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Jüdische Rundschau · 1928-11-27 · Heft 94 (27.11.1928) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 94 (27.11.1928)
Date
1928-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mit Unterhaltungs-Beilage . Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU iw! Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestrafie 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Ani!anda1bonnea«1t> werden in der Wibraa( der •tniclncn Linder berechnet Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70, Aaseigeapreit: S i «1p«lLN0ap»rt iUeieü« 0,50 G.-M. SteUengeencheO,25 G.-.U. AueigeaseUaBi Dien 1t g und Freitag neebmitteg• 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Fär Oeeterreich: Poiteparknuenamt Wien, Konto Nr. 156030. Für Techechoflowakei: roeUparkneeenemt Frag, Konto Nr. 59410, Für Palen: Poetiparkaeaenunt WarecSiaa, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י«ד כסלו■ תרס״ט | xxxrn. j>h,g■ D«r Zloiilsiwus erstrebt für das Jüdische Volk «11• Schaffung alnar dffantllch > rechtlich gesicherten HaimatStte in Palästina. ״Baseler Programm.«« im Zeichen der aroostadt Der Rückgang des Landjudentums In den vom Jüdischen Wissenschaftlichen Institut unter der Redaktion von Jakob Lestschinsky herausgegebenen, soeben in jiddischer Sprache erschienenen ״Schriften für Wirtschaft und Statistik“ veröffentlicht Dr. 1. Koralnik eine größere Arbeit über ״D omographische Wandlungen im osteuropäischen Judentum“. Indem der Verfasser die amtlichen Ergebnisse der Volkszählung 1926 untersucht, ermittelt er, daß die Zahl der jüdischen Einwohner auf dem platten Lande in der Ukraine 1926 nur etwa 135 000 Seelen betrug, d. h. 8,6 0/0 des gesamten ukrainischen Judentums (1 574 428 Seelen). 1897 belief sich die Zahl auf dem flachen Lande in der Ukraine auf 485000 oder rund 30 «/״ des gesamtukrainischen Judentums. Durch weitere statistische Ueberlegungen des Verfassers klären sich die gegenwärtigen Verhältnisse auf. Von den vorerwähnten 135 (XX) jüdischen ländlichen Einwohnern im Jahre 1926 bringt er die 107000jüdischen Ansiedlerin den ukrainischen jüdischen Kolonien in Abrechnung. Es ergibt sich alsdann, daß in den nichtjüdischen Dörfern, unter den nicht jüdischen Bauern nur etliche 20000 Juden wohnen. Das ist die Folge der neuen Wirtschaftliehen Verhältnisse und der gegenseitigen Beziehungen zwischen den Nationalitäten seit den Revolutionsjahren. In Polen und Galizien ist der ländliche Teil der jüdisehen Bevölkerung ebenfalls bedeutend gesunken. Gegen 40 °/0 im Jahre 1900 una 36,9 0/0 im Jahre 1910 beziffert sich die ländliehe jüdische Bevölkerung Galiziens gegenwärtig auf nur 20,3 Prozent. In Kongreßpolen ist der Prozentsatz von 13,5 im Jahre 1897 auf 7,3 im Jahre 1921 gesunken. Die absolute Zahl der ländlichen Juden hat wie folgt abgenommen: in Galizien von 324086 im Jahre 1900 auf 149 836 im Jahre 1921; in Kongreßpolen von 216965 auf 124 270 im Jahre 1921. Gleichzeitig mit der Schrumpfung der ländlichen jüdischen Bevölkerung ging, namentlich in Sowjetrußland, das Anwachsen der großstädtischen jüdischen Einwohnerschaft einher. In den vier größten Städten der Ukraine, Kiew, Odessa, Charkow, Jekaterinoslaw, von welchen Kiew und Charkow vor der Revolution für Juden so gut wie gesperrt waren, stieg die jüdische Einwohnerschaft vom Jahre 1897 bis zum Jahre 1926 um über 100 Prozent an. In Kongreßpolen beläuft sich der Zuwachs der jüdj§6fag». .Bevölkerung in den Wolutasfaai. ■4® über 50000 Seelen auf etwa 60 fo. Im Verhältnis zu der jöaisehen