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Jüdische Rundschau · 1928-11-23 · Heft 93 (23.11.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 93 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 93, 23. XI1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 651 Eine Enzyklopädie der Sehnorrerei Von Helene Hanna Thon (Jerusalem). Wer in Palästina soziale Arbeit leistet, den überfällt mitunter ein Gefühl der Verzweiflung: man arbeitet ohne Ende, bringt erhebliche Mittel für diese Arbeit auf und hat, wenn man ein Fazit des Geleisteten und des durch die Leistung Er• reichten zieht, das Gefühl, daß man ausgegangen ist, um mit einem Sieb Wasser zu schöpfen: Alles, was man seit Jahren gearbeitet hat, hat nicht vermocht, die Grundlagen der wirtschädlichen und kulturellen Lage der Hilfsobjekte in irgendwie fühlbarer Weise zu beeinflussen, und dem Aufbau des Landes hat die viele Arbeit letzten Endes kaum genützt. Fragt man sich wieder einmal, woher das Fruchtlose dieser Arbeit kommt, so gelangt man zu der gleichen Erkenntnis, zu der man schon oft gekommen ist, daß die Zahl der Hilfsbedürftigen zu groß und ihre Psychologie zu spröde ist, um wirksame Hilfe zu ermöglichen. Stellt man sich weiter die Frage, woher die ungeheure Zahl der Hilfsbedürftigen und der geringe Grad ihrer Erziehbarkeit zur Selbständigkeit kommt, so wird man sich alsbald der eigentümllchen Unterschiede in der Lebensbasis von Palästina und derjenigen anderer Länder bewußt: die Masse der Bevölkerung anderer Länder ist dort eingeboren oder eingewandert mit dem Willen, sich aus eigener Kraft zu erhalten, und nur einem Bruchteil mangelt es an Kraft oder Willen zur Selbsterhaltung. Nach Palästina sind dagegen Tausende von Menschen gekommen ohne den Willen und das Bewußtsein der Pflicht zur Selbsterhaltung, sondern im Vertrauen auf Erhaltung ihrer Existenzen durch andere, d. h. durch die Chalukah. Eine oberflächliche Betrachtung dieser Verhältnisse könnte zu dem Schluß verführen, daß sich unter diesen Umständen die soziale Arbeit in Palästina für die, in deren Händen sie vorwiegend liegt, nicht lohnt. Die Träger einer systematischen sozialen Arbeit in Erez-Israel sind zum allergrößten Teile Zionisten, Menschen, denen der Aufbau des Landes höchstes Ziel, denen der Begriff ״Arbeit“ ein Heiligtum ist. Es wäre darum möglich und wird auch gerade in den Kreisen der zionistischen Arbeiterschaft vielfach zum Prinzip erhoben, daß der Zionist sich nur um die ganz direkte Erschließung des Bodens zu kümmern habe, und daß man jene Kreise, die nicht unmittelbar am Aufbau des Landes mitarbeiten, links liegen lassen soll. Das wäre vielleicht — vielleicht — dann möglich, wenn es im neuen Jischub überhaupt keine der sozialen Hilfe und Wohlfahrtspflege bedürftigen Elemente gäbe. Das aber ist keineswegs der Fall, und sobald man überhaupt beginnt, soziale Arbeit zu leisten, ist es vom praktischen und humanen Standpunkt aus unmöglich, zu scheiden zwischen Mensch und Mensch, zwischen Jude und Jude, und bevor man Hilfe gewährt, zuerst nach der nationalen Gesinnung und ihrer Betätigung zu fragen. Es ist dies um so unmöglicher, als die große Gruppe des alten und des orientalisehen Jischub, die der Zionist in Palästina vorfindet, noch so unentwickelt und richtungslos ist, daß der, welcher an die Zukunft des jüdischen Volkes in seiner Gesamtheit glaubt, sich hüten muß, hier achtlos an Keimen vorbeizugehen, aus denen vielleicht blühendes Leben hervorbrechen kann. Ist also einerseits soziale Arbeit für die Gesamtheit der palästinensischen Bevölkerung unerläßlich, so hat doch der soziale Arbeiter die Pflicht, die Wohlfahrtspflege aus den Niederangen der RachtnonCs-Hilfe zur Höhe eines wirklich Volkserzieherischen Werkes zu erheben. Das beginnt man jetzt nicht nur in