Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 20 (12.3.1929)
- Date
- 1929-03-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer OAS QoWmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekesuraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bexugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5.75 Goldmark. Au*l«DdMb<1no«nM1ta w.rdnn 10 dm Wlhnnw dar •taxeltMO LinrW borwhaM. Anzeigen -V erwaltung Jüdische Rundschau G.m. b. H., BerlinW15■ Meinekeatr. 10 , Telephon: Amt Bismarck 7165-70. Telephon: Bismarck7165 —70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oacterreicb;: P0Mg»rk1MMnBm> Wien, Kernte Nr. 156030. Für lschacho«lourt»k«i; P0stspvkMM0*m! Prä, Konto Nr. 59 410. Für Polen: P0st1tp«rlu»8Mt1ka1m Wsr*dhau, Konto Nr. 1907O&. Redaktionsschluß bonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 20 | Berlin, 12. UL 1929 Anielgeapreiu S ge-p. Nonp«reilI«tt״tl»0,SO C*-M.SreU*ng««ach• 0,25 G.-M. AaielganM&laB■ Diea.ta« nid Fiali.g u.cbrnlt t«g» 4 Uhr ר׳ אדר ראשה• תרס״ט | xxxiv. jabrg. Der Zionismus erstrebt «Or das Jüdisch# Volk die Schäftung einer Öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte In PalSstlna. ״Baseler Programm.•• Albert Einstein Zui 11 50• ׳ Geburtstag Die ^1H(e Bedeutung de»* Theorie Einsteins (Zum fünfzigsten Geburtstage, 14. März 1929.) Weira am 50. Geburtstage Albert Einsteins die vielen unter uns, welche ihn verehren und lieben, sich darüber Rechen- Schaft geben wollen, welches die Bedeutung seines Werkes für die Menschheit ist, so soll dies nicht durch Popularisierung Seiner Theorie geschehen, deren Schaden größer ist als ihr Nutzen. Aber vielleicht ist es gestattet zu fragen, welche Bedeutung diese Theorie für die Kultur unserer Tage hat, und vielleicht kann diese Frage beantwortet werden, ohne daß wir den bedenklichen Weg gehen, Dinge, die nur in mathematlscher Sprache gesagt werden können, in unserer nicht für solchen Ausdruck geschaffenen Sprache auszudrücken. Nicht jede wissenschaftliche Theorie hat außerhalb des Feldes, für das sie geschaffen wurde, eine Bedeutung für die Kultur. Natürlich ist die Wissenschaft selbst ein Stück Kultur, aber nur in seltenen Fällen wird eine Theorie über den speziellea Gebrauch ihrer Disziplin hinaus für die Kultur als Ganzes von Bedeutung sein. Bei der Relativitätstheorie ist dies in hohem Grade der Fall. Diese in ganz unberechtigter Weise Relativitätstheorie genannte Lehre hat in einem vorher unbekanntem Maße möglich gemacht, die Ereignisse der Natur in absoluter Sprache wiederzugeben. Einsteins Bestreben war von Anfang an darauf gerichtet, eine Beschreibung der Naturvorglnge möglieh zu machen, welche befreit wäre von der Rücksicht auf den Standpunkt des besonderen Beobachters. Kein Bewe^ungszusta’nd und kein Bezugssystem. sollte irgendwie privilegiert sfin! die :@unWöfl»el11:''^’“pifrti!80®enTn'’Äieher wdise ausgesprochen werdet*, daß sie, obwohl für jeden einzelnen Standpunkt gültig, dennoch keinen einzigen bevorzugen sollten. Die Theorie nahm ihren Standpunkt gewissermaßen auße. halb jedes einzelnen Seienden, in dem Sinne etwa, wie der Zuschauer im Theater, gerade weil er nicht im Stücke mitspielt, erst das ganze Stück umfassen kann. Indem Einsteins Lehre auf solche Weise den absoluten Standpunkt für die Physik suchte, offenbarte sich in ihr eine Tendenz der Naturwissenschaft, die bewußt zu machen nun allerdings schon eine Frage der Kultur und nicht der Spezialwissenschaft