Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1928)
- Date
- 1928-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0,23 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, MeinekettraSe 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark■ AuvundtaboanemtnU wardeo in der W ihren* der •laztlaca Lieder berechnet Nummer 83 | Berlin, 19. X. 1928 Anzeigen -Verwaltung Jüdische Randschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. A1u«lg<Bpr<ls18guptltNoapareÜlezafleO,50G.-M.Sl*U*Dguad1aO,25 G.-M. An1«lg«01cbln8! D i a 111 g und Freitsj nachmittag• 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 För Otsttrreieh: Fostiparkaaianamt Wien, Konto Nr. 156Ö30 Für Tjchechoslowakei! Postiparkaiaanamt Frag, Konto Nr. 59410. Fftr Polen! Poitaparkaiienamt Warichaa, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ה׳ מרחשון׳ תרס״ט I xxxm. jahrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffun!■ alner öffentlich rechtlich gesicherten HelmstStte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Der neue High Die englischen Zionisten bei Chancellor (Von unserem Londoner Korrespondenten.) Am 16. Oktober besuchte eine Deputation der englischen Zionisten den neu ernannten Oberkommissär für Palästina. Die Delegation bestand aus Rev. Ooldbloom, Paul Ooodman und M. L. P e r 1 z w e i g. Die Besprechung dauerte etwa 11/3 Stunden und ist insofern interessant, als sie die erste offizielle Zusammenkunft zionistischer Delegierter mit dem neuen Oberkommissär gewesen äst. Die Unterredung war, wie Ihr Korrespondent aus den Kreisen der Abordnung erfährt, sehr freundschaftlich. Die Delegierten empfingen den Eindruck, daß Sir John Chancellor sich auf seine Aufgabe in Palästina vorbereitet, die Probleme studiert und sogar bereits eine gewisse Vertrautheit mit hebräischen Ausdrücken zeigt. Die Abordnung überbrachte zunächst die Glückwünsche der englischen Zionisten zur Ernennung zum Oberkommissär und trug dann eine Reihe zionistischer Angelegenheiten vor. Was die Frage der Einwanderung betrifft, äußerte der Oberkommissär aus seinen langen Erfahrungen in Südrhodesia die Ansicht, daß etwa 1200 Pfund Kapital für jeden Siedler erforderlich sein mögen. Die Delegation machte jedoch den Oberkommissär darauf aufmerksam, daß in Palästina andere Verhältnisse herrschen und daß vor allem durch die Tätigkeit der zionistischen Fonds auch die Einwanderungsbedingungen erleichtert werden. Die Delegation trug dem Oberkommissär die zionistischen Wünsche in bezug auf die Förderung der Einwanderung, Beschäftigung jüdischer Arbeiter beim Hafenbau und Zuweisung von Staatsländereien, ferner die Frage der Erziehungsverordnung und insbesondere die Beschwerden wegen der Klagemauer vor. Sir John Chancellor versprach, die ihm übermitteilen Wünsche der englischen Zionisten nach seiner Ankunft in Palästina nach Tunlichkeit zu berücksichtigen. Er betonte, es 7f6rde sein® Politik.׳ sein, •die•״Verwiltung Pallsttaa#.4'״»n. Einklang mit dem Geiste und den Buchstaben des Mandates zu führen. Er sprach die Hoffnung aus, daß seine Winierarbeit Brief aus der Provinz. Oberschlesien, Anfang Oktober 1928. Nach altem jüdischen Volksbrauche sind Pessach und Sukkoth bedeutsame Einschnitte im Jahresverlauf. Der ״Sman“, das Semester, wurde bei Juden immer von Sukkoth bis Pessach und von Pessach bis Rosch Haschanah gerechnet. Die Lernsemester wurden nach diesen Daten bestimmt, und wenn man einen Lehrer dang, so geschah das für einen ״Sman“, wobei es