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Jüdische Rundschau · 1929-04-16 · Heft 30 (16.4.1929) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 30 (16.4.1929)
Date
1929-04-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Eimtlmmtmer 0£S Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verla* Bedin W 15, Meinelceetra&e 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldtnark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. w<*rd«1 in d«r WShrua« dar efaz«1ac'9 Lindar Kummer 30 | Berlin, 16. IV. 1929 Anzeigen *Verwaltung I&dladte Rundschau G.m.b.H^BerlinWlS.Meinekestr.lO Telephon! Amt Bismarck 7165 -70. Anrrig0Bpr«!»;8p*TvNonp«r«ttI«1«ileO.V’G״M-a»-.n«!«««<־>!*r>J5G.-M. AnrcIgaueVuBt Diaaatae nrd Fr״it»c n«ckmi1111« 4 Uhr Telephon: Bismarck 7165 —70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 , Für 0־־׳rt*r?*t.-h• P0*t*p8rk«»w»a01t Wi*n. Konto Nr. 1560.10. Fürt*ch»cho*lowrSt*i: f^ratrpcrkaasrnstnt Prat. Konto Nr. 5*? 410. Für PoUn: Pmt ־tpaykswMm-rtm Warschau, Konto Nr. 19070%. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ר גיסו* תיפ״ם | xxxiv. j»hrg. per Zionismus erstrebt tOr da» Jüdische Vom die Schaffung einer Öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Basaler Programm.” Ritualmordhetze in aller Welt Am 24. März wurde in M a n a u bei Hofheinj in Bayern ein fünfjähriges Kind vermißt, das man spät abends in einem Wald mit durchschnittener Kehle auffand. Die Polizei nahm sich sofort der Sache an und leitete eine energische Untersuchung ein. Die Nürnberger Wochenschrift ״D e r S t ü r m e r“ bemächtigte sich der Angelegenheit und suchte das Verbrechen in einen Ritualmord umzulegen. Die Zeitung wurde in einer großen Anzahl von Exemplaren in der Manauer Gegend verteilt, nationälsozialistische Agi'atoren erregten die Bevölkerung. Drei Ver- Sammlungen, die die Nationalsozialisten am 3. April in Hofheim veranstalteten, in denen Landlagsabgeordneter Dr. Hellrnuih (Marktbreit) zur ״Schächtfrage , Landtagsabgeordneter Holtz zur ״Sache״, sowie die Krann und Peisel sprachen, waren lange vor Beginn überfüllt. Der Vorstand der Bayerischen Rabbinerkonferenz veröffent- Uchte im ״Boten vom Hassgau“ eine Erklärung, in der es heißt: ״Das verabscheuuugswürdige Verbrechen des Kindermordes bei Manau gibt‘gewissenlosen Hetzern willkommenen Anlaß, wiederum die schon unzählige Male als Lüge gebrandmarkte Mär eines Ritualmordes in aie Bevölkerung zu werfen. ., . Wir empfinden es als Schmach, daß sich das Judentum auch heute noch gegen einen so schimpflichen Vorwurf zu wehren gezwungen ist, gegen einen Vorwurf, der auch dem oberfläch ichsten Leser der Bibel als ein Wahngebilde des Hasses erscheinen muß. Wir erklären hiermit feierlichst: Die Quellen der jüdischen Lehre, insbesondere auch des Talmud, enthalten kein Wort, das auch nur entfernt im Sinne dieses teuflischen Vorwurfs gedeutet werden könnte. . , . Die Ritualmordlüge ist eine Ausgeburt finsteren Hasses, eine Verleumdüng unseres Glaubens, die wir in tiefster Entrüstung zurückweisen. Wir sind bereit, die Wahrheit die :er Erklärung gegenüber allen Verleumdern vor jedem üe. icht zu erhärten.“ Die Aufklärung des Manauer Mord!alles ist noch nicht gelungen. Die Staatsanwaltschaft Bamberg hat eine Belohnung von 3500 Mark für die Ergrci.'ung oder Ermittlung des Mörders ausgesetzt. Die einheitliche Stellungnahme der gesamten Geistlichkelt hat schon jetzt einen großen Teil der Bevölkerung von der Unsinnigkeit der nationalsozialistischen Angriffe überzeugt. fahr liehe Dimensionen anzunehmen drohte. Eine christliche Frau, die mit ihrem Kinde in einem jüdischen Stadtviertel spazieren ging, bemerkte plötzlich, daß Ihr Kind nicht mehr an ihrer Seite war. Sie begann