Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 15 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0£5 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, MeioekeatraSe 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag» Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2»— Goldmark, viertaljlhrlich 5,75 Goldmark. Au*l*mfa1Wn*n1*nt» w«rd«o ta dm Wlkran« d«r Lind« WeduK». Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rundschau G.m. b. HM BerlinW 15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165-70. Aiusdf «Bpraltf 8 ge•!*■ Nonpitmillfix^ü/1! 0,50 0,25 G--M A&ealgensdi'aS* Di «n «tag utsd Fr«!׳*d saebtaittaKt 4 Uhr Telephon: Biamarck7165 -70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 für 0%9u0T9icht Pcv*t»parka,*«&na1m Wi«3, Kr-mto Nr 156030. FGrlacbecboalowaVei: F0atxparkt0a«B«mt Prag, Konto Nr. 59 410. Fdr Polan ז Post?rr‘#rk»ss«ruunt Warschau. Konto Nr» 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ב אדר ראשון* תרפ״סז | xxxiv. Ja*»rg. Per Zlonlsmua erstrebt fflr da» jüdische Volk dl» Schaffung einer Oflentilch«rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Palfclinakundgebung im Rheinland Keinen Kaddlsdi wird man tagen Vorbemerkungen zur bevölkerungspolitischen Aussprache vom 24» Februar 1929. Tagung des Keren Hafessod in Düsseidort Reden Wassermanns, Dr. B. Kahns, Blumenfelds per Provlnzialausschuß für das jüdische Palästina Werk e. V. (Keren Hajessod) Rheinland-Westfalen, veranstaltete am Sonntag, dem 17, Februar, in Düsseldorf eine Kundgebung für den Aufbau Palästinas. Die Einladung zu dieser Kundgebung war von nachstehenden Persönlichkeiten unterzeichnet: Alfred Leonbald Tietz, Mitglied des Präsidiums, Ernst Aschaffenbürg, M.-Gladbach, Dr. M. Bing, Köln, Norbert Burger, Düsseldorf, Dr. Eschelbacher, Düsseldorf, Dr. Gidion, Köln, Dr. Grüneberg, Elberfeld, Dr. Hahn, Essen, Stadtdirekter Dr. Kramer, Köln, Dr. Paul Löwe, Düsseldorf, Dr» Meyersberg, Bochum, Justizrat Nassau, Hagen i. Westf., Dr. Arthur Oppenheimer, Düsseldorf, Hans Roll mann, Köln, Salomon Simon, Bonn, Dr. Herbert Simons, Düsseldorf, Dr. Adolf S i n d 1 e r, Düsseldorf, Max Weil, Düsseldorf. Ueber vierhundert geladene Gäste aus Düsseldorf, Elberfeld, Köln, Bochum, Oberhausen, Duisburg, Essen, Mühlheim, Dortmund, Gelsenkirchen, Bonn, Solingen, Aachen, München- Gladbach und Krefeld waren der Einladung gefolgt. Der Oberlichtsaal der städtischen Tonhalle bot ein festliches Bild. Die Eröffnungsansprache hielt Alfred Leonhard Hetz, Köln. Er wies auf die Konferenz der amerikanischen Nichtzionisten unter Führung von Louis Marshall hin und stellte fest, daß die deutsche Judenhelt leider nicht an der Spitze dieser wichtigen Aktion stand und Gefahr läuft, nachzuhinken. Ueber die % deotung Palästinas für das Judentum sprach Direktor Oskar Wassermann. In eindrucksvollen Worten . schildere .«־ di«•',Bedeutung, des Patt?ina-w«rkes. ,fir_*di%-Sätu5r^|:g;־,il*, Jtifcstäsisi,, :in. Jfi*• *sehen Geistes jpid der jüdisch«» 'Rtligton. ־Oeraagekfinäfgte Vortrag von Rabb. Dr. Leo Baeck über Palästina in Vergangenheit und Gegenwart fiel wegen Verhinderung Dr. Baecks aus, der jedoch an die Versammlung einen Begrüßungsbrief gerichtet hatte, dessen Verlesung mit Beifall aufgenommen wurde. Ueber neue Entwicklung im jüdischen Leben sprach Dr. Bernhard Kahn, Berlin, der europäische Direktor des American Joint Distribution Committee. Seine auf genauer Kenntnis der heuligen jüdischen Situation basierenden Ausführungen werden wir in einer der nächsten Nummern ausführlich wiedergeben. Hierauf fand die Vorführung des neuen Pa 1 ä st i n a- Fi 1 m s statt. Kurt Blumenfeld deutete in packenden Worten den Sinn dessen, was die Teilnehmer der