Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 32-33 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 210 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 32/33, 24 TV0׳־19.׳ ZWISCHEN PURIM UNP PESSACH OBERAU OIE AKTION FOB DEN EINST EIN-WAID ■ ■IlvVr B Bll« ■w mniv m sich eine neue, unverbrauchte Generation von Zionisten er• ringen. Dadurch wird das Niveau der Verhandlungen bestimmt nicht leiden. Die Generaldebatte, welche bisher von den Kongreßnotabein beherrscht wurde, die schon (sit venia verbo) wie Sprechmaschinen wirkten, wird nicht nur ver• lebendigt, sondern auch versachlicht werden. Die politisch fein abgewogenen und sachlich meist deshalb bedeutungslosen Reden, weil man ihren Inhalt gcwöhn'ich schon vorher kennt, werden ersetzt durch Aeußerungen von Menschen, die nicht belastet sind mit der Verantwortlichkeit des Parteifßhrers und der vielleicht notwendig gewesenen, aber als peinlich empfundenen Kongreßtaktik. Diese Jugend, die allerdings erst im zionistischen Geiste erzogen werden muß, wird auch — das ist meine Ueber- Zeugung — die trennenden Schranken, die heute die Kongreß- Parteien zwischen sich aufgerichtet haben, zwar nicht sprengen, aber auf ein erträgliches Maß abbauen. Ich glaube daran, daß zwischen einer zionistischen Jugend, die sich von der Partei- Schablone befreit hat, Verstänaigunqsmög'ichkei'cn bestehen werden, auch wenn sie durch religiöse und soziale Anschauim gen voneinander geschieden ist. Eine so h'islische Jugend wird den Anschluß finden an bürgerliche Elemente, die in sozialem Geiste Palästina aufbauen wollen und in der Arbeiterschaft die stärkste Stütze des Aufbaus erblicken. Und wenn (was ich sehnlichst herbeiwünsche) die Jugendgruppen des Misrachi dort zu entscheidendem Einfluß kommen, wird eine gemeinsame fruchtbare Arbeit durch religiöse Gegensätze bestimmt nicht gestört «,erden. Nur eine neue Generation kann die Einheit im Zionismus wiederbringen und der Bewegung das ursprüngliche national-idealistische Gepräge zurückgeben. Ich muß schließen und kann daher über die anderen Verhandlungsgegenstände, die künftige Kongresse beschäftigen müssen, in diesem Aufsatz nicht mehr sprechen (ich denke vor allem an folgende Themen: Hachscharah, Alijah, Hebraisierun״, jüdische Erziehungsarbeit in Schulen und Kindergärten, Gestaitung des zionistischen Lebens in Paläs‘ina. Zusammenleben von West- und Ostjuden). Von einem bin ich überzeugt, daß mit der Erweiterung der Jewish Agency die Zeit kommt, wo der zionistische Gedanke sich zu bewähren haben wird. Die konkrete Tagesarbeit für Palästina wird nach wie vor von den Zionisten geleistet werden müssen. Po'i ische Ausbildung, wirtschaftliche Schulung werden sogar in erhöhtem Maße rotwendig sein. In der Arbeit für die Fonds we־den Zionisten an erster Stelle zu stehen haben. So gewiß die Verantwort- Hchkeit für alle Zweige des Aufbaus den Zionisten durch die neue Agency nicht abgenommen wird, so sicher kann die Schaffung einer alljüdischen Palästinabewegung die Erneuerung der Zionistischen Organisation herbeiführen. Die Entlastung, von der hier gesprochen wird, bedeutet nicht Befreiung von den Pflichten, die wir nach wie vor auf unseren Schultern haben, sondern Erlösung von den Parteikämpfen» .die . das 'finere Gefüge. insdrer urgMlaflön dliÄöÜeff ‘ haben.