zu schreien, daß die Juden ihr das Kind gestohlen haben, um es zu töten und sein Blut für das kommende Peßachfest zu gebrauchen. Bald hatte sich eine unübersehbare Menge angesamtpelt, die sich anschickte, über die jüdischen Wohnungen herzufallen. Ein griechischer Soldat versuchte die Menge zu beruhigen, indem er erklärte, er selbst habe ein herumirrendes Kina gefunden und es zum Polizeikommissariat gebracht. Das Kind konnte bald von der Polizei der Mutter wieder zugeführt werden. Trotzdem beruhigte sich die Menge nicht, und es mußte Polizei aufgeboten werden, um den lärmenden Pöbel zu zerstreuen. Ein Mord ans antisemitischen Motiven Moskau , 12. April. (J. T.A.) Der Fabrikarbeiter Trofimow, der seinen jüdischen Arbeits- und Parteigenossen Bolscheminikow mit einem Beil erschlug, wurde vom Gericht in Pskow zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, wöbe! das Gericht gleichzeitig erkannte, daß die Strafe im Hinblick auf die Jugend des Mörders — er ist erst 17 Jahre alt — auf fünf Jahre Gefängnis herabzusetzen sei. Die ebenfalls 17jährigen Arbeiter una Jungkommunisten Sineninkolsky und K u n i z i n wurden der Beihilfe am Morde schuldig befunden und zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt, wobei auch dieses Urteil im Hinblick auf ihre Jugend auf je ein Jahr herabgesetzt wird. Gurin erhielt ein Jahr Gefängnis, auch ihm wurde die Strafe wegen seiner Jugend auf acht Monate reduziert. Die Fabrikbeamten Kruza und B or isow , die wegen stillschweigender Duldung und darum Begünstigung der systcmatischen antisemitischen Verfolgung Bolscbeminikows angeklagt waren, kamen mit einem strengen Verweis davon. Das Urteil hat in Rußland geteilte Aufnahme gefunden. Die judenfeindlichen Elemente zeigen sich über das milde Urteil befriedigt Diejenigen aber, die es für notwendig ansehen, daß gegen den Antisemitismus ein entscheidender Schlag feführt wird, sind über das Urteil enttäuscht Nach ihrer leinung hätte daß Gericht wenigstens theoretisch die Todes- ׳־jyfe ■jp .3»נני mit Rücksicht auf die Die Bedeutung dar Palästina ־Aasstellung Von B. Weinstein. Tet-Awiw, April 1029. Die vorige Woche eröffnete Erez-lsrael-Ausstellung ist für das Land ein wirtschaftliches Ereignis ersten Ranges. Inmitten des Parteilärras und der unaufhörlichen Polemik ergreift eine Schar energischer und erfahrener Menschen die Initiative für eine wichtige ökonomische Unternehmung. Nach den Jahren der Krise ist es besonders notwendig, eine allgemeine Bilanz zu ziehen, um die positive und negative Seite unserer Kolonisation&wirtschaft zu überprüfen. Selbstverständlich muß diese Prüfung mit vollem Ernst und im Bewußtsein hoher Verantwortung gemacht werden. Die Zeit der Schlagworte ist vorbei; wir befinden uns in einer Periode wirtschaftlicher Konsolidierung, welche von unserer Bevölkerung eine entsprechende Stellungnahme fordert. Auf diesen Standpunkt haben sich die Initiatoren der Ausstellung gestellt, denn diese ist zweifellos eine umfassende wirtschaftliche uebersicht unseres Landes. Wir geben über unsere wirtschaftlichen Erfolge während der verflossenen Jahre Rechenschaft und erstatten unseren Brüdern in der Diaspora über den gegenwärtigen Stand der jüdischen Kolonisation und über deren zukünftige Aussichten Bericht Im Inlande und im Auslande ist eine vollständig abfällige Meinung über die 4. Alijah verbreitet worden, wänrend tatsächlich noch eine objektive Untersuchung nötig wäre, aut Grund welcher erst ein richtiges Urteil gefallt werden könnte. Aber schon jetzt kann man ihre positive Bedeutung erkennen, ohne ihre Mängel und Fehler zu verhehlen. Sogar in den schwersten Krisenjahren haben tatkräftige Vertreter der vierten Alijah auf der Wacht gestanden und