Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 90 (13.11.1928)
- Date
- 1928-11-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MH Un1erhättmtgs~Befla*FC Etnzelnammcr 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meiaekestraße 10. Erscheint 1 . ״ v .. jeden Dienstag und Freitag. Bexugspreis bei der Expedition 1 Anzeigen ■Verwaltung monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. 1 Jödiiclie Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Memekeatr.lü AuilindobonnimiiU werden 18 der Wihmng der einreinen Lieder berechnet. I Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165—70. Poatscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Fir Oestcrreiek: Postsparkassen•«!: Wien, Konto Nr. 156030 Für Tschechoslowakei 1 Fostsparkassenamt Prag, Konto Nr, 59410. Für Pblee: Poitiparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. 1 1 ■1 II III 1 1 An*aig*nprsi*:8 tfaspaltNonpareUlereile0.5GG.-M.5UUa!1Je1*efa• 0,75 U.*M. Nummer 90 | Berlin, 13! XI• 1928 g Aasaigraseklafi: Dienstag anci Freitag nachmittag• 4 Uhr. יל׳ מיחשון י"־ חרס״ט I xxxm. Jahrg. P«r Zionismus tnluM IBr da» Jttdluh« Volk <11■ Ithilhim •!war CHtwMkli - rochtlich gwltlitrtaw HolmstStf Iw P»li«tln■. ״B««tler Programm■«» weizmanns Rede in New Erklärungen Harry Sachers York New York, 23. Oktober. (J.T.A.) Nachdem die Konferenz der amerikanischen Nichtzionisten, die am 20. und 21. Oktober unter dem Vorsitz Louis Marshalls in New York stattgefunden hat, die bekannten Resolutionen gefaßt hatte, hielt Chaim Weizmann eine Ansprache, der wir nachstehende Teile entnehmen. Das Votum, das Sie soeben abgegeben haben, bedeutet die Krönung fünfjähriger Anstrengungen. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn Ich sage, daß dieses Votum eine bedeutungsvolle historische Wendung im Leben der amerikanischen Judenheit und in dem Schicksal der zionistischen Bewegung bedeutet. Wir waren in all diesen Jahren uns tief bewußt, welche Bedeutung ein Votum, das den Weg für die Bildung einer gemeinsamen Organisation von Zionisten und —• lassen Sie mich, weil mir ein besserer Ausdruck fehlt, sagen — Nichtzionisten frei macht, für die Entwicklung der Judenheit und für den Aufbau Palästinas haben könnte. Und wenn ich heute den Vorzug genieße, zu Ihnen zu reden, so stehe ich hier nicht im Gefühl eines Triumphators; ich fühle nur, daß wir nun miteinander verbunden sind: wir haben auf uns eine schwere, aber heilige Bürde genommen, die wir — des bin ich sicher — mit den in der Judenheit und besonders in der Judenheit Amerikas vorhandenen Kräften zu einem erfolgreichen Ende tragen werden. Ich will nicht versuchen, die verschiedenen Abarten von Nichtzionisten, die hier repräsentiert sind, zu analysieren. Ich möchte nicht andere Menschen lehren, wie sie sich zu Palästina beziehen sollen, aber eine bedeutungsvolle Wahrheit ist während der Aussprache gestern und heute fest ausgesprochen worden: Tatsachen, lebende Tatsachen, sind stärker als tote Formeln. Und eine Tatsache ist es, daß Palästina heute in allen seinen Drangsalen ein lebender Organismus ist, eine Forderung an Sie, an mich, ^ine Forderung andie jüdische Welt,.vielleicht auch! jaij macht haben; jener, die mit dem Spaten und mit der Kraft ihrer Körper und ihres Geistes Felsen und Sümpfe in Gärten verwandelt haben; jener, die alles eingesetzt haben, was die Natur ihnen verliehen hat: Idealismus, Intelligenz; jener Pioniere, die vor 50, vor 20, vor 10 Jahren in das Land kamen, in dem Glauben, daß einst der Tag kommen wird, an dem die gesamte Judenheit sich vereinigen wird, ihr Werk fortzusetzen. Ich brauche kaum zu sagen, daß der heutige