“״ Wenn wir es verstehen werden, die parteipolitischen Auseinander- Setzungen dorthin zu verlegen, wo sie in Zukunft ihren alleinigen politischen Sinn haben werden, wenn wir begreifen, daß der Neuaufbau und die Verjüngung der Zionistischen Or- Panisation nicht nur eine reizvo'le, sondern für die Entw׳'e'i1׳ng allstinas entscheidende Aufgabe bedeutet, dann wird die E׳- Weiterung der Jewish Agency den Be ״im eines starken Auf- Schwungs der zionistischen Bewegung bringen. Von der Jataresfconlereiiz der Zionisten Sfidsiaviens Von den Beschlüssen der Jahreskonferenz des Jngoslavischen Zionisten-Verbandes, über die wir berichtet haben, verdient nachstehende Resolution betreffend diePolitikderExekutive ausführliche Wiedergabe: I. Die Landeskonferenz begrüßt die in der Dezembersession des Aktions-Corml& der Zionistischen Organisation gefaßten Beschlösse, wodurch derartige Vorbedingungen zur Erweiterung der Jewish Agency geschaffen wurden, daß ohne Abänderung des 4• Artikels des Mandats und ohne Gefährdung der national-kulturellen, sozial-ethisehen und organisatorischen Prinzipien des Zionismus, eine loyale Milarbeit mit dem nichtzionistischen Teile des Judentums zwecks Aufbauet der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina gesichert ist. Auch bei dieser Gelegenheit drückt die Landeskonferenz ihr volles Vertrauen der Exekutive und in erster Einie dem Präsidenten, Dr. Weizmann, aus; dessen konsequente Politik und enorme jahrelange Anstrengungen in den Beschlüssen des Akt ions-ComiWs ihren Ausdruck fanden. II. In Erkenntnis, daß eine mächtige und konsolidierte Zionislische Organisation die stärkste Garantie für ihren entscheidenden Einfluß in der erweiterten Jewish Agency und der Mandatarmacht gtegwnüber bildet,‘ erwartet die Landeskonferenz eine ch^nldige Dealisierung jener Bestrebungen der Exekutive, deren Ziele dia Stärkung und Erneuerung der Organisation, die Belobung und Erweiterung der zionistischen Propaganda sind. III. Die Landeskonferenz spricht der Exekutive für die auf dem Gebiete der Konsolidierung der Kolonisation in Palästina und der Schaffung guter Vorbedingungen der fünften Alijah erzielten Erfolge volle Anerkennung aus und erwartet, daß sie zu den bereits erreichten Erleichterungen noch weitere sowie auch eine größere Zahl von Ein- Wanderungszertifikaten erlangen wird. IV. In voller! Uebereinstimmung mit der gesamten zionistischen Oeffentlichkeit erwartet die Landeskonferenz, daß es den Bemühungen der Exekutive gelingen werde, die palästinensische Reeierung zu einer solchen Politik zu bewegen, die in vollem Maße dem Geiste des Mandats Rechnung tragend, die moralischen und historischen Rechte und Gefühle der religiösen Tradition der jüdischen Gemeinschaft, sowie die kulturelle Autonomie des Jischuws respektieren wird; ferner, daß sie den Lebensstandard in Palästina erhöhen wird, um die jüdische Arbeiterschaft bei öffentlichen Arbeiten beschäftigen zu können; und schließlich, daß sie in allen Wirtschaftszweigen der Entwicklung des Jischuws ihren Schutz angedeihen lassen wird. Im 5. Kammermusikabend der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik, der am Mittwoch, dem 34. April, abends 81/4 Uhr, im Meistersaal, Kölhener Str. 38, statt findet, werden u. a. drei Werke dreier moderner jüdischer Autoren aufgeführt: E. W. Sternberg.• Präludium und Fuge, Karl Wiener: Suite für Streichquartett, Ernst Schoen: Kinderlieder. Am II. und 13. Ijar 5!