Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 80-81 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ist es, die Menschen zu dieser inneren Haltung zu erziehen, wenn sie die zionistische Lösung als ihre Antwort auf die Juden frago bejahen. Der Weg zu dieser Bejahung ist eine Frage der pädagogischen Methodik, keine Frage des Grundsatzes. Hier spielt die Ansicht hinein, man dürfe Menschen nicht dadurch vergewaltigen, daß man ihnen den Zionismus aufzwänge. Die Entscheidung müsse von ihnen selbst gefällt werden. So richtig es ist, daß der Junge mit seinem Eintritt in den Bund nicht auch die Entscheidungen des Bundes milübernehmen soll, so verkehrt ist diese ״moralische“ Argumentation. Unter Vergewaltigung versteht man wohl, jemand gegen seinen Willen und zumeist auch gegen sein eigentliches Interesse zu einer Handlung oder Unterlassung, die im Interesse des Vergewaltigenden liegt, zu zwingen. Daß das nichts mit Erziehung zu tun hat, sieht wohl jeder ein. Daß ein verantwortlicher Führer diese Methode zum A und 0 seiner Arbeit machen wird, ist wohl kaum anzunehmen. Deshalb sollte dieses Argument, das häufig erscheint, endlich verschwinden. Erziehung zum Zionismus ist die Aufgabe der Jüngerenbünde. Das ״Wie“ ist eine Frage der Methode, die hier nicht zur Erörterung steht. Damit wieder ein Aufbau der zionistischen Jugendbewegung beginnen kann, muß ein grundlegender Wandel vor sich gehen. Das Organisationsgefühl muß wieder erstarken. Der junge Zionist muß wieder wissen, daß die Zionistische Organisation das Flußbett ist, in das sich alle zionistischen Energien ergießen. Außerhalb der Organisation und ohne sie gibt es keinen Zionismus. Die führenden Stellen der Z. V. f. D. sollen verstehen, daß die Jugend nicht als Objekt einer Politik betrachtet sein will, sondern sich selbst als Träger eines Willens ansieht, der seine Gleichberechtigung mit allen anderen Faktoren verdient. Sie muß sich mehr als bisher für die Menschen unseres Lebenskreises, die unmittclbar der Verwirklichung dienen, verantwortlich fühlen und versuchen, dem seinem Land und seinem Volke fremden Westjuden das Einleben in Erez-Israel zu erleichtern. Der verderbliche Antagonismus vergangener Jahre bleibt hoffentlieh Geschichte. Vor allem aber gehört zu einer kraftvollen Bewegung Mut, nicht jenes hohlklingende Berufen auf die Stärke der Idee, die schließlich ungeachtet aller Schwierigkeiten usw. . . . Die Idee wirkt nicht an sich, sie wirkt nur insoweit, als Menschen ihre Stärke und Schönheit durch Leben und Tun ahnen lassen. Bevor wir unsere Kräfte also für einen anderen Bund (V.J.J.D.) einselzen, müssen wir unsere Bünde wieder aufbauen. Sie sind ein Bedürfnis. Denn dieser Bund konnte nur in solchem Ausmaß existieren, weil wir nicht da waren. Er hat keine Idee, es sei denn, daß man den formalen Begriff der Neutralität als solche auffassen will. Neutralität kann aber sinnvoll nur Zweckcharakter haben, Plattform sein, aber nicht Inhalt einer Arbeit darstellen. Die vorherrschende Auslegung der Neutralität versteht aber darunter etwas, was man als ״gesamtjüdisch“ bezeichnet, d. h. man verneint die bisherigen Gruppierungen und sucht sie in sich zu überwinden. Man identifiziert sich selbst mit diesem ״Gesamt- Judentum“, urteilt herablassend über die ״Enge des Splitterbundes“ (Ernst Holzer in der Jugendbeilage der ״C.-V.-Ztg.