haben ihre Unternehmungen auf einen verhältnismäßig festen Boden gestellt Jedoch waren auch in dieser Hinsicht Bedenken gestattet und möglich- Man mußte also einen Maßstab ausfindig machen, welcher ein unparteiisches Urteil ermöglichte. Die Ausstellung ant- «ortet klar und deutlich auf diese Bedenken; darum wurde sie im Lande und im Auslande mit Ungeduld erwartet. Die Ausstellung beschränkt sich nicht bloß auf die Grenzen von Erez-lsrael. Sie hat eine politisch-wirtschaftliche Bedeutong auch für das Ausland: sie dient den! Ausbau der Be- Ziehungen zwischen der palästinensischen Industrie und Agrilailtur und dem Auslande. Diese Verbindungen werden von Jahr zu Jahr enger und werden voraussichtlich, große Bedeutrag erlangen. Englische ,Fabriken, welche eine prominente Stellung auf dem Weltmarkt einnehmen, bezeugen durch ihre Beteiligung an der Ausstellung ihre Anerkennung der wirtschaftJichen Entwicklungsmöglichkeiten unseres Landes und, was noch wichtiger ist, bestätigen dadurch die guten ökono־ mischen Aussichten Palästinas. ' Die erwähnten Gesichtspunkte, sowohl bezüglich des Inlandes wie auch des Auslandes, sind in einem höheren Streben vereinigt: die wirtschaftliche Organisierung unserer jüdischen Bevölkerung auszugestatt e n. Seit Jahren haben rieh Bestrebungen der jüdischen Bev&lkerung Palästinas zur Einigung auf wirtschaftlichem Gebiete bemerkbar gemacht Seitens der Zionistischen Exekutive wurde die Wirtschaft vernachlässigt; was unter dem Begrift ״wirtschaftliche Arbeit" verstanden wurde, war tatsächlich bloß als moderne ״Chalukah“ zu betrachten. In der Ausstellung sehen wir den bescheidenen Beginn der ökonomischen Organisierung unserer Kolonisation. Es genügt eine oberflächliche Besicht!- ung, um sich zu überzeugen, daß die Ausstellung alle Kreise er hiesigen Produzenten umfaßt In den Komnjissionen und Abteilungen der Ausstellung sehen wir mit Freude die Ver* treter aller ökonomischen und professionellen Organisationen Zusammenarbeiten., In dem Rahmen einer wichtigen praktischen Unternehmung haben viele, die sonst scharfe ״Gegner“ sind, eine gemeinsame Sprache gefunden. Fabrikanten und Arbeiterorganisationen, Handelskammern, Landwirte, Handwerker, Sepharden, Jemeniten — alle haben sich in der Arbeit für die Aus- Stellung zugunsten der allgemeinen Interessen der Bevölkerung vereinigt Während der Ausstellung werden drei Konferenzen abgehalten: 1. Eine Konferenz für die Propaganda der Erzeugnisse Palästinas in den Galuthländern; 2. eine Fabrikantenkontcrenz und 3. eine Konferenz zur Beratung über kooperative Probleme. Diese Beratungen werden die Ausstellung ergänzen und ihre Wirkung verstärken. In der Ausstellung kann der Besucher sehen, was geleistet wurde, in den Konferenzsälen aber wird er hören, wie erfahrene Fachleute über die Ausnutzung unserer wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten und den Ausbau unseres Wirtschaftsapparates denken. Um den Halen von Haifa Der Beschluß der Palästina-Regierung, die Bauarbeiten am Haifaer Hafen durch ihre eigenen Departements unter Aus- Schaltung von Privatunternehmern durchzuführen, wurde — so schreibt ״Manchester Guardian" — im Hinblick auf Einwendungen der deutschen, holländischen, italienischen und amerikanischen Regierung gegen die anfänglich bestandene Absicht der britischen Regierung, nur britische Firmen zur Einreichung von Angeboten betreffs des 1 259 000 Pfund-Unternehmens einzuladen, gefaßt. Man glaubt, daß die Einwände auswärtiger Regierungen nicht mehr erhoben werden würden, sobald aas Arbeitsdepartement der Palästina-Regierung selbst die Bauarbeiten durchführt. Nun aber fährt ״Manchester Guardian“ fort, stehen dem im April fälligen Hafenbaubeginn zwei weitere Schwierigkeiten entgegen: 1. ln dem den Hafen beliefernden Steinbruch bei A t h I i t an der Küste wurden wichtige prähistorische Höhlen entdeckt, die mm gründlieh untersucht werden müssen, wodurch die Steinbrucharbeit unterbrochen werden mußte. 