Tag ein Anlaß zur Beglückwünschung für Sie, Herr Louis Marshall, im besonderen ist. Ich, als ein jüngerer Freund von Ihnen, glaube, nicht zu viel zu sagen, wenn ich feststelle, daß es der krönende Ruhm einer großen Laufbahn ist, wenn Sie Ihren Namen in das Buch eintragen, das heute auf den Hügeln und in den Tälern dieses kleinen Landes geschrieben wird. Ich werde nicht in eine Diskussion der Möglichkeiten Paläsfinas eintreten. Wer kann heute Voraussagen, was für Möglichkeiten gegeben sind, wenn eine starke, blühende jüdische Gemeinde auf dem kleinen Territorium vereinigt sein wird, das wir heute als Mandatsland Palästina bezeichnen? Palästina ist zentral gelegen und von weiten Ländern umgeben, die im Erwachen begriffen sind. Wir werden in Palästina ein Kraftzentrum schaffen, das alle Länder, die die heutigen politischen Grenzen Palästinas umgeben, mit Energien überfluten wird. Wer kann heute Voraussagen, welche Formen das jüdische Leben im zukünftigen Palästina annehmen wird? Heute wollen wir nur das eine: eine solideGrundlage schaffen, auf der das neue Leben aufgebaut werden kann. Wenn, meine Damen und Herren, Nationalismus die politische Verwandtschaft Palästinas mit den Juden außerhalb bedeutet, wenn Palästina bedeuten sollte, daß die Juden außerhalb Palästinas ihres Status’, für den sie gekämpft haben, beraubt werden sollen, dann bin ich kein Nationalist. Wir wollen uns weder direkt noch indirekt in politischem Sinne in das Leben der Juden außerhalb Palästinas einmischen. Wenn aber Nationalismus die Schaffung materieller Stützen in Palästina bedeutet, auf denen eine jüdische Zivilisation aufgebaut werden kann, dann sind wir Nationalisten, und ich glaube, daß in dieser Hinsicht Schwierigkeiten nicht entstehen werden. Der Unterschied besteht nur in der Betonung: Für uns Zionisten bedeutet Zionismus das erste Problem der Judenheit. Wir haben unser Leben diesem Ideal geweiht. Wir werden in diesem Dienste fortfahren in der Hoffnung, daß andere uns folgen werden. Wir werden aber unser Ideal niemandem aufzwingen, ebensowenig erwarten wir, daß man versuchen wird, unseren Eifer und unsere Begeistern ng um ein Jota her abzu drücke 11. Wir sind für den Ruhm einer großen Sache und für den Ruhm eines großen Landes in einen Pakt getreten, dies ist der gemeinsame Nenner, der uns alle bindet; das Land ist uns allen nahe und teuer, weil es der Ursprung unseres Seins ist. Diese Agency, die nun ins Dasein treten soll, ist das Symbol der Einigkeit, sie stellt die einheitliche Front des Judentums wieder her, eine Front, die nur zu oft von unseren inneren und äußeren Feinden zerrissen worden ist. Der gute Wille, den diese Versammlung gezeigt hat, ist ein Unterpfand für eine zukünftige reibungslese Arbeit dieses neuen Instruments. Wie schon unser ausgezeichneter Vorsitzender dargelegt har, haben wir von der Zionistischen Organisation den Bericht der Joint Palestine Survey Commission mit Sorgfalt geprüft. Wir schätzen und würdigen die von den Experten und besonders von den Commissioners gemachten großen Anstrengungen. Aber die Erfahrung einer 25 jährigen Arbeit in Palästina hat uns ge• lehrt, daß die Kolonisation von Juden und durch Juden ein Problem von besonderer Schwierigkeit ist, und wir wünschen, daß diejenigen, die vielleicht mit allen diesen Mühen und Anstrengungen der Kolonisation nicht verwachsen gewesen sind, unserem besonderen Gesichtspunkt Verständnis entgegenbringen. Die eingeleiteten Diskussionen berechtigen uns zu dieser Hoffnung. Niemand wünscht einem Dogmatismus zu dienen, niemand will etwas anderes als nackte Arbeit, aber wie Dr. Adler und Lord Melchett betont haben, Arbeit