Palästina, sondern auch in anderen Ländern einzusehen, besonders in jenen Ländern, aus denen alljährlich große Mittel dem palästinensischen Hilfswerk zufließen. Besonders in Amerika haben viele, die von jeher für Palästina gespendet haben, zu fragen begonnen, ob diese Mittel in einer den Mensehen auf dem Lande nützlichen Weise verwendet werden. Diese Frage lag nahe, denn nachdem in den letzten Jahren ein ganzes Heer von Meschulachim der verschiedenen Kolelim in Amerika aufgetreten ist und dazu eine immerwachsende Zahl von Sendboten aus Palästina, die für dieses oder jenes Institut, diese oder jene Organisation Mittel sammelten, mußte man sich sagen, daß bei einem solchen Nebeneinander und Gegeneinander der Be- Strebungen unbedingt Mißstände in der sozialen Arbeit bestehen müssen. Besonders fühlbar machte sich das erwachte Mißtrauen in der Werbetätigkeit des Keren Hajessod und der Hadassah, da viele heute diese Propaganda und jene der Meschulachim einfach in einen Topf warfen. Seit längerer Zeit ist daher bei einigen führenden Amerikanent der Plan aufgetaucht, in Palästina eine Zentrale für soziale Arbeit zu schaffen, welche Auskünfte auf diesem Gebiet erteilt und der man die für verschiedene Zwecke gesammelten Spenden zur Verteilung übergeben kann. Um die Möglichkeiten für eine solche Zentrale zu studieren, kam vor einem Jahr Major Löwenstein aus Amerika nach Palästina, ein in der sozialen Arbeit besonders erfahrener Mann. Offenbar auf seine Veranlassung wurden dann unter der Aegide des Direktors der Kooperativbank Harry V i t e 1 e s von einem erfahrenen Statistiker Erhebungen über die im Lande bestehenden Wohlfahrts- und Unterstützungsinstitute angestellt. Das Ergebnis dieser Erhebungen liegt nun vor und enthält vieles, was dem an Palästina Interessierten außerordentlich zu denken geben muß. Am bedenklichsten im wirtschaftlichen und kulturellen Sinne sind die Verhältnisse in Jerusalem. Hier gibt es 29 Kolelim, die mit Ausnahme von zwei amerikanischen und einer afrikanisehen sämtlich aus osteuropäischen Mitgliedern bestehen. Diese Kolelim, mit Ausnahme von dreien, welche die Auskunft verweigerten, haben jährliche Gesamteinkünfte von £ 73750. Dazu kommen — als orientalisches Acquivalent — 12 Sondergemeinden der bucharischen, persischen, marokkanischen, jemenitischen usw. Juden, von denen drei zur Zeit inaktiv sind und zwei die Auskunft verweigerten. Die übrigen sieben gaben zusammen jährliche Einkünfte von £ 6200 an. Haben diese •41 Institute ganz klar den Zweck, einzelnen Leuten und ganzen Familien das Leben in Erez-Israel zu ermöglichen, ohne daß sie hier auf den Ertrag ihrer Arbeit angewiesen sind, gehören sie also sämtlich in die Kategorie der Unterstützungsvereine, so ist dieser Zweck weniger ausschlicßlieh, aber dennoch ebenfalls vorhanden auch bei den 23 mit Talmud Thorahs verbundenen Jeschiboth, die in Jerusalem gezählt wurden. Durch die Einkünfte dieser Jeschiboth wird cs einer weiteren großen Zahl von Talmudisten samt ihren Familien ermöglicht, ohne Erwerb oder mit nur teilweiser Erwerbsarbeit im Lande zu leben, da auch die Jeschiboth — ebenso wie die Kolelim und Gemeindevereine — die Haushaltungen ihrer Mitglieder ganz oder teilweise erhalten. Die Einkünfte dieser 20 Jeschiboth, die nach ihren Angaben fast 36Q0 Menschen versorgen, betragen £ 64000. Das bedeutet also, daß alljährlich £ 144000 nach Jerusalem fließen, die ausschließlich für die Aufrechterhaltung der eigentümiiehen Lebensbedingungen des alten Jischub verwandt werden, von denen also kein Pfennig für produktive Arbeit und Erschließung des Landes, kein Pfennig für systematische Wohlfahrtspflege und Volkserziehung verwendet wird. Als eine Ergänzung dieser reinen Unterstützungsinstitute sind ferner die in der Statistik angeführten 15 philanthropischen