als selbstverständlich galt, daß der ״Wintersman“ sich in jeder Hinsicht besser eignet als der oft kürzere ״Sommersman“, in den niemals der ״Adar scheni“ (zweiter Adar) fallen konnte. Darum wurden seit jeher bei Juden während der Halbfeiertage des Sukkoth die dem Umfange und dem Inhalte nach umfassenderen Pläne entworfen. Diese Uebung hat sich auch in der Gegenwart erhalten und sogar noch befestigt, weil das Sommersemester allgemach zu einer die weitesten Kreise erfassenden Erholungs-, Reise- und Ferienzeit geworden ist. Im Winter aber bleibt man zu Hause. Diesen Sachverhalt machen sich nicht nur Ballkomitees zunutze, sondern auch weit ernstere Faktoren, wie politische Organisationen, wissenschaftliche Gesellschaften usw. Auch die verschiedenen jüdischen Richtungen treten mit ihren Vorbereitungen auf den Plan. Allenthalben tut man sich zusammen und versucht Programme für die ״Winterarbeit“ zu entwerfen. Die Führer der einzelnen Ortsgruppen halten lange Sitzungen ab, strengen sich an und sind in den meisten Fällen ratlos. Immer wieder richten sie Anfragen über Anfragen an die Zentralen und verlangen Anregungen und Programme. Die Zentralen ihrerseits stehen gleichfalls in den meisten Fällen ratlos den Wünschen ihrer Ortsgruppen in der Provinz gegenüber. Denn die meisten der Ortsgruppen haben dieselbe Idee: man möge ihnen die Parteikanone zur AbhaltungeinesVortragsabends schicken. Diese Parteikanone oder im besten Falle die wenigen Parteikanonen können nicht den ganzen Winter hindurch und vor allem nicht zu gleicher Zeit an verschiedenen Orten schießen. Also erfolgt in den meisten Fällen eine Absage seitens der Zentrale und die Ortsgruppen klagen über mangelnde Unter- Stützung und sind verstimmt. Diese Erscheinung läßt sich bei den meisten jüdischen I Organisationen feststcllen und ist bei Lichte betrachtet ein betrübendes Symptom. Sie beweist nämlich dreierlei: Erstens, daß innerhalb der Ortsgruppen kein Bedürfnis vorhanden ist, im Zusammensein selbst einen Zweck zu suchen, zweitens, daß man in viel zu hohem Maße autoritätsgläubig, das heißt innerlich unsicher ist und drittens, daß man den Ortsgruppenbetrieb auf Sensationen abgestellt hat. Und Iclas ist sehr zu beklagen. Denn der tiefste Sinn fast jeder!jüdischen Organisation ist Gemeinschaftsbildung, die weit über Iden Rahmen der einzelnen Punkte des Parteiprogramms hin- I ausgehen soll. Ferner erstrebt die Organisation eine Meinung*- Ibildung, und zwar eine selbständige, der größten Zahl ihrer!Anhänger. Zu diesem Zwecke ist die Selbstarbeit jedes Ein- Commlssloner Photo ־ Palästina * Bild - Korr. '*Mlf’Wl fr'/‘/ .-'r mm Sir John Robert Chancellor, wird im November sein Amt an treten. TItfgfeeH ln Patlstto 4aat• battrag&i «wirf, 41׳t Bejahungen 3er Jewlsh Agency zur Verwirklichung des großen Ideals, dem die Zionisten sich gewidmet haben, zu fördern. zelnen unumgänglich und Servierung fertiger Formeln und Ansichten durch eine ״Autorität“ mehr schadenals nutzbringend. Schließlich muß sich der Tribut an das Sensationsbedürfnis auf die Dauer rächen. Das Leben, und auch das Leben einer Partei oder Organisation, besteht aus Alltag und nicht aus Sensationen. Diese öeberlegungen kommen einem, wenn man in der ״Provinz“ ist. Wobei die Setzung des Wortes Provinz in Anführungszeichen wohl überlegt ist. Was heißt das ״Provinz“? Das ist, im Grunde genommen, ein Schlagwort, hinter dem man sich nicht viel denkt. Jedes Individuum ist ״Provinz“, und wenn man Inaktivität und