2. Die Regierung hat sich bei Aufnahme der Palästina-Anleihe zu einer Miudestiohnk 1 a u s e I veimflichtet, hat aber weder der Zionistischen Organisation noch Kenworthy und Wedgwood im Parlament hierüber eine befriedigende Antwort erteilt. Sir John Chanc e 11 or meint, man solle die Qualitätsarbeit den Juden und die Roharbeit den Arabern geben, was von jüdischen Arbeiter- Vertretern zurückgewiesen wird, einmal weil Unterschiede nicht statuiert werden sollen und zweitens weil die Qualitätsarbeit gegenüber der Roharbeit beim Hafenbau nicht entsprechend uis Gewicht fällt. Der Bevölkerungszuwachs in Palästina Jerusalem, 13. April. (J.T.A.) Aus der soeben veröffentlichen amtlichen Geburtenstatistik geht hervor, daß die Bevölkerung Palästinas die tr uc h t ba rs t e in der ganzen Welt ist ln Palästina kommen auf 10000 Einwohner Jährlich 534 Geburten. Mit dieser Ziffer über trifft Palästina beträchtlich die Geburtenziffer Aegyptens (428 auf 10000) und die Rußlands (49י auf 10 030); sie ist dreimal so groß wie die Geburtenziffer Schwedens und mehr als zweimal so groß wie die Geburtenziffer Englands. Der Poläsünagedanke in der jüdischen Gegenwart Von Dr. Andreas Meyer (Görlitz). Wenn ich vom Palästinagedanken spreche, so setze ich den ideologischen Unterbau des Zionismus voraus, indem ich nicht die materiellen Beweggründe meine, die den Zionismus seinem Wesen nach auf Gedeih und Verderb mit Palästina verknüpfen, sondern die Ideen, die dieser Verknüpfung' zugründe liegen. Es sind zwei Voraussetzungen; auf denen, diese Ideen beruhen: einmal der Drang zur Normalisierung des jüdisehen Lebens, der für das jüdische ,,Volk ein jüdisches Land, und zwar gerade Erez-lsrael, verlangt, von dem die kulturschöpferischen Fähigkeiten des jüdischen Volkes ihren Ausgang genommen haben; sodann das mehr religiöse als weitanschauliche Bewußtsein, wonach es ein wesentlicher Bestandteil des geistigen Judentums sein soll, daß Zion, d. h. die vollkommene nationale Gestaltung des jüdischen Volkstums, an Palästina gebunden ist. Es entsteht daher für unsere Betrachtung die Frage: was hat der doppelte Aspekt des Palästinagedankens für uns heute noch zu bedeuten? Welche Rolle, spielt dieser Aspekt für unsere Gegenwart und unsere nächste Zukunft? Zunächst: was hat, rein praktisch gesprochen, der Palästinagedanke für die unzweifelhafte Tendenz des jüdischen Volkes nach seiner Normalisierung zu bedeuten? Darauf ist zu antworten: es gibt und gab kein Volk, das nicht zur Normalisierung strebte. Falls die Normalisierung nicht durch Eroberung oder friedliche Kolonisation von Nachbargebieten zu erreichen war, sei es, weil bevölkerungs- oder machtpolilischc oder weil klimatische Einwirkungen im Wege standen, vollzog sich die Normalisierung durch Wanderungen. Das ist ein allen Völkern als letzter ,Auswe״“ bleibender Noraiatisierungspro* zell, der zu keiner Zeit völlig zum Stillstand gekommen ist. Wir sahen noch in diesen Tagen die Umgruppierung zwischen Griechen und Türken, den Bevölkerungsaustausch innerhalb deutscher und polnischer Gebiete. Es ist ein durchaus ihnlicher Prozeß, der sich an uns Juden vollzieht, und zwar weil und solange wir keine gefestigten nationalen Positionen innerhalb der politischen Umwelt errungen haben. Wie jedes potitisehe Verhalten geschehen diese Wanderungen der Juden auf der Linie des geringsten Widerstandes, was bedeutet, daß diejenigen Länder aufgesucht werden, die bei einem Mindestaufwand von Kräften den größten Erfolg