Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 87-88 (2.11.1928)
- Date
- 1928-11-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Doppclnnmmcr 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, MelnekestraBe 10. Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Geldmuk, vierteljährlich 5,75 Goldmuk. Au11«nd5*bnon«m*ntj werden in der Wihren4 d«r •inte)« ca Linder berechnet Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rundschau G,m.b. H-. Berlin W15, Meinekeatr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismuck 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 FSr Ontarrelch: PattmirkaawMatf Wi«, Kaata Nr. 1S4030. Für T«ebeeboilowake! s PotUpcrkassenasit Pr»g, Konto Nr, 59 410, Fftr Polen: PojtiperkMieeemt War •eh •8, Konto Nr, 190708. RedaktionsschluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 87/88 | Berlin, 2. XI. 1928 kmlfapnlat 8 tNappmlll«!,!)« 0.30 G.-M.St,llaa<,«a«ht 8.M G^M. An«1ig«»»ehlaH: D i a a t a g «ad Fraiksfaaahaittaf• 4 Uhr. י״ט מרחשון׳ תרס״ט I xxxül Jahrg. p*r eratrebt fflr da» Jüdi.ch« Volk dl• Schaffung elnar äffantlicli . rachtllcli nealcl1erte»i HrtwUltte In »sMsUna. ״Bis•!« Progranm.•• Zum zweiten November Der Balfour-Tag — Klagemauer und arabisch-jüdische Beziehungen — Die Marshall- Konferenz — Interview mit Rosenblüth — Keren Hajessod ln Deutschland Berlin, 1. November. Eine kurze Stunde des Gedenkens zumindest muß am 2״ November dem Ereignis gewidmet werden, das vor nunmehr elf Jahren das gesamte jüdische Volk in tiefe Erregung versetzte und die nationalen Hoffnungen hochaufflammen ließ in einer Zeit, wo alle nationalen Fragen einer Lösung entgegenzugehen schienen. Die Judenfrage ist aber keine gewöhnliche nationale Frage, etwa vergleichbar der des tschechischen oder polnischen Volkes, die beide in diesen Tagen das Fest des zehnjährigen Bestandes ihrer selbständigen nationalen Staatswesen feiern durften. Diese Völker brauchten nur die Unabhängigkeit zu erlangen, und ihre nationale Frage war gelöst, zumindest was die äußere Form betrifft. Das jüdische Volk aber ist in eine große Zahl singulärer Probleme verwickelt; es ist geographisch zerstreut, innerlieh zur Freiheit unvorbereitet, in seinen besten Teilen noch mehr romantisch als wirklichkeitsnahe; die jüdische Frage ist wirklich, nicht nur im zeitlichen Sinn, die ״letzte Nationalitätenfrage“. Als die Balfour-Deklaration gegeben wurde, fehlten alle Erfahrungen und, in einer Zeit des Chaos, auch alle realen Perspektiven. Inzwischen hat die harte Arbeit der Verwirklichung begönnen und wir haben gelernt, daß in ihr vieles anders aussteht als in dem Bilde eines zweitausend]ihrigen Traums. Die wahre Treue zur Idee jedoch wird erst in der Verwirklichung, in der enthüllten, entzauberten Wirk- 11clikeit gemessen. .-.Der. ־.* lönriKÄraMonT-lai; ji3?seie‘ V0lk »Bf■ nicht durch ־die " Balfour-Deklaration zionistisch geworden und es hätte ohne die Balfour-Deklaration seine Hoffnung auf Zion nicht auf gegeben; das jüdische Volk ist zionistisch, weil es seit Jahrhunderten in sich die Gewißheit fühlt, daß eine gerechte Weltordnung nicht bestehen kann, wenn nicht das den Juden zugefügte Unrecht wieder gutgemacht, das jüdische Volk mit Zion wieder verbunden wird. Wer nur in einer rauschhaften Aufwallung sich zu Zion bekannte, wer erst durch die; Versprechungen der Mächtigen, die ein bißchen der nationalen Eitelkeit schmeichelten, zu seiner Begeisterung ermutigt wurde, der mag sich