfertat schöpfte Herzl durchaus nicht aus seinem von ihm selbständig gefundenen und vertretenen politischen Axiom. Das Ziel war politisch, aber der Rechtsanspruch moralisch und historisch. Es war me hr der moralische als der politische Furor, der ihn trieb, ein urjüdisches prophetisches Erbgut. Dadurch erscheint Herzl nicht nur als der Bahnbrecher des Zionismus, sondern als erster moderner Politiker, der, ohne jede politische Macht Unter sich, allein auf die Idee des Rechtes pochend, eine, ihrer inneren Beschaffenheit nach politische Forderung erhebt, seiner Zeit weit vorauseilend. Bei dieser Lage konnte Herzl nicht anders als an die Berechtigung der jüdisch-politischen Forderung so stark glauben, daß er ihrer bloßen Stellung durchschlagende Macht zuerkannie. Damit war seiner ״Politik“ ei«« 't1*erl«v®rdige - ־■#wn Einsetzen t»nd Sichmessen sfehf realer Machtfaktoren und das Erreichte die Resultierende des Kräfteparallelogramms bedeutet, so verfügte Herzl nicht Äer Solche ״reale“ Kräfte, sondern nur über eitie moralische Forderung, an deren Berechtigung und zwingende Macht er glaubte. Politik konnte also für ihn nur etwas Sekundäres, ein Mittel sein, seine Forderung anerkennen zu lassen. Und dies mußte durch ״Machthaber“ geschehen, die sofort gewähren konnten. Solche Einzelne konnten leichter und schneiler gewonnen werden als Parteien und Völker. Und mit diesen Einzelnen, den ״Machthabern“, konnte nur der Einzelne verhandeln, mit den Ministern er, der geborene Staatsmann, mit den Monarchen, er, der geborene König. Und wie nach außen war es nach innen. Innerhalb des Judentums wendete sich Herzl zuerst an die ״Machthaber“, reiche Philantropen, bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Journalisten, Schriftsteller, Professoren, d. h. an Besitzer irgendeiner Macht oder irgendeines Einflusses. Ja er war so wenig nationaler Demokrat, daß er im Anfang (1895) dachte, Baron Edmond de Rothschild für die erste Milliarde Francs zum Charterfonds zuzusichern, den ״ersten Wahlfürsten“ des Judenstaates aus seinem Hause zu nehmen. Tagebuch I, S. 188. (Heute würde ihm die Opposition, die sich auf ihn beruft, dasselbe vorwerfen, wessen sie Weizniann anfangs beschuldigte: Für Geld zum Aufbau die nationale Integrität zu verkaufen.) Zwei Jahre lang dachte er an keine nationale oder demokratische Organisation. ״Ich wollte es ohne Aufregung der Massen von oben herab machen“, schreibt Herzl vor dem 1. Kongreß am 4. April 1897 in sein Tagebuch (I S. 609), quasi sich entschuldigend, daß er doch zu einer Volksbewegung übergeht. Selbst als er deren Führer wurde, hat er nicht einen Tag auf gehört, dieselbe Politik weiter zu betreiben, die einflußreichen und vermögenden Juden als Werkzeuge seiner Politik, die eine rein persönlich geführte war, zu benützen. Theodor Herzl gegen die Jewish Agency ausspielen zu wollen, ist daher nicht nur unmöglich, sondern die Politik Weizmatms kann sich in diesem Punkte auf keinen besseren und größeren Eideshelfer berufen, als gerade auf Theodor Herzl. Die Preisgabe des Judenstaatsgedankens! Man muß fragen: Wer war der erste, der damit anfing? — Theodor Herzl selbst! Auf dem ersten Kongreß, als das Programm formuliert wurde, ist mit keiner Silbe mehr vom Juden- Staat die Rede, Ja, Herzl hat ihn schon vorher preisgegeben, als er die Realitäten in bezug auf Palästina kennenlernte. In seinem Brief vom 20. Mai 1897 an Sidney Withman in Konstantinopel (Tagebuch I S. 630) heißt es wärtlieh: ״Tout d’abord il ne taut pas prendre mon livre sur!,Etat juive comme la forme definitive du projet; je suis le premier ä reconnaitre, qu’il y avait lä-dedans beaucoup d’ideologie. J’avais lance, simple ecrivain, cette idee sans savoir comment!eile, perait re$ue par Je peuple juif.