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Jüdische Rundschau · 1928-11-30 · Heft 95 (30.11.1928) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 95 (30.11.1928)
Date
1928-11-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 664 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 95, 30. XI. 1028 Soviel von der Vergangenheit, was kommt nun? Ich hoffe zuversichtlich, daß Sie in diesem Jahre zum letzten Male in einer eigenen Kampagne allein das Nötige zu beschaffen haben; dann wird die Agency ihre volle Arbeitskraft entfalten können. Wir wollen aber schon Jetzt zeigen, daß wir dazu da sind, für das Ziel zu arbeiten und nicht nur darüber zu reden. Sie werden in dieser Kampagne das Beste feisten, was Sie mit Ihren Kräften zu leisten imstande sind. Sie haben Verpflichtungen, die erfüllt werden müssen, bevor Sie noch zur Agency kommen. Sie können sie nicht alle erfüllen, weil Sie viele Kolonien zu versehen haben, die zu klein sind für die vielen Seelen, die in ihnen wohnen. Sie waren nicht in der Lage, für die Farmer alle Produktionsmittel zu beschaffen, die sie brauchen, um erfolgreich zu sein. Für die gesundheitlichen Einrichtungen ist ebenfalls nicht alles getan. Den Lehrern ist noch nicht alles für ihre Arbeit gezahlt worden. Wir wollen hier keine Rückstände Platz greifen lassen. Wir wollen in die Agency mit einer klaren Rechnung elntreten. Wenn Sie diese Konferenz verlassen, so werden Sie es — so hoffe ich — in dem Bewußtsein tun, daß Sie neue Freunde gewonnen und alle alten Freunde behalten haben. Jeder, der je ln Palästina geweilt hat, wird Ihrer Sache sicher nicht mehr fernstehen wollen. Ich selbst bin hierher gekommen, um Ihnen Grüße zu bringen. Noch habe ich nicht das Recht, für Irgendeine Organisation zu sprechen, aber es gibt eine gewisse Zahl Menschen, die auf der gleichen Saite spielen wie ich. Wir werden uns noch bei vielen Anlässen begegnen und erfolgreich Zusammenarbeiten, dankbar gegen jene, die die schwere Arbeit getan, bevor wir uns ihnen zugesellt haben.“ Der Antisemitismus ln Rußland Die Sowjetregierung hat eine Spezialkommission unter persönlicher Leitung des obersten Staatsanwaltes ernannt zur Untersuchung der Verhältnisse an der Universität Woronesch, welche gemäß dem offiziellen Bericht eines der Hauptnester der antisemitischen Bewegung Ist. Der Anthem!• tismus hat, wie durch alle Berichte bestätigt wird, In der letzten Zelt geradezu unerträgliches Ausmaß ln Weißrußland, der Ukraine und SUdrußland angenommen. Der unmittelbare Anlaß für die Maßnahme der Regierung war der Selbstmord eines Jüdischen Studenten namens Meise!, der am 14. November sich selbst tötete, um, wie er schrieb, ״den Verfolgungen seiner Professoren und Mitstudenten zu entgehen". Der offizielle Bericht teilt ferner mit, daß an der Universität Woronesch seit 1926 bereits sieben Selbstmorde jüdischer Studenten zu verzeichnen sind. Seit Januar 1928 fanden drei derartige Selbstmorde statt. Die offizielle Erklärung beschuldigt einen Teil des Professoren-Kollegiums der Aufstachelung nationaler Antipathien, während die örtlichen Mitglieder der kommunistischen Partei und die Verwaltung passiv zuschauen. Ja, ein Teil der Kommunisten habe sogar aktiv an der Verprügelung der Juden teilgenonunen. Die Londoner ״Times“ bemerkt zu diesem Bericht, die Sowjet-Presse habe bis vor kurzem alte Nachrichten über die weite Verbreitung des Antisemitismus in Rußland abgeleugnet, aber jetzt sei sie gezwungen, täglich ganze Spalten diesen Vorfällen zu widmen. Erst kürzlich haben in Minsk antisemitische Attacken stattgefunden, in deren Verfolg nunmehr zehn Personen verhaftet wurden. Seit diesen Vorfällen kam es wiederholt zu neuerlichen Versuchen, das Volk gegen die Juden aufzustacheln. Nach den offiziellen Berichten haben diese Unruhen zwar keinen größeren Umfang angenommen, aber es gab eine ganze Reihe von Fälle» von Gewalttätigkeit und Plünderung. Die jüdische Kolonisation ln Rußland Professor Baturinsky aus Moskau in Berlin . Im gastlichen Hause des Führers der Deutschen Bodenreformbewegung, Dr. Adolf Damaschke, fand ein Teeabend statt, bei welchem Prof. Baturinsky aus Moskau, einer der Teilnehmer der russischen Expedition nach dem fernen Osten, über die jüdische Kolonisation in Biro-Bidschan referierte. Es waren eine Reihe bekannterer Politiker, so der frühere Mi- Bister Solmann, der Zentrumsabgeordnete Jost, Redakteure der Berliner Tageszeitungen anwesend; von der Jüdischen Gemeinde bemerkten wir die Herren R.-A. Dr. Klee und Loeb, außerdem eine Reihe von Vertretern der jüdisch-amerikanisehen und russischen Presse. Prof. Baturinsky sprach über die jüdische Kolonisation Im fernen Osten, die er mit Rücksicht auf die klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen für durchaus aussichtsvoll erklärte. Er entwickelte ein Programm, als dessen Auswirkung er die Entstehung eines selbständigen, welche Form auch immer tragenden jüdischen Sowjetstaates im Gebiet des Amurflusses in Biro-Bidschan darlegte. Seine Ausführungen wurden von der Versammlung mit E roß er Skepsis aufgenommen; insbesondere die Herren r. G e r ge I und KI in o w wandten sich gegen die Ausiührungen des Redners. Sie bezeichneten seine Zahlenangaben als nicht genau, und rechneten nach, daß die Kolonisation im fernen Osten viel teurer sei, als Prof. Baturinsky annahm, hielten Klima und wirtschaftliche Voraussetzungen nicht für gegeben, betonten, daß landwirtschaftlich nutzbarer Boden doch nur in geringem Maße vorhanden sei, daß es sich vielmehr um für die Kultur durch Ausroden und Austrocknen fertig zu machendes Gebiet handle, so daß vor optimistischen, wenn auch gut gemeinten, so doch im Effekt irreführenden Darstellungen dieser Kolonisation durchaus gewarnt werden müsse. Dr. Oergel hob hervor, daß er Freund der russischen Kolonisation sei und gerade aus diesem Grunde dem Sibirien-Projekt mit allergrößter Reserve gegenüberstünde. Herr Klinow wies darauf hin, daß von irgendeiner Erleichterung oder gar Lösung der Judenfrage durch die Kolonisation, die selbst bei gesteigertem Tempo nur 50 Prozent des russisch-jüdischen Geburtenüberschusses absorbieren können, nicht gesprochen werden kann. In einem Schlußwort suchte Prof. Baturinsky den Gegnern zu antworten, betonte auch seinerseits, daß selbstverständlich eine Reihe von Schwierigkeiten vorhanden seien, und forderte auf, an deren Milderung und Beseitigung mitzuarbeiten. Dr. Alexander Goldstela bei Woldemaras Der Ministerpräsident Litauens, Woldemaras, empfing den Delegierten des Keren Hajessod, Dr. Alexander Goldstein und erklärte, das litauische Volk hege tiefe Sympathie für den Zionismus. Dr. Goldstein besuchte auch andere Mitglieder der litauischen Regierung und hielt vor einem aus Persönlichkeiten der litauischen Intelligenz sich zusammensetzenden Publikum einen Vortrag über die Perspek* tiven Palästina•. Bin Weißbuch über die Klagemauer Die englische Regierung hat am 27. d. M. dem Parlament ein Weißbuch vorgelegt, das eine Darstellung des viel umstrittenen Vorfalles an der Klagemauer enthält und den Stand' punkt der Regierung darlegt. Das Weißbuch ist Im englischen Staatsverlag erschienen (H. M. Stationary Office, Cmd. 3229, Preis 2 Pence). Das Memorandum beginnt zunächst mit einer Wiedergabe des bekannten offiziellen Kommuniques der Palästina-Regierting und fährt dann fort: ״Wie man sieht, wurde die Intervention der Polizei durch das Verhalten der jüdischen Behörden verursacht, welches von der Palästina-Regierung als eine Verletzung des Status quo angesehen wurde. Die Klagemauer ist den Juden heilig und ihre Sitte, dort zu beten, geht mindestens bis ins Mittelalter zurück. Zugleich aber ist die Mauer ein Bestandteil des Haramesch-Scherif und als solche den Moslems heilig. Sic ist ferner rechtlich uneingeschränktes Eigentum der tnoslemi* sehen Gemeinde, und der Platz vor der Mauer ist Waqf- Eigentum. Die jüdische Gemeinde hat zweifellos ein Recht erworben, den Platz zum Zwecke des Gottesdienstes zu betreten, aber bei jedem moslemischen Protest haben die türkisehen Behörden wiederholt die Entscheidung getroffen, sie würden ein Abgehen von der bestehenden Praxis, egtwa das Mitbringen von Bänken und Stühlen, nicht gestatten. Eine Entscheidung, die das Mitbringen von Scheidewänden betrifft, wurde 1912 erlassen. Die Palästina-Regierung und die britische Regierung, eingedenk der Bestimmungen des Artikels 13 des Mandates, waren der Ansicht, daß es sich um eine Sache handelt, in der sie den Status quo aufrechterhalten müssen. Als Status quo wurde angesehen, daß die jüdische Gemeinde das Recht des Zutritts zu dem Plate hat, aber nur solches gottesdlenstliehe« Zubehör mitbringen darf, das auch unter türkischem Regime erlaubt war. Aus dem offiziellen Kommunique der Palästina-Regierung ist zu ersehen, daß am letzten Versölimingstag Neuerungen der bestehenden Praxis durchgeführt wurden. Als dem Beamten der Regierung von moslemischer Seite Beschwerden darüber vorgebracht wurden, stand er vor der Wahl, ob er die Mandatspflicht, den Status quo aufrechtzuerhalten, außer acht lassen oder die Beseitigung der jüdischen Geräte veranlassen solle. Er kam zu dem Entschluß, daß eine Mandatsverpflichtung nicht außer acht gelassen werden kann. Er erhielt nun von dem jüdischen Funktionär bei der Klagemauer die Zusicherung, die Scheidewand werde entfernt werden. Leider wurde dieses Versprechen nicht erfüllt, und daher blieb kein anderer Ausweg, als die Scheidewand am nächsten Morgen, als bereits Betende bei der Klagemauer anwesend waren, zu beseitigen. Es ist geltend gemacht worden, daß die Palästina-Regierung größere Besonnenheit hätte bewahren und insbesondere verantwortliche jüdische Behörden heranziehen sollen. Die Regierung meint jedoch, daß die Empfindlichkeit der Frage und die Notwendigkeit besonderer Vorsicht und Vermeidung jeder Handlung, die von wachsamen Nachbarn als Bruch des Status quo betrachtet werden könnte, den verantwortliehen Jüdischen Behörden bekannt sein mußte. Auf atie Fälle war der verantwortliche Beamte der Palästina-Regierung zu einem sofortigen Entschluß gezwungen und die Grund- Sätze, nach denen er handelte, können nicht ln Frage gezogen werden. Im Lichte der nachfolgenden Ereignisse mag es bedauerlich erscheinen, daß der stellvertretende Dlstriktskommissär sich auf das Versprechen des jüdischen Funktionärs an der Klagemauer verließ, doch er hatte keinen Grund anzunehmen, daß das Versprechen nicht durchgeführt werden wird, Es wurde ferner vorgebracht, daß die Beseitigung der Scheidewand bis nach der Beendigung des Gottesdienstes hätte aufgeschoben werden können. Demgegenüber muß darauf hingewiesen werden, daß es allgemeine Praxis ist, sofort einzugreifen, wenn der status quo verletzt wird. In der heiligen Grabeskirche und anderen heiligen Plätzen wurde seit undenklichen Zeiten sogar während der heiligsten gottesdienstliehen Handlungen an den heiligsten Tagen jede Verletzung des status quo durch sofortiges Eingreifen an Ort und Stelle verhindert. Dies ist notwendig, um zu vermeiden, daß ein Präzedenzfall entsteht, der dann zu einer wirklichen Ver- Schiebung des statu» quo dient.“ Das Memorandum schließt mit der Erklärung, daß die Regierung bereit und gewillt ist, als Vermittlerin zu handeln, um eine gegenseitige Verständigung bezüglich der Klagemauer zwischen Juden und Moslems herbeizuführen. Sie kann aber keine Gewalt anwenden, um so mehr, als der Streit aufgehört hat, ein rein religiöser zu sein und gleichzeitig ein polltischer und nationaler Kampf daraus entstanden Ist. Anfrage im Unterbaas Abg. Kenwortliy hat im Unterhaus eine schriftliche Anfrage an den Kolonienminister überreicht, worin gefragt wird, ob der Minister von den weiteren Verletzungen des Status quo an der Jerusalemer Klagemauer durch die moslemischen Behörden Kenntnis habe, namentlich von der Errichtung eines an die Mauer grenzenden Hospizes sowie von anderen Bautätigkeiten und Aenderutigen, schließlich davon, daß jetzt ein Muezzin gerade über der Stelle erscheint, an der der Oraun Kaudesch (Bundeslade mit den Gesetzesrollen! an den Sonnabenden untergebracht ist, und fünfmal am Tage nach dem islamischen Ritus zum Gebete ruft Ob der Minister wisse, daß dies nicht einmal unter der türkischen Herrschaft erlaubt war, und daß die jüdischen religiösen Behörden deswegen beim Diitriktskommissar Protest dngelegt haben. In seiner Erwiderung erklärte der Kolonienminister Amery, er habe von solchen weiteren Zwischenfällen keine Kenntnis erhalten, er warte noch immer auf ausführliche Berichte aus Jerusalem und hoffe zuversichtlich, daß der stellvertretende Oberkommlssar keine Verletzung des status quo zulassen wird. * Benutzung der Klagemauer durch die Juden gesetzliche Sanktion zu geben scheint Die Folge des Memorandums de* mos- Ionischen Obersten Rates war, daß die Regierung außer dem jüdischen auch einen moslemischen Polizei- Offizier für den Dienst an der Klagemauer abkommandiert hat. Zar politischen Lage In der Wochenschrift ״Hapoel Htzair“ (Tel-Awiw) stellt Lufban fest, daß die allgemeine Befriedigung darüber, daß der 2. November ohne Pogrome abgelaufen sei, das Verständnis dafür vermissen lasse, daß in Palästina bereits die Tatsache, solche Unruhen erwarten zu müssen, als ein Pogrom angesehen werden müsse. Nach sechs Jahren politischer Ruhe befänden wir uns jetzt wieder in einer Atmosphäre der Verhetzung gegen uns, wie wir sie noch nie in Palästina gehabt hätten und deren Ende nicht abzusehen sei. Die arabischen Führer hätten es verstanden, diesmal den Angriffspunkt nicht auf dem politischen, sondern auf dem reli- §" Massen zu sichern.“ Wir müßten aber auch die Fehler im eigenen Lager sehen. Die arabische Gegnerschaft gegen uns sei latent stets vorhanden gewesen, und es habe nur eines Funken bedurft, um das Pulverfaß zur Entzündung zu bringen. Diesen Funken habe aber nicht der Arbeiter mit Pflug oder Hammer und nicht Rutenberg oder der Gründer einer Fabrik entzündet, sondern diejenigen, die Ihre Ruhestunden dazu benutzten, um ihr ״politisches Pfeifchen“ zu rauchen. Ob' wir am nächsten Versöhnungstage die Scheidewand an der Klagemauer aufstellen dürften, sei unsicher; sicher aber sei, daß wir in diesen sechs Wochen seit dem Versöhnungstage keine neuen politischen Positionen errungen und alte verloren hätten. Es sei klar, woher unsere politischen Fehler stammten: wir 6eien aus den Oaluthländern gewöhnt, um irreale kleinliehe Momente zu kämpfen und hätten uns noch nicht an dne Situation gewöhnt, wo wir ein wichtiger polltischer Faktor wären, dessen Forderungen eine ganz andere Tragweite hätten. Daraus erklärte sich auch die ln diesen Tagen vielfach von jüdischer Seite aulgestellte Behauptung, daß wir unter türkischem Regime in Palästina oder in Polen oder Litauen viel mehr Rechte gehabt hätten als jetzt in Palästina. Aber unter diesen Verhältnissen hatten wir eben überhaupt nichts Ernsthaftes verlangt Wir sprechen über unsere Angelegenheiten, als gäbe es bereits 20 Millionen Juden In Palästina und als könnten wir es auf einen Kampf mit England oder den Arabern ankommen lassen. Der Verfasser verteidigt in diesem Zusammenhänge den Brith Schalom, der nicht den Spott und das Geschrei über Verrat verdient habe, wie sie auch Verständige in dieser Zeit gegen diesen Bund geäußert hätten, dessen Ziel, Annäherung an die Araber, eines der wichtigsten politischen Ziele überhaupt sei. Freilich billige der Verfasser keineswegs den Artikel Kalvariskys in der ״Djamia". Dieser Artikel habe ebenso uns wie die Araber verärgert, da er nicht die Wahrheit enthalten habe und das andere Extrem darstellte, das der Würdelosigkeit. Aber es gäbe eine Methode, mit Wahrheit und Würde unsere Ansichten den Arabern verständlich zu mache». Um dfe jüdische Gleichberechtigung Die alten Zarengeselce Warschau. 