enttäuscht abwenden, wenn seine Vor- Stellungen nicht erfüllt, wenn die vollendeten Tatsachen ihm nicht auf dem Präsentierbrett dargereicht werden. Die wirklichen Zionisten aber wußten und wissen, daß trotz der gewichtigen Hilfe, die die Balfour-Deklaration bedeutet, das Spiel noch nicht gewonnen ist, daß wir erst mit Schmerzen und Kämpfen uns mit dem Boden des Landes, von dem wir so lange entfernt waren, wieder vereinigen müssen. Es ist unsere Pflicht, die wirklichen Dinge klar zu sehen und in unserer alltäglichen praktischen Politik ihnen beizukommen zu trachten. Dann gibt es wohl Schwierigkeiten und Enttäuschungen, aber keine Abwendung. Unangenehme Ueberraschungen drohen denen, deren Zionismus der Stütze von Illusionen bedurfte. Wir wissen, daß die Entwicklung der jüdischen Heimstätte ein langsamer organischer Prozeß Ist, daß wir bei unserer Arbeit nicht in einem abgeschlossenen Kämmerlein sitzen, sondern mit anderen Faktoren und Mächten, und sogar mit anderen Rechten und Ansprüchen Zusammenstößen, daß vieles gegen uns ist und sein wird, und daß wir, indem wir unserer Sache zum Siege verhelfen, die Aufgabe haben, sie mit anderen, in dieser Welt unserer Arbeit nun einmal vorhandenen Rechten und Tatsachen in Einklang zu bringen. Die Balfour- Deklaration und das Mandat haben uns einen Rahmen geschaffen; manche damit verbundenen Versprechungen Englands und des Völkerbundes wurden nicht oder noch nicht eingelöst. Wir werden nicht aufhören, die Regierungen der Mandatarmacht, die gegenwärtige ebenso wie alle kommenden, immer wieder an die Erfüllung ihrer Versprechungen zu mahnen; aber wir müssen selbst das Unsere tun, wir müssen vor allem die Wirtschaftliehen und politischen Realitäten des Landes berücksichtigen und den durch sie gegebenen Problemen nicht ausweichen, sondern selbst für sie eine Lösung suchen. Wir dürfen nicht nur gegen Unrecht protestieren, sondern wir müssen besonnene, ruhige Politik auf lange Sicht treiben. Dies allein ist Erziehung zu staatlichem Leben und eigener Verantwortung, in die wir wahrschcinlich erst hineinwachsen müssen, um das Palästina der Zukunft vorzubereiten. *. Der Balfour-Tag fällt diesmal in Palästina in eine böse Zeit Die Leidenschaften sind durch die Vorgänge der letzten Wochen aufgewühlt. Nachdem im Sommer, nach dem arabischen Kongreß, eine Zeitlang eine politische Beruhigung gekommen zu sein schien, durchleben wir jetzt wieder eine Zeit übertriebener nationalistischer Agitation. Diese Agitation ist um so gefährlicher, als sie an den religiösen Fanatismus appelliert. Kein Argument aber ist für die moslemische Welt so aufstachelnd wie eine Bedrohung ihrer religiösen Heiligtümer. Leider sind die Moslems nicht so weit, diesen Grundsatz auch auf andere anzuwenden und zu begreifen, daß auch die Juden gerade in diesem Punkt äußerst empfindlich sind. Der jetzige Konflikt begann mit dem bekannten Vorfall an der Klagemauer, der durch die Brutalität der englischen Gendarmen seine besondere Schärfe erhielt. Die Araber waren daran zunächst nur indirekt beteiligt. Aber der Sturm in der jüdischen Gasse verhallte, die Polizisten wurden nicht bestraft — was in keinem zivilisierten Land möglich wäre —, die Regierung ״bedauerte“ zwar, gab aber nicht die geringste Genugtuung, so daß die Erregung unter den Juden, wie das in solchen Fällen zu sein pflegt, immer mehr wuchs, ohne daß man genau feststellen kann, durch welche Imponderabilien die Affekte gesteigert werden. Die Araber, durch die Haitung der Regierung ermutigt, von der Erregung der Juden angesteckt, begannen ihre Gegenaktionen. Und Jj|,, w||J^f|pfÄ ־««•*.