“ In der ganzen Zeit seines Wirkens an der Spitze der Organisation war nirgends, weder auf Kongressen, noch bei Unterhandlungen, vom ״Judenstaat“ die Rede, wenn auch hie und da, wie z. B. nach dem ersten Kongreß und bei der Ugandasache, das Wort in Herzls Tagebüchern wieder auftaucht. Es ist gewiß trotzdem kein Zweifel darüber möglich, daß Herzl die staatliche Souveränität der Juden als das Ziel ansah, und daß er fortwährend über dessen Konstruktion utopische Pläne schmiedete, nicht nur im ״Juden- Staat“ und in ״Altneuland“, auch in den Tagebüchern; siehe insbesondere die 66 Druckseiten (Tagebuch I S. 144 bis 210) lange Rede an Rothschild, aus dem Jahre 1895. Aber all das hatte den Charakter einer Vision, eines letzten, fernen Ziels, w׳ar aber nicht Gegenstand seiner f aktischen Politik. Dies beweisen all seine Eingaben an den Sultan. Es w ird darin ״une charte ou concession pour une Compagnie de colonisation“ verlangt (Tagebuch II S. 250) oder ähnliches. Was Herzl unmittelbar mit dem ganzen Feuer seines Temperamentes anstrebte, war die Erlangung einer Rechtsbasis für die volkliche Vollexistenz der Juden (den Charter) und dies nicht durch das Medium einer nationalen Evolution, sondern durch das Mittel eines plötzlichen Durchbruches des Oaluthringes. Seit dem Bestand der zionistisch-politischen Organisation hat niemals (man lese doch die Kongreßprotokolle und ״Die Welt“) irgendein Zionist den ״Judenstaat“ pro* klamiert, sondern jeder wäre zur Zeit Herzls und bis zum Kriege schon mit der kleinsten Konzession des Sultans zufrieden gewesen. Jene Rechtsbasis, die Herzl er« strebte und als das praktische Zitj iisrW'ri im a»׳t tttr MäÄ' gebracht. A,n dies soll durchaus nicht in Frage stellen, daß die politische Selbständigkeit der Juden das Endziel der Bewegung seih muß, es handelt sich vielmehr nur darum, ob Herzl tatsächlich den Judenstaat als Ziel seiner politischen Bestrebungen ansah. Das war nicht der Fall. Er konzentrierte seine Kraft vielmehr auf jenen ״Durchbruch“, er zweifelte weder daran, daß, w enn dieser Durchbruch gelänge, die jüdische Front in ihrer ganzen Breite aufgerollt werden würde, d. h., das ganze Volk ihm folgen werde, noch daran, daß der Charter den Weg zum Juden- Staat freimachen werde. In beiden Richtungen hat er das Tempo der Entwicklung überschätzt. Aber nicht die Richtungen selbst. Und deshalb kann das politische Erbe Herzls in nichts anderem bestehen, als diese Entwicklungen zu beschleunigen. Das eben geschieht durch die erweiterte Jewish Agency, die nicht nur die jüdische Front bedeutend ausdehnt, sondern die dadurch auch ein rascheres Wachsen der national-politischen Macht der Juden auf dem Wege zur politischen Selbständigkeit und nationalen Vollexistenz ermöglicht. Deshalb kann man mit vollem Rechte die Politik Weizmanns als die logische Fortsetzung jener Theodor Herzls erklären. Alle unsere Erfolge sind solche von Erben seines Geistes und Tuns, weil ohne die Tat Herzls die Voraussetzungen für zionistische Erfolge nicht gegeben gewesen wären. Denn Theodor Herzl hat die politisch-jüdische Nation geschaffen und die Judenfrage zu einer politischen Weltfrage erhoben, was seine Leistung vielleicht am stärksten von der aller seiner Vorgänger unterscheidet und die wichtigste Wendung in der Geschichte der Juden wie des Zionismus bedeutet hat. Er hat der jüdischen Nation das politische Ziel gesteckt, Instrumente — vor allem die Zionistische Organisation — zu dessen Erreichung geschmiedet, hat durch sein persönliches Wirken mächtig dazu vorgearbeitet, daß bloß 12 Jahre nach seinem Tode, 20 Jahre nach dem von ihm einberufenen I. Kongreß das politische Ziel durchgesetzt wurde. Er hat in seiner Persönlichkeit dem Judentum neuen Adel verliehen, hat es zu Würde, zu neuer Selbstachtung gebracht und ein Beispiel der Auf- Opferung von Gut und Blut für das einmal ergriffene Ideal gegeben. So ist die geschichtliche Wendung des Schicksals des jüdischen Volkes Theodor Herzl zu verdanken. Niemals aber hätte er dies zu wirken vermocht, wenn er bloß über Idee und Willenskraft verfügt hätte und nicht begnadet gewesen wäre durch jene Dämonie, die ihn überschattete, fortriß, verzehrte und die als unsagbarer Zauber, ünentrinnbar überwältigend, alle in seinen Bann zog, die ihm je genaht.