von lebhafterem Tempo und stärkerem Rhythmus im Aufbau Palästinas. Ich׳ teile nicht ganz den Pessimismus von Lord Melchett, daß wir nur fünf Jahre vor uns haben. Fünf Jahre sind nur eine Minute in unserer vicltauscndjährigen Existenz. Wir waren gewohnt, in Jahrhunderten zu rechnen. Aber wir müssen ■nun wissen, daß Palästina durch den gegenwärtigen Prozeß der Regeneration ein Zentrum geworden ist, auf das die Aufmerksamkeit einer Welt gelenkt ist, die unseren Bestrebungen nicht immer freundlich gegenübersteht. Wir haben den Grundstein zu diesem neuen Palästina gelegt, und wir wollen nicht die Früchte dieser Arbeit zugunsten anderer preisgeben. Viele von Ihnen haben richtig bemerkt, daß Millionen Juden Palästina als das Zentrum ihrer Hoffnungen ansehen. Als ich vor einiger Zeit durch Polen und Rumänien reiste, standen in jeder kleinen Station, auf jeder abseitigen Landstraße junge Männer, aufrecht, stolz, stark, intelligent, die nur eine einzige Frage an mich auf den Lippen hatten: ״Warm werden wir nach Palästina gehen dürfen?“ Diese jungen Männer sind das Beste, was das Judentum in einer Zeit der Drangsal und der großen Bedrückung hervorgebracht hat; ich möchte diese jungen Menschen nicht verlieren. Sie sind unser bestes Material. Die Beschleunigung des Tempos im Aufbau Palästinas ist im Interesse der Regeneration der Judenheit geboten. Wenn nun die amerikanische Judenheit unter der Führung der Männer, die an der Agency beteiligt sind, beschlossen hat, ihr Gewicht zugunsten des Aufbaus Palästinas in die Wagschale zu werfen, dann werden die übrigen jüdischen Gemeinschaften der Welt diesem Beispiel folgen, und so wird die Agency innerhalb einer sehr kurzen Zeit ein arbeitendes Instrument werden. Im Rahmen dieser Arbeit werden wir erst zur rechten Einigkeit kommen. Liebe wird vollbringen, was י * ״׳ ׳ ■ *•"- ■• ״.•* י׳ -׳״ Die Balfour-Deklaration wurde nitht den Zionisten gegeben; sie wurde ganz Israel gegeben, und ganz Israel soll diese Urkünde mit reinen Händen, reinem Herzen und mit dem Gefühl der Hoffnung empfangen, aus Palästina etwas zu machen, das Ihnen hier zur Erhöhung gereichen und Ihnen helfen wird, die jüdische Tradition fortzuführen. Ein Pressetee der Zionistischen Exekutive Die nächsten Schritte auf dem Wege zur erweiterten Agency. London, 8. November. (J. T. A.) Harry Sacher, der der Konferenz der Nichtzionisten in New York beigewohnt hat, ist in London eingetroffen. Im Büro der Zionistischen Organisation fand aus diesem Anlaß eine Presse-Konferenz statt, in der nach einleitenden Worten von Felix Rosenblüth Harry Sacher seine Eindrücke von der New Yorker Konferenz wiedergab. Niemand, so sagte er, hatte vorher geglaubt, daß die Konferenz eine so einheitliche Stimmung dokumenticren und einen dermaßen erfolgreichen Verlauf nehmen wird. Keinerlei Opposition machte sich bemerkbar. Sehr eingehend und mit tiefem Ernst wurde der Bericht der Joint Palestine Survey Commission und das von den Experten beigestcllte Material geprüft. Jeder der Teilnehmer war sich bewußt, daß er eingeladen sei, eine große Arbeit für das jüdische Volk zu tun. Männer, die 20 Jahre lang im Kampf gegen den Zionismus gestanden hatten, wie z. B. prominente Reformrabbiner, gaben in ihren Ansprachen ihrer Freude Ausdruck, an dem Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina mithelfen zu können. Die Delegierten verließen die Konferenz voll Wärme und Begdisterung für ihre neue Aufgabe. Das Exekutivkomitee zur Durchführung der Beschlüsse der Konferenz wird noch vor der Abreise Weizmanns ans Amerika, die am 22. November erfolgt, gebildet werden. Wird einmal die Jewish Agency fertig