ist: Aufgabe der Physik ist es, aus den Empfindungen des Menschen eine Welt aufzubauen, welche unpersönlich ist, in der das Ich nicht Vorkommen darf, die sich von allen anthropomorphen Elementen freigemacht hat Daß eine solche, vom Menschen geschaffene Welt, in der der Mensch nicht Vorkommen darf, ein künstliches Gebilde ist. das nicht die »Wirklichkeit“ im groben Sinne darstellt und abbildet, sollte verständlich sein, ist es aber nicht. Vielmehr schreckt uns der Materialismus in allen seinen Spielarten immer wieder damit, daß er die Denkformen, welche der Mensch für diesen bestimmten Zweck des Aufbaus einer ichfremdcn Welt gebildet hat, auf den Menschen selbst anwendet Eine Theorie, die mit genialer Konsequenz den absoluten Charakter der Physik bis zu Ende führt und uns über jeden Standpunkt erhebt, muß notwendigerweise befreiend wirken, weil sie uns die Grenzen des physikalischen Weltbildes und seiner Methoden vor Augen führt Ein Jahrhundert lang oder mehr hat man die Menschheit mit der Herrschaft der Materie geschreckt: sie erwies sich In Einsteins Fo.m in als Setzung des Begriffs. Einstein selbst zitiert in einem kürzlich in der ״Times“ erschienenen Artikel mit Beifall ein Wort des jüdischen Philosophen Emile Meyerson, der den theoretischen Physiker von heute mit den Spekulativen Philosophen, mit Descartes und sogar mit Hegel, vergleicht Die in dieser beifälligen Zitierung liegende Selbsterkenntnis Einsteins scheint mir von höher Bedeutung. Das Gewöhnliche war ja, daß die Spezialwissenschaftler den methodi sehen Sinn der ״Rechenpfennige“, mit denen sie arbeiteten, mögen sie nun Atome oder Elektrone oder wie immer beißen, nicht durchschauten und als absolut hinnahmen, was erst der Philosoph nachher als methodische Setzung erkannte. Einstein aber hat sich 60 sehr über jede standpunktliche Beschränkung erhoben, daß er auch den spekulativen Charakter der Physik An der Kundgebung der Landesvmammlung des Deutschen Keren Hajessod im großen Festsaal bei Kroll am IQ. d. M. nahm Albert Einstein am Prisidialtische teil. Der Vorsitzende der Versammlung, Direktor Oskar Wassermann, benützte die Gelegenheit, um Professor Einstein am Schlüsse der Eröftnungsrede mit folgenden Worten zu feiern: ״Es Ist mir eine besondere Freude, in unserer Mitte Pro• tessor Albert Einstein begrüßen zu können. Prof. Einstein steht seit Jahren in unseren Reihen. Der erste .Aufruf für den Keren Hajessod trägt seine Unterschrift. Er hat sich unserer Arbeit, wo er konnte, zur Verfügung gestellt. Er hat in Europa und in Amerika für den Keren Hajessod gewirkt, und er hat immer wieder seine tiefe Verbundenheit mit Pa- I äs tin a und der judenheit zum Ausdruck gebracht. Professor Einstein feiert in wenigen Tagen seinen 50. Geburtstag. Er wiru Glückwünsche und die begeisterte Huldigung der ganzen Kulturwelt empfangen. Aber wir glauben, daß die Wunsche, * 1 י׳ י■ ry f- V : 1111111 ..... _: illll י *Ui ««8 selbst erkannte und, bereitwillig in seinem, letzten Aufsatz von der schmalen empirischen Basis spricht, welche seine Theorie in ihrer letzten Phase haß So sehr sind wir über den Emplrismus hinausgekommen, und in der Physik selbst dahin gelangt, die erzeugende Kraft des Geistes einzusehen. Der spekulative Aufbau. der Physik ist in der Theorie Einsteins aufs wunderbarste transparent geworden: die überragende Rolle, welche die Festsetzung im Aufbau, der Naturwissenschaften spielt, offenbart sich uns, je mehr wir in die