Institute zu nennen. Von diesen sind vier Freiküchen, vier Asyle, sechs Unterstützungskassen (allgemeine und spezielle für Rabbiner); ihre Einkünfte waren nicht vollständig zu ermitteln, da einige der wichtigsten — wie die Pehidim Ve’amarkalim-Gesellschaft und die Sinai-Gesellschaft — ihre Budgets nicht angeben wollen. In diese Gruppe wurde auch der Vaad hä’lr (Jerusalemer Gemeindeverein) gerechnet, dessen Unterstützungen als Beihilfe zur Ansiedlung gegeben werden. Diese 15 Institute erhalten zusammen pro Jahr £ 17 060. Hierzu kommen noch 12 Darlehens- und Leihkassen mit zusammen £ 6350 Einkünften, die ebenfalls zum größten Teile reine Unterstützungen darstellen und ä fonds perdu geschrieben werden müssen. Die einzige wirkliche Darlehnskasse, die tatsächlich ein Programm der Produktivierung der Bevölkerung vertrat — Kupath Milveh des Vaad ha'lr — funktioniert nicht mehr. Man mache sich klar, daß £ 167—168 000 im Jahre aufgebracht werden, um Tausende von Schnorrerexistenzen zu erhalten, ohne daß jemals ein Versuch gemacht wird, diese enormen Mittel zu einer Umstellung der Familie auf selbständiges Arbeiten und eine unabhängige Existenz zu verwenden! Ist man sich über die ganz ungesunde Grundlage von Tausenden von Familien in Jerusalem klar geworden, so ist es kein Wunder, daß nun noch ein ganzes Netz von Wohlfahrtsinstituten dazu gehört, um die schlimmsten Mißstände, die sich in einer solchen Schnorrerbevölkerung ergeben, zu beseitigen. In bezug auf die Jerusalemer Wohlfahrtsinstitute ist die amerikanisch-palästinensische Statistik lückenhaft. Unter der Rubrik ״Gesundheitspflege“ zum Beispiel sind nur die vier Krankenhäuser (außer dem Rothschild-Hospital), einige Kranken- 4 AA AA A DER GROSSE B&U. YJCL BEf KROLL, SllX'l pflegevereine und die Anti-Tuberkulose-Gesellschaft mit einem Gesamtbudget von £ 33 900 aufgeführt, während hier das Budget der Hadassah, das im vergangenen Jahr für Jerusalemer Kranken-, Schwangeren- und Säuglingsfürsorge £ 44000!«trug, fehlt. Man kann wohl rechnen, daß gut drei Viertel dieses Budgets für den Kolel-Jischub ausgegeben wird. Unter ״Erziehung“ sind nur die Schulen der Alliance Israclite Universelle, ein Mädchen- und Waisenheim der Agudath Israel in Meah Schearim, eine der Handfertigkeitsschulen, die Spielplatz-Gesellschaft sowie die Palestine Jewish Exploration Society angeführt, während nicht nur die Schulen der Zionistischen Organisation inklusive Misrachi, sondern auch eine ganze Reihe von Instituten — Arbeitskurse, hebräische Kurse, Kindergärten, Jugendvereine usw. — fehlen, die sich nicht aus eigenen Mitteln erhalten können, sondern auf Zuschüsse und Spenden von auswärts angewiesen sind. Statistisch erfaßt sind ferner die Waiseninstitute der Stadt, die zusammen ein Budget von £ 22000 haben, wobei die Unterstützungen, die das General Orphem Committee an frühere Zöglinge der Kriegswaisenhäuser zahlt, nicht eingerechnet sind. Ferner sind die beiden Altenheime angeführt, die ein Jahresbudget von £ 14 000 haben. Sehr summarisch sind die drei Frauenorganisationen der Stadt behandelt (Eser Jaldot, Esra und Histadruth Naschira (Ibrioth), die als ״Institutionen für Kinderpflege“ angeführt werden. In Wirklichkeit hätte die letztgenannte Gesellschaft in eine besondere Rubrik ״Volkserziehung“ gehört, denn mit der von ihr geschaffenen Arbeit der Distriktpflege ist sie die einzige Stelle in der Stadt, die ein ganz systematisches volkserziehe־ risches Werk leistet, das nicht auf dem Ausstreuen von ״Nedaboth“ nach rechts und links beruht, sondern im Gegenteil auf der Erziehung der Bewohner in den einzelnen jüdischen Vierteln zum Verständnis ihrer sozialen Pflichten und zur Hebung ihres gesamten Status, vor allem durch Produktivierung der einzelnen Familienmitglieder. Im ganzen ergibt diese Statistik