mangelndes Interesse auf die ״Provinz“ zurückführt, so stellt man sich persönlich ein Armutszeugnis aus. Mir will es scheinen, daß gerade die geringere Ablenkung der kleinen Orte in höherem Maße angetan ist, zu verinnerlichen und zu vertiefen, als die rauschende große Stadt, die infolge ihres ״Betriebes“ oft einer Kon- Zentrierung hinderlich ist. Wer sich ernst mit Problemen auseinandersetzen will, vermag das in der Regel als Provinzbewohner viel besser als der in der atomisierenden Großstadt Lebende. Und auch persönliche Verbundenheit mit anderen Gesinnungsfreunden kann sich in der Provinz leichter gestalten als in der Großstadt, wo der Einzelne viel einsamer ist als in der kleinen Stadt. Diese Verbundenheit aber ist das wesentliche Element zur Hervorbringung dessen, was eigentlich der Anschluß an eine Organisation bezweckte. Spricht man also von ״Winterarbeit“ und verlangt man nach Programmen für eine solche, so kann die vernünftigste Antwort nur lauten: regelmäßig Zusammenkommen und nicht erst auf besondere Anlässe warten. In Anbetracht der vorwaltenden Publikationsmöglichkeiten kann es auf keinen dieser Zusammenkünfte an Themen fehlen, über die man sich miteinander ausspricht. Und das ist, da es Selbstdenken voraussetzt, wichtiger als das Anhören eines Vortrages. Und außerdem wirken solche Zusammenkünfte erzieherisch. Man muß sich daran gewöhnen, miteinander zu leben. Das geht allerdings nicht ohne gegertscitige Rücksichtnahme und ohne Wohlwollen. Es handelt sich bei jeder Gruppenarbeit um einen doppelten Prozeß: um die Bereitschaft der Einzelnen zur Gemeinschaft und zum Gemeinschaftsleben und um die Rückwirkung der geschlossenen Gemeinschaft auf das dazugehörige Individuum. Anfang und Ende jeder ״Winterarbeit“ ist die Veranstaltung von regelmäßigen Zusammenkünften. Alles andere ergibt sich dann von selbst; die Durchführung von Aktionen, das Arrangement einer Feier, die Abhaltung einer Diskussion, die Anberaumung eines gemeinsamen Amfluges, der Austausch von Plänen, Ansichten, Nachrichten und Anregungen. Kenntnisse werden, wenn man sich nur regelmäßig trifft, vermittelt und allmählich stellt sich das Wichtigste ein: Eigenleben der Gruppengemeinschaft. Der Hauptfluch unseres jüdischen Lebens und des Lebens der Organisationen ist die Atomisierung. Grundaufgabe jeder Ortsgruppe ist die — Gruppe. m. w. Rundschau Berlin, 18. Oktober. Die Marshall■’Konferenz In zwei Tagen tritt in New York die lange mit Spannung erwartete Palästina-Konferenz unter dem Vorsitz von Louis Marshall zusammen, die die Bildung der erweiterten Jewish Agency ein Stück weiterbringen und damit das Schicksal des jüdischen Nationalheims in Palästina entscheidend beeinflussen wird. Sie ist eine Fortsetzung der ״unparteiischen“ (״nonpartisan“) Konferenz, die vor drei Jahren stattgefunden und die Bereitschaft der amerikanischen Nicht- Zionisten, am Aufbau des jüdischen Nationalheims gemaß dem Mandat mitzuarbeiten, proklamiert hat. Es handelt sich gegenwärtig also nicht mehr um die Frage des ״Ob“, sondern um die Frage des ״Wie“. Wie bei den meisten realen Dingen erweist sich auch in dieser Frage die konkrete Durchführung schwerer als die bloße prinzipielle Entscheidung. Die Konferenz vom 20. Oktober wird jedoch .ein umfangreiches sachliches Materiai zur Verfügung haben. E>er Bericht der Joint Palestine Survey Commission, die unter Lord Melchetts Vorsitz stand, wurde an die Herren Marshall und Weizmann erstattet, um als Grundlage für die