“ Nr. 8 1938), wähnend, daß es ein objektives, von jeder persönlichen Wertung freies Judentum gäbe, dem gegenüber die Partei nur eine Nüance darstelle. Dieses Gesamtjudentum hat bereits seine Grenze an den schwarz-rot-goldenen Grenzpfählen, es ist nicht etwa ein Nationaljudentum im Sinne Dubnows, es ist nichts weiter als eine unklare Empfindung, die mit der Prätention vertreten wird, der klarste Ausdruck eines bisher nicht näher bezeichnten neuen Judentums zu sein. Außer dieser Prätention weist dieses neue Schlagwort nichts Erschütterndes auf. Im besten Falle ist es eine neue Parteirichtung, die allerdings beachtenswert wäre durch den Mut, mit dem sie sich mit der Gesamtheit gleichsetzt — ״Judaisierung“ kann weiter nichts bedeuten, als in den Menschen den Willen zur jüdischen Gemeinschaft zu erzeugen. Sie existiert aber nicht schlechthin. Lehne ich das nationale Judentum ab, dann stellt sie sich mir anders dar, als wenn ich es bejahe. Judaisieren kann ich erst von meiner positiven oder negativen Stellung zum nationalen und religiösen Problenikrcis. Das ist ja doch gerade, das Charakteristikum dieser jüdischen Situation, daß die objektiven Zugehörigkeitsmerkmale zum Volke der Juden verloren gegangen sind. Dio Religion hat ihre zentrale Bedeutung emgebüßt. Heute heißt es sich zu entscheiden. Geht ihr den nationalen Weg oder nicht? Wir haben uns entschieden. Unser Weg ist klar. Drum, Freunde, habt Mut zu euch selbst. Das jüdische Volk braucht seine Jugend. Wir haben nicht das Recht, uns zu entziehen. Ueberlaßt die Unklarheit andern, uns ist unsere Aufgabe vorgezeichnet. Wir müssen sie nur aus tiefstem Herzen wollen. Bemerkungen zu unserer Situation Von Bruno Mim, Berlin Man braucht dem Zuge des Rationalismus, der unsere Zeit durchweht, nicht völlig undankbar gegenüberzusteben, um doch seinen Folgen mit aller Schärfe entgegenzutreten. Die Antiromantik hat mit etlichen Sentimentalitäten aufgeräumt, die uns nachgehinkt haben und die heute selbst dem zartesten Gcmüte keine Träne mehr entlocken könnten. Sie hat aber zugleich das Erleben als höchst peinliche Angelegenheit zurückgedrängt, das Betastbare, Berechenbare in den Vordergrund gerückt und so eine Atmosphäre geschaffen, in der das wahrhaft Schöpferische erstarren muß. Man hat uns so, vielleicht von anfänglichen Erfolgen ein wenig über Gebühr berauscht, den Zionismus als höchst reale, rein Wirtschaftliehe, im Grunde genommen selbstverständliche Bewegung dargestellt. Man hat eine Fülle trockenster Probleme, mit denen Professoren ein Kolleg zu langweilen pflegen, der zionistischen Jugend vorgesetzt und ist heute ein wenig darüber enttäuscht, daß sie sich all das an den Schuhsohlen abgelaufen hat und nach Begeisterung ruft wie ein mittelmäßiger Poet. Man sagt, fast jeder Jude habe einmal in seiner Jugend ein Stadium erlebt, in dem er Zionist gewesen ist. Der Zionisraus äst leider allzu oft nur Episode geblieben, die man bald vergaß. Es gab sehr viele, denen das ewige Lamentieren und Herumreden bald nicht mehr genügte. Sie entzündeten sich für andere Ideen, wurden immer radikaler und werden sich schließlich, wenn der sogenannte ״Emst des Lebens“ an sie herantreten wird, in ihr altes Geleise hinüberretten. Daß uns ein großer Teil dieser Menschen, die vielfach sehr wertvoll sein können, verloren geht, liegt zweifellos am Versagen unserer Jugendorganisationen. Jeder, der weiß, was für ein Aufwand von Zeit und Mühe getrieben wird, um neue Kräfte zu gewinnen und wie hilflos und gleichgültig man sich verhält, wenn man sie fesseln und dauernd interessäeren soll, wird das begreifen. Es dürfte aber auch seinen Grund in uralten, vielleicht unbewußten Vorstellungen vom Judentum