versprechen. Da unter den Auswanderungslättdera :eine erst! Rolle, ,ein.. Man darf wohl sagen, •daß jeder Jude, der innerhalb einer noch Palästinagedanken verwirft, die Berechtigung der Tendenz der Juden zur Nation überhaupt in Frage stein. Mit ihm köpnen wir nicht diskutieren. Jeder andere wird, wenn auch unter inneren Kämpfen, elnsehcn, daß Palästina ein« außergewöhnliehe Rolle in dem jüdischen Normalisierungsprozesse 2M spielen berufen ist. Denn in Palästina überwuchern die fremdnationalen Einflüsse nicht in solch gefährlicher Webe w!e überall anderswo. Demnach ist es am meisten geeignet, zur nationalen Festigung beizutragen; in viel höherem Grade als etwa die Krim oder Argentinien, deren Kolonisierung ebenfalls ein Werk der Gesamtjudanheijt ist ln den letztgenannten Lindern besteht die Gefahr des nationalen Zermalmtwerdens ungleich größer als in Palästina, wo wir in den Arabern ein Brudervolk neben uns haben; vorausgesetzt allerdings, da ß wir die Araber tatsächlich als ein Brudervolk anerkennen. Unter diesem Gesichtspunkte gewinnt die Zionistische Organisation eine erhöhte Bedeutung gegenüber der Jewisb Agency: nur wer den nationalen Werten politischer, sozialer und kultureller Art eine übermaterielle Bedeutung zuspricht, wird sich für ein Territorium-,dnsetzen, das wie Palästina in erster Linie aus nationalen Gründen gewählt worden ist Es ist zu befürchten, daß ohne die zionistische Grundtendenz, für die ein Stoßtrupp in Form der Zionistischen Organisation eintritt, trotz der neuen Gründung der Jewish Agency der Palästinagedanke mehr und mehr verblaßt. Und nun zum zweiten Aspekt! Als solchen faßten wir die zweite Voraussetzung des ZionIsmus auf, wonach der geistige Gehalt des Judentums auf dem Umwege über den Begriff ״Zion“ (=־ Tendenz nach sjpllkommener nationaler Gestaltung) absolut an die Palästinaidee gebunden ist Wie steht es mit dieser absoluten Beziehung iti Gegenwart und Zukunft? Sowohl der Gedanke der Weltdemokratie als auch der Gedanke des Weitkommunismus schcinen ihr zu widersprechen. Es gibt nämlich keinen sogenannten gebildeten Menschen oder — um noch anmaßender zu sprechen —- keinen vom ״Geiste“ getragenen Menschen unserer Zeit, der nicht Kosmopolit wäre. Hier liegt die eigentliche, die größte Gefahr für den Zionismus, soweit er im Palästinagcdanken verankert ist. Um dieses zu begreifen, müssen wir uns klarmachen, daß die Entgottung unserer Zeit es zuwege gebracht hat, daß niemand mehr an mystische Kräfte glaubt; also auch nicht an mystische Kräfte, wie sie durch die Berührung, die Verbindung eines Volkes mit dem Boden, seinem Boden, dem Boden seines Landes zur Entstehung gelangen. Solche mystischen Kräfte erscheinen normaler Weise uns heutigen Menschen wie Ausgeburten von Ammenmärchen. Und doch! Schon die Ausdrucksweise ״Verbindung eines Volkes mit seinem Boden", beweist das Gegenteil; denn woher kommt diese selbstverständliche Tatsache, daß jedes Volk natürlicher Weise sein Land hat, das heißt das Land, das ihm, gerade ihm und nur ihm gemäß ist! Hier müssen mystische Kräfte Im Spiele sein. Mystische Kräfte sind nicht im Spiele, wo es sich um rein Technisches handelt. Aber wo ist hiej die Grenze zu ziehen! Haben wir doch in diesen Tagen gelernt, daß selbst nach der Einsteinsclien Relativitätstheorie alles Materielle seinen Ausgangspunkt vom Kraftbegriff, also von etwas rein Geisiigem, nehmen soll. So weit brauchen wir natürlich nicht zu gehen: mathematische Prinzipien, technische Methode« sind von jedem Standpunkte aus — Standpunkt hier ganz wörtlich zu nehmen — in gleicher Weise anzuerkennen. Nicht so die Lebensprinzipien! Bei ihnen spielt das Land eine aasschlag־ _

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