wirklich das Bild einer Schnorrerei-Enzyklopädie. Betrachtet man die für Schnorrerei in ihrer Urform einfließenden Summen, so sind demgegenüber diejenigen Summen, die der Reparation der schlimmsten Schäden in der Bevölkerung dienen, viel zu klein, und am unverhältnismäßigsten klein sind die Beträge, die für Erziehung und Selbständigmachung der Bevölkerung zur Verfügung stehen. Es ist leicht, zu sagen, daß gegenüber der zweifelhaften Grundlage der Jerusalemer Bevölkerung alle Wohlfahrtsbestrebungen überhaupt verlorene Mühe sind — wir haben nun einmal diese Bevölkerung im Lande und bilden mit ihr eine jüdische Einheit. Nur wäre es gut, wenn möglichst viel Wissen um die tatsächlichen Verhältnisse in die Welt hinausdränge und das viele gute Geld, das nach Palästina fließt, nutzbringend angewendet werden könnte. Hoffentlich wird das durch die von den amerikanischen Zionisten geforderte soziale Vcrmitthingsstelle ermöglicht. Brief aus der Tschechoslowakei Die Landeswahlen. — Eine Jugenddiskussion. — Vor dem Zionistentag. Von unserem Korrespondenten. hl, Prag, 18. November 1928. Am 2. Dezember finden in der Tschechoslowakei die Wahlen in die Landesvertretungen statt, die durch das Reform- Verwaltungsgesetz an Stelle der bisherigen Gaue treten. An und für sich käme diesen Wahlen keine große politische Bedeutung zu, da die Kompetenz der neugeschaffenen Landes- und Bezirksvertretungen mehr auf wirtschaftlichem Gebiete liegt. Die sozialistische Opposition jedoch hat das erste Mal seit den Parlamentswahlen des Jahres 1925 Gelegenheit, ihre Stellung zu verbessern und will deshalb bereits bei diesen Wahlen die Regierung zu Fall bringen. So haben auch diese Wahlen immer mehr ihren lokalen Charakter verloren und all« Lager rüsten mit voller Kraft für die große politische Schlacht, ln dieser Situation mußte auch die zionistische ״Jüdische Partei“ eingreifen, die diesmal jedoch mit besonders komplizierten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Karpathoruß- 1 a n d, das jüdische Siedlungsgebiet, bot wie stets ein trostloses Bild innerjüdischer Zerrissenheit. Hier wütet schon seit Jahren ein heftiger Kampf zwischen der agudistischen Orthodoxie und der Zionistischen Organisation, den sich die von den tschechischen Agrariern besetzte Landesverwaltung — divide et impera — zugute kommen ließ. Innerhalb des zionistischen Lagers entstanden wiederum mehrere Gruppen, die einander befehdeten, dazu kam noch das Auftauchen der Poale Zion, die eine selbständige Kandidatur planten, und einer orthodoxen ״Gewerbepartei“. Ein Chaos, wie man es sich wüster nicht vorstellen kann. In diesem Milieu der Bannfluch ausstreuenden Trennungsrabbiner, der parteiischen und zu Wahlmachinationen stets bereiten Verwaltungsinstanzen und vor allem der wirtschaftlichen Not breiterer jüdischer Volks-!nassen war und ist die Wahlvorbereitung für die ״Jüdische Partei“ überaus schwierig. Dr. F.mil Margulies gelang es, an Ort und Stelle eine einheitliche zionistische Kandidatur zustande zu bringen, der dann im letzten Augenblicke noch von orthodoxer Seite eine ״jüdisch-agrarische Liste“ entgegengestelt wurde. Und nun ereignete sich ein Fall, der in der tschechoslowakischen Wahlgeschichte einzig dasteht. Die Wahlkommission in Uzhowd, die über die Gültigkeit aller tingebrachten Listen zu entscheiden hat, strich die der ״jüdisch-agrarischen Partei“. Als Begründung wurde angeführt, daß es sich hier um eine Partei handle, die in Wirklichkeit nicht bestünde, kein Programm habe und keinen anderen Zweck verfolge, als durch Stimmzersplitterung andere Wähler (die der zionistischen Parte!) ihres legitimen Rechtes, Volksvertreter zu wählen, beraube. Diese interessante Ent- Scheidung, die rechtskräftig ist und nur durch den Wahlgerichtshof aufgehoben werden könnte, wurde tags