• ־tfii?־׳״ nie Juden ^webten Sie Etile igtmhg der dem mos- Ionischen Wakf gehörigen Klagemauer, um von dort aus den ganzen Tempelplatz zu erobern und die Omar- Moschee zu beseitigen. Solche Gerüchte sind geeignet, dumpfen Haß zu entzünden; und eine Stimmung der Nervosität, die beide Lager ergriffen hat, kann leicht, selbst gegen den Willen der Führer, zu Entladungen gelangen, die schwere Gefahren in sich bergen. Wir müssen leider sagen, daß manches, was von jüdischer Seite geredet wird, geeignet ist, zumindest mißverstanden zu werden. Dazu gehören die Reden der Herren Ussischkin und Jabotinsky im Waad Leumi, die von den historisehen heiligen Stätten der Juden in einem Sinne gesprochen haben, der im Zionismus niemals üblich war. Für den Zionismus war es stets unantastbarer Grundsatz, daß in Palästina die heiligen Stätten aller Religionen unbedingt gesichert sein müssen. Palästina nimmt ja unter den Mandatsländern nicht nur darum eine Sonderstellung ein, weil dort die jüdische Heimstätte errichtet wird, sondern auch, weil hier religiöse Interessen der verschiedensten Art Zusammentreffen und einen dauernden Gefahrenherd bilden. Auch aus diesem Grunde wird Palästina auf sehr lange Zeit hinaus unter internationaler Verwaltung stehen müssen, es wird ״Mandatsland“ sein, auch wenn der Begriff des Mandates nur für Palästina weiter bestehen müßte. Und wir Juden, die in diesem Mandatssystem eine Garantie für den ungestörten Aufbau unserer nationalen Heimstätte sehen, können die konstitutionelle Zukunft des Landes uns gar nicht anders denken, als daß auch bei zunehmender Selbstregierung im Zusammenwirken der beiden das Land bewohnenden Völker, gewisse oberste Grundsätze international garantiert und daher auch von jeder Kompetenz einer etwaigen Volksvertretung mit ihren wechselnden Mehrheiten ausgeschlossen sind. Zu diesen Angelegenheiten gehört der Aufbau des jüdischen Nationalheims, die jüdische Einwanderung usw., aber ebenso der Schutz der heiligen Stätten aller Religionen und anderer wohlerworbener Rechte. Es muß gegenüber jüdischen Aeußerungen wie den oben erwähnten klar ausgesprochen werden, daß nach unserer Vorstellung die mohammedanischen Rechte z. B. auch bei einer jüdischen Mehrheit im Lande international geschützt sein sollen, obwohl wir hoffen, daß unser Volk, selbst wenn es die Macht hätte, sich nicht in barbarischer Weise an den Heiligtümern anderer Völker vergreifen würde. Die Dinge sind sehr kompliziert und bedürfen einer ruhigen, leidenschaftslosen Aussprache und Klärung. Wir verlangen für uns Garantien, müssen aber auch bereit sein, den Arabern Garantien zu bieten. Darum ist es sehr zu begrüßen, daß der Waad Leumi sich in einer Proklamation an die Araber gewandt hat und den Gerüchten über die angeblichen Pläne der Juden, den Tempelplatz zu erobern, entgegengetreten Ist. Wir können nur wünschen, daß diese Aufklärungs-' aktion unter den Arabern mit Energie durchgeführt wird. Der moslemische Rat hat für den 1. November el«| Konferenz von Delegierten aus dem ganzen Lande ein■■; berufen. Am 2. November ist Balfour-Tag. Dieses Zusammentreffen gibt Anlaß zu Besorgnissen, wenn nicht auf beiden Seiten die Besonnenheit gewahrt wird, ln jedem Volk gibt es, besonders in Zeiten nationaler Erregung, Elemente, die man im Zaum halten muß. Wir hoffen, daß die