> 31,׳ ז. und 33. Mai) tritt in Berlin, Aula des Realgymnasiums der Adas» Jisroeb Siegmundshof 11, die Vereinigung traditionel 1 - gesetzestreuer Rabbinar Deutschlands zu ihrer XL Generalversammlung zu- Eine verfrühte Wahlversammlung (Brief aus Breslau.) Richard Lichtheim ist ein kluger und geschickter Redner. Er spricht sachlich mit Einfachheit und Klarheit. Er ergeht sich nicht in zionistischer Mystik und verwendet keine nur den eingeweihten Sektierern verständlichen Begriffe und Phrasen. Jeder versteht ihn. Oder glaubt ihn wenigstens zu verstehen, wenn er darlegt, warum er eigentlich Revisionist Ist. Es ist alles so einfach und klar, daß manchem Hörer darüber die Falistrickchen entgehen, die diese Diktion — natürlich ganz unbeabsichtigt! — enthält Wenn man ihn so hört möchte man fast glauben, jeder Zionist muß zugeben, daß er beinahe ganz dasselbe will Unterschiede sind höchstens in einigen, anscheinend kleinen Einzelfragen, einigen Personenfragen. Was — sagt er — ist das Ziel des Revisionismus? Jüdische Majorität in Palästina. Welcher andere Zionist will das nicht? Allerdings meint er weiter, der Revisionismus hält es für nötig, dieses Ziel mit ״Judenstaat“ zu bezeichnen. Natürlich sind da einige int erpretationen nötig, die er auch gibt Zusammengefaßt ergeben diese dann ungefähr den Wortlaut des Base’er Programms. Daß man indes seit 1897 diese damals entstandene Formel braucht und nicht ״Judenstaat“ sagt, ist doch wohl nicht Zufall. Vielmehr hat man sich tage- und nächtelang heiß bemüht, sie zu finden. Und unter denen, die es taten, war Herzl, war Nordau. Die aber jetzt zu dem Wort ״Juden Staat“ zurückkehren, behaupten die wahren Rückkehrer zu Herzl zu sein . . . Doch wer merkt gleich den Schnitzer? Daß die Rede nebenbei so ein paar Bosheiten gegen Robert Weltsch, gegen die ״Jüdische Rundschau“ bringt, ist ja nur Würze. ״Politik ist in der ,1. R.‘ einmal gewesen, jetzt ist sie ersetzt durch eine Musikbeilage.“ Oder: ״Brith Sclialom will eine Verschmelzung mit den Arabern“ . . . man sollte es nicht für möglich halten, aber wörtlich so hat eds gesagt. Und der unbefangene Hörer denkt: Der Mann wird doch so etwas nicht sagen, wenn er es nicht sicher weiß. Und er glaubt’s womöglich. Natürlich enthält die Rede auch Wahrheiten, halbe und ganze. Nur daß diese nicht erst von den Revisionisten entdeckt sind, sondern auch von den anderen nicht verschwiegen werden. So z. B. vom Kampf der Fraktionen um das Budget Oder von den negativen Fähigkeiten eines gewissen Beamten in London. Nur daß die anderen das Vertrauen zu Weizmann haben, der doch schließlich auch Menschen und Dinge beurteilen kann, daß er jenen nicht halten würde, hätte er nicht Vorzüge und Positives aufzuweisen. Zwar behauptet der Redner mit der treuherzigsten Miene von London, daß da eine Hysterie ohne gleichen herrsche, daß da grundsätzliche Untätigkeit und Ungläubigkeit an die Möglichkeiten wäre, — die Leitung wage gar nicht, der Regierung ernstliche Vorschläge zu machen, der zuständige Sachbearbeiter sei erfüllt von Verzichtsstimmung, energielos überängstlich für seine Person und für die Sache, die er vertritt . . . Dagegen das Programm der Revisionisten. Hier ist Mut, hier ist Forschheit, Energie, Drauf-los-S'.immung. Allerdings: ״Kolonisation ist nicht möglich im Kampfe mit der Landesregierung. Diese muß man dafür gewinnen . . Aber