als etwas Zweitrangigem, geistig nicht Salonfähigem finden, von denen selbst einige sogenannte Zionisten nicht ganz frei sein dürften. Es gibt gewiß Dinge, die mehr blenden können, über die man freier und ungonierter sprechen kann. Und es mag sehr wohl in gewissen Kreisen mehr Eindruck machen, wenn man behaupten darf, man gehöre der ״ganzen Welt" und nicht einem kleinen Stamme an, der stets nur der Spiegel der anderen war und den man zerbrach, wenn man sein eigenes Gesicht wieder einmal nicht ertragen konnte. Es wäre durchaus zu begrüßen, wenn diese deprimierende Erkenntnis uns dazu führen würde, jene Assimilation, die wir so gerne bei anderen verurteilen, ein wenig in uns selbst zu suchen. Vielleicht kommen wir dann zu der Einsicht, wie locker wir mit der tiefsten Tradition des Judentums verknüpft sind. Der junge Mensch pflegt in der Kunst, sich etwas vorzumachen, noch in den Anfängen zu stehen. Später vollbringt man das reibungsloser, eleganter, aber hoffnungsloser. Es ist trotz alledem nicht recht einzusehen, weshalb der Zionismus nicht auch heute noch für den jungen Juden eine Renaissance im Sinne Burckhardts bedeuten sollte, eine Entdeckung der Welt und des Menschen. Er kann den lebendigen Organismus eines Volkes persönlicher und näher pulsicren fühlen als irgendein anderer, der in ein starres großes Volksgebilde hineingeboren wird. Hier ist alles im Werden begriffen. Hier bedeutet der Einzelne noch keine Nummer, kein Aktenzeichen, sondern eine wertvolle Kraft, die gerade in einer Zeit des Stillstandes zu erweisen hat, daß man auf sie bauen kann. Hätten wir mehr innere Gewißheit und Festigkeit, so würden wir nicht endlose Debatten nötig haben, die immer wieder auftauchen, um immer wieder ins Leere zu zerrinnen. Und hätten wir im Galuth eine straffe geschlossene Organisation, so würde selbst die schwerste Krise in Palästina uns nicht entmutigen, sondern uns dazu führen, uns fester zusammenzuschließen und unsere Forderungen konkreter und energischer zu fassen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, die man nicht oft genug wiederholen kann, daß unsere Erziehungsarbeit im Galuth die Erzeugung eines neuen jüdischen Lebensgefühls zum Ziele haben muß. Und eine jüdische Jugendorganisation kann diesem Ziel nur näher kommen, wenn sie dem Einzelnen ermöglicht, sich frei von allen Hemmungen als Glied einer großen jüdischen Einheit zu fühlen. Sie erreicht das niemals dadurch, daß sie ihn mit ״Tendenz“ überfüttert. Sie muß sein historisches Bewußtsein wecken, ihn mit Verstfindnis für jüdische Schöpfung erfüllen und ihm so Erkenntnis- und Gefühlswerte übermitteln, die nachhaltiger und fruchtbarer sein können, als vergängliche Programme. Sie hat sich vor allem vor jeder Einseitigkeit zu hüten und darnach zu trachten, den Blick auch über den zionistischen Horizont hinaus zu erweitern. Sie muß dazu erziehen, bei aller Begeisterungsfähigkeit, ein gewisses Maß von Kritik zu üben. Der Einzelne kann systematisch geschult werden, frei und selbständig über Dinge zu denken und zu sprechen, die ihn persönlich interessieren, anregen, herausfordern. Er muß aus der Reserve, die ein starrer Dogmatismus ihm auferlegt hat, herausgehen können, Zutrauen zu sich gewinnen und eine eindeutige und zielbewußte Selbständigkeit erwerben, die dann im Dienste des Zionismus, seiner Idee und seiner Verwirklichung, fruchtbar werden wird. Vom Bundestag des Kadimah: Leben und Idee Von Philipp R 0 c h w e r g - Offenbach a. M. Wenn es im Leben einer Bewegung Gelingen bedeutet, daß