verantwortlichen Faktoren in Palästina sich dieser Pflicht bewußt sind. * Die Exekutive hat dem Völkerbund ein Memorandum zur Frage der Klagemauer überreicht, das eine klare und feste Sprache spricht. Das jüdische Volk ist sich einig in der Forderung, daß durch geeignete Maßnahmen die Wiederkehr von Zwischenfällen verhindert und die ungestörte Ausübung des jüdischen Gottesdienstes vor der Klagemauer gesichert wird. Der Völkerbund und die Mandatarmacht müssen dies verbürgen. Aber darüber hinaus ist die Affäre der Klagemauer nur ein Anlaß, um sich erneut über die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Aussprache über die arabischjüdischen Beziehungen bewußt zu werden. Die Protestaktion wegen der Klagemauer darf wohl mit dem Memorandum der Exekutive an den Völkerbund male Leben verlangt seine Rechte, Wenn wir die uns heute nicht gehörenden Plätze erwerben wollen, müssen wir ohnedies mit den Eigentümem verhandeln, wobei die Regierung uns ihre ״guten Dienste“ leisten müßte. Wenn die Araber über der nördlichen Fortsetzung der Klagemauer sogar ein Türmchen errichteten, offenbar nur um ihr Eigentumsrecht zu demonstrieren, so ist das eine Verletzung des Status quo und sogar eine Verletzung des Wortlautes des Gesetzes über die Schonung von Altertümern. Die Regierung, die ja als Hüterin des status quo sogar das Anbringen von Lampen als unzulässig betrachtet, hätte diesen Bau nie dulden dürfen. Der ganze Vorfall aber zeigt, in welche Niederungen kleinlicher Provokation die ganze Sache in der erhitzten Atmosphäre geraten ist. Wir teilen demgegenüber die von David Jcllin in seinem Berliner Vortrag ausgesprochene Ansicht, daß die Frage mit Takt und Vernunft angepackt werden muß, um zu einer Lösung zu gelangen. Der Balfour-Tag ist für uns Zionisten ein Tag des Gedenkens und der Rechenschaft, aber für demonstrative Feiern äst diese Zeit ungeeignet. Dagegen ist eine wichtige Arbeit zu tun, die bisher von uns unterlassen wurde, nämlich die Konsequenzen der Balfour-Deklaration zu Ende zu führen, die politische Zukunft Palästinas ins Auge zu fassen und unser politisches Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dies kann nicht der kleine Jischuw tun, sondern die Zionistische Organisation als die Repräsentanz des jüdischen Volkes, das seine nationale Heimstätte in Palästina errichtet. Die Frage eines jüdisch-arabischen Ausgleichs verliert auch durch vorübergehende Verschärfung der Be- Ziehungen nicht an Aktualität. Denn sie ist eine Lebensnotwendigkeit Palästinas und des Zionismus. * Wenn hier gesagt wurde, daß der Zionismus seine Existenz nicht aus der Balfour-Deklaration ableitet und daß viele Vorstellungen, die wir vor elf Jahren mit dieser Erklärung verbanden, übertrieben und unüberlegt waren, sollte damit die große Bedeutung dieses historischen Aktes nicht geschmälert werden. Die Baifour-Deklaration eröffnet eine neue Epoche der zionistischen Arbeit nicht nur in Palästina, sondern auch innerhalb des jüdischen Volkes. Die Ungläubigen wurden durch die Tatsache der Balfour-Deklaration in ihrer Selbstsicherheit erschüttert. Viele haben sich damals dem Zionismus genähert, manche sind inzwischen wieder abgefallen, aber die tiefe Wirkung, die die Balfour-Deklaration auf das Volksbewußtsein übte, blieb bestehen und fand im Laufe der Jahre verschiedene Formen und verscl iedenen Ausdruck. Man kann wohl sagen, daß ohne die Balfour-Deklaration ein Ereignis wie die am 20. Oktober in New York abgehal-