Einzelheiten der Theorie eindringen. Was man als objektive uns beherrschende Naturgesetze betrachtet hat, erweist sich als Eigenschaft ■unserer Meßvorrichtung; Größen, die wir zunächst in der Natur objektiv gemessen zu haben glaubten, erweisen sich als Maßstäbe, die wir selbst zugrunde gelegt haben. In seinem Buche über Einsteins Theorie faßt A. S. Eddington ihren Sinn folgendermaßen zusammen: ״Wir haben an den Gestaden des Unbekannten eine sonderbare Fußspur entdeckt. Wir haben; tiefgründige Theorien, eine nach der anderen, ersonnen, um ihren Ursprung aufzuklären. Schließlieh ist es uns gelungen; das Wesen zu rekonstruieren, von dem die Fußspur herrührt' Und siehe! es ist unsere eigene.“ Der deutsche Philosoph Nicolaus Cusanus nennt den Geist ein lebendiges Maß, das, indem es anderes mißt, seine eigene Fassungskraft ausmißt In wundeibarer Weise zeigt Einsteins Theorie, die von einer Kritik des Messens ausging, die Wahrheit dieses Satzes auf, indem sie die Maßstäbe aus objektiven Tatsachen in Setzungen des Geistes verwandelt. Und auch dies sei zum Schluß gesagt: dies alles geht uns Zionisten unmittelbar an. In den Jahren, in denen der Geist in der Erfahrungswissenschaft kat exodien sich sein Eigenrecht über die Empirie erstritt, i?t er bei uns mißliebig geworden, und der Zionismus von Heß und Achad Haam wird täglich mehr von einem rohen Empirismus bedrängt, dem die Anbetung der Kraft das letzte Wort ist Daß in der Einsteinsehen Physik Kraft als ein künstlicher Begriff erscheint, den wir nur einführen müssen, um einen begangenen Fehler wieder gutzumachen, daß alles Faktische sich als Theorie erweist, ist eine hohe Lehre auch für uns. Hugo Bergmann, die der Deutsche. Keren Hajessod and diese Versammlung ihm heute.entgegenbringen, ihn besonders berühren werden. Die jüdische Gemeinschaft, der Prot. Einstein entstammt, ist stolz auf ihren großen Sohn, ln Palästina, wo schon beute Einsteins Name mit einem wissenschaftlichen Institut verknüpft ist — das Mathematische Institut in Jerusalem trägt seinen Namen — soll als ein weiteres sichtbares Zeichen der Verehrung zu seinem 50. Geburtstage ein Wald gepflanzt werden. Wir gratulieren Professor Einstein, der nach schwerer Krankheit als ein Genesener wieder bei uns weilt, aus vollem Herzen.“ Bei der Nennung des Namens Einstein brachte die Ver- Sammlung dem berühmten Gast durch starken Beifall ihre Liebe und Verehrung zum Ausdruck. Diese Begrüßung verstärkte sich zu einer Ovation, als sich Prof. Einstein erhob, um Direktor Wassermann für die dargebrachten Glückwünsche zu danken. Einstein als Mensch und Jude ־ Daß wir Einstein anläßlich seines 59. Geburtstage» in enter Linie ah Menschen und Juden feiern, ist selbstverständlieh. Seine zeitlose wissenschaftliche Bedeutung wird von der ganzen Well anerkannt und uns, seinen Volksgenossen, ist es Bedürfnis, ihm die Gefühle der Liebe und Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, die er bei der Judenheit der ganzen Welt erworben hat. Mit Genugtuung stellen wir fest, daß die modernsle Erscheinungsform des Judentums, wie sie sich in der jüdischen Renaissancebewegung manifestiert, sich stark genug erwiesen hat, eine Anziehungskraft auf Einstein auszuüben, der sich in Gedankengängen hoch über den Begriffen Nation und Gegenwart bewegt. Eine Sache, der der kristallreine Charakter und die denkbar klarste Intelligenz eines Einstein Beifall zollt, muß im tiefsten Grunde menschlieh groß und allgemein