Kundgebung auf der Leinwand hatten vorüberziehen sehen. Der Eindruck, der von diesen Bildern ausgeht, rührt daher, weil sie eine Ahnung von dem echten Leben ln Palästina vermitteln, von hingebungsvoller Leistung und Bewährung in einem realen Werk. Das Werden des neuen Palästina ist ermög- Hebt worden durch den Keren Hajesscd, der ein Fonds aller Palästina-Freunde, der Zionisten und Nichtzionisten ist, denn alle Juden sind der belebenden Wirkung teilhaftig, die vom werdenden Palästina auf die Judenheit der gesamten Welt ausgeht und des neuen bewundernden Interesses, das die geistigen Führer der gesitteten Menschen wegen der Leistungen in Palästina den Juden und dem Judentum entgegenbringen. Die Versammlung sandte an Prof. Weizmann ein Sympathictelegramm ab. Am Abend fand ein Festbankett in den Räumen der Loge statt, an dem sich sechzig Personen beteiligten. Rabb. Dr. Eschelbacher hielt eine herzliche Ansprache, worauf Direktor Wassermann den Dank: des Präsidiums des jüdischen Pallstlna-Werks für den• Empfang absMttjsw;KÄ:l|tapf|M. yrlt ri»n״ e!״e »e׳»e .־*'־ד•',!: < «rft.; * •ta Aaadhlttft äit die gllzend verlaufene Kundgebung in Düsseldorf wurden für den.Keren HajesspcJ neue Freunde ge- Wonnen. Die Aktion bedeutet auch einen guter! materiellen Erfolg für dje Sache des Palästiha-Äufbäus. ' Von Dr. Felix Theilhaber. Es sind jetzt genau 25 Jahre vergangen, daß ich in den Tagen meines Abtturiurns eine kleine Arbeit in dem damals von Sally Geis herausgegebenen jüdischen Blatt (Frankfurter Israelitisches Fami'.ienblatt Nr. 3, 1934) mit dem Titel ״D er Untergangder jüdischen Landbevölkerung“ erscheinen ließ. In den 25 Jahren, die ich also gewissermaßen legitimiert den Fragen der jüdisehen Gemeinschaft meine Aufmerksamkeit geschenkt habe, mußte ich das Problem weiter ziehen• Der Verfall der jüdischen Landbevölkerung ist heute wohl allgemein bekannt Die Enquete des Landesverbandes der preußisehen Juden ergibt für alle Orte, und zwar für einzelne ursprünglich recht blühende Gemeinden ein zum Teil vollkommenes Versiegen des Nachwuchses. Es gibt Orte, in denen auch nicht ein Jugendlicher bis zu 20 Jahren ermittelt wurde, und selbst in den kinderreicheren Gemeinden ist es das Abwandern der heranwachsen• den Jugend, das das Schicksal dieser Judensiediungen bestimmt. Wenn diese Verhältnisse gewissermaßen handgreiflich zu erfassen sind und niemandem neu erscheinen, so habe sch später in diversen Arbeiten für die Großgemeinden eine bedeutungsvolle Zersetzung nachgewiesen, die jetzt auch von der Allgemeinheit in den Gesichtskreis der Betrachtung gezogen wird. Bereits 1927 betrug die Zahl der Geburt en in jüdischen Ehen Berlins 1371, die Sterblichkeit dagegen 2446. Der Zuwachs aus Mischehen und aus unehelicher Mutterschaft mit ungefähr 200 Kindenh ersetzte ungefähr den Ausfall der Aus tr e t e nd e n.Dii Zahl der ( f© dysteflftdifc öabel nm• fügt Berlin über einen anormalen Altersaufbau; Infolge des Zuzuges aus den kleineren Orten Deutschlands und aus dem Ausland sind die Jahrgänge der geschlechtsreifen. Personen besonders stark vertreten. Das heißt die höheren. Altersklassen sind geringer besetzt und infolgedessen ist die Sterblichkeit günstiger als sie sein würde, wenn die älteren Personen zahlreicher wären. Tel-Awiw als Messestadt Die ״Hesse des Nahen Ostens״ Von Dr. Kurt Grünwald. Am 7. April wird die ״Palestine & Near East-Messe“ zum vierten Male eröffnet. Zwei und ein halbes Jahr sind seit der letzten Messe verstrichen. Zweieinhalb Jahre, in denen sich vieles von Grand aut verändert hat. Es liegen dazwischen die Tage der schwersten Krise, tiefster Depression und der Beginn eines neuen Aufschwunges. Hatte die fetzte Messe die ersten Anfänge