sein, so wird die Prinzipienfrage aufhören, eine große Rolle zu spielen. Hauptaufgabe wird es sein, das jüdische Nationalheim in Palästina so schnell und so gut und so jüdisch als nur möglich aufzubauen. Die Frage eines Pressevertreters, was die konkreten Resultate der Konferenz seien, beantwortete Sacher wie folgt: Die Konferenz kam zu dem definitiven Beschluß, a) daß der Aufbau eines jüdischen Palästina notwendig und möglich sei; b) daß die Agency das geeignete Instrument hierzu sei; c) daß die Amerikaner baldigst Schritte ergreifen sollten, in d e Agency einzutreten und alle in der Agency enthaltenen Verantwortlichkeiten mit zu übernehmen. Auf die Frage, wie die Differenz c n zwischen dem Berieht der Joint Palestine Survey Commission und den Berliner A.-C.-Beschlüssen ausgeglichen worden seien, erwiderte Sacher: Louis M a r s h a 11 habe gleich in seiner Eröffnungsrede auf die Berliner A.-C.-Beschlüsse hingewiesen und gesagt, er glaube nicht, daß sie irgendwelche besondere Schwierigkeiten bereiten werden. Ferner wurde auf die A.-C.-Beschlüsse in einer der Resolutionen der Konferenz direkt Bezug genommen und das Komitee, welches die Beschlüsse der Konferenz durchzuführen haben wird, definitiv ermächtigt, gemeinsam mit Vertretern der Zionistischen Weltorganisation alle Angelegenheiten zu ordnen. Die Frage, welches die nächsten Schritte zur Verwirklichung der Idee der Agency sein werden, beantwortete Sacher wie folgt: Das amerikanische Komitee hat die Vollmacht erhalten, nach Ordnung der Angelegenheiten mit der Zionistisehen Organisation die amerikanischen Vertreter im Rate der Agency zu ernennen. Gleichzeitig unternimmt die Zionistische Organisation Schritte, um weitere sechs Länder für die Beteiligung an der Agency zu gewinnen, bevor sich diese endgültig konstituiert. Wir werden keine Zeit verlieren, auch die übrigen Länder dafür zu gewinnen, die notwendigen Schritte zu ergreifen. Die Wirtschaftslage der polnischen Juden Die Wirtschaftspolitik der Regierung. — Bedrohlicher Pauperisierungsprozeß. — Möglichkeiten der Abwehr. — Ein jüdischer Wirtschaftsrat. — Die zionistische Lösung. <V o 11 unserem K o r r c s p o 11 d e n t c 11.) -g. Warschau, Anfang November. Vor und während der vierten Alijah hatte man sich bei uns und im ausländischen Judentum, in der zionistischen Weltbewegung, viel mit der ökonomischen Lage der p o 111 i s c h e ti Judenheit beschäftigt. Der politische und wirtschaftliche!)ruck, den die antisemitischen Regierungen der Vor -Maiperiode ausgeübt hatten, war so stark, die Erscheinungen des ökonomischen Niederganges der Juden in Polen während und nach der I11flatio!1skrise waren so kraß, daß es unmöglich war, damals die äußerst zugespitzte Lage /» übersehen und nicht nach Hilfe zu rufen. Viel jüdisches Gut und viele jüdische Existenzen gingen damals zugrunde und nur für einen Teil der polnischen Judenheit bedeutete die Auswanderung nach Palästina eine Rettung aus der Not. Als nach dein Umstürze die neue Regierung Pilsu d s k i s ans Ruder kam und alle Zeichen darauf hinwiesen, daß sie fest im Satte! bleiben wird, begann eine neue Periode der Stabilisierung und Sanierung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Auch die polnischen Juden erhofften viel Ersprießliches für sich aus diesem Umschwung, und allenthalben hörte man optimistische Stimmen im jüdischen Lager. Diese waren nicht unbegründet. Hatte doch Premierminister Bartel in seiner ersten Sejmerklärung offen und nachdriicklich den wirtschaftlichen Antisemitismus seiner Vorganger verurteilt. Blieb man auch weiter skeptisch in bezug auf die Realisierungsmöglichkeit unserer kulturell-politischen