fortschrittlich sein. Wie einst von Moliire kann man variierend von Einstein sagen: Wir haben seinem Rühme nicht gefehlt, aber er dem unsrigen. Gestalten wie Einstein legen Zeugnis ab von der Lebendigkeit des jüdischen Geistes und von der Reinheit großer jüdischer Menschen. Der Beitrag, den die jüdische Gemeinschaft an die Menschheitskultur in der Persönlichkeit Einsteins geleistet hat, be■ weist wieder einmal wie im Falle Spinoza, daß die jüdische Gemeinschaft mit Recht in der ersten Reihe der Kulturnatio• nen genannt wird. Nachstehend schildert Kurt Blumenfeld, wie es gelungen -■htiJtotistebw-lntermie erwecken und diesen repräsentativen Mann der zekgenßssisehen Kultur zu einem aktiven Förderer der zentralen Gegen■ warlsaufga.be der jüdischen Gemeinschaft zu machen. 3fc Kurz nach dem Kriege versuchte Felix Rosen* b 1 ü t h, der damals Vorsitzender der Zionistischen Vereihigung für Deutschland war, Gespräche mit jüdischen Gelehrten über den Zionismus herbeizu führen. Als wir gemeinsam Professor Einstein besuchten, dessen Name der großen Oeffentlichkeit noch nicht vertraut war, erlebten wir beide eine große und freudige Ueberraschung. Wir fanden einen Mann, der uns in der ersten Unterhaitung durch seine eigenartige Menschlichkeit, durch die tiefe Naivität seines Wesens bezwang, und wir fühlten beide, daß die Gewinnung Einsteins für uns ein Beweis für die Kraft und die Echtheit der zionistischen Idee sein werde. Einstein machte die merkwürdigsten Einwände. Es zeigte sich, daß er nur einen sehr losen Zusammenhang mit Judentum und jüdischem Leben hatte, aber die Sache interessierte ihn doch soweit, daß er sich entschloß, zu einem Vortrag in kleinem Kreise zu erscheinen. Wenige Stunden genügten für ihn, um die ganze Judenfrage zu begreifen, und er zog mit Selbstverständlichkeit unsere Konsequenzen. Die Bedenken der Antizionisten schienen ihm Zeichen der Schwäche und des mangelnden Per* sönlichkeitsgefühls. Man fragte ihn, warum er als Verfechter aller internationalen Interessen, als Gegner aller nationalistischen Bestrebungen die jüdische nationale Sache zu seiner eigenen mache. Er erklärte seinen Standpunkt durch ein Gleichnis: Wer einen rechten Arm hat und davon spricht und immer davon spricht, ist ein Narr. Wem aber der rechte Arm fehlt, der darf alles tun, um sich das fehlende Glied zu ersetzen. Daher sei er in einer Welt, in der jedes Volk die Bedingungen des nationalen Lebens hat, ein Feind des Nationalismus, als Jude aber ein Anhänger der jüdischnationalen Idee, weil den Juden die notwendige und natürliche Voraussetzung ihres nationalen Lebens fehlt Er erkannte die Quellen seiner Art und merkte, daß er sich glücklich und geborgen nur inmitten seines Volkes fühlen könne. In den letzten Jahren hat er das jüdische Volk kennen gelernt. Er empfand mit Stolz, wie die Juden ihn als den großen Gelehrten jüdischen Stammes ehrten und fühlte in allen diesen Ehrungen die tiefe Verbundenheit mit seinem Volke. Es gibt wenig Zionisten, die in ihren jüdischen Entscheidungen so sicher und eindeutig sind wie Einstein, die mit so selbstverständlichem Mut ihre Anschauungen äußern. Die innere Schönheit seines Wesens zeigt sich in allen seinen Bemerkungen zum Zionismus und zur Judenfrage; sie sind von fröhlicher Unbekümmertheit und erfüllt von heiterer Angriffslust Er freut sich über sich selbst, wenn er Gelegenheit hat, bedenkliehen Juden opportunistische Gegenargumente herzhaft aus der Hand zu schlagen.