Ausarbeitung eines Kolonisationsprogramms der nächsten Jahre zu dienen. Dieser Bericht stützte sich bekanntlich auf eine Reihe von Gutachten wissenschaftlicher Experten, die bisher nicht veröffentlicht wurden, der New Yorker Koriferenz aber in der Originalfassung gedruckt vorliegen und dadurch auch der Oeffentlichkeit zugänglich sein werden. Natürlich sind diese Berichte nicht bereits ein Programm, sondern Material, das erst der sinngemäßen Anwendung auf die gegebenen Verhältnisse Palästinas und .des. jüdischen. ., Volkes^ _beda1,f•,,, Das.• .Jäpmst^he., Akticms4i8jn1l(i''"laF‘"’n1'”seJher' fetzten Jttlitä|p1rig'-" In' Berlin den Bericht der Survey Commission zur Kenntnis genommen, jedoch in einer Reihe von Fragen prinzipielie Vorbehalte gemacht; sie hat für die aus öffentliehen Mitteln betriebene Palästina-Arbeit folgende Erfordernisse postuliert: Fortsetzung der Einwanderung, jüdische Arbeit, hebräische Sprache, nationaler Boden, Selbstbestimmungsrecht der Siedler bezüglich der sozialen Formen vorbehaltlich der Wirtschaftlichkeit. Das Aktions-Comite war der Ansicht, daß die Anerkennung dieser fünf Punkte die Vorbedingung für die Konstituienmg der erweiterten Agency bildet. Daher erhält die Frage, wie sich die New Yorker Konferenz zu diesen Prinzipien steilen wird, große Bedeutung. Man kann annehmen, daß die ersten drei Punkte ohne weiteres allgemein akzeptiert werden, da ja auch die Nichtzionisten keine anderen Zwecke in Palästina verfolgen können als stetige Einwanderung, Arbeitsbeschaffung für die einwandernden Juden und Entwicklung einer hebräischen Kultur. Zweifelhaft war den Verfassern des Survey-Berichtes nur die Frage des nationalen Bodens und der Sicdlungsfortnen. Die Survey Commission trat dafür ein, daß aus öffentlichen Mitteln auch Boden für Privatzwecke gekauft werde, während die Zionistische Organisation zwar die Notwendigkeit des privaten Bodenkaufes anerkennt, öffentliche Mittel jedoch nur für den Boden aufwenden will, der Volksbesitz bleibt. Die Survey Commission äußerte ferner die Meinung, daß zwar die alten Kwuzoth ausgebaut, aber keine neuen gegründet werden sollen, während die Zionistische Organisation daran Festhält, daß die Frage der Siedlungsform von den Siedlern zu entscheiden ist und die kolonisierende Instanz lediglich die Wirtschaftlichkeit des Betriebes, nicht aber die persönlich-menschliche Lebensführung der Siedler zu überwachen hat. Bei näherer Kenntnis der Dinge müssen auch die Nichtzionistei! einsehen, daß die zionistischen Vorbehalte in den wirkliehen Verhältnissen begründet sind. Dies wurde hier bereits dargelegt und braucht nicht wiederholt zu werden. Bisher ist über die Haltung der führenden Persönlichkeiten des nichtzionistischen Kreises wen!״ bekannt geworden. Marshall hat sich nur dahin geäußert, daß die Tagung, an der etwa 400 repräsentative Nichtzionisten teilnehinen dürften, ein großes Ereignis in der Geschichte der amerikanischen Judenheit sein wird. Für die Judenheit Amerikas, sagte er, ist jetzt die Zeit gekommen, ״einen Kurs tätiger Mitarbeit“ Ginzuschlagen. Die Konferenz soll ihre Verantwortlichkeit gegenüber der Palästinaarbeit in klaren Worten' zum Ausdruck bringen. Es wäre voreilig, Vermutungen über den Verlauf der Konferenz anzustellen. Weizmann und Sacher werden an der Konferenz teilnehmen und die Anschauungen der Zionistischen Organisation vertreten. Diese Anschauungen können auf Grund der mit so großer Mehrheit angenommene» Resolution des A.-C. dahin zu-