man sich nach ideeücher Ueberprüfung des gegangenen Weges zusammenschließt zu einer bekenntaisreichen Bejahung und sich gleichzeitig zusammenfindet in dem Mut zu einer Neuorientierung auf dem künftigen Weg, so ist der Bundestag des Kadimah als gelungen anzusehen. Auf einer weiten Wiese, nächst dem Dorfe Wittgenbom bei Wächtersbach (an der Bahnstrecke Berlin—Frankfurt a. M.) gelegen, wächst in einigen Stunden eine Zeltstadt empor. Fünfhundert jüdische Jungen und Mädchen aus den entlegensten Orten Deutschlands sind hier zusammesngekommen. Sie bauen auf. Sie spannen sich freiwillig ein in den Rhythmus des Gemeinschaftslebens. Es ist nichts Zufälliges, was ihrem Ichleben mit den mannigfachen Strebungen die Hemmung nimmt und den Impuls gemeinsamen Schaffens verleiht. Sicherlich wächst die Anschauung der Zofim vom Spitz- und Rundzelt, von der Tracht, von hunderten praktischen Verrichtungen an den Notwendigkeiten der Wirklichkeit. Dennoch liegt über ihren Motiven das gleiche Irrationale wie über dem ״Chasak“ und dem hebräischen Lied. Hier bildet sich in wenigen Tagen zwischen der aus den sozial verschiedensten Schichten und dem kulturell differenziertestem Milieu entstammenden Jugend ein Stil aus: der jüdische Gemeinschaftstrieb dominiert. Der rote General Hermann Ungars Judendrama der Revolution Von Meir Hako h e n-Berlin Podkamienski ist Jude — ein Judendrama? Podkamienski ist roter General — ein Bolschewistenstück? Leider beides zugleich. Ein Jadendrama und auch Bolschewistenstück. Leider beides zugleich. Ein Regisseur, innerlich verbunden mit der Schicksalsfrage des jüdischen Volkes, hätte verstanden, hier das Wesentliche vom Theatralischen zu trennen, und den äußeren Klimbim unbarmherzig ausgemerzt. Das wäre gute Tat an dem Drama gewesen. Denn das Bolschewistenstück ist Auswuchs intellektueller Schärfe, die Effekt um Effekt zueinandergepaßt hat, bis das Mosaik der Verschwörung und Verstrickung rings um den Juden Podkamienski gebaut ist und dreimal scharfer Revolverknall ihn um die Ecke gebracht hat. Das sozusagen der Knalleffekt. Wozu das? Was 9011 das? Das Drama war schon beendet, als Podkamienski seine rote Mütze nahm und abtrat aus dem Kreis der Volkskommissare, weil für ihn, den Juden, kein Platz war an der Spitze der roten Armee, die einen Helden brauchte aus ihrem Stoff, aus ihrem Fleisch und Blut, nicht nur einen Nichtstudierten, sondern auch einen Nichtjuden. Wie irdisch wahr und ewig gültig entwirrte hier Ungar die Fäden, fast schon unerkennbar ineinander verwoben, die mit ihrem Gewebe die Kluft zwischen uns und der Umwelt zu verdecken suchen. Die rote Revolution; die AUbefreierin der Menschheit; auch Freiheitsverkünderin den Juden. Freiheit für alle! Warum nicht auch für uns?! Ob wir Proleten sind oder Bourgeois! Söhne von Geduckten, Schielenden, Gewürgten, Erstickenden sind wir, — und doch brachte sie uns die Freiheit nicht. Erst zeigte Ungar die wilde Brunst zum Rasen, Zerstören, Niedermähen; die ein Oofer haben muß — die Juden. Die Freiheit auf Kosten der anderen. Das ist das tierische, blindwütige Element, das man bei einer Auseinandersetzung um die Befreiung des jüdischen Volkes nicht erwähnen darf, weil es theoretisch nicht faßbar und in den Programmpunkten der revolutionären Weltbefreier nicht enthalten ist. Was jedoch nichts dagegen sagt, daß es in der Wirklichkeit vorhanden und überall zum Durchbruch kommt. (Und heute gleichfalls wieder in Rußland!) Das Bedürfnis nach einer geistigen Klärung des Verhältnisses der Juden zu ihrer