sagen das nicht die anderen genau ebenso? Und wird ihnen nicht gerade deshalb vorgeworfen, sie scheuen den Kampf, haben!seinen Mut? Gewiß, nur erscheint das an anderer Stelle der Rede, so daß der Widerspruch nicht so auffällt Die Dominion-Frage wird nur gestreift, nicht dazu Stellung genommen. Lobenswerte Vorsicht Jüdische Kantone im Lande sind (nicht bloß für den Redner) ein Unsinn, aber — so meint er — vielleicht kann man die Araber auf gewisse Bezirke allmählich zusammendringen und sie dadurch vielleicht auch zur A^sviartcrpigfWafeni ,:Wm «b4t-irqfM>11de1Cfsr-S.ette über natio* nale Bewegung unter den Arabern berichtet oder dargestellt wird, ist ihm maßlose Uebertreibung. Doch darüber mögen sich, so meint er, die Herren Hans Kohn und Wolfgang Weisl auseinandersetzen. Das Vorhandensein von Arabern im Lande müssen wir natürlich irgendwie in Kauf nehmen. Aber Bildung einer jüdischen Legion — das ist nur ein Popanz, ein Kinderschreck. Es handelt sich nur um die Erneuerung der alten jüdisehen Legion im Rahmen des englischen Heeres, nicht etwa um eine irreguläre Armee. Es Ist, so meint er weiter, vielleicht nicht aktuell, die Frage jetzt anzuschneiden und er glaubt, auch Jabotinski würde so denken, wenn er etwa heute an Stelle von Weizmann träte. Also der reinste Klub der Harmlosen. Andererseits aber sind wieder nur die allgemeinen Zionisten so leichtfertig, sich so einfach über alle diese Dinge hinwegzusetzen, weil sie ihnen unbequem sind. (Wer redete doch vorher von ״״maßlosen Uebertrdbungen“?) Doch im Schlußwort meinte wieder der Redner, daß die Legion dann einzutreten berufen sein würde, wenn etwa die englischen Bajonette einmal vers״gen sollten, obwohl sie ihm vorher ein Instrument dieser selben englischen Armee sein sollte. Nichts scheint dem Redner so verhaßt zu sein, wie der pazifistische Gedanke, von dem er zweimal sagen zu müssen glaubt, er sei in Deutschland so billig an jeder Straßenecke zu haben. Ueber ein paar andere kleine Geschmacklosigkeiten bei seiner Darstellung der Jewish Agency-Frage sei der Mantel jüdischer Nächstenliebe gedeckt . . . Die Diskussionsredner (Rudolf Samuel, Maximilian Weiß, Deutschmann-Öppel) ließen es sich nicht nehmen, die vielen Widersprü he in der Rede aufzudecken und auf die von ihm nicht gezogenen Konsequenzen des Verhaltens seiner Fraktionsgenossen hinzuweisen. Es war peinlich, daß ihm der ausgesprochen fascistische Artikel'eines führenden polnischen Revisionisten entgegengehalten werden konnte — und auf den Hinweis, wie man so ganz allmählich den Legions• edanken abbaue, erst Ausgangspunkt der ganzen Parteigrün• ung, dann schon gemäßigt in einer ausliegenden Broschüre von vor drei Jahren und jetzt im neuesten Wahl-Flugblatt ganz Der Paiasflna-Anfbau isl die KonslruKllve Aufgabe der Gesamfludenheil .So klein das Land sein mag, es ist der einzige Platz in der Welt, wo wir schaffen, um unser eigenes Geschick in unsere Hand zu nehmen“. Chaim Weizmann. Der Keren Hajessod soll es ans ermögüdien, diese Aufgabe zn lösen! Palästina 'Grundfonds (Keren HaJeMod) E.V. Berlin W 15, Meinekeatrafie 10. Bank - Konto; Darmstädter und Nationalhank, Depositen - Kasse 59, Kurfürstendamm 52. Postscheck-Konto: Berlin Nr. 104951. bescheiden und schamhaft auf ״Berücksichtigung des Wehr* sports“ reduziert, — darauf weiß der sonst so gewandte Sprecher nur mit ״Zufall“ zu