Forderungen, so war man doch überzeugt, daß die f a k - tische bürgerliche Gleichberechtigung und die ökonomische Handlungsfreiheit in Anbetracht der Besserung der allgemeinen Zustände im Staate den Juden eine vielversprechende neue Epoche eröffnen ,,werden. Md 'fanden 'sieh auch jüdische ■'PWitlker, -Vornehmlich ־in den Reihen der Wirtschaftsverbände, welche ein neues System der jüdischen Politik und öffentlichen Tätigkeit und ein positiv-freundschaftliches Verhältnis zur Regierung forderten. Man begann im In- und Auslande von einer Besserung der wirtschaftlichen Lage der polnischen Judenheit, ja von ihrem neuen Wohlstände, zu sprechen. Das war eine sträfliche Kurzsichtigkeit, und mehrere Ereignisse der letzten Zeit beginnen vielen die Äugen zu öffnen. Um es vorwegzunchmen: Die polnische Judenheit befindet sich im Anfang eines wirtschaftlichen Prozesses, welcher ähnliche Symptome und Tendenzen aufweist, wie derjenige in Sowjetrußland, obzwar die politischen und sozialen Begleiterscheinungen ganz verschieden sind. In Rußland ging dieser Prozeß gewaltsam und rapid vor sich, in Polen begann er unmerklich und hat ein langsames Tempo, was aber die Sachlage kaum ändert und sogar unter Umständen viel grausamer gestalten kann. Es droht den poliiischen Juden, was ihren Brüdern in Rußland bereits zum traurigen Schicksal wurde: Verelendung und Verarmung, Verlust der bisherigen wirtschaftlichen Positionen im Lande, aber ohne die Möglichkeit, wie teilweise in Rußland, neue zu beziehen. Während zur Zeit der Herrschaft der Nationaldemokraten in Polen die für die Juden schädlichen und gefährliehen wirtschaftlichen Maßnahmen der Regierung und der polnischen Gesellschaft von rein antisemitischen Motiven geleitet waren und ohne Umschweife als solche ausgeführt wurden, muß mau zugeben, daß die heutigen Machthaber und der ihnen zugeneigte — und das ist der überwiegende — Teil der polnischen Gesellschaft in erster Linie von anderen als antisemitischen Voraussetzungen ausgeht, obzwar diese auch eine große Rolle spielen. Es ist das Bestreben der gegenwärtigen Regierung, den Staat wirtschaftlich zu fundieren, daher wendet sie den wirtschaftlichen Problemen ihr größtes Augenmerk zu, verfolgt aber dabei eine Wirt- Schaftspolitik, welche, oft unabsichtlich, sich in erster Linie gegen die Juden richtet. Die herrschenden Faktoren haben sich ein wirtschaftspolitisches System zurechtgelegt, welches ihrer Meinung nach die von ihnen erstrebten Ziele herbeiführen wird, und zwar: Intensivierung der Landwirtschaft, Erhöhung der Produktionskraft der heimischen Industrie, Senkung der Preise, Vergrößerung des Exports, Verbesserung der Handelsbilanz, Stärkung der Konsumkraft der Bcvölkerung. Alle diese lobenswerten ' Ziele sollen durch ein von der Regierung stark gehandhabtes System von nachstehend genannten Mitteln verwirklicht werden: Rationalisierung und• Modernisierung der gesamten Wirtschaft, Stärkung des Produzenten mit finanziellen Mitteln des Staates, E 1 i m i 11 i e - rung des Mittel- und Kleinhandels, direkte Verbindung des Produzenten mit dem K 0 11 s u - menten, also größtmögliche Unterstützung und Förderung der Kooperativbewegung (sowohl der Konsumenten als auch der Produzenten), Organisation des Warenexports mit Hilfe des Staates durch Gründung einer Exportbank und Standartisierung der Ausfuhr der einzelnen Branchen, Gründung eigener wirtschaftlicher Betriebe, Beeinflussung der Preis- Politik durch verschiedene Regierüngsmaßnalnnen, vornehmlieh auf dem Gebiete der Aprovisation. Was>wir da aufgezählt haben, ist ein den Zusammenhang maskierendes System eines ״Staatsetatismus‘4 oder,