Umgebung ist auch für Ungar zu stark, als daß er zufrieden sein könnte mit der Registrierung der Volksinstinkte. Der Volksinstinkte, die ״nicht zur Sache gehören", in der theoretischen Rechnung nicht aufgehen. Ilja Iljitsch Brutzkin, Revolutionsheld und Menschenschinder, hat zur Belustigung seiner Leute in Podkamien einen Pogrom veranstaltet und den alten Mendel Frischmann, den Vater Podkamienskis, abschlachten lassen. Schlicht und Unmenschlieh abschlachten lassen. Podkamienski-Frischmann glaubt nicht, will nicht glauben. Er klammert sich an den Zufall, eine verirrte Kugel vielleicht . . . Aber er muß glauben. Dieser Ilja Iljitsch Brutzkin soll als Held der Revolution proklamiert werden, weil der Jude Podkamienski das allgültige Judenschicksal erleiden und seinen Platz räumen muß, nachdem die Grundfesten gelegt sind, die rote Armee geschaffen ist. Brutzkin und Podkamienski treten sich gegenüber, unter vier Augen. Noch entscheidet sich dieser Konflikt als Streit zwischen Niederen und Höheren. Noch sind Haß, Verachtung, Eifersucht als die Motive dieses grausen Massenmordes anzusehen. Erst als all der Unrat von niedersten Feindschaftsinstinkten vor das Konsilium der Volkskommissare getragen wird, zeigt sich, wie ״die Sache“, auch wenn sie von einem jüdischen Revolutionär geführt wird, wie die Verwirklichung des revolutionären Ziels sich nicht hinwegsetzen kann über die Tatsache: ״Jud“. Dieser eine Fall menschlicher Feindschaft erhebt sich zum Präzedenzfall des Konflikts im Zusammenleben zweier wesensverschiedener Elemente. Podkamienski fordert Anklage wegen konterrevolutionärer Gesinnung und Aufreizung zu konterrevolutionären Taten- Er ist im Recht und die Anklage müßte erhoben werden, aber-Und nun kommt das ״aber“, das uns Juden der Galuth ewig zum Scheitern verurteilen wird, das ״aber“, um dessenwillen uns dieses Drama als jüngste künstlerische Gestaltung unseres Schicksals nahesteht und unser intensives Interesse fordert. — Aber Podkamienski kann nicht anklagcn, weil er erstens als besonderer Schutzherr der Juden, d. h. einer bestimmten Schicht auftreten müßte, zweitens weil Podkamienski geachtet und geehrt, aber nicht geliebt wird. Doch Brutzkin, zu dem kann man Du sagen, das ist einer der Ihrigen, da ist keine Kluft. Podkamienski ist moralischer Sieger und muß fallen, weil — weil er Jude ist. Grausame Notwendigkeit! Diese negative Erkenntnis ist kein Fragezeichen mehr. Es liegt in ihr viel offenkundige Bedeutung und auch Deutung, die uns heute wieder zu Bewußtsein kommen muß. Daß wir in der Galuth nur initiieren, helfen, fördern können, weiter nichts, das war uns klar. Daß die soziale Revolution die Galuth nicht aufheben kann, daß vor allem die soziale und die nationale Frage auf zwei verschiedenen Ebenen liegen, müssen wir endlich erkennen lernen. Ungar lehrt nichts Neues, aber er überzeugt. Daß hier ein Dichter mit der ganzen Erfülltheit seiner Person mit uns gemeinsam nach Klarheit ringt, die Probleme sieht, sie in Menschengestalten erschaut, verbindet uns mit ihm. Und noch eins: der alten zionistischen Generation mag diese Erkenntnis lange schon klar vor Augen gestanden haben, sie hat aber den Kamnf der Entscheidung nicht miterlitten. Es war und bleibt für sie nur eine Sache der Erkenntnis, eben nur der Erkenntnis. Aber es ist eine neue Generation im Zionismus da, die dritte, wie sie sich wohl nennt, die ringt um die Entscheidung und muß die Entscheidung erleben. Darin ist Ungar mit seinem Werk trotz all seiner Schwächen uns Genosse, Chawer.