darauf vom agrarischen Landesvorsitzenden einfach umgestoßen, der auf Geheiß des Innenministeriums, das auch in Händen der Agrarier ist, die Trutzkandidatur der Orthodoxen anerkannte! In der Slowakei haben es die verworrenen Verhältnisse im jüdischnationalen Lager mit sich gebracht, daß die ״Jüdisebe Partei“ in der die Zionisten ziemlichen Einfluß be* saßen, auf Kosten des eigenen Programmes mit den Agudistcn Frieden schloß und eine gemeinsame Wahlliste einreichte. Dieses Vorgehen, das in strengem Gegensatz zu den Be- Schlüssen des Zionistischen Zentralkomitees steht, hat nun auch Ablehnung der obersten zionistischen Instanzen gefunden, die im Laufe der nächsten Woche spezielle Richtlinien für das Verhalten der Zionisten bei den Wahlen in der Slowakei herausgeben werden. Die größte Bedeutung vom gesamtjüdischer! Standpunkte fällt den Wahlen in Mähren und Schlesien zu. Hier hat die polnische Minorität mit den Zionisten einen Wahlblock gebildet und eine gemeinsame Liste eingereicht. Dieses Bündnis wird seine eigentliche Bedeutung für die Juden wohl erst bei den nächsten Pariamentswahlen gewinnen, da das tschechische Wahlgesetz nur dann alle im Gebiete der Republik abgegebenen Stimmen für die Wahl der Abgeordneten anerkennt, wenn es der betreffenden Partei gelingt, in mindestens einem Wahlkreise ihren Kandidaten schon beim ersten Wahlgange durchzubringen. So nur war es zu erklären, daß bisher bei allen Wahlen die jüdische Liste trotz ihrer 100 000 Stimmen leer ausging, während die kleine polnische Minderheit, die geschlossen im Mähr. Ostrauer Wahlkreis siedelt, einen Abgeordneten ins Parlament entsenden konnte. Durch dieses Wahlbündnis wurde also der Schlüssel gefunden, mit dessen Hilfe sich nun endlich auch für die Juden das Tor ins tschechoslowakische Parlament wird öffnen müssen. Und damit wurde zugleich auch der Weg zur Lösung vieler brennender Judenprobleme — Staatenlose, Wirtschaftsantisemitismus in der Slowakei und Karpathorußland, hebräisches Schulwerk und vieles andere — in diesem Staate gefunden. * In den letzten Monaten gab es in der zionistischen Oeffentiichkeit — namentlich in der Presse — eine ergiebige J u - genddiskussion. Wie in vielen anderen Ländern steht auch in der Tschechoslowakei die zionistische Bewegung vor der ernsten Frage, sich intensiver mit dem Jugendproblem beschäftigen zu müssen, wenn sie nicht Gefahr laufen will, jedweden Nachwuchs langsam zu verlieren. Es gibt in der Tschechoslowakei zwei Jugendorganisationen, die, durchaus zionistisch, wertvolle Arbeit als Nachwuchsbewegungen leisten: in den ״historischen Ländern“ (Böhmen, Mähren und Schlesien), der ״Techelefh Lawan“, eine Weiterbildung des einstigen Blau-Weiß, und der ״Hasohomer Hazair“ im Osten der Republik, in der Slowakei und Karpathomßland. Beide zählen zusammen zirka 2500—3000 Mitglieder. Durch ihre innere Struktur und Entwicklung jedoch sind ihrer Ausbreitung und Vergrößerung gewisse Grenzen gesetzt, die sie zwar noch keinesfalls erreicht haben, die aber der zionistischen Oeffent- Iichkeit als zu eng erscheinen. Die zionistische Mittelschüler- und Studentenbewegung andererseits, die in letzter Zeit nach den Jahren tiefster Depression wieder Lebenszeichen von sich gibt, hat fasf jeden Kontakt mit der Jugend verloren. Versuche, ihn zurückzugewinnen, haben immer wieder fehlgeschlagen. Das Suchen nach einer Ersatzjugendbewegung — gewisse Kreise vermeinten, daß die Turnvereine ״Makkabi“, die nicht einmal offiziell zionistisch sind, diese Rolle übernehmen könnten, — hat eigentlich kein positives Ergebnis gczeitigt. Es fehlt zu sehr an den führenden Menschen, die in Jugendkreisen arbeiten könnten. Die Lösung wird wohl auch nicht in der künstlichen Schaffung einer neuen zionistischen

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