einer jungen Industrie gezeigt, so tritt heute eine Industrie vor die Öeffentlichkeit, die eine schwere Krise überdauert und an ihrer Liquidation bedeutend teilgehabt hat Und auch das Bild der Messe selbst wird ein anderes sein. Waren die ersten Messen mehr instinktmäßig veranstaltet wurden, so können wir planmäßige wirtschaftspolitische Tendenzen in der kommenden Veranstaltung erkennen. Charakteristisch ist vor allem diesmal, daß die Regierung aktiven Anteil an der Messe nimmt Nicht allein dadurch, daß Sfr John Chanceller, der neue High Comtnissioner. wohl der Patron der Messe sein wird, sondern du־ch die Beteiligung der verschiedenen Departments, wie Handel und Bahnen, an den Vorbereitungen und durch Errichtung von eigenen Pavillons (Landw׳irtschafts-Dept, Bahnen, Auskunftsstelle des Zoll-Dept., Hygiene-Pavillon usw\). Die Bahnen werden Besuchern weitgehende Ermäßigung gewähren. Ausstellungsgüter sind zollfrei. Die Post hat für die Aemter Jerusalem, Tel-Awiw und Haifa besondere Sternpelanparate angeschafft mit dem Propagandastempel ״Vislt the Palestine Near East Fair“. Spezielle Aufmerksamkeit wurde der Werbung von Be- Suchern aus dem Nahen Oste n gewidmet Aegypten und Syrien werden auch als Aussteller vertreten sein. Die ägyptischen Bahnen werden ebenfalls Reduktion gewähren. Erwähnenswert sind die Schritte, die unternommen wurden, um die Juden aus Irak und Persien, die einen beachtlichen Käuferkreis darstellen, zur Messe zu bringen. Auch haben Cook, American Express u. a. Reisebüros, die sonst Tel-Awiw absichtlich nicht in ihre Touren aufnehmen, die Messe in ihr Programm eingeschlossen. Die Tendenz der Messe wird noch hervorgehoben durch die gleichzeitige• Veranstaltung einer Landeskonferenz der palästinensischen Industrie, die von Lord Melchett eröffnet werden wird, sowie auch durch das Stattfinden einer Tagung ״Tozereth Haaretz Lagoiah“, das heißt ״Palästina-Produkte für die Juden in aller Welt“, zu der Delegierte aus allen ländern angemeldet sind. Die Industrie ist expansionsbedürftig und sucht die ihr gegebenen Möglichkeiten auszunutzen. Auf der anderen Seite sehen wir eins Offensive der britisehen Schwerindustrie auf den hiesigen Markt: Shell, Imperial Chemical Industries. General Electric Co. werden eigene Pavillons errichten, auch wird ein Automobilsalon vorhanden sein. Die europäischen Firmen werden meistens durch ihre Kommissionäre ausstellen lassen. Aber nicht nur die materielle Produktion Palästinas soll auf dieser Messe gezeigt werden. Die alte und neue Kunst «׳erden zur Darstellung gelangen: Poesie, Musik, Chor, Oper, Oratorium, Tanz, Drama, jemenitische, bucharische und persische Kunst werden einzelne Abende füllen und so wird die vom 7. bis 33. April dauernde Messe wohl die würdigste Feier des 23jährigen Jubiläums von Tel-Awiw sein. So läßt sich von dieser Veranstaltung eine starke Belebung des Near Eeast Handels und des Touristenverkehrs erwarten. Palästina wird immer mehr zum Angriffspunkt der eu־opäisehen Wirtschaft auf dem Nahen Osten, zur Brücke zum Markt von Irak, Persien, Syrien. Der Welthandel wird wohl früher oder später von diesem ״Umschlagsplatz“ Besitz ergreifen, und als einen Weg hierzu begrüßen wir die IV. Palestine und Near East-Messe. * London, 19. Februar. (J. T. A> Die Abteilung für Uebersee-Handel der britischen Regierung erläßt eine Benanntmachung bezüglich der vierten Palästina- und Orient-Messe, die im April d. J. in Tel-Awiw stattfindet. Es wird darauf hingewiesen, daß deutsche, italienische, und rumänische Firmen ein großes Interesse für die Messe an den Tag legen und daß die Verkehrsgesellschaften Lloyd Triestino, Deutsche Levante- Linie und der Rumänische See-Dienst eine Verbilligung