antworten. Nein, was es doch für schöne Zufälle gibt. Gewiß ist es au:h eia solcher Zu lall, daß der einzige Diskussionsredner, der unsertn Freunde beisprang, jemand ist, von dem jeder weiß, daß er sich seit vielen Jahren von allen zionistischen Arbeiten zurückgezogen hat und der nun ein Wiederaufleben des Zionismus durch den Revisionismus prophezeite, nachdem er aus den mangelnden Orts* f" . Zionisten bisher im Maasserzahlen so zurückhaltend wären. Jetzt aber werden die Gelder der Zionisten nur so strömen, wenn nämlich iabotinsky usw. Die Palästinabeiträge der anderen, um die werde man sich nicht erst zu bemühen brauchen. Wie der Revisionismus wirke, zeige schon der Erfolg dieses Abends: 36 Leute hätten in die herumgereichten Listen geschrieben, sie erbäten Literatur über Revisionismus . . . Wie gerne buchen anscheinend auch Revisionisten solche Belanglosigkeiten als reale politische Erfolge. K. . . i. Aus den Gemeinden Die Gemelndewahlen in Hannover. 1 Die Wahlen zur Gemeindeverwaltung haben stattgefunden. Wie erinnerlich, hatten etwa 40 Mitglieder der religiös-liberalen Partei (es wurde gesagt, daß sich diese Zahl beliebig vergrößern lasse) erklärt, daß sie aus der Gemeinde austreten und eine Separat-Gemeinde gründen würden, wenn bei der be* absichtigten Wahlreform das sogenannte Aufnahmepri lzip fallen würde und damit die Ausländer das Wahlrecht erhielten. Das Repräsentantenkolleg, das in seiner Mehrheit das allgemeine Wahlrecht beschließen wollte, war auf diese Drohung hin zu* rückgetreten, nachdem vom Vorstandstisch erklärt worden war, daß beim Austritt der Protestler ״die Gemeinde ihre Beamten und Angestellten zu entlohnen nicht mehr in der Lage wäre“. Der Wahlkampf begann damit, daß die Mittelpartei, die sich hier Einheitspartei nennt und deren Anhänger bisher die Mehrheit der Gemeindeverwaltung gebildet haben, beschloß, die Frage des Aufnahmeverfahrens ruhen zu lassen, ln einer längeren Erklärung betonte sie, daß sie ״getragen von Ver* antwortungsgefühl, die Einheit der Gemeinde autrecht erhalten und nicht des Aufnahmeverfahrens wegen gefährden wolle, dafP sie ihre persönliche Ansicht nicht preisgegeben, sondern sie nur einem höheren Zweck übergeordnet habe“. Mit an* deren Worten: Die Einheitspartei kapitulierte unter dem Druck der Drohungen vor der Liberalen Partei. Damit war der Boden für ein Kompromiß der beiden Parteien geebnet und so wurde dann für die Repräsentantenwahlen von den beiden Parteien eine gemeinsame Liste aufgestellt. Während bisher dem Re* präsentantenkolleg 5 Liberale und 7 Anhänger der Einheits* artei angehört hatten, enthielt der gemeinsame Vorschlag der eiden Parteien 7 Liberale, 4 Mitglieder der Einheitspartei und, ohne daß wir gefragt wurden, unserem Gesinnungsgenossen Rechtsanwalt G o I d s t e i n. Der einzige Re ijiös-Li e ae des bisherigen Repräsentantenkollegs, der für das allgemeine Wahl* recht eingetreten war, also gegen die Grundsätze der Hanno* versehen Liberalen verstoßen hatte, ein Schwager des Rabbiners Dr. Cäsar Seligmann in Frankfurt, wurde von den Liberalen nicht wieder aufgestellt Da die Wahlordnung ein Verhältnis* Wahlrecht nicht kennt, eine Minorität also nicht die Möglich* keit hat, auch nur einen Kandidaten durchzubringen, haben wir davon Abstand genommen, eine Gegenliste aufzustellen, so daß die Liste der beiden Parteien widerspruchslos ge* wählt ist/ , , ...ן v.•i ״.V• Der Kompromiß der '.bfeide»6 PajrWeä‘:3phf«dahin, •dat:*<ftts neugewählte Kolleg nur den Etat fertigstelle« Und eine Wahlreform beschließen soll, die das Verhältnis- Wahlrecht und das Wahlrecht der Frauen und volljährigen Kinder der bisherigenOemeinde* mitgliederbringt Es besteht also Aussicht, daß wir in kürzester Zeit Neuwahlen haben werden, in denen es uns möglich sein wird, entsprechend unserer Stärke eigene Kandidaten durchzubringen. Bleiben soll nach Wunsch der beiden anderen Parteien das Aufnahmeprinzip. Wahlllhig ist danach nur, wer vom Repräsentan enkolleg aufge omiren ist Es leben in Hannover etwa 1800 Ausländer, einschließlich Frauen und Kindern, von denen nur zirka 120 als wohlfähige Gemeindemitglieder aufgenommen sind. Unsere junge Partei, die jüdisch-demokratische VoIk s part ei, ist in den vergangenen Wochen außerordentlieh Bekräftigt worden, ln Wort und Schrift haben wir unseren Standpunkt vertreten. Großen Eindruck machten un־e e zwei Versammlungen, in denen Direktor K a r e s k 1 und Ministe ialrat Goslar sprachen. Die zweite Versammlung, in welcher 800 bis 1000 Menschen anwesend waren, und in der wir zu Personen sprechen konnten, die sonst unsere Versammlungen nicht besu hen, war die größte Versammlung, die hier je stattefunden hat. Der Kampf geht weiter und wir zweifeln ni'ht, aß wir die demokratischen Grundsätze und die Gleichberechti* gung, wenn auch im Kampf, durchsetzen werden. Hans Block (Hannover). Lndwlg Hardts Abschiedsabende Ludwig Hardt gab am vergangenen Donnerstag einen seiner letzten Vortragsabende dieser Saison, mit denen er sich von seinen Freunden und Verehrern seiner Kunst für den Sommer verabschiedet Auch diesmal galt der Abend aus* schließlich jüdischer Dichtung. Wieder klangen die Me* lodien seiner Lieblingsdichter aut, für die er, der geistigste Rezitator Deutschlands, sich mit dem Ethos seiner glühenden, wahrheitsuchenden Seele einsetzt. Neben Heine las er Börne, den heute zu Unrecht fast nicht mehr Bekannlen. Sein mit Präzision und Schärfe vor fast zweihundert Jahren geschriebener Shylock-Essay ist für uns Heutige wichtiger und interessanter, als vieles, was die Zeitgenossen zum Shylock- Thema zu sagen haben. Hardt hielt für diesen Halbvergessenen eine kleine meisterhafte Rede, deren reine Flamme für die Mentalität beider zeugte. Von suggestiver Gestik unterstützt, verlebendigte er dann die Szene zwischen dem jungen Charolais und dem ״roten Itzlg“ aus Beer-Hoffmanns ״GrafvonCharclai s“. Hardt las sie mit spannender Dramatik, und es drängte sich unwillkürlich die Frage auf, warum er sich bei seinen großen schauspielerischen Fähigkeiten der Bühne entzieht. Es wäre ein großer Gewinn für das Theater, wenn er seine Abneigung gegen das ״Komödiantentum“ aufgeben würde. Er brachte dann noch Werke von Franz Kafka, Else Lasker-Schüler und Peter Altenberg zum Vortrag. Die kurzen Skizzen Kafkas, die seinen Jugenawerken entnoramen waren, zeigen eine starke eigene (fast eigensinnige) Note, eignen sich aber schlecht für den Vortrag und fesselten deshalb nicht. Else Lasker Schülers wunderschöne hebräis he Ea'laden las Hardt ein wenig zu dramatisch. Sie sind schlicht und innig und sehr melodisch. Peter Altenbergs köstlich vorgelagerte Kinderdichtungen beschlossen den durch Hardt zum Fest gewordenen Abend, für den das Publikum reichen Beifall spendete. A. A.