25. November. (J.T.A.) in der letzten Sitzung des polnischen Sejm legte Ministerpräsident Bartel eine GesetzesDestimmung vor, wonach die ״religiösen oder nationalen Begrenzungen“ in den Gesetzen der russischen Zarenregierung, ״die gegen die Polen gewendet sind", abgeschafft werden sollen. Das hieße also, daß die Be- Schränkungen gegen die Juden (die sich auf Erwerb von Boden, religiöse, kulturelle Angelegenheiten u. a. m. beziehen) bestehen bleiben sollen. In der nachfolgenden Diskussion sagte der jüdische Abg. Hartglas: Wir sehen nun klar, welche Tendenzen die Regierung gegenüber der jüdischen Bevölkerung verfolgt. 1926 haben Premier Bartel und der damalige Justizminister das feste Versprechen gegeben, die alten gegen die Juden exlstierenden Beschränkungen abzuschaffen. Bis jetzt wurde das Versprechen nicht erfüllt und nun sollen neue Beschränkungen gesetzlich verankert werden. 19% stand man freilich noch vor der Anleihe, in diesem Augenblick scheint kein Bedürfnis nach neuen Auslandskrediten vorhanden zu sein, darum geht es wieder gegen die jüdische Gleichberechtigung. Im Namen des Regierungsblocks gab Kwapinsky die Erklärung ab, daß der ״unparteiische Block" mit der Re• gierung in diesem Falle nicht einverstanden ist; die Grundlagen der bürgerlichen Gleichberechtigung dürfen nicht angetastet werden. Schließlich wurde der Vorschlag der Regierung abgelehnt; für ihn stimmten nur die Nationaldemokraten. ln der Sitzung der Budgetkommission kam es zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen Innenminister S k ladkowsky und dem Abgeordneten OtQitbaum. Orünbaum brandmarkte die Haltung des Premiers Bartel, der sein 1926 gegebenes Versprechen eklatant gebrochen hat und heute sogar die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden arjtasten will, Grünbaum wies auf das Ueberhandnehmen der antisemltischen Propaganda hin, die von der Regierung und von den Behörden geduldet wird. Auf die Interpellation des jüdischen Klubs wegen polizeilicher Prügelmethoden gegen Juden ist bis heute keine Antwort erteilt worden. Die Regie, rung beschleunigt den Prozeß des Hinausstoßens der Juden aus verschiedenen wirtschaftlichen Positionen und der Verstopfung der Quellen der jüdischen Existenz. Wenn man Staatsliefe• rungen ausschreibt, wird von Bewerbern der Taufschein verlangt. Alles in allem: die Regierung tut durch ihre Hand• lungen kund, daß sie die Tendenzen zur Verfolgung der Jütten nicht aufgibt. Innenminister Skladkowsky unterbrach den Redner mit der Bemerkung, daß die Regierung die Einführung von antijüdischen Gesetzbeschränkungen nicht fordert und die Juden nicht verfolgt. Sie können dies, sagte der Mlnisc־•־, als eine offizielle Erklärung der Regierung entgegennehmen. Sie selbst aber, fuhr der Minister fort, hindern die Regierung, ihre Pläne mit Bezug auf die Juden durchzuführw• Abg. Grünbaum: So pflegte seinerzeit auch Stolypin (der berüchtigte zarlsche Innenminister) zu reden! Der Vorsitzende verwarnt Grünbaum wegen dieses Vergleichs. Grünbaum schließt: Wir wollen von der Regierung Taten sehen, nicht Erklärungen. Jerusalem, 27. November. (J.T.A.) Der moslemische Oberste Rat hat der Regierung ein Memorandum übergeben, in welchem die Forderung erhoben wird, daß den Juden aufgetragen werden soll, jedes Mobiliar von der Klagemauer zu entfernen und nie mehr Stühle oder sonst etwas zur Gebetszeit mitzubringen. Ferner fordert der Rat die Entfernung des an der KTagetnauer Dienst tuenden jüdischen Polizei- Offiziers, dessen Anwesenheit nach Meinung des Rates der Die Frledhotstrevicr von Köpenick % Zwei jugendliche Burschen, die sich an der Zerstörung der Orabmäler auf dem jüdischen Friedhof in Köpenick beteiligt haben, sind von der Kriminalpolizei ermittelt und vorübergehend festgenommen worden. Die Burschen geben an, eine Friedhofsschändung nicht beabsichtigt zu haben. Sie wollen nur ״aus Uebennut“ gehandelt haben.

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