der Passagier- und Frachttarife um 23—50 c0,׳ an Messebesucher gewähren. Die Ausstellung werde Abteilungen für Industrie- und Landwirtschaftsmaschinen, für Bau- und Elektrotechnik- Artikel, für Radio-Apparate, ferner eine Auto- und Motorrad- Schau und eine Abteilung für von den Landesindustrien henötigte Rohmaterialien enthalten. Es wird ferner mitgeteilt, daß die früheren Tel-Awiwer Messen sehr gut besucht waren und den Ausstellern gute Erfolge gebracht haben, daß aber England auf diesen Messen verhältnismäßig schwach vertreten war. Die Palästina-Regierung hat dem britischen Luftverkehrsamt vorgeschlagen, im Motiat April, zur Zeit der Palästina- und Orient-Messe in Tel-Awiw, die Orient- Luftverkehrsfahrzeuge in Tel-Awiw landen zu lassen, damit die Messe-Besucher Gelegenheit erhalten, Tel-Awiw auch auf dem Luftwege zu erreichen. Die dritte Jaffa-Orangen -Ausstellung wird am 22. Februar in den Räumen der Ausstellungshalle in Tel-Awiw eröffnet werden. An interessanten Ausstellungs-Ob^ek'en werden u. a. eine Zusammenstellung alter Literatur über Orangenkulfur, eine Dcmonstra'ion der verschiedensten Verpackungs* rncthrxku und eine Reihe von Spezial-Filmen über mit dem Orange,!; .׳■׳■־ .'U'ammenhängcnde Themen gezeigt werden. Wir können die Feinheiten einer statistischen Betrachtun״ hier zurückstellen, wenngleich ihre Folgerungen überaus beachtlich wären. Wir wollen auch nicht von dem Einfluß sprechen, den die noch wenig assimilierten Ost- Juden mit ihrer primitiveren Fruchtbarkeit ausüben. Eine Auszählung der rein deutschen Juden und ihres Nach- Wuchses würde ein Ergebnis zeitigen, wonach ihre Kinderzahl bei weitem nichtdieHälftederSterbenden ersetzen würde; unter Berücksichtigung des Altersaufbaues würde der Nachwuchs wahrscheinlich nur ausreichen, den dritten Teil der geschlechtsreifen Personen zu ersetzen. Es ist hier nicht der Platz, diese Behauptung eingehend zu belegen, da sie eine umfangreiche statistische Abhandlung notwendig machen würde. Wir wollen uns hier damit begnügen, festzustellen, daß die Geburten- Ziffer der Berliner Juden bereits im Jahre 1927 unter 10 °/oo gesunken ist. Die Geburtenziffer für Frankreich betrug in den letzten Jahren vor dem Krieg zirka 18 800׳ und genügte knapp zur Erhaltung der Bevölkerung. Unter dem Einfluß der wirtschaftlichen und geistigen Entwicklung ist die Geburtlichkeit in den Jahren 1923 bis 1927 in starkem Ausmaße in Rückgang begriffen. Es ist kaum anzunehmen, daß diese Erscheinung plötzlich zum Stillstand gekommen ist. Alle Voraussetzungen, welche den Prozeß bisher eingeleitet und zur Entwicklung gebracht haben, bestehen in unverändertem, wenn nicht verstärktem Ausmaße fort. Nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung ist also ziemlich sicher mit einem weiteren Rückgang der Geburten zu rechnen. Aber selbst ohne diese naheliegende Annahme bedeutet ein Zuwachs, der nicht einmal zwei Drittel der Sterbenden zu ersetzen vermag, ein Problem von größter Wichtigkeit. Es ist klar, daß bereits bei diesen Verhältnissen eine Dezimierung der Berliner Juden in wenigen Generationen vor sich gehen muß. Nun ist Berlin allerdings nicht Deutschland. Es umfaßt aber heute etwa die Hälfte der preußischen und ein Drittel der deutschen Juden. Bei dem starken Zuzug der Juden der Provinz nach Berlin wird vorerst jede Volks- Zahlung ein noch größeres Prozentverhältnis für die Juden der Reichshauptstadt ergeben. Im übrigen habe ich in meinem Buch ״Der Untergang der deutschen Juden" bereits darauf hingewiesen, daß die Einstellung der Berliner Juden zu den Problemen der Ehe und des Kindersegens in kurzer Zeit auch von den übrigen deutschen Juden übernommen wird. Die Bevölkerungsbilanz vieler anderer