Gesamtbevölkerung der Ukraine bilden die jüdischen Einwohner in Städten mit über je 10001)0 Einwohnern 13,3 «0 im Jahre 1897 und 29,1 fo im Jahre 1926. Entsprechend findet sich für die jüdische Bevölkerung der Städte mit je über 50000 Einwohnern in Kongreßpolen 23,9 bzw. 34,8 «>. Die bevölkerungspolitische Enquete des preußischen Landesverbandes Vom bevölkerungspolitischen Ausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden ist auf einen Vorschlag unseres bekannten Gesinnungsgenossen Dr. Felix A. Teilh a b e r eine Enquete zur Feststellung wichtiger bevölkerungspolitischer Tatsachen beschlossen und Dr. Teilhaber gleichzeitig mit der Durchführung der Enquete betraut worden. Dr. Teilhaber teilt darüber folgendes mit: Es sind an etwa 1000 Gemeinden Fragebogen ausgesandt worden. Diese Fragebogen sollen zuerst einmal den Altersauf bau der Gemeinden erfassen. Es ist notwendig, einen Ueberblick über die Bevölkerungsverhältnisse in Stadt und Land und in den einzelnen Provinzen zu besitzen. Es bestehen ferner heute keinerlei statistische Unterlagen über die Wanderungsverhältnisse bei den Juden. Wir wissen Welzmaims Rückkehr nach Europa New York, 22. November. (J. T. A.) Dr. Wcizmann hat nach mehrwöchigem Aufenthalt in Amerika an Bord des Dampfers ״Berengaria“ die Rückreise nach Europa angetreten. Am Tage vor seiner Abreise fand ihm zu Ehren ein Ab - sc hi e d5 ai n er statt, an welchem die führenden Persönlichkeiten der Zionisten und der Nichtzionisten teilnah men. Die Veranstaltung leitete Herr Morris Rothenberg. Der Hauptredner der Veranstaltung war Louis Mars hall, der Präsident des American Jewish Committee und Führer der amerikanischen Nichtzionisten. Er teilte der Versammlung mit, daß er Dr. Weizmann ein Dokument mit auf den Weg gegeben habe, das geeignet ist, die noch vorhanden gewesenen Differenzen und Vorbehalte aus der Welt zu schaffen. Der Text dieses Dokumentes wird in kurzer Zeit veröffentlicht werden. Die Darlegungen Marshalls wurden mit großem Beifall aufgenommen. Im Verlaut der Veranstaltung ergriffen noch das Wort die Herren Felix M. Warburg, Schutman, A. Goldberg, Kaplan u. a. m. Sämtliche Redner hoben rühmend Weizmanns Leistung hervor, dem es gelungen ist, die Judenheit Amerikas im Zeichen des Palästina-Werkes zu einen. Dr. Weizmann forderte in seiner Dankrede Herrn Louis Marshali dringend auf, für einige Zeit nach Palästina zu kommen. Er sprach die Hoffnung aus, mit Herrn Louis Marshall nach der Organisierung der Agency in verschiedenen euro- ־,mischen Ländern zusammenzutreffen, wo dann, im Herbst 1929, das gemeinsame Werk beginnen wird. Friedholschändung In Berlins Umgebung In der Nacht zum Donnerstag ist der jüdische Friedhof in Cöpenick, wie erst am Donnerstagabend festgestellt wurde, von urriekannten Tätern auf bestialische Weise geschändet wordi',1. Der jüdische Friedhof in Cöpenick umfaßt etwa 70 h־s 80 Gräber und liegt in unmittelbarer Nähe des israe- ®buchen Waisenhauses, inmitten einer Laubenkolonie. Der nicht, wie weit die Auswanderung aus den Kleingemeinden die Jugend betrifft, die männliche und weibliehe gleichmäßig und z. B. die wohlhabenden älteren Persotten; wir sind nicht darüber unterrichtet, wie weit in den einzelnen Provinzen ein Unterschied im Bevölkerungsaufbau vorhanden ist und ob z. B. nur der Ueberschuß der Jüngeren Leute in die größeren Städte abströmt. Insbesondere haben wir gar keine allgemeinen, statistischen Kenntnisse über die Verhältnisse in den mittleren Gemeinden, die ihrerseits Zuzug von Kleingemeinden erhalten, aber wieder Bevölkerungsteile an die Großstädte abgeben oder im Bevölkerungsaustausch mit anderen Städten stehen. Aus diesen Gesichtspunkten heraus wird die Sammlung des Materials eine besondere Bedeutung für spätere Untersuchungen haben und einen guten Ueberblick über Entwicklungen in einiger Zeit zulassen. Eine weitere Frage knüpft sich an die Statistik der jungsfen Altersklassen, die uns einen Einblick in die Fruchtbarkeit der jüdischen Bevölkerung tun läßt. Wir bekommen durch die Enquete einen guten Ueberblick über die Geburten- Verhältnisse in Dorf und Stadt, in den einzelnen Ptovinzen und in den Großstädten. Ebenso bedeutsam ist die Erforschung der Stellung der Erwachsenen zur Ehe. Wir sind bis jetzt kaum darüber unterrichtet, wie groß der Prozentsatz der ledigen Männer und Frauen in den einzelnen Jahresklassen ist, insbesondere, ob sich starke Verschiebungen des Heiratsalters und eine bedrohliche Z unahmeder Ehe- 1 o s i g k e i t ereignet haben. Aus den Fragebogen geht gleichzeitig die Zahl der Mischehen hervor, über deren Entwicklung in den Kleingemeinden, in den einzelnen Provinzen wir noch nicht unterrichtet sind. Damit hängt die Frage nach der Zahl der unehelichen Geburten zusammen. Man kann schon jetzt mitteilen, daß das Interesse an diesen bevölkerungsproblematischen Dingen ein recht großes ist. Ungefähr 50 0/0 aller Gemeinden haben geantwortet, von einzelnen Provinzen ist fast von allen Gemeinden die GI i e - derung der jüdischen Bevölkerung angegeben worden und selbst größere Gemeinden haben ein wertvolles Material beigesteuert. Aus vielen Zuschriften geht hervor, daß weite Kreise der jüdischen Bevölkerung diesen Fragen :j^ßes־״TJrteresse ehtMgfettftrthgSn, insbesondere haben die Rabbiner, Lehrer und Gemeindevorstände sehr Wohl begriffen, daß es sich hier um eine bedeutsame Untersuchung handelt, die allen praktischen Maßnahmen, die von Seiten des hevölkerungspolitischen Ausschusses und von den Gemeinden selbst ausgehen sollen, zuvorgehen muß. Von den bisher bereits klar zutage getretenen Ergehnissen der Enquete ist erst nach Abschluß derselben und ihrer Veröffentlichung zu sprechen. Es kann hier aber schon angedeutet werden, daß die Ziffern eine beredte Sprache reden und aus den interessanten Details wie allgemeinen Erscheinungen recht bedeutsam bisher noch nicht gekannte Vorgänge klar zutage treten. Es braucht nicht betont zu werden, daß aus diesem Grunde eine vollkommene Durchführung der Enquete begrüßenswert wäre. Es ist daher zu wünschen, daß auch die Gemeinden, die bisher die Dar- Stellung des Bevölkerungsaufhaus ihres Ortes versäumten, die Statistiken noch übermittelten. Eine Reihe von Bemerkungen, welche die lokalen Erheber der Enquete daran anknüpfen, geben ganz interessante Streiflichter auf die Bevölkerungsentwicklung. Hierher gehören Einflüsse durch Einwanderung von Ostjuden, religiöse Momente, antisemitische Vorgänge, Berufsumschichtung usw. Sicher ist, daß die Enquete die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit auf eine der wichtigsten Aufgaben der Gemeinschaft gelenkt hat: auf die Beobachtung der Bevölkerungsbewegung. Friedhof wird von dem Verwalter des Mädchenheims, Birkholz, betreut. Birkholz hatte am Mittwoch nachmittag den Friedhof besucht und die Gräber in Ordnung gefunden. Als er Donnerstag nachmittag gegen 4 Uhr auf dem Friedhof erschien, sah er zu seinem Entsetzen, daß in einer Reihe vier Gräber geschändet waren. Wie später die Kriminalbeamten feststellten, ist außer dem Grxbe des Kaufmanns Marcus das Grab eines Kindes namens SuBmann aus Friedrichshagen und das Grab eines Kindes namens Samter aus Gosen und noch ein drittes Kindergrab geschändet worden. Wie die Zeitungen melden, sind die Grabsteine von der Südseite des Friedhofes her beschädigt und zertrümmert worden. Die Täter haben den Friedhof nicht betreten, sondern durch Steinwürfe die Zertrümmerungen erreicht. Ein Grabstein ist durch einen 12 Pfund schweren Stein umgeworfen worden, ein Zeichen dafür, daß Erwachsene als Täter in Betracht kommen. Zu der Beschädigung und Zertrümmerung zwei weiterer Grabmale sind etwa 2pfündige Steine und Weißbierflaschen verwendet worden. Eine in der Nähe des Friedhofs wohnende Frau hat die 14- bis 15jährigen Täter — vier oder fünf an der Zahl — gesehen und gewarnt. Sie haften für diese Warnung nur spöttische Redensarten und fuhren in ihrem Vandalismus fort. Tsckralehowslii in Amerika New York , 21. November (J. T. A.). Delegierte der Vereinigung litauischer Juden ganz Amerikas sind in New York zu einer Konferenz zusammengetreten, die von Henry, Hurwitz geleitet wurde. Der Dichter Saul Tschernichowski aus Berlin, der im Aufträge der litauischen Tarbuth-Organlsation in Amerika weilt, hielt eine Ansprache. Die Konferenz faßte den Beschluß, eine Föderation der litauischen Juden in den Vereinigten Staaten zu bilden, die das Ziel haben soll, die Juden in der alten Heimat!.!tauen Wirtschaftlieh und kulturell zu stützen. Herr Edward Chase, der zutn Ehrenpräsidenten der Föderation gewählt worden ist, stiftete 25000 Dollar für die hebräischen Tarbuth-Schulen in Litauen. Der Kampf um die Wiener Kultusgemelnde (Von unserem Korrespondenten.) st. Wien, Mitte November. Noch niemals traten die Zionisten unter so schwierigen Bedingungen in den Wahlkampf ein, der am 2. Dezember, dem Todestag des unvergeßlichen Chajes, entschieden werden wird. Vor dem Krieg wurde die kleine Schar der Zionisten von dem begeisterten Elan der jungen Idee getragen, so daß schon beim ersten Ansturm im Jahre 1900 von 3000 abgegebenen Stimmen 1400 auf die Zionisten entfielen. Selbst ein brutaler Wahlrechtsraub durch die rücksichtslose Majorität konnte nicht verhindern, daß 1910 den 2800 offiziellen Stimmen 1600 zionistische gegenüberstanden. Die Wahlen des Jahres 1920 standen unter dem sieghaften Zeichen eines neuen, geistigrevolutionären Lebensgefühls und konnten mit den Sympathien weiter Kreise für den Zionismus rechnen; 3714 Juden wählten zionistisch, wogegen die vereinigten Nichtjüdischnationalen 5912 Stimmen erhielten. Das Wahlrecht war dadurch verschlechtert worden, daß es an die österreichische Staatsbürger- Schaft geknüpft war, welche die großen Massen der Ostjuden nicht erwerben konnten. Unter dem beängstigenden Eindruck der Inflation und der unmittelbar darauf einsetzenden Wirtschaftskrise gingen die Zionisten 1924 mit den Assimilanten, deren Zentrum die ursprünglich nur eine juristische Abwehrorganisation darstellende ״Union“ bildete, ein Kompromiß ein. Es sollte dadurch lediglich eine gemeinsame Abwehr der materiellen Gefährdung der Institutionen gesichert und der drohenden Auflösung der Kultusgemeinde, die damals besonders von orthodoxer Seite insgeheim gewünscht wurde, begegnet werden; auf der anderen Front tauchte damals die ad hoc geschaffene ״Vereinigung für soziale Fürsorge“ auf, welche, von malkontenten Angestellten der Kultusgemeinde angeregt, der sozialdemokratischen Partei durch das Eindringen in die Kultusstube eine Machtposition zu erobern gedachte. Das Kompromiß war durch ein Zusammengehen mit der ״Union“ bei den Parlamentswahlen des Jahres 1923 vorbereitet worden, Tatsächlich erhielten auch׳ von 14 000 abgegebenen Stimmen die ״Vereinigten Jüdischen Parteien“ 11 505 und 28 von den 36 Mandaten, wovon auf die Zionisten 9 entfielen, so daß sie zusammen mit den auf einer eigenen Liste gewählten 2 Misrachisten 11 Mandatare in der Kultusstube sitzen hatten. Gerade dieses Kompromiß aber wurde den Zionisten zum Verhängnis. Abgesehen davon, daß sich die Unionisten bei den Nationalratswahlen des Jahres 1927 durch ihren Anschluß an die deutsch-demokratische Politik für die Assimilation aussprachen, hatten die durch die Kompromißliste gewählten Zionisten dauernd den Vorwurf anzuhören, daß sie nur durch die Gnade der ״Union“ ihre Mandate besäßen; eine Auffassung, die auch oft eine geringschätzige und gehässige Behandlung zionistischer Postulate zur Konsequenz hatte. Nur in zähem Ringen mit der lediglich dem Augenblick gehorchenden Indolenz der Unionisten konnten die Zionisten ihre Forderungen, die neben palästinensischen Angelegenheiten naturgemäß vor allem kultureller Art waren, durchsetzen. Nun aber, nachdem die Wiener Kultusgemeinde vor allem durch die unermüdliche Arbeit der zionistischen Vertreter konsolidiert ist, buchen die Assimilanten voller Stolz die ihnen abgerungenen Zugeständnisse als ihre eigenen Leistungen auf ihr Konto. Die Subventionen für den Keren Hajessod, für den Arbeiterfonds, für Chaluzim, eine Eintragung ins ״Goldene Buch“ des Keren Kajemeth sind mühevolle Errungenschaften, werden aber in den veröffentlichten Rechenschaftsberichten nun als selbstverständliche Beweise der Zionsliebe dieser Assimilanten unterstrichen, ganz so wie das Chajes-Realgymnasium, das Religionslehrerseminar, die hebräischen Schulen und ein eigenes Jugendamt nunmehr als Aktivposten figurieren. Dabei stößt jedes neue Detail in der sozialen Fürsorge auf das Unverständnis dieser mit sich stets zufriedenen Kultusräte, die einfach ihre Zahl dem neuen Geist entgegensetzen. Und so haben die Zionisten alle Versäumnisse der abgelaufenen Mandatsdauer mitzuverantworten, während die Unionisten seelenruhig an dem Ruhm der ihnen abgezwungenen Ergebnisse partizipieren. Aber die Zionisten sehen nunmehr klar genug, daß Tempo und Methode dieser Zusammenarbeit nicht zum Ziele der jüdischen Volksgemeinschaft führt, sondern vielmehr der inneren Zersetzung der Wiener Judenschaft Vorschub leistet. Nicht die Zahlen der Austritte oder der Mischehen sprechen, nicht einmal die ungreifbare Zahl der bei der Geburt Getauften oder konfessionslos Erklärten, denn das sind doch peripherische Erscheinungen: einzig maßgebend ist der Geist der Assimilation, der wohl in keiner Großstadt der Well so zerstörend wirkt wie in Wien. Die ״Union“ ist die Partei der ״Bodenständigen“, die 66 0/0 der Austretenden abgeben. Das Satyrspiel in der Tragödie der Wiener Judenschaft aber steilen die sich ״Werktätige Juden“ nennenden Sozialdemokraten, die in zwei Spielarten die Wahlarena betreten; die eine Gruppe wirft der anderen, die auch die Poa!e-Zionisten umfaßt, vor, daß sie eigentlich zionistisch und nationaljüdisch sei, während sie sich frei von diesen Todsünden gegen den heiligen Geist des Austromarxismus weiß. Daß der Listen■ führer dieser ״nichtnationalen Werktätigen“ der aus der Herz!• zeit bekannte Dr. Saul Rafael Landau ist, der bis vor gat nicht langer Zeit die extrem nationale ,,Neue Nationalzeitung“ herausgab, bereichert diese Komödie, bei der wir leider nicht nur unbeteiligte Zuschauer sind. Die feste Disziplin